Gewaltlosigkeit – ein friedlicher Irrtum


Niemand (außer ein paar geisteskranke Gesellen) wünscht sich Gewalt. Gerade die kriegerische Gewalt, wie wir sie seit Februar 2022 in der Ukraine erleben, ist mit nichts zu rechtfertigen. Da Gewalt schlimm ist, folgt der Ruf nach gewaltloser Intervention auf den Fuß.

Man möchte hier und da mutmaßen, dass dieser Ruf – gerade aus dem rechten Spektrum – eher dem Schutz einer offen faschistoiden Regierung dient, denn dem Wunsch nach Frieden. Das nur am Rande, soll es hier um einen kleinen, aber entscheidenden Irrtum gehen, der gerade in der Friedensbewegung die Runde macht: Man bezieht sich auf Gandhi und meint dabei, die Ukrainer sollten mit den russischen Invasoren ebenso gewaltfrei umgehen, wie es Gandhi mit den britischen Besatzern tat. Die Vernunft würde sich allerdings selbst Gewalt antun, wenn sie dieser Argumentation folgen würde. Warum?

In beiden Situationen haben wir eine fremde Macht im Lande: Hier die Russen in der Ukraine, da die Briten auf dem indischen Subkontinent. Die einheimische Bevölkerung versucht sich in beiden Situationen gegen die fremde Macht zu wehren. So viel zur Ähnlichkeit, schauen wir uns nun die Unterschiede an:

Die Rolle der fremden Macht

In der Ukraine versucht eine fremde Macht von außen, die Kontrolle über das angegriffene Land zu erreichen. Auch wenn Putin gerne davon fabuliert, dass die Ukraine kein eigenständiger Staat sei, so ist sie das doch definitiv. Wir sehen hier also eine Situation, in der das eine Land (Russland) dem anderen Land (Ukraine) seine Freiheit und Selbstbestimmung rauben will – bis hin zur historischen Identität.

In Indien zu Gandhis Zeiten war der Subkontinent schon 200 Jahre lang von den Briten besetzt. Die Briten waren keine Invasoren mehr, sondern als herrschende Macht schlichtweg in die Gesellschaft des Landes eingebunden. Auch wenn das soziale Gefälle deutlich zu Ungunsten der einheimischen Inder in Schieflage war, hatte man sich gesellschaftlich längst arrangiert und stabilisiert. Morgenluft witterte Gandhi durch die immense Schwächung der Briten durch den eben erst beendeten 2. Weltkrieg, der die britische Macht im Vorfeld eben mit Gewalt geschwächt hatte. Diese günstige Gelegenheit – im Grunde eine verbesserte Verhandlungsposition – geriet Gandhi zum Vorteil.

Die Rolle der Einheimischen

Im Gegensatz zur Ukraine, wo ein freies Land unterworfen werden soll, waren die damals lebenden Inder seit ihrer Geburt unfrei. So unrechtmäßig und unschön eine solche Unfreiheit auch sein mag, wurde den Indern nichts weggenommen – sie besaßen diese Freiheit schlichtweg seit 200 Jahren nicht.

Nun setzten die Hindus unter Gandhi der Kolonialmacht mit friedlichen Massenprotesten zu. Wie schon erwähnt, war die Situation dafür sehr günstig, den Status Quo der britischen Herrschaft zu beenden. Doch nicht nur die militärische Schwächung der Briten spielte den Hindus in die Karten, auch der nachhallende Schrecken der wahnwitzigen Gewalt durch den Nationalsozialismus, der sich (bekanntlich) sehr gezielt gegen Bevölkerungen gewendet hatte, kam Gandhi gelegen: Würden die Briten mit Maschinengewehren in die Menge feuern, stünden sie weltweit am moralischen Pranger.

Neben den gewaltfreien Hindus gab es einen zweite Gruppe, deren Anteil an der Beendigung der britischen Besatzung nicht zu unterschätzen ist: Die Muslimliga unter Mohammad Ali Jinnah, aus deren Bestrebungen letztlich der Staat Pakistan hervorging. Der „Streit“ lag zwar vornehmlich zwischen Hindus und Muslimliga, dürfte mit seinen mehr als 1.000.000 Toten die militärisch geschwächten Besatzer aber durchaus unter zusätzlichen Stress gesetzt haben.

Nicht zuletzt setzte sich die Msulimliga durch, als es zur post-britischen Staatenbildung kam: Pakistan entstand gegen den Willen der Kongresspartei, die Gandhi nahestand und gegen diese Teilung war.

Der entscheidende Unterschied

Die Briten sahen sich in Indien als etablierte Mitglieder einer Gesellschaft im eigenen Staatsgebiet. Nach 200 Jahren Kolonialherrschaft fühlten sie sich dort zuhause. Auch die Inder fühlten sich in Indien zuhause, was nur selbstverständlich ist. Das Ringen um die indische/pakistanische Unabhängigkeit war also ein Streit im eigenen Haus. Nun hat niemand etwas davon, wenn man mit roher, militärischer Gewalt nach der Logik eines Vernichtungskrieges im eigenen Haus agiert – weder die Inder noch die Briten. Der gewaltfreie Weg Gandhis (durchaus bevorteilt durch die gewaltsamen Unruhen zwischen Hindus und Muslimliga, sowie die gewaltsame militärische Schwächung der Briten durch den 2. Weltkrieg) war also nur deshalb gangbar, weil sich niemand das eigene Teeservice zerschlagen wollte – also die lebensnotwendige inländische Infrastruktur.

In der Ukraine liegt die Sache im Frühjahr 2022 deutlich anders: Ein Aggressor dringt in ein souveränes Land ein, getrieben von einer vollumfänglichen Vernichtungsideologie – wie sehr der Botox-Onkel im Kreml auch betonen mag, dass die Ukraine kein souveräner Staat sei. Im Gegensatz zur indischen Situation, ist es den Russen schlichtweg egal, wie viele ukrainische Brücke, Krankenhäuser, Schienenwege, Heizkraftwerke usw. zerstört werden. Die Zerstörung geschieht auf fremden Boden – da wütet die russische Armee, als gäbe es kein Morgen – und teilweise ist diese Zerstörung sogar gewollt und für die russische Strategie von Nutzen. Übrigens: Erschreckend analog zum Überfall der Wehrmacht auf Polen.

Der Unterschied zu Polen: Damals hat die Weltgemeinschaft zugesehen und auf einkehrende Vernunft gehofft. Das Ergebnis ist bekannt. Worin sich Polen 1939 und die Ukraine 2022 gleichen – und hier zeigt sich die Absurdität der gewaltfreien Lösung nackt und anschaulich: Auch in der Ukraine findet ein Vernichtungskrieg statt, dessen erklärtes Ziel die Auslöschung eines Staates ist. Damit wird jede Person ausgelöscht, die diesen Staat repräsentiert: Vom führenden Politiker bis hin zum Schulkind mit Ukraineflagge. Ob sich das Land wehr oder nicht, macht für die Gewaltspirale des Aggressors schlicht keinen Unterschied. Der Unterschied liegt in der Wehrhaftigkeit der Ukraine – mit Waffen und Gewalt zur überlebensnotwendigen Selbstverteidigung.

Schlussfolgerung

Niemand (außer ein paar geisteskranke Gesellen) wünscht sich Gewalt. In der Ukraine stellt sich jedoch allein aufgrund der Art und Weise des Angriffskrieges nicht die Frage, ob oder ob nicht. Die einzige Frage, die sich stellt, das ist die der Dauer und der Schwere der Gewalt. Und die lässt sich letztlich nur dadurch verringern, dass man den Aggressor deutlich spürbar in seine Schranken weist – also die russische Armee zurück nach Russland schickt.

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Niemand fühlt den Klimawandel


Während der Klimawandel und seine nachfolgenden Katastrophen beträchtlich an Fahrt aufnehmen, bleibt selbst der aufgeklärte Teil der Menschheit in halbgaren Maßnahmen bis hin zu billigen Ausreden hängen. Doch warum ist das so?

Die Sache ist so einfach wie verzwickt, das Problem steckt nicht zuletzt in der Evolution des Homo sapiens. Der Mensch, der denkt, ist in seiner Handlungsmotivation weiterhin ein Mensch, der fühlt. Was wir nicht fühlen, das erzeugt keinen Handlungsimpuls: Ohne Hunger keine Suche nach Nahrung, ohne Erregung keine Suche nach dem Sexualpartner, ohne finanziellen Druck oder echter Freude an der Arbeit führt auch kein Weg zu ihr. Wenn wir etwas nicht fühlen können, dann ist es uns so Wurst wie alter Käse.

An diesem neuralgischen wie neurobiologischen Punkt kollidieren wir nun mit dem Klimawandel. Oder besser: Mit dem Klima. Denn das Klima ist keine Momentaufnahme, die unser Gehirn in ein akutes Gefühl ummodeln kann, sondern ein Durchschnitt über einen gewissen Zeitraum. Den Durchschnitt aber – also das statistische Mittel mehrerer Ereignisse – können wir als Menschen nicht fühlen und benötigen recht komplexe Werkzeuge und verschlungene Umwege, um einen Zugang zu ihm zu finden. Wer sich jemals etwas genauer mit Statistik beschäftigt hat, kann eine Arie darüber trällern.

Was wir fühlen, das ist das Einzelereignis – das sogenannte Wetter. Heute ist es eben heiß, aber vor 30 Jahren war es auch schon mal heiß. Und so fällt das Bewusstsein für das Klima und seinen langfristigen Wandel hinter dem (statistisch sinnlosen) Vergleich zweier weit entfernter Einzelereignisse auf die Nase. Um nun Statistik zumindest greifbar zu machen – also ein bisschen fühlbarer – können wir uns der Bildsprache bedienen: Grafiken, wie die berühmten Warming Stripes sind Bildsprache par excellence. Auch Graphen verstehen wir sehr schnell, wenn sie nicht zu sehr in sich verschachtelt sind. Für kürzere Zeiträume eignet sich der Zeitraffer im Video:

Der Clou ist also der indirekte Weg. Hierzu gilt es, Verknüpfungen zwischen dem abstrakten (weil statistischen) Klima und einer konkreten Sache herzustellen. Die Warming Stripes auf der Sachsenbrücke in Leipzig sind hierfür ein anschauliches Beispiel: Sie machen bildsprachlich den Klimawandel fassbar, während sich die Betrachter ganz real und physisch vor Ort befinden. Man mag kritisieren, dass dieses Kunstprojekt keinen direkten Einfluss auf das Klima hat – wie wichtig jedoch der indirekte Weg ist, wenn Menschen zum handeln motiviert werden sollen, das haben wir ja schon erörtert.

Auch regelmäßig wiederkehrende Ereignisse können gut genutzt werden. So ist zwar ein sonniger Tag mit über 25° nicht unbedingt etwas Besonderes, fällt dieser aber auf den Beginn der Eisheiligen – wie z.B. in Mitteldeutschland im Jahre 2022 – lässt sich diese Verknüpfung sehr gut und wirkungsvoll kommunizieren. Denn hier werden zwei Gefühle angesprochen, die sich unvereinbar im Wege stehen: Das Gefühl eines Hochsommertages und das Gefühl von Frost, das aus der Erinnerung an frühere Eisheilige generiert wird. Die Lösung des emotionalen Dilemmas liegt in der Akzeptanz der Tatsache, dass der Klimawandel real ist.

Der Klimawandel ist nicht nur real, er ist so dramatisch, dass er mit Blick auf konsequentes Handeln unsere gesamte fühlende Aufmerksamkeit braucht. Schon dieses Jahrzehnt werden wir die 1,5° überschreiten, die 2° möglicherweise noch vor dem Jahre 2050. Doch wenn wir das zulassen, dann verlieren wir die Kontrolle – und unsere Kinder werden erleben, was wir nur aus dem Kino kennen. Der Klimawandel ist nämlich kein Wandel, er ist ein fulminanter, planetarer und dauerhafter Zusammenbruch.

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Wirtschaftslibido – Den blanken Arsch am Konto reiben


Im weiten Spielfeld der Geschlechter ist die Libido ein elementarer Treibstoff, denn sie macht den besonderen Spaß am Liebesspiel aus. Libidinöse Empfindungen gehen jedoch weit über das intime Miteinander hinaus: Von Fotzenfritzens Privatjets bis zum Porsche-SUV, sind die libidinösen Fehltritte so hässlich wie lehrreich.

Unsere Gesellschaft hat ein fundamentales Problem. Schon seit der Paulusianisierung des Christentums („Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren!“) ist das Liebesspiel etwas Anrüchiges, worüber man weder reden noch nachdenken sollte. Gerade die intensiven Gefühle wurden immer mehr mit der Sünde gleichgesetzt (die weibliche Lust mit dem Satan himself!), so dass selbst im aufgeklärten Jahre 2022 ein Hemd mit einer aufgedruckten Waffe weniger anrüchig erscheint, als selbiges Hemd mit einem Geschlechtsteil als Zierde. Doch wenn Triebe unterdrückt werden, dann kommen sie anderswo wieder zum Vorschein. Wie ein unterdrückter Furz, der schlimme Bauchschmerzen bereitet.

Nun unterdrückt unsere Gesellschaft die so sehr verbindende und Freude spendende Libido auf vielfältige Art und Weise – und genauso vielfältig beuten wir sie aus. Lustvoll ist das nicht, also muss sich die unschuldig Gefangene alternative Spielfelder suchen. Individuell mag das vom Teflonfetisch bis hin zum Ablecken des ledrigen Kassenbandes reichen, doch gesellschaftlich haben wir uns auf ein zentrales Objekt unserer Libido geeinigt: Das ewige, hochheilige und nicht zu hinterfragende Wirtschaftswachstum. Dumm nur, dass darunter der Planet zerbricht.

Im Jahre 2022 sieht das dann so aus: Während der Glatzen-Hitler und ehemalige Dresdner Taxifahrer Graf Vladimir P. seinen ganz persönlichen Wahnsinn in Waffen, kindisches Gehabe und Massenmord kanalisiert, diskutiert der Westen über die eigenen Sorgen: So droht ein Einbruch des Weltwirtschaftswachstums um bis zu 1,3%. Nochmal für die bekifften Gehirne: Nicht die Wirtschaft selbst soll schrumpfen, sondern nur ihre Wachstumsrate. Und da strahlt er hell am Firmament, der Satz, der jeden Wirtschaftsweisen schreckt: „Die Wirtschaft wächst langsamer!“

Die krawattengewürgten Lusttöter aus der Hochfinanz beschreiben das Ausmaß gerne etwas dramatischer: „Unser Wirtschaftswachstum schrumpft!“ Ein spannender Satz, leicht zu übersetzen in: „Meine Geld vermehrt sich langsamer!“ (Achte mal darauf, welche emotional aufgeladenen Fahnenwörter diese sonst mit kalter Analyse um die schmierige Ecke kriechenden Gesellen in solchen Fällen in den Boden rammen.) Man merkt es deutlich: Wenn das Wirtschaftswachstum sinkt, dann reagieren diese grauen Gesellen, als würde ihr hochpotentes Gemächt plötzlich erschlafft in sich zusammen sinken – mitten im allerschönsten Liebesspiel.

Die Angst, vom wirtschaftlich potenten Nachbarn ausgelacht zu werden, schwingt im Ringen um das größte Wachstum deutlich mit. Ein Rückgrat hingegen sucht man in der Welt der Schmierlappen vergeblich, besonders sinnlich sind diese roboterhaften Anzugständer sowieso nicht, vielmehr sind sie schwachmatige Angeber im Porsche-SUV. Wenn auch beim Individuum alles ganz anders sein kann, stellt sich auf der Ebene unserer Gesellschaft daher die Frage: Ist das harte Wirtschaftswachstum vielleicht das imaginäre Gemächt von (alten, weißen) Männern, deren lieblose Libido sich auf etwas konzentriert, das sie kontrollieren können, ohne es berühren zu müssen: Das Wirtschaftswachstum als Befriedigung libidinöser Verirrungen?

Möglich ist es, vielleicht sogar wahrscheinlich. Doch letztlich – wir wissen es nicht.

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„Dancing near the cliff!“


„Nothing wrong with dancing near the cliff, it is a kind of special dance. Have your eyes open and respect the wind… and it will be fine,“ schrieb ich einer guten Freundin und will diesen spontanen, lyrischen Erguss ein wenig ausführen.

Natürlich geht es auch in diesem kleinen Essay um den Homo sapiens und sein Funktionieren. Du bist ein Homo sapiens, ich bin ein Homo sapiens, die besten und schlechtesten Tänzer der Welt… alle sind Homo sapiens. Und: Wir alle leben und wollen dieses Leben spüren – doch der Wegwerf-Kapitalismus und seine oft sinnlosen Mechanismen fühlen sich kaum nach Leben an, sondern nach roboterhaftem Funktionieren. Das Menschsein wie ein Uhrwerk, bei dem sich die Freiheit auf das freie Konsumieren reduziert. Im Gegenzug setzen wir uns für kurze Zeit dem Dämon aus, dem wir – neben all der Langeweile – ebenfalls entkommen wollen (wenn vom Hamsterrad die Rede ist): Dem Stress!

Und schon sind wir an einer entscheidenden Weggabelung angekommen: Chronischer Stress ist unangenehm, ungesund und zum Davonlaufen. Akute Stressspitzen tun uns jedoch gut – nicht nur (neuro)biologisch sondern auch psychologisch. Denn gerade in diesen Situationen fühlen wir das Leben intensiv, erleben wir das Gegenteil von eintöniger Langeweile. Wer kennt es nicht, dieses pulsierende und intensive Gefühl nach der Achterbahn? Diesen archaischen Kitzel beim Verlassen des Kinos nach einem guten Horrorfilm? Die fast schon körperliche Lust, die so unscheinbar darunter schwingt?

Wenn wir es herunterbrechen, dann bedeutet Stress nämlich nicht mehr als „erhöhte Beanspruchung, Belastung physischer oder psychischer Art“ (siehe Duden). Auch Sex ist Stress, nur eben nicht die angstmachende Sorte. Und doch: Wer pausenlosen Sex über die gesamte Wachphase eines Tages hinweg genießen kann, ohne mit gewissen Mitteln nachzuhelfen, werfe den ersten Mahagoni-Dildo. Sex ist eine Form des Sports, also eine körperliche und mentale Überlastung, die nicht dauerhaft gehalten werden kann. Und dass ist gar nicht schlimm, denn man freut sich ja auf weitere Runden des Liebesspiels. Wo wir wieder bei der Achterbahn wären, Loopings inklusive.


Der Tanz am Rande der Klippe

Gerade jetzt, nach dieser zehrenden Pandemie der Selbstbeherrschung und geschlossenen Orte des pulsierende Lebens, sehnen sich die Menschen nach einem Frühling, der zurück gibt, was die lange und entbehrungsreiche Winterzeit genommen hat. (Ja, es ist und bleibt ein Jammern auf sehr hohem Niveau, während die Menschen an der belarussischen Grenze in den Wälder erfrieren!) Viele Menschen stehen also kurz davor, die Vernunft beiseite zu legen und mit geschlossenen Augen kopfüber ins Leben zu tauchen – so viele Adrenaline, Östrogene und Androgene vom Kassenband zu lecken, wie die Apotheke der zwischenmenschlichen Interaktion nur hergibt. Und wer kann (oder will) da auch nur ansatzweise Spielverderber sein?

Damit der wilde Tanz an der Klippe kein Sprung ohne Wiederkehr wird, habe ich mich (wie anfangs erwähnt) der lyrischen Sprechweise bedient. Denn die rettet viel, was sachlich nicht zu kitten ist:

„Es ist nichts falsch daran, nah an der Klippe zu tanzen, wo du das Salz der See auf der Zunge und das heiße Leben in den Adern spürst. Halte die Augen offen und respektiere den Wind, dann wird es ein guter Tanz! Ja, tanz, tanz, tanz!“

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Magisches Denken


In unserer über-rationalisierten Welt haben wir ein ungesundes Verhältnis zum sogenannten Magischen Denken entwickelt. Obwohl wir alle magisch Denken – selbst an der Börse, die der okkulten Zahlenmagie erstaunlich nahe steht.

In der Psychologie – mutmaßlich aus der analytischen Psychologie hervorgegangen – meint das Magische Denken eine Erscheinung, die fälschlicherweise nur dem Kindlichen zugeschrieben wird: Gedanken oder Ausdrucksformen haben einen Einfluss auf Dinge, die in keiner Weise in Zusammenhang stehen können. Was ist damit gemeint? Zum Beispiel die Vorstellung eines Fußballers, durch das Berühren des Rasens mit der Hand (bei seiner Einwechslung) das Spielglück günstig stimmen zu können.

Schon sehen wir, dass die Unterscheidung zwischen kindlich (magisch) und erwachsen (rational) nicht besonders sinnvoll ist – jeder erwachsene (!) Mensch kennt dieses höchst unlogische, ritualhafte Verhalten bei sich und anderen. Daran ist nichts explizit kindliches, auch wenn sich Kinder deutlich mehr Freiheiten in diese Richtung des Denkens nehmen. Das Problem liegt eher bei der altbackenen Definition des Erwachsenseins, wie sie auch tief in der DNA der Psychoanalyse zu finden ist: Logisch, rational, nicht offen assoziativ.

Rituale und ihre Wirkung

Zurück zu den Zahlen. Die Börse ist eine Welt der Zahlen und der Analysten, hier sollte nun wirklich die rationale Berechenbarkeit das Parkett bestimmen, nicht irgendwelche ritualhaften Handlungen. Und doch zeigt uns ein bekanntes Experiment folgendes: Affen mit Dartpfeilen können erfolgreichere Portfolios anlegen, als die besten Analysten mit all ihrem Wissen, ihren Berechnungen und ihren computergestützten Analysetools. Die Zahlen der Börse als ein Ausdruck erwachsener Logik? Mitnichten – wir fühlen uns schamhaft an Orakelkrake Paul erinnert.


Die Börse und deren Spekulation sind sehr gut mit der libidinös getriebenen okkulten Ritualmagie zu vergleichen. Der Aufwand gibt kaum messbare Ergebnisse her, trotzdem ist er immens. Viele Handlungen – nicht nur von Einzelpersonen, auch von ganzen Firmengeflechten – sind im Kern Rituale, wie sie auch ein Kind beim Spielen durchführen würde. Das Denken ist magisch: „Tue ich dies, dann geschieht jenes!“ Obwohl der Affe mit den Dartpfeilen erfolgreicher ist, darf das Ritual nicht gebrochen werden – ein Infragestellen des Konzepts ist Blasphemie.

Ein weiteres Ritual, das uns als solches kaum bewusst ist, liegt im morgendlichen Kaffee. Wir alle haben schon von Menschen gehört, die sich am Morgen qualhaft aus den Federn kämpfen, direkt nach dem ersten Schluck Kaffee aber putzmunter sind. Das ist allerdings nicht möglich, da das Koffein rund 30 Minuten braucht, bis es seine Wirkung entfaltet – der erste Schluck erzeugt also einen Placebo-Effekt, wie wir ihn von unzähligen ritualhaften Einnahmen wirkungsloser Substanzen kennen (Placebo, Homöopathie).

Vergleichbar ist die Placebowirkung mit einem Horrorfilm im Kino: Auf der Seite der Logik wissen wir, dass uns das Filmmonster nichts tun kann. Trotzdem zeigt unser Körper Angstreaktionen (Schweiß, Zittern, geweitete Pupillen), wie sie eigentlich nur dann zu erwarten wären, wenn uns ein reales Monster physisch attackiert. Hier jedoch liegt der günstige Vergleich: Das Monster auf der Leinwand läuft an uns vorüber, es ist letztlich nur der Hinweis auf ein Monster, nicht aber das Monster selbst. Beim Placebo wie auch bei der Homöopathie ist gut erforscht, dass ebenfalls keine körperliche Wirkung existiert – das anstoßen des Gedankens (wie beim Monster) erzeugt aber eine messbare Körperreaktion. Selbiges beim morgendlichen Kaffee-Ritual, wenn der erste Schluck die Müdigkeit verjagt, obwohl die biologische Wirkung deutlich später einsetzt.

Vernunft ist nicht Logik

Logik ist ein rationales Konstrukt. Wenn dies, dann jenes. Logik ist argumentativ und nicht assoziativ. Die Unterscheidung ist: Argumente folgen logisch/rational nachvollziehbaren Gedankenketten. Das heißt, egal wer diesen Ketten folgt, das Ergebnis bleibt das gleiche. Um es mit einem einfachen Beispiel verständlich zu machen: Wenn ich einem Schiff mit 2200 Passagieren und 900 Besatzungsmitgliedern Rettungsboote für 1178 Menschen zur Verfügung stelle, dann haben 1922 Personen im Falle des Sinkens ein Problem. Egal, wer diese Rechnung ausführt. Das ist Logik, ein rationales Konstrukt.

Die Vernunft beschreibt der Duden folgendermaßen: „Geistiges Vermögen des Menschen, Einsichten zu gewinnen, Zusammenhänge zu erkennen, etwas zu überschauen, sich ein Urteil zu bilden und sich in seinem Handeln danach zu richten.“ Dieses Überschauen kann sehr unlogisch vonstatten gehen, geradezu traumhaft-mystisch, wie uns die Geschichte des Benzolrings zeigt: Der Chemiker August Kekulé forschte im 19. Jahrhundert an der damals kniffligen Frage, welche Struktur das Benzol-Molekül wohl haben sollte. Kekulé döste grübelnd über dem nächtlichen Kaminfeuer und träumte vom Ouroboros, einer mystischen Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt und somit die Form eines Rings darstellt. Kekulé erkannte die Botschaft aus dem Unbewussten – die ringförmige Struktur des Benzols war gefunden.

War der Rückschluss vom Traumbild auf das Molekül nun logisch? Mit Sicherheit nicht. Trotzdem war es vernünftig, dieser Eingebung zu folgen, mit der Kekulé letztlich auch recht behalten sollte. Hier nutzte sein Geist die Assoziation – zwei sich ähnelnde Dinge in einen Zusammenhang bringen – um die Zusammenhänge zu erkennen (Duden) und sich ein Urteil zu bilden (Duden). Mit der zwanghaften Enge rein analytischer Logik (die als Werkzeug nicht zu verdammen ist) hätte er noch lange und wohl sehr erfolglos nach der Lösung dieses naturwissenschaftlichen Problems gesucht.

Der Schaden und der Nutzen

Magisches Denken ist assoziativ. Wie schädlich fehlgeleitete Assoziationen sein können, das sehen wir nicht zuletzt an den radikalen Querdenkern, die behaupten, Bill Gates hätte die Covid-19-Pandemie in die Welt gebracht. Ja, Bill Gates ist schon seit langem ein glühender Verfechter des Impfens. Ja, die Pandemie lässt sich nur durch Impfungen lösen. Die unsichtbare Brücke zwischen Gates und Corona bleibt assoziativ, denn faktisch gibt es für jene Behauptung keinerlei Beweise (für die fehlenden 1922 Rettungsplätze auf der Titanic hingegen schon). Hier sehen wir die Schädlichkeit von Assoziationen.

Die Judenverfolgung im Dritten Reich, die Hexenprozesse des Mittelalters, aber auch jeder Lebenstraum, dem jemand folgt, ist von Magischem Denken getrieben. Die Logik und die Rationalität mögen beim Lebenstraum als Leitplanken fungieren, damit der Traum nicht vom Weg abkommt, der Antrieb selbst bleibt aber im Grunde magisch. Denn wo ist die klare Verbindung zwischen dem 12-jährigen Ich, das gerne Raumfahrer werden will, und Alexander Gerst, der Raumfahrer geworden ist? Hohe Ziele sind bei rationaler Betrachtung kaum zu erreichen. Trotzdem ist ihr Sog viel größer, als der eines Ziels wie: „Wenn ich groß bin will ich eine Stelle im mittleren Management haben.“


Zwischen dem Traumwirbel des Ouroboros und der Ringstruktur des Benzols gibt es ebenfalls keinen direkten Zusammenhang. Auch hier wurde das eine mit dem anderen assoziiert, weil es… irgendwie passt. Es hat sich richtig angefühlt und dieses Gefühl war für August Kekulé der Antrieb zur Tat – hier zur Vertiefung seiner Berechnungen in Richtung Ringstruktur. Diese magische Assoziation zwischen Ouroboros und Molekül hat uns eine wissenschaftliche Erkenntnis beschert, sie war also sehr nützlich und nicht fehlgeleitet.

Fazit

Besonders schädlich ist der Glaube (!), dass der Mensch ein rationales Wesen sei, dessen Leben auf dem Fundament der Logik steht. Diese Verdrängung des Magischen Denkens, das tief in der Seinsstruktur des Homo sapiens steckt, führt zu den abartigsten Blüten. Die Börse und ihre pseudo-logische Rücksichtslosigkeit ist eine davon. Der Glaube (!), wir müssten Jahr für Jahr knapp 2 Billionen Dollar für Militär ausgeben, ist ein weiteres gruseliges Beispiel. Was ist heutzutage daran logisch oder rational, solche Summen in Kriegsgerät zu stecken, das wir gar nicht nutzen können, ohne den Planeten zu zerstören? Nichts – genauso wenig wie an der abstrusen Idee des Grünen Kapitalismus, der so viel Sinn macht wie ein menschenfreundlicher Krieg.

Wird das Magische Denken unterdrückt, so verliert es den Bezug zur Vernunft und pervertiert es zu einer teils weltbedrohenden Garstigkeit. Auch ganz persönlich führt ein solcher Mangel am Phantastischen zu einem ausgehöhlten Leben, wie es nur ein Friedrich Merz als erstrebenswert beschreiben kann. Doch hat dieser elementare Anteil unseres Selbst genügend Freigang, dann dient er einer persönlichen wie gesellschaftlichen Reife, die kaum zu unterschätzen ist. Kinder sind ja gerade dann besonders glücklich, wenn man sie in einem anregenden Umfeld frei und zwanglos spielen lässt. Und darin sind wir Erwachsenen ganz wie die Kinder – ob wir es verdrängen oder nicht.

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Positive und Negative Vernunft


Das hier in Artikelform gegossene Zusatzkapitel aus meinem Handout – Eine Rede halten behandelt die schwierige Frage nach dem schmalen Grat zwischen positivem Denken, euphemistischer Verdrängung und der unnötigem Trübsal in Front einer größeren Schwierigkeit. Doch manchmal hat eine schwierige Frage eine einfache Antwort…

Ich möchte noch einmal kurz an das Kapitel 2.8 Charakter und Respekt erinnern, in dem ich dargelegt habe, dass in (ausnahmslos!) jeder Bühnensituation ein in der Breite wie in der Tiefe geschulter Charakter zu vielfachem Vorteil genutzt werden kann. Nun sind die beiden Begriffe, die ich hier einführen möchte (Positive Vernunft, Negative Vernunft) sehr eng mit dem Charakter verknüpft: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Nähern wir uns dieser Frage des Charakters zuerst von der negativen Sichtweise.

Negative Vernunft

Als Redner möchten Sie etwas erreichen: Sie möchten Ihr Publikum von Ihrer Meinung, Ihrem Thema usw. überzeugen, Sie möchten sich selbst oder jemand oder etwas Anderes in ein gutes (vielleicht auch schlechtes) Licht rücken – Sie möchten also wirken. Wichtig für die Wirkungstiefe, letztlich die Überzeugungskraft Ihres Auftretens, ist selbstverständlich die Motivation, mit der Sie an die Sache herangehen – sie steuert Ihre Bereitschaft zur Leistung. Die Motivation wiederum ist (neben weiteren, meist äußeren Faktoren) abhängig von der Fähigkeit zur Selbstmotivation. Die Frage, die Sie sich hierbei stellen sollten, ist ganz einfach: „Bin ich auf die Probleme fixiert, oder auf mögliche (und meinetwegen auch unmögliche) Lösungswege?“ Also: Ist Ihr Glas immer halb voll oder halb leer? Oder – dazu kommen wir später noch: Ist Ihr halb leeres Glas eine nie versiegende Quelle?

Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Sie halten Ihre allererste öffentliche Rede. Der Saal ist voll, das Publikum ist Ihnen persönlich nicht bekannt. Sie sind also ein unerfahrener Neuling unter widrigen Umständen. Ist es da nicht vernünftig zu sagen: „Das schaff ich nicht, das geht schief! Ich werde das Publikum nicht überzeugen können!“ Ich sage Ihnen ganz klar, dieser Gedankengang ist vernünftig! Er ist vernünftig, destruktiv, schadet Ihrer Motivation (damit Ihrem Vortrag) und wird im schlimmsten Fall zur selbsterfüllenden Prophezeiung voller Verhaspeleien, Blackouts und Nervenzusammenbrüchen live on stage. Begrüßen wir an dieser Stelle die Negative Vernunft! (Doch bitte, wenden Sie sich auch schleunigst wieder ab von ihr…)

Positive Vernunft

In unserem Beispiel wollen wir noch davon ausgehen, dass Ihr Publikum die Situation grundsätzlich einschätzen kann – also dass Sie nicht vorher so getan haben, als wären Sie ein Medienprofi. Vielleicht sind Sie aufgrund Ihrer Expertise zu einer Debatte vor Publikum geladen und sollen Publikum und Podium zu Beginn mit Ihrem Vortrag über die Sachlage in Kenntnis setzen. Denken Sie negativ, so wird es wahrscheinlich übel enden.

Es gibt aber eine andere Richtung, in die Sie Ihr mentales Segelschiff lenken können. Denken Sie also folgendermaßen: „Oh weh, da muss ich jetzt durch. Aber wenn, dann nutze ich das, dann lerne ich dabei und werde die Fehler, die ich heute mache, beim nächsten Mal schon überwunden haben! Mal sehen, was ich schon kann, ich bin ja vom Thema überzeugt, das wird das Publikum schon merken! Außerdem bin ich viel zu gut vorbereitet, wahrscheinlich ein Anfängerfehler, aber schaden kann’s ja nicht. Zumal… das ist mein erster Auftritt überhaupt, das soll das Publikum erfahren (ich erwähne es) und gefälligst respektieren!“

Sie haben somit aus dem einen Nachteil mehrere taktische und technische Vorteile gezogen. Das Wissen über Ihren Erfahrungsmangel hat Ihre Vorbereitung auf eine breitere Basis gestellt – ein positiver, aber eben auch Vernünftiger Umgang mit der drohenden Situation. Ebenso haben Sie durch eine metakommunikative Ebene („…das ist mein erster Auftritt überhaupt, das soll das Publikum erfahren…“) beim Publikum eine erhöhte Fehleraxzeptanz und eine persönliche Bindung erzeugt. Jedoch – und das ist sehr wichtig! – ohne die Gefahren Ihres Auftritts zu verleugnen. Heißen wir sie also willkommen und lassen uns von ihr bei den zarten Händchen nehmen: die Positive Vernunft!

Abgrenzung zum positiven Denken

Positive Vernunft (die ich Ihnen leidenschaftlich ans Herzen legen möchte) ist mit dem bekannten Positiven Denken eng verwandt – beides ist positiv. Die Unterscheidung findet sich im Fokus der Betrachtung, denn der liegt auf der Vernunft, positiv und negativ geben dabei „nur“ die Richtung vor. Die mögliche Gefahr, dass ein Angriff der Marsianer Ihre Rede stört, ist zwar negativ gedacht, jedoch keineswegs mehr mit der Vernunft zu vereinbaren. Und diese Gefahr – natürlich um 180° gedreht – gibt es auch beim Positiven Denken: Die Schwierigkeiten einer Sache oder Situation auszublenden, es sozusagen zwanghaft positiv zu sehen: „Donald Trump ist im Herzen sicher gut – gebt ihm alle Macht der Welt!“

In unserer Betrachtung zählt jedoch die Vernunft – wo aus vernünftigen Gesichtspunkten heraus nichts Positives zu finden ist, da lügt man sich auch keinen Quatschkram in die Hirnrinde. Dem Positiven Denken muss man nur das Wörtchen „zwanghaft“ voran setzen – und schon haben wir ein Zwanghaft Positives Denken. Versuchen Sie diesen miesen Trick mit der Positiven Vernunft, dann führt sich der entstehende Begriff selbst ad absurdum: Zwanghaft Positive Vernunft – ein Ding der Unmöglichkeit, denn der Zwanghaftigkeit liegt immer eine Tendenz zur Unvernunft bei.

Ein vernünftiges „aber“: Positive und Negative Vernunft entscheiden keineswegs ausschließlich über Erfolg und Misserfolg – wir sollten Fachwissen, Reputation, Vitamin-B, Akribie, Gesamtsituation, Unterstützung, Zufall usw. nicht vergessen. Doch eines ist sie, und das permanent, denn Ihre Entscheidung für Positive bzw. Negative Vernunft ist keine situative sondern eine (trainierbare) Charakterfrage. Und damit die Richtung Ihrer Motivation (bzw. Demotivation), also Tag für Tag und Auftritt für Auftritt das Zünglein an der Waage.

Schließen will ich mit der minimalen, jedoch entscheidenden Umdichtung eines alten Klassikers: „Always look with a bright mind on life…“

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How (never) to: Über die Apokalypse informieren


Die Wissenschaft hat es nun wahrlich nicht leicht. Gerade in Filmen muss sie ständig drohende Apokalypsen erklären, seit Pandemie und Klimawandel vermehrt auch in der Realität. Manchmal geht das gut, manchmal geht das schief. Eine Kommunikations-Analyse.

Verglichen werden hier zwei fiktive Szenen, deren Setting sich verdächtig ähnlich ist: Ein Wissenschaftler macht in einer Fernsehsendung auf den Weltuntergang aufmerksam. Oder: Er versucht es.

Don’t Look Up

Die erste Szene stammt aus dem Netflix-Erfolg „Don’t Look Up“ (2021): Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio), seines Zeichens minder erfolgreicher Astronom, im Laufe der Geschichte aber zum Berater der trumpesken US-Präsidentin (Meryl Streep) aufgestiegen, sitzt in der Fernsehserie The Daily Rip, einem Unterhaltungsformat mit wechselnden Gästen – oberflächlich, aber offen für alles, was Einschaltquoten generiert. Währenddessen rast ein kilometergroßer Komet auf die Erde zu, der als sogenannter Planetenkiller mit einer nahezu hundertprozentigen Sicherheit die Menschheit ausrotten wird. Analog zum ungebremsten Klimawandel, dem wir in der zweiten Szene begegnen werden, nur ein bisschen schneller.

Nun scheint weder die amerikanische Regierung, für die Dr. Mindy als Experte tätig ist, noch die Weltbevölkerung an ihrem eigenen Untergang besonders interessiert zu sein. Dr. Mindy, getrieben von einem emotionalen Schub (beginnend mit Seitenstechen), ergreift spontan (!) das Wort. Sein Ziel ist es, der Welt die drohende Apokalypse vor Augen zu führen, in der Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch etwas lösungsorientierte Vernunft einstellen wird. Obwohl er – zumindest in der Handlung des Films – nichts Falsches sagt, geht sein Aufruf doch gehörig schief:


Der erste Fehler ist der, dass Dr. Mindy nicht planvoll auftritt, sondern aus einer plötzlichen Gefühlslage heraus agiert. So ehrlich sein Ansinnen sein mag, so sehr liegt dem Folgen dieses Impulses vor allem der Drang einer emotionalen Entladung zugrunde. Er will ein Gefühl loswerden, das sich ja auch ungebremst Bahn bricht. Ein absolutes No-Go, das in beinahe jeder Bühnensituation zum Scheitern verurteilt ist: Es geht nicht mehr um die Sache, es geht um das Gefühl, das durch die Sache ausgelöst wurde.

Doch damit nicht genug: Dr. Mindy springt in seinem Vortrag von Themenfeld zu Themenfeld. Beginnt er noch mit dem Kometen selbst – die kurze Einführung zur Nettigkeit seiner Gastgeber mal außen vor – wechselt er bald zu einer Abrechnung mit der Regierung, die er stichwortartig aufgenommen hat. Nun springt er weiter zu Grundsatzfragen des menschlichen Miteinanders und will letztlich nur noch nach Hause. Bei dem Kometen, um die es eigentlich geht, ist er die wenigste Zeit.

Da sich der emotionalisierende Astronom direkt ans Publikum wendet, diesem geradezu ins Gesicht schreit, wirkt die zwischenmenschliche Gefühlsübertragung besonders intensiv. Doch wer möchte sich schon fühlen, wie der arme, hoch erregte Dr. Mindy? Genau: Mit rollenden Augen wenden sich die Leute ab! Dass auf diesem Wege seine Botschaft nicht ankommt, sondern – ganz im Gegenteil – ein (inhaltlich korrekter!) Vortrag sogar die gesamte Wissenschaft diskreditiert, dürfte offensichtlich sein.

The Newsroom – Season 3, Episode 3

Kommen wir zu einer nahezu analogen Szene aus der Serie „The Newsroom“ (2012-14): Der Klimaforscher Dr. Richard Westbrook (Paul Lieberstein) ist zu Gast in einer Ausstrahlung des Senders ACN, Thema ist der steigende Gehalt an CO2 in der Atmosphäre, was Dr. Westbrook zu einer ähnlich apokalyptischen Kernaussage treibt: „Your house has already burned to the ground, the situation’s over.“


Der offensichtlichste Unterschied zu Dr. Mindy ist die ruhige Sachlichkeit, mit der Dr. Westbrook seine Aussagen vorträgt. Hierbei ist neben Stimmklang und Sprechweise auch der Unterschied in der Körperhaltung sehr aufschlussreich: Dr. Westbrook „erdet“ sich mit der flachen Hand am Tisch – so hält er seine Gefühle unter Kontrolle, die er definitiv hat, denn neben der von ihm beschriebenen Apokalypse, die ihm keineswegs egal ist, setzt er auch seine berufliche Stellung aufs Spiel („Who cares?“). Diese bekannte Methode der emotionalen Erdung beschreibt ein uns bekannter Sinnspruch sehr gut: „Sich an etwas festhalten/festklammern.

Ein weiterer Unterschied: Dr. Westbrook zeigt keine Emotionen, er löst Emotionen aus. Und das gelingt ihm durch anschauliche, auch für Laien verständliche Bilder, die in klaren und stabilen Pointierungen münden („Humans can’t breathe under water.“ / „Shutting of the car twenty years ago.“). Solcherlei rhetorische Wirkungstreffer lässt er stehen und – im Gegensatz zu Dr. Mindy – spart sich Dr. Westbrook weitere Ausführungen oder gar thematische Ausflüge, die der Wirkung des Gesagten nur schaden könnten.

Doch schon zu Beginn macht er etwas richtig, was Dr. Mindy vollkommen übersehen hat. Dr. Westbrook legitimiert seine Aussagen dadurch, dass er – ohne überheblich zu wirken – auf seine Expertise verweist. Ungefragt ergänzt er die Ausführungen des Moderators, was jedoch sachlich komplettierend wirkt und zur Ernsthaftigkeit seiner folgenden Erläuterungen passt. Er zeigt sein wissenschaftliches Renommee, zudem präsentiert er durch die nüchternen Ergänzungen zu seiner Person „live on stage“ seine sachliche Genauigkeit. So jemandem hört man zu. Und – darum geht es ja im Kern – man glaubt ihm.

Zudem sei erwähnt, dass Dr. Westbrook mit seinem Gesprächspartner spricht, nicht direkt zum Publikum. So gibt es keine Möglichkeit, sich als Zuschauer von seinen (durchaus harten) Aussagen persönlich angegangen zu fühlen – man bleibt passiver Teilhaber an einem Gespräch zweier Personen auf der Bühne. Die Wirkung eines solchen Verhaltens ist – im Gegensatz zu Dr. Mindy – sehr geschickt: Die Drastik in Dr. Westbrooks Behauptungen schreit geradezu nach einem Aufruf zum Handeln. Doch Dr. Westbrook bedient dieses Bedürfnis nicht – es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass sich der Drang nach lösungsorientertem Handeln in der Zuhörerschaft von selbst entlädt und er mit seinem Auftritt – die Dimension der Hoffnungslosigkeit mal außen vor – einen Impuls ausgelöst hat, der die Suche nach Lösungen verselbstständigen wird. Ideal wäre in diesem Zusammenhang beispielsweise folgender Abschlusssatz gewesen: „I still don’t see any way we can survive. But… there are more eyes in this world as mine.“

Fazit

Beide Szenen sind filmisch gut gemacht, sachlich fundiert und ausgezeichnet gespielt – trotzdem sind beide Szenen letztlich fiktiv. Trotzdem zeigen sie die Mechanismen von Kommunikation sehr anschaulich, sie sind ganz offensichtlich darauf ausgelegt. Die Vermutung, dass die Szene mit Dr. Mindy eine bewusste, überdrehte Adaption der (älteren) Szene mit Dr. Westbrook ist, bleibt allerdings eine ganz persönliche.

Grundlegend sei ergänzt: Wissenschaftskommunikation lebt zwar von ihrer Sachlichkeit, trotzdem macht sie nur dann einen Sinn, wenn die Botschaft auch beim Empfänger ankommt. Dr. Mindy ging durchaus ins Detail, sachlich war er korrekt, trotzdem hat er nichts erreicht. Dr. Westbrook hat Details zwar ebenfalls angerissen („The latest measurements taken at Mauna Loa in Hawaii indicate a CO2 level of 400 parts per million.“), seine Aussagen transportiert er aber über einfache und anschauliche Bilder und Vergleiche („The last time there was this much CO2 in the air, the oceans were 80 feet higher than they are now.“). Dass Vergleiche in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Bevölkerung ein besonders wirksames (und: der Wissenschaftlichkeit nicht entgegen stehendes) Mittel sind, zeigt uns nicht zuletzt ein gewisser Prof. Dr. Christian Heinrich Maria Drosten:


Schließen möchte ich mit einem Hinweis, der sich nur zum Teil aus den beiden Filmszenen ergibt, die ja – im Gegensatz zu nahezu jeglicher Realität – eine ausweglose Situation präsentieren: Es ist nicht nötig, manchmal ist es sogar kontraproduktiv, Dinge angenehm und bis zur Harmlosigkeit vorgekaut zu vermitteln. Die Menschen sind (in der Regel) nicht dumm und wollen (grundsätzlich) nicht für dumm verkauft werden. Erschreckende Nachrichten dürfen gut und gerne auch erschreckend wirken, doch gibt es einen feinen Unterschied zwischen erschreckend und verschreckend. Dieser Grat ist schmal, doch er ist gangbar.

Gibt es also Möglichkeiten, auf das Desaster einzuwirken, dann sollten diese Möglichkeiten der Zuhörerschaft auch zwingend überreicht werden – auch hier nicht unbedingt als vorgefertigtes Konzept, sondern viel mehr als motivierender Anstoß, sich mit der Sache zu beschäftigen. Denn selbst wenn die Lösung schwer zu finden ist, irgendwo da draußen gibt es sie.

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Am Anfang war das Wording


„Am Anfang war das Wort!“ So steht es im wohl einflussreichsten Märchenbuch der Weltgeschichte. Nun war das Wort nicht nur am Anfang, es war auch in der Mitte und es bestimmt noch heute unser Leben, Denken und Handeln.

Das Etikettieren (einer Sache, eines Umstandes und so weiter) durch eine klar erkennbare Art zu sprechen, wird als Wording bezeichnet. So hat der Deppenpool der AfD ein aggressives, teils faschistisches Wording, was logischerweise dem dort dominanten Charaktertyp entspricht. Das Wording im Klimakontext hingegen ist eine Art sanfte Sachlichkeit – man redet von Wandel und Neutralität – gemixt mit Wärme und Diversität, wie wir es z.B. vom Gendern kennen.

Nun hat jede Form ihre Vor- und Nachteile. Eine harte Sprache ist im direkten Vergleich durchsetzungsfähiger, kann aber auf lange Sicht zum Nachteil werden, da sie eine gewisse Ignoranz und Dummheit vermittelt – beides Eigenschaften, die man eher auf Abstand hält. Sanfte Sprache wiederum wird oftmals als ein Zeichen von Schwäche ausgelegt und geht in den Algorithmen von Facebook usw. unter. Dafür kann Sie Mauern schmelzen lassen, die durch harte Sprache nur noch härter werden.

Hier möchte ich zur Veranschaulichung der Komplexität des Wordings nun ein Beispielwort herauspicken, das mich auch persönlich beschäftigt: „Klimawandel“. Der persönliche Bezug, by the way, ist nicht der Hauptgrund dafür, dass ich dieses Beispiel gewählt habe. Der Hauptgrund ist die vielschichtige Anschaulichkeit, die hinter diesem Begriff steckt, den wir zudem alle kennen und (zumindest grob) einordnen können. Aber der Reihe nach:

1. Ist der Klimawandel überhaupt ein Wandel?

Wenn wir den Wandel als eine Veränderung definieren, so ist der Klimawandel definitiv ein Wandel. Trotzdem sehen sich gerade junge Menschen dazu genötigt, von einer „Klimakatastrophe“ zu reden – vermutlich weil sie von den klimatischen Veränderungen besonders betroffen sind. Doch schon an diesem Punkt wird es rhetorisch kinfflig. Dazu ein „katastrophaler“ Umweg:

Interpol definiert eine Katastrophe folgendermaßen: „Eine Katastrophe ist ein unerwartetes Ereignis, bei dem zahlreiche Menschen getötet oder verletzt werden.“ Damit ist klar, eine Katastrophe ist der Klimawandel nicht, denn er geschieht in keinster Weise unerwartet. Trotzdem sind schon die heutigen Folgen katastrophal, die Zukunft wird noch deutlich schlimmer werden. Das Gefühl hinter der Bezeichnung „Klimakatastrophe“ entspricht also den Tatsachen, das Wort „Katastrophe“ ist trotzdem falsch – weil nicht unerwartet.

Umgekehrt ist es mit dem Begriff des Wandels. Ein Wandel fühlt sich irgendwie gut an, er impliziert nichts Schlechtes, vielleicht sogar eine Verbesserung. Gerade in Europa stehen wir durch die Grenzöffnungen 1989 dem Begriff des Wandels positiv gegenüber. Aus der Sicht des Subtextes ist es also vollkommen falsch, von einem Klimawandel zu sprechen – sachlich ist das Wort aber korrekt.

Dazu ein Vergleich: Wenn ein gesunder Mensch aufgrund von plötzlicher Krankheit ein Intensivbett benötigt, so könnten wir von einem „Gesundheitswandel“ sprechen. Ein Wandel von stabil nach instabil. Das ist an sich richtig – wie auch bei der Destabilisierung der Klimasysteme – und trotzdem würde kein Mediziner der Welt auf die Idee kommen, eine schwere Krankheit als „Gesundheitswandel“ zu bezeichnen.

2. Wie kommt die Botschaft an?

Der Homo sapiens ist ein schreckhaftes Wesen, das in der Regel den Rückzug dem Kampf vorzieht. Erschreckt er sich zu sehr, so kann er in eine Schockstarre fallen und damit völlig handlungsunfähig werden. Dann tendiert er zur Dissoziation, die am halbgaren Buffet der Küchenpsychologie auch als „Verdrängung“ bezeichnet wird. Was für das Individuum gilt, gilt (mehr oder weniger) auch für die Gesellschaft.

Die Klimaszene geht also kommunikativ den schmalen Grat zwischen „aufrütteln“ und „abschrecken“. Auf der einen Seite steht also die Gefahr des Weichspülens, auf der anderen Seite steht die Gefahr der Gegenreaktion. Wir sehen ja schon jetzt die teils aggressiv beleidigenden Leugner in den sozialen Netzwerken – gerade nach der Pandemie, wenn den Querdenkern die epidemiologischen Feindbilder ausgehen werden, steht die Klimadebatte als neues Feld zur Abreaktion schon bereit.

Ob ein echtes, gesellschaftliches Problembewusstsein mit einer unklaren Sprache und euphemistischen Begriffen wie „Klimawandel“ geweckt werden kann, ist jedoch äußerst fraglich. Vor allem außerhalb der Blase werden „grüne“ Bewegungen nicht zuletzt ihres Wordings wegen oftmals belächelt – ganz egal wie richtig sie liegen. Den größten Erfolg hingegen hat Greta Thunberg zu verzeichnen. Man beachte: Ihr Wording ist oftmals gut gepfeffert und direkt.

3. „Klimawandel“: Welche Alternativen bieten sich an?

Praktisch bieten sich keine Alternativen an, da der Begriff „Klimawandel“ (international: „Climate Change“) als die gefestigte, weltweite Bezeichnung akzeptiert und gängig ist. Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Aktivismus sprechen fast ausnahmslos vom Klimawandel, hier und da kommt eben noch die Klimakatastrophe hinzu. Daran lässt sich weder rütteln noch schütteln.

Um die Drastik des Problems zu unterstreichen, sollte z.B. nach beschreibenden Adjektiven gesucht werden. Was es schon gibt, das ist der „menschgemachte“ Klimawandel. Hier beschreibt das Adjektiv jedoch die Ursache, nicht die Intensität. Worte wie „rasant“, „weltweit“, „apokalyptisch“, „immens“ und so weiter, können je nach Situation vorangestellt werden. Das mag in gewissen Fällen gut passen, befriedigend ist es nicht.

Fazit

Wir sehen hier an dem (eigentlich) sehr klaren Begriff „Klimawandel“, wie kompliziert Sprache sein kann und wie viel es dabei zu beachten gibt – insofern man überhaupt noch einen Zugriff auf das Wording hat. Das heißt natürlich nicht, dass man nun mit Krämpfen an die Sache herangehen sollte, weil es ja so viele Fallstricke und doppelte Böden gibt. Das wäre die negativste aller Denkweisen.

Sehen wir es lieber positiv: Die Vielfalt der Sprache gibt uns unendlich viele Möglichkeiten. Manche führen in eine Sackgasse, andere führen in die sprachliche Verwirrung. Doch bei unendlich vielen Möglichkeiten finden sich auch unendlich viele Lösungen. Je weiter wir also fähig sind „out of the box“ zu denken, desto mehr Möglichkeiten haben wir parat.

Eine davon liegt tatsächlich im Marketing verborgen, von dem auch der Begriff des Wordings entliehen ist. Denn gerade das Marketing – die Werbepsychologie – hat vielfältige Werkzeuge entwickelt, um knifflige Probleme des Wordings elegant und wirkungsvoll zu lösen. Und es wäre doch ganz wunderbar, wenn diese Skills nicht nur für den Kommerz verschwendet würden. Sondern – ganz nebenbei – für den Erhalt eines stabilen Klimas und somit für den Erhalt stabiler Gesellschaften. Übrigens: Wird alles instabil, so ist sind auch die Marketing-Berufe obsolet.

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Neues Jahr, neues Pech!


Wie alle 365 Tage wird auch dieses Jahr alles anders. Die Gesellschaft wird anders. Die Liebe wird anders. Der berufliche Erfolg wird anders. Die Politik wird anders. Das Leben wird anders. Das Klima wird and… oh nein!

Das Jahr 2021 überrollte die starre Welt des Überkonsums mit bisher unerlebten Grausamkeiten: In Großbritannien wurden Sprit und Waren knapp, die Pandemie sorgte für die Qual des geduldigen Wartens an der Kinokasse, Olaf Scholz wurde Bundeskanzler, sogar Friedrich Merz hat eine Wahl gewonnen. Bei so vielen Überraschungen wünscht man sich für 2022 mal etwas Ruhe, Stagnation und Stillstand.

„Ruhe? Hahahaha!“ scheint sich das neue Jahr zu denken und versenkt erst mal den sogenannten Doomsday-Gletscher in der Irreversibilität seines eigenen Untergangs. Auf mittlere Sicht sind Städte wie Hamburg also Geschichte – was die Wissenschaft schon lange (und leider viel zu leise) ahnt, wird zur Gewissheit. Apropos Gewissheit: Gewiss hat auch schon jemand der Hamburger Perle Olaf Scholz Bescheid gesagt?

Was sonst?

Die Impfungen wirken, Omikron scheint als Gamechanger eher positiv zu sein, die Pandemie wird dieses Jahr vermutlich zu Ende gehen. Russland wird vielleicht ein paar Stücke seiner Nachbarländer annektieren, China wird seine Bevölkerung noch gläserner als gläsern machen, die AfD wird sich wie eh und je in großer Weinerlichkeit suhlen, weil ihr die Hand weh tut, mit der sie ausländische Kinder geschlagen hat – die haben aber auch harte Gesichtsknochen, wenn sie mal drei Wochen nichts gegessen haben. Business as usual!

Und während wir kleine, lächerliche Menschheit auf den Müllbergen der Unterwerfung hocken und nicht vorhandene Skills auf TikTok feiern, geht dieser einzigartige (und leider erstaunlich fragile) Planet weiter den Bach runter. Wobei der Bach zum Fluss anschwillt, der Fluss zum Strom und der Strom zur Flut. Und dann? Wir werden vielen verpassten Chancen hinterher weinen… und es mit den wirren Worten von Marie von Ebner-Eschenbach beschreiben:

„Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.“

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Wir müssen nicht das Klima ändern, sondern uns selbst!


Der menschgemachte Klimawandel ist kein Zufall. Er ist, wie das vorangestellte Adjektiv schon sagt, vom Mensch gemacht – also eine Tat. Die Schuldfrage ist da zwar fehl am Platz, doch besetzt wird dieser freie Platz von der Verantwortung. Klingt anstrengend? Ist es auch!

Es liegt in der Natur des Menschen, die einzelne Tat auch als „Tat“ zu bezeichnen – moralisch, juristisch, historisch. Die (Un-)Taten der Masse hingegen werden in der Regel viel schicksalhafter beschrieben und öffnen dadurch Tür und Tor für die Flucht aus der Verantwortung. Ein anschauliches Beispiel für diese Art der Fehlinterpretation ist der 1. Weltkrieg, der als Urkatastrophe der Neuzeit gilt. So katastrophal seine Folgen waren, ist der 1. Weltkrieg nicht vom Himmel gefallen. Er war ein staatlich orchestrierter und dabei technisch außer Kontrolle geratener Massenmord. Anthropogen – vom Mensch gemacht.

Wie Kriege also menschliche Taten sind – der Weihnachtsfrieden von 1914 zeigt das sehr anschaulich – so ist es auch der (anthropogene) Klimawandel. Konsequent zu Ende gedacht ist es unser Verhalten als Menschheit, das den Klimawandel noch immer viel zu stark befeuert. Der Kampf gegen den Klimawandel ist also kein Kampf gegen schicksalhaften Ascheregen aus den sieben Mäulern eines Fabelwesens, sondern ein Kampf gegen das vielfache, nicht zuletzt systemische Fehlverhalten des gar nicht mal so klugen Homo sapiens. So weit, so wenig Neues.

Da ich hier nur nebenbei mit alten Erkenntnissen glänzen möchte, kommen wir nun zu dem, worum es in diesem kleinen Essay wirklich geht: Um Lösungen, die im Menschen liegen, und um deren sinnvolle Kategorisierung – verschiedene Kerne eines gemeinsamen Apfels. Denn genügend Arroganz wohnt in meinem Herzen, um diesen Kernen Ratschläge zu geben, ohne mich dabei moralisch schlecht zu fühlen.


Beginnen wir mit…

Kern 1 – PolitikerInnen

Die Maslowsche Bedürfnishierarchie gilt für jeden Menschen gleichermaßen. Sind die physiologischen Bedürfnisse befriedigt, so klopft schon das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Wärme an die unbewussten Hirnfunktionen. Und je höher der Status, desto sicherer ist das soziale Nest – zumindest im Äußeren, wo das Geld regiert. Wer mag es also den PolitikerInnen verdenken, wenn sie nach den hohen, gut dotierten Pöstchen greifen und nicht zuletzt die Chancen einer lebenslangen Rente im Blick haben? Ich finde das verständlich und will es niemandem zum Vorwurf machen, diese Vorzüge nebenbei mitzunehmen. Das Zauberwort ist: Nebenbei!

Wohin die Reise geht, wenn das Nebenbei zur Hauptsache wird, das haben uns die Maskendeals 2021 anschaulich vorgeführt: Die Kernaufgabe wird vernachlässigt, weil die Gier überhand nimmt. Die Nähe zu psychopathischem Verhalten ist da nicht mehr weit, denn wer im Bundestag sitzt, sollte eigentlich begriffen haben, dass die untersten zwei Stufen der Bedürfnishierarchie auf Lebenszeit erfüllt sind und es daher keine rationalen Gründe mehr gibt, zuerst auf deren Befriedigung und anschließend auf die Nöte der Bevölkerung zu blicken. Manche haben das begriffen, andere nicht.

Mein Aufruf ist also der Bodenhaftung gewidmet, und die ist in den höheren Sphären wie die Liebe: Schön, sie zu haben; doch geht der Blick nur auf sich selbst, dann kehrt sie sich ins Gegenteil. Wollen wir den Planeten retten, dann geht das nicht mit Egozentrik und dem Mr.-Burns’schen Wahnsinn eines Friedrich Merz. Daher sollte – neben dem stetigen Hinterfragen des eigenen, sich ewig wandelnden Charakters – auch der Kontakt zum festen Boden nicht vergessen werden. Denn, egal an welchen Stuhl wir uns gewöhnt haben, den Planeten retten wir nur gemeinsam. Oder wir verlieren. Gemeinsam.

Kern 2 – WissenschaftlerInnen

Immer wieder nerve ich im Podcast der Leipziger Scientists 4 Future mit der felsenfesten Überzeugung, die Wissenschaft müsse lauter und deutlicher werden, wenn wir das heutige Klimasystem noch irgendwie retten wollen. Trotzdem ist mir bewusst, dass die Aufgabe der Kommunikation nicht bei den forschenden Nerds liegt, sondern bei Presse (s.u.) und Politik (s.o.). Nun hat uns die Corona-Pandemie aber gezeigt, dass das kleinere Problem journalistisch und politisch fast alles überdeckt, wenn es zeitlich näher liegt. Das menschliche Verhalten ist eben nicht für abstrakte, zukünftige Schwierigkeiten gemacht, sondern für das spürbare Jetzt.

Zurück zur Prophylaxe. Bei einer Welt über plus 2K wird die Frage nach der Aufgabenverteilung obsolet. Wenn uns die Kippkaskaden um die Ohren klatschen, dann haben wir als Menschheit irreversibel versagt. Die Wissenschaft weiß sehr genau, dass wir die Trägheit eines Systems von planetarer Größe nicht unterschätzen sollten. Da verhält es sich mit dem Klimawandel wie mit dem Biss der Schlange: Der Biss tut zwar weh, die großen Schwierigkeiten kommen aber später. Und deutlich heftiger.

Die Ursachen des Klimawandels sind erforscht, die Antworten liegen auf dem Tisch. Unser größtes Problem ist die gesellschaftliche Zerissenheit, die auf viel Unwissen und Missverständnissen beruht. Die Lösung des Problems liegt in der Kommunikation, einer Geisteswissenschaft. Und da die Naturwissenschaften am besten wissen, wie es steht und was zu tun wäre, die hiesige Presse aber viel zu selten und viel zu zaghaft kommuniziert (von der Politik ganz zu schweigen), ist eine klare, empfängerfreundliche Kommunikation keine Frage mehr des Wollens, sondern des Überlebens. Unserer Kinder, by the way.

Kern 3 – AktivistInnen

Die Wissenschaft ist zu leise, die Politik ist inkonsequent, die Wirtschaft und die Gier nach unendlichem Wachstum machen die AktivistInnen schier wahnsinnig. Und sie haben recht, es geht an allen Ecken und Enden viel zu langsam, an manchen Ecken sogar rückwärts. Sehenden Auges spuckt die Welt auf die Gräber ihrer Kinder – was drastisch klingt ist eine messbare Wahrheit.

Was also tun? Dem nächsten SUV-Fahrer mit Schmackes in den (mutmaßlichen) Mikropenis treten und Jair Bolsonaro ein Killerkommando in seine Villa schicken? Nein, das ist sicherlich der falsche Weg. Und so haben gerade die jungen Leute, deren Zukunft deutlich bedrohter ist, als die eines orangegesichtigen Mittsiebzigers, ein doppeltes Problem. Angst vor der Zukunft und den damit gepaarten Handlungsdruck auf der einen Seite, die zwingende Notwendigkeit, strategisch klug und zielführend zu agieren auf der anderen. Emotionalisierungsfalle, ick hör dir trapsen…

Das heißt allerdings nicht, dass die Emotionen unsichtbar sein sollten. Ganz im Gegenteil, sichtbare Emotionen bewegen die Menschen und sind – ganz nebenbei gesagt – der grundlegende Impuls für oder gegen jede Handlung. Und hier ist es meinen ganz persönlichen Emotionen ein Bedürfnis, auf folgende Unterscheidung hinzuweisen: Sind die Emotionen, die ich bei mir und anderen auslöse, bremsende oder motivierende Emotionen? Wo wir wieder beim Killerkommando in Bolsonaros Villa wären: Kämpfen wir nicht gegen etwas, kämpfen wir lieber für etwas. Für eine lebenswerte Zukunft! Und zwar mit stabilen Leitplanken in der emotionalen Achterbahn.

Kern 4 – JournalistInnen

Hier will ich noch einmal die Maslowsche Bedürfnishierarchie erwähnen. Je größer der persönliche Einfluss auf die öffentliche Meinung ist, desto höher steigt man im sozialen Ranking – das mittlere Bedürfnis des Homo sapiens (s.o.). Wie schon bei den PolitikerInnen beobachtet, droht hier die Gefahr des selbstreferentiellen Größenwahns – und das zu Lasten von Sachlichkeit und Themenwahl. Besonders bedenklich ist hierbei das ständige Hereinfallen auf das Problem der False Balance. Einer von vielen vermeidbaren Fehlern.

Journalismus ist – analog zur Politik – eine Aufgabe zum Nutzen der Gesellschaft und nicht für das eigene Ego. Was das Ego als Nebeneffekt für sich mitnimmt, sei ebenso gegönnt wie guter Lohn für gute Arbeit. Doch auch hier – oder gerade im so meinungsbildenden Feld des Journalismus – sollte die Reflexion der eigenen journalistischen Sorgfalt ein elementarer Teil der Arbeit sein. Jeder ehrliche Artikel, jedes Format zu den Themen von Klimawandel und Biodiversitätskrise in allen Ehren… doch wenn wir die aktuellen Pfade betrachten, dann wird deutlich, dass die Drastik der Realität an der Presse zumindest quantitativ weit vorbei geht.

Kommunikationspsychologie ist eine Wissenschaft, die einem sorgfältigen Journalismus nicht fremd sein sollte. Denn bei aller gebotenen Neutralität will jeder Journalismus doch erreichen, dass das Publikum die Nachrichten versteht und ihren Hinweisen vertraut. Was die BILD und deren Freunde absichtlich sehr falsch machen, darauf muss in Sachen Klimajournalismus größter Wert gelegt werden: Ehrlich die Zustände vermitteln, ohne durch deren katastrophalen Ausmaße das Publikum zu verschrecken. Denn wohin sich verschreckte Gesellschaften entwickeln, das ist ja gerade in Deutschland bestens bekannt…

https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/downloads/report/IPCC_AR6_WGI_SPM_final.pdf (S.13)

Fazit

Die Titanic ist schon halb über den Eisberg geschrammt, trotzdem schlürfen wir im Ballsaal Sekt und sind vor allem mit der um sich greifenden Fledermausvergiftung beschäftigt. Weil die fühlen wir ja ganz akut, während das Schiff zwar komisch wackelt, aber noch – gefühlt! – sehr sicher fährt. Aber mal Hand aufs Herz: Wollen wir wirklich unsere Kinder ersaufen lassen, nur weil wir heute nicht zu Potte kommen?

Zuletzt: Bei aller selbstbewussten Meinungsfreude und kritischen Betrachtung, die hinter diesen Zeilen stecken, bitte ich darum, dies als Blickwinkel zu verstehen. Die Menschen, ihre Wege und Gedanken sind verschieden, da gibt es keinen Allmachtsanspruch. Hoppla, hat er das wirklich so geschrieben? Ist ein solcher Satz – bei aller Wahrheit darin – nicht tonnenweise Gletscherschmelze auf die Mühlen der Klimawandelleunger? Ja… und nein. Die Antwort liegt in Hannah Arendts klugen Worten:

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der [deutschen] Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“

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