Die „Liebe“ und ein sprachliches Problem


Wer sehnt sich nicht an manch einsamen Tagen nach einer Stimme, die so sanft wie unumwunden ins hungernde Ohr haucht: „Ich liebe dich!“ Natürlich ist das schön, denn es füttert den uns allen anhaftenden Wunsch nach Bestätigung. Hoppla… Bestätigung? Das ist doch egoistisch motiviert, lässt der Liebe also keinen Raum! Oder doch? Oder vielleicht? Wir werden sehen…

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„Du liebst mich doch?“ ist eine Frage, wie sie durch Myriaden belasteter Beziehungen wabert. Und hilft die Antwort darauf weiter? Wohl kaum, denn sie ist nicht mehr als ein „Ja“ auf die Frage: „Wie groß ist das Schwabenland?“ Ich persönlich liebe mein Kind, ich liebe meine Geschwister, meine Familie, einige gute Freunde – und noch ein paar Menschen mehr. Ich liebe aber auch einen Wintertag im Bett und die Fruchtbarkeit meines Gartens. Nebenbei liebe ich manch guten Techno. Und dumme Witze. Aber liebe ich einen Menschen genauso wie einen guten Flachwitz? Manchmal mehr, manchmal weniger.

Wir Menschen machen es uns immer wieder zu einfach – und daran scheitern wir. Es gibt die „Beziehung“ die man führt, wenn man sich „liebt“. Unsere Gefühle verwalten wir dabei in der grobschlächtigen Art und Weise eines On-Off-Schalters. „Sie liebt mich… sie liebt mich nicht… sie liebt mich… sie liebt mich nicht…“ Zwischen den Blütenblättern des Gänseblümchens der Liebe liegt: Nichts. Was im Grunde jeder weiß, dass die Liebe eine weite Skala hat, wird gerne ignoriert. Und hier kommt wieder die Bestätigung ins Spiel.

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Dem Grundgedanken Erich Fromms folgend, dass die Liebe zuvorderst eine Haltung ist, wird es sehr schwierig, „Liebe“ und „Bestätigung“ unter einen Hut zu bekommen. Bestätigung ist ein egoistisches Geschäft: Ich will es mir sehr angenehm machen, in meiner Gefühlswelt. Daher suche ich nach Bestätigung. In „Liebe“ sind meine Gedanken und Gefühle aber auf das Wohl meines Gegenüber gerichtet. Übrigens, für unsere schwarz-weiße (Dienst-)Leistungsgeselschaft kaum denkbar: Diese Ausrichtung auf mein Gegenüber macht mich weder unterwürfig noch abhängig noch sonst etwas. ICH liebe – die Liebe ist MEINE Haltung und MEINE freie Wahl. Ein Sklave liebt den Herren nicht, im besten Falle respektiert er ihn.

Im Grunde möchte ich hier auf ein sprachliches Problem aufmerksam machen:

  • „Liebe“ ist ein Wort ohne Skala

Und daher wird „Ich liebe dich“ gerne mit der Absolutheit verknüpft. „Du liebst mich und daher niemand anderen!“ Aber liebe ich meine Familie nicht ebenso? Und welches meiner Kinder darf ich dann lieben, wenn ich mich entscheiden muss? „Du liebst mich und daher bin ich dein Traumpartner für heute und bis in alle Ewigkeit!“ Darf ich dich nicht nur ein bisschen lieben? Wenn ich dir in Liebe zugewand bin, warum darf ich mich dann niemals wieder abwenden? „Liebst du mich?“ Geht es dir überhaupt um mich? Oder bin ich doch nur Erfüllungsgehilfe deiner Selbstbestätigung – die du dir dadurch holst, dass ich dir regelmäßig sagen muss (hier nun ganz der Diener, denn es ist ja keine echte Liebe): „Ja, ich liebe dich!“

Vielleicht sollten wir die Liebe etwas freundlicher betrachten, sehen wir sie als eine weite Landschaft mit vielerlei schönen Orten. Manche nur für kurze Zeit, manch andere laden zum Verweilen ein. Ungezählte Spielarten, Tiefen, Gefühlslagen… mal leicht, ein Hauch, mal ein alles verschlingender Orkan. Stehen wir uns in unserer stumpfsinnigen Suche nach Absolutheit nicht selbst im Weg, beschränken wir uns nicht auf „Ich liebe dich!“ und „Ich hasse dich!“, sondern leben wir die Liebe. In all ihrer Vielfältigkeit.

liebe2(Ein Apfelbaum hat nicht nur Früchte, er hat auch schöne Blätter.)

Als besonders schöne Sicht zur Liebe sei noch folgende genannt: „Ich liebe nichts. Ich liebe niemanden. Die Liebe ist einfach ein Teil von mir, wie meine Haut. Und kommst du mit ihr in Kontakt, dann bleibt sie ein Teil von mir. Doch kann Haut auf Haut auch sehr erregend, sehr persönlich, sehr intensiv, sehr intim sein. Und trotzdem bleibt es meine Haut und deine Haut, die sich berühren. Zum Glück, denn nur so kommt diese Empfindung zustande, dieses magische Knistern, dass sich grundlegend Getrenntes sehr, sehr nahe ist. Und manchmal ist es eben nicht nur die Haut, das Physische, sondern auch die Fähigkeit zu Lieben, in der sich zwei Menschen berühren – erregend, persönlich, intensiv, intim. Seele auf Seele, Haut auf Haut, das ist die Liebe. Kein Fakt, sondern ein Zustand.“

 

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Ein IT-Aussteiger berichtet!


„Deine Zukunft liegt in der IT-Branche!“ schallt es den frisch gekneteten Abiturienten eimerweise entgegen. Gleich einem Bluetooth-gesteuertem Staubsauger saugt eine ganze Branche die jungen, ahnungslosen Leute ein, verspricht ihnen Glück, Wohlstand und einen eigenen Apfel. Doch wo endet der IT-Wahn? Wir haben einen Aussteiger befragt.

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MfIS: Guten Tag Herr Christian Paul Unikorn, kurz CPU, wie Sie von Ihren Kollegen genannt wurden. Wie geht es Ihnen heute, ein halbes Jahr nach Ihrem Ausstieg?

CPU: Danke, es geht so. Ich vermisse die Wii und den Tischkicker in unserem… äähhh, dem firmeneigenen Eventspace.

Sie waren IT-Mitarbeiter bei einem der angesagtesten Start-Ups im Bereich ‚Internet Facilities Security and Sweetness Managment Stores and Sales‘ – und Sie vermissen am Meisten den Pausenraum?

Den Pausenraum? Nein, so etwas gab es bei uns nicht.

Aber Sie sagten doch…

Ich sprach von der Wii und dem Tischkicker im Eventspace. Das hat doch mit Pause nichts zu tun!

Sondern?

Der Eventspace ist ein multisozialer Raum, unterfüttert von Gehirn- und Flexibilitätstrainingsmaßnahmen. Hier wird hart gearbeitet. Vieleicht sogar am härtesten, denn im Eventspace arbeiten die Mitarbeiter an sich selbst und der firmeninternen Personal-Structural-Developement-Mass.

Sie meinen also, Wii und Tischkicker spielen waren Ihre härtesten Hürden in diesem Job.

Es war das Härteste, was ich jemals erlebt habe. Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, gegen die fette Gudrun ein Wii-Tennismatch zu verlieren!? Wie die sich dann freut… da tanzt die auf und ab mit ihren Riesen-Arschbacken! Furchtbar, ich hätte jedesmal laut aufweinen können!

War es nicht zumindest ein bisschen härter, jeden Morgen aufstehen zu müssen, um einem solch sinnlosen Lebenswandel zu fröhnen, wie er in der IT-Branche gelebt wird? Wo Starbucks für Intellektualität und Workout für Gesundheit stehen?

Früh aufstehen? Nein. Wir hatten Gleitzeit. Es war unserem Chef egal, wann und ob wir arbeiteten. Die Hauptsache: Wir sind fully-motivated und straight-goal-orientated.

Das klingt alles sehr angenehm – im Gegensatz zum Job als Müllmann, zum Beispiel. Der Müllmann muss früh raus, sein Arbeitsmittel stinkt noch mehr als die Achsel der fetten Gudrun, und eine Wii und einen Tischkicker gibt es da auch nicht. Was also hat Sie so fertig gemacht, dass Sie nun seit fast sechs Monaten Ihre Aktienanteilsgewinne im Kurhotel „Rhönrauschen“ ausgeben?

Ach ja, das alles zusammen. Und noch mehr. Meine besten Freunde waren meine Kollegen. Die Kantine war sehr, sehr gut, sogar das vegane Dessert kam nach dem Rezeptbuch des Sternekochs Ralph Sprüsan. Ich hatte einfach alles, sogar Sex mit der 18-jährigen Sekretärin aus Pakistan. Ich glaube, irgendwann wurde mir das alles zu viel.

Zu viel des Guten? Oder haben Sie eine Schlechtigkeit in Ihrem Schaffen entdeckt?

Mein Schaffen war mein Leben. Noch heute trage ich ein brustgroßes Tattoo des Firmenlogos auf dem Rücken. Firmensocken, Firmenbettwäsche, Firmenkugeschlreiber… als ich meiner damaligen Freundin ein Kochbuch unserer Firmenkantine schenken wollte, da hat sie mir reflexartig ins Glied gebissen. Das war, so glaube ich, der erste Moment des Nachfühlens: Irgend etwas stimmte hier nicht. Und dann noch das viele Blut! Ich war ziemlich verwirrt.

Und dann setzte ein Umdenken ein?

Nein. Ich war entsetzt! Ich hab sofort – nach einer kurzen WhatsApp-Beratung mit meinem Sales-and-Management-Team – Schluss gemacht. Wie konnte sie nur nicht verstehen, dass es einfach kein besseres Kochbuch gibt? Und keinen besseren Ort auf diesem Planeten, als die Firma. Sie sollte ein Teil dieses Glücks werden, indem ich ihr half, unsere Wohnung an die Firma anzupassen. Für unser freies Zimmer hatte ich schon eine Wii und einen Tischkicker besorgt – dass ihr Gedanken „wir brauchen bald ein Kinderzimmer“ ziemlich blödsinnig war, das hätte sie dann schon verstanden. Mit welch impulsiver Reaktion, ja geradezu animalisch, sie das Kochbuch abgelehnt hatte, das war mir ein deutliches Zeichen: Ich hatte mir einen Hippie ins Haus geholt! Meine Kollegen bestätigten meine Ansicht, also trennte ich mich.

Doch jetzt sind Sie auch Ihren Job los. Fehlt Ihnen Ihre Freundin da nicht? Zumndest ein bisschen?

Nein. Sie kann ja nicht mal nach Ralph Sprüsan kochen!

Das ist hart!

Das ist einem Menschen nicht würdig! Ralph Sprüsan! Der Sternekoch!

uschi manisch(Uschi [mitte] ist talentfrei, kinderlos, herrisch und manisch depressiv – also die perfekte Bereichsleiterin im weiten Feld des IT-Buisness)

 

Trotzdem haben Sie sich von Ihrem Leben als IT-Mitarbeiter getrennt. Sie beschreiben sich selbst als „Aussteiger aus der Szene“. Das klingt fast schon nach Drogen. Nach Sucht.

Ja. Und das ist es auch, eine Sucht. So warm und einkommenskräftig diese Szene auch ist. Sie höhlt dich aus. Es ist wie bei Heroin, vieleicht sogar noch schlimmer.

Erklären Sie mir das, bitte.

Eine Drogenszene ist nicht nur von Suchtmitteln geprägt – hier das Herion, dort der Eventspace und der Kontostand. Es bindet dich nicht nur die Droge an sich, es bindet dich die Szene: Du hängst nur noch mit den gleichen Leuten in den gleichen Räumen ab. Bei meiner Heroinsucht in der Jugend war es schon genauso. Mein damaliger Betreuer hat mich nach meinem Ausstieg immer gewarnt: Ich sei ein suchtaffiner Typ. Doch wie perfide die IT-Branche daherkommt, da kommt nicht mal Ali mit, mein damaliger Dealer.

Zum Beispiel?

Ali hatte nur einen ranzigen Gamecube. Das ist von der Wii weit entfernt. Und den durfte ich auch nicht länger als fünf Minuten benutzen. Außerdem haben Dealer keine Kantine. Wenn, dann gibt es ein Stück alte Fertigpizza. Aber Köstlichkeiten a la Ralph Sprüsan kannst du beim Dealer vergessen. Bei dem kommt man zumindest noch raus zum Dönermann. In der Firma war es sogar verpönt, auswärts essen zu gehen. Da ist man völlig abgeschirmt. Selbst die Ausrede „Heute kocht Mutti!“ wurde schnell gekontert mit: „Ach was, Mutti soll mal in der Kantine vorbei kommen. Da spart sie sich das Kochen. Hier, ein Gästepass, den schenk ich dir für deine Mutti. Einfach so. Ohne Gegenleistung.“ Und nach kurzer, eindringlicher Anschaupause: „Sag mir bescheid, wenn du einen Termin mit deiner Mutti ausgemacht hast. Also zum essen. Ich sprech mal mit dem Koch, vielleicht hat er etwas ganz Besonderes drauf. Nur für deine Mutti. Nur von Ralph Sprüsan!“

Und so waren Sie Gefangen in einem Gefängis ohne Türen.

Türen gab es schon. Aber das waren alles so geräuschlos aufgleitende Glastüren mit Logo drauf. Da wird man echt wahnsinnig!

Wann kamen Sie zu dem Entschluss, auszusteigen?

Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Eines Tages kamen Kinder zu Besuch. So ein Schulprojekt. Sie sollten sehen, wie cool arbeiten sein kann. Aus ihren kleinen Köpfen ragten Antennen heraus, die ein rotes Blinklicht an ihren Spitzen hatten. Wie kleine Funkmasten. Und als man sie an einen der Rechner ran ließ, da drehten die Bälger völlig durch.

kids manisch(manische Kinder, während ein sog. „Programm“ ihren Schädel aushöhlt)

Das war dann zu viel für Sie?

Ja. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Ist das wirklich wichtig, was wir hier machen? Ist es nur gehypter Kinderkram? Warum schauen diese Bälger so immens scheiße aus, wenn sie bei einem „Game“ gewinnen? Sollen diese Roboter-Kinder mich ersetzen? Ja, es war zu viel, ein Shitstorm in meinem Kopf! Ich habe nicht einmal gekündigt, ich bin einfach gegangen.

Und jetzt?

Jetzt baue ich die Firma zuhause nach. Ohne Kinder und Kinderkram. Während ich hier im „Rhönrauschen“ der Unterwassermusik lausche, ist ein ganzes Heer an Arbeitern damit beschäftigt, mir das perfekte Zuhause zu schaffen: Meine Firma, samt Kantine und Eventspace. Samt Wii und Tischkicker. Samt Logo und Mitarbeitern. Dann bin ich glücklich! Denn dann kann ich auch in meiner Firma übernachten!

Vielen Dank für das Gespräch.

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Interview mit der weiblichen Gewaltbereitschaft (Ulrike)


Hollywood macht es uns vor, die Welt macht es Hollywood nach: Gewalt ist eine Männerwelt. Auf der einen Seite wird Krieg gespielt, auf der anderen Seite wird er geführt. Von Männern befehligt, von Buben ausgeführt. Nur wenige Soldatinnen verbluten auf den Schlachtfeldern, denn es gibt sie kaum. Und doch ist es mit der Gewaltbereitschaft wie mit (fast¹) allem in unserer Welt: Im 3. Jahrtausend ist es Zeit für die Gleichberechtigung. Das meint auch Ulrike. Ein Interview.

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Das Ministerium für Innere Schönheit ist daher sehr glücklich darüber, eines der seltenen Interviews mit Ulrike, der weiblichen Gewaltbereitschaft, über die weibliche Gewaltbereitschaft führen zu dürfen. Hier nun frisch aus dem Diktiergerät, ein Gespräch über Blumen, Rosa und die Hitlersäge.

MfIS: Grüß Gott, Ulrike. Was halten Sie von der Hitlersäge?

Ulrike: Das ist ein offensichtlich männliches Werkzeug. Ein Maschinengewehr, dessen Lauf gekühlt werden muss, damit er sich nicht glühend heiß nach oben biegt, kann nur einem männlichen Kleinhirn entsprungen sein. Da es sich bei der Hitlersäge um eine Erfindung der Nazis handelt, würde ich sogar behaupten, das ist einem Sehr-Sehr-Kleinhirn entsprungen.

Sie sprechen darüber relativ abwertend, habe ich das Gefühl.

Ja, da fühlen Sie richtig.

Weshalb?

Ich weiß nicht, weshalb Sie richtig fühlen. Vielleicht sind Sie eine empathische Person.

Danke, das kann sein. Woher aber kommt Ihre abwertende Haltung?

Das will ich Ihnen erklären. Männliche Gewalt ist roh, stumpf und kurzsichtig. Sie führt zwar zur kurzfristigen Befriedigung und erzeugt dabei ein ordentlich spektakuläres „Bumms“, aber ansonsten bringt sie mehr Nachteile als Vorteile. Das finde ich schade, denn es macht die Gewalt nutzlos.

Haben Sie ein Beispiel parat, Ulrike?

Ja, gerne. Nehmen wir den Klimawandel, das große Bienen- und Blumensterben. Der ist nicht menschgemacht, der ist manngemacht. Beim Mann muss alles groß und – wie schon gesagt – spektakulär sein. Ein Schelm, wer da an die Kompensation eines gewissen Körperteils denkt. Groß und spektakulär heißt aber auch Ressourcen fressend. Der Kapitalismus ist nicht die Kapitalismus, der Anzugträger ist nicht die Anzugträger, der Aktienindex ist nicht die Aktienindex, der SUV ist nicht die SUV. Und so weiter, und so fort. [Lange Pause] Sie gucken so glasig, können Sie mir folgen?

Ehm… ja. Mir fehlt in Ihrem Gedankengang nur die von Ihnen erwähnte Kurzfristigkeit. Also die kurzfristige Befriedigung. Wo ist die?

Das ist doch sehr offensichtlich, mein Herr.

Erklären Sie es mir, bitte.

Einfach gesagt, ist es die überdrehte Industrie, die den Klimawandel so sehr ins Rollen bringt. Noch einfacher gesagt, der Kapitalismus. Ich könnte es am einfachsten so sagen: Den solargebräunten Hodensack während der 35-minütigen Fahrt zur Firma am vorgeheizten Sitzbezug des SUV zu reiben, ist eine doch sehr schnelle Nummer. Diese aber wird dem langfristigen Überleben der Menschheit – nebst allerlei Tierarten² – vorgezogen. Wenn das kein Fall von kurzfristiger Befriedigung ist, dann will ich nicht mehr Ulrike heißen.

Kommen wir da nicht ein wenig vom Thema ab? Der Gewaltbereitschaft?

Nein, wieso? Durch den sich reibenden Hodensack wird nicht nur dem schönen Sitzbezug Gewalt angetan, sondern auch – wenngleich indirekt – dem Menschen und der Natur. Wobei ich die Bezeichnung ‚der Natur und dem Menschen‘ vorziehe. Sie ist ehrlicher. Der Mensch ist ein Teil der Natur, so wenig er das wahrhaben will. Da gehört es sich, die Natur zuerst zu nennen.

Und der Hodensack?

Wenn der schön ist und nicht unbedingt rasiert, ei wunderbar!

Kommen wir nun zur weiblichen Gewaltbereitschaft. Wie würden Sie diese von ihrem männlichen Penetrant unterscheiden?

Ich bin… [Ulrike überlegt, rollt dabei mit den Augen] …subtiler? Nein, das ist das falsche Wort. Sie wissen ja, Selbstbeschreibungen sind so eine Sache.

Wie wäre es mit ‚perfide‘, ‚hinterlistig‘ oder ‚intrigant‘?

Aber nein, Sie beleidigen mich. Schauen Sie sich doch allein meinen rosa Blumencolt an. Ist der inrigant oder perfide? Nein, weibliche Gewalt ist einfach schöner.

Nun muss man ja ganz ehrlich sagen – die Statistik lügt ja nicht – dass Frauen überwiegend Opfer und Männer überwiegend Täter von Gewalt sind.

Ja sehen Sie, deshalb ist die Welt so hässlich. Wäre es anders herum, wäre die Welt schön. Und anmutig.

Können Sie uns das veranschaulichen?

Und ob ich das kann! Ein Mann tötet gerne mit der größtmöglichen Kanone. Ich hörte, dass man in Vietnam mit liegen gebliebenen Panzerfäusten auf Kühe schießen darf. Typisch männlich! Es spritzt zwar ganz toll und kracht und knackst und muht dabei auch laut – alles in allem eine einzige Sauerei, die nur in Zeitlupe einer gewissen Ästhetik entspricht. Ich als weibliche Gewaltbereitschaft würde da anders zu Werke gehen.

Ich habe schon ein bisschen Angst. Verraten Sie mir trotzdem, wie Sie da zu Werke gehen würden?

Nun gerne. Ich würde mich mit der Kuh ins saftige Gras setzen, ihr mit einem Kamm aus dem Stoßzahn eines Narwals das Haupthaar striegeln. Ich würde sie zärtlich streicheln, während ich ihr das Cuttermesser an die Kehle setze. Das Blut würde in schönen, plätschernden Bächlein zu Boden fließen und die Kuh so langsam wie leidvoll entschlummern. Kein Gespritze von Innereien und Knochensplittern.

Und wo bleibt da die Langfristigkeit? Der Nutzen? Sie warfen ja Franz-Joseph [die männliche Gewalt, Anm. d. Red.] vor, er sei nutzlos und kurzfristig. Wie grenzen Sie sich davon ab?

Bei mir gibt es nachher eine ganze Kuh zu verspeisen. Das Dorf feiert ein Fest, alle Kinder sind gesättigt. Wie wollen Sie denn das elende Knochengulasch von Franz-Joseph aus dem Gras bekommen? Herauslutschen? Das ist doch lachhaft!

Ulrike, Sie gehen da viel durchdachter ran an die Buletten.

‚Durchdacht‘! Das Wort hatte ich vorhin gesucht. Jetzt haben Sie es für mich gefunden. Danke!

Wobei die Schönheit ja nicht wirklich ein durchdachtes Element ist. Schönheit nehmen wir viel mehr mit den Gefühlen wahr.

Richtig. Doch was ist das Denken, wenn nicht die Bugwelle des Fühlens? Fragen Sie den Hirnforscher Ihres Vertrauens. Er wird Ihnen bestätigen: das Gefühl kommt vor dem Gedanken.

Ulrike, was wünschen Sie sich für die Zukunft? Mehr schöne, durchdachte, weibliche Gewalt? Oder weniger grobe, impulsive, männliche Gewalt?

Beides! Ich wünsche mir beides! Mehr Schönheit und weniger Häßlichkeit kann doch auch nur im Sinne Ihres Ministeriums sein. Des Ministeriums für Innere Schönheit!?

Jetzt haben Sie mich! [langes Schweigen] Möchten Sie mir das Haupthaar kraueln?

Wenn ich Ihnen dabei die Kehle aufcutten und Sie hinterher an meine Kinder verfüttern darf?

Use me and abuse me, Ulrike…

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(Ulrike auf dem Weg zur Arbeit)



 

¹) Sicherlich wird niemand ernsthaft fordern, dass Frauen und Männer gleich viele Milchdrüsen und gleich dicke Arschaare haben sollten.

²) z.B. das Eisbärbaby

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Märchen: Was den Diamant vom Löwen unterscheidet.


Eines meiner Hobbys ist das Verfassen „arabischer“ Kunstmärchen. Hier nun eine kleine Lehrgeschichte, die sich auch am Stil indischer Märchen und Fabeln anlehnt: Sie ist von mehreren „Moralsprüchen“ durchwoben und enthält nicht nur die uns bekannte „grimmsche Moral von der Geschicht“.

Löwe

Was den Diamant vom Löwen unterscheidet

Es lebten in einer kleinen Stadt im Morgenland einmal zwei Brüder, Heschrun und Al’muftaras, die sich ihre Sporen noch verdienen mussten. Der Vater war sehr angesehen und sein Handeln von großem Erfolg gewesen, so dass jeder Mann und jede Frau zu ihm aufgesehen hatte. Doch war er eines Tages beim Jagen in den Wäldern von zwei Tigern gestellt worden. Den einen Tiger hatte er im Kampf besiegt, doch der zweite war sein Ende gewesen. So war es nun an den beiden Brüdern, die Nachfolge ihres Vaters anzutreten – und die ganze Stadt und das ganze Umland wartete gespannt, wer von den beiden die frei gewordene Stellung nun einnehmen würde.

„Meine lieben Söhne,“ sprach bald darauf die Mutter zu den Beiden. „Der Diener will gesehen haben, bevor er Hals über Kopf geflohen ist, wie das Raubtier meinen geliebten Mann ins Unterholz gezogen hat. Sein Körper liegt dort irgendwo, so dass wir ihn nicht ordentlich bestatten können.“

Die Söhne nickten. Sie waren tief bewegt, und so entzündete sich an ihrer Liebe zum Vater und ihrem Mitleid mit der Mutter die Kampfeslust. Sie hoben kühn die Fäuste und riefen mit einer Stimme: „Oh Mutter, wir werden in den Wald gehen und das Leibliche unseres Vaters – deines Gatten – einholen. Er soll die prächtigste Bestattung erhalten, die das Land jemals gesehen hat!“

„Oh, Frevel!“ rief die Mutter und sah sich ängstlich um. „Sagen wir doch: Die prächtigste Bestattung, vom alten Sultan einmal abgesehen.“ Denn man sagt ja:

Die höchste Ehre verwandelt sich in Schande, wenn sie die Ehre eines and’ren untergräbt.

Die Söhne waren einverstanden. Und so rüsteten sie sich mit Säbel, Netz und allerlei weiteren Utensilien für die Jagd. Erhobenen Hauptes zogen sie hinaus, den Tiger zu töten und den Leib ihres Vaters nach Hause zu bringen.

Es war ein weiter Weg bis zu den Wäldern. Da sich die Brüder ihre Sporen noch nicht verdient hatten, waren sie weich und schwach und setzten sich schon bald zur Rast.

„Ach Bruder,“ sagte Heschrun nun, während ihm der Schweiß auf der Stirn glitzerte. „Mir ist das Netz so schwer, ich lass es hier.“ So legte das Netz sorgfältig zusammen und verstaute es unter einem Gebüsch. „Wir werden es auf dem Rückweg holen.“

Nach langer Rast gingen die Brüder ohne das Fangnetz weiter. Doch als sie den Rand des Waldes erreichten, da wurden ihnen die Füße auf ein Neues schwer und sie setzten sich zur Rast.

„Oh Bruder,“ sagte Al’muftaras, während er sich die Beine rieb. „Mir ist der Säbel so schwer, ich lass ihn hier.“ So wickelte er den Säbel in seinen Turban und verstaute ihn unter einem großen Ast, der von einem der Bäume gefallen war. „Wir werden ihn auf dem Rückweg holen.“

Nach langer Rast drangen die Brüder nun in den Wald ein, in dem ihr Vater vom Tiger gerissen worden war. Doch war es sehr mühsam, sich durchs Unterholz zu schlagen, und so machten die beiden Brüder schon bald eine weitere Rast.

„Ach Bruder,“ klagte Heschrun mit zitternder Stimme. „So kommen wir nicht weiter, mit all dem Sack und Pack.“

„Ja, mein Bruder,“ entgegnete Al’muftaras . „Lassen wir die Sachen doch hier.“

So taten sie und drangen nach langer Rast mit nichts als ihren Kleidern am Leib tiefer in den Wald hinein. Und als sie auf eine Lichtung kamen, da rasteten sie aufs Neue, denn es war schon Abend geworden und die zarten Füße waren ihnen ganz blasig geworden. Da aber erklang das fürchterlichste Fauchen aus dem Unterholz, und sie wussten, dass der menschenfressende Tiger sie gefunden hatte. Tiefes Entsetzen erfüllte ihre Herzen, hatten sie doch jede Waffe und jedes Werkzeug hinter sich gelassen. Sie waren dem Räuber schutzlos ausgeliefert.

„Oh Bruder, uns hilft nur noch ein Wunder!“ rief Al’muftaras und hob die Arme, um Allah um Hilfe anzuflehen. Heschrun tat es ihm gleich, Schulter an Schulter fielen sie auf die Knie. Doch sie wussten nicht so recht zu beten, in ihrer Angst, und da sie ihr Hilfegesuch in Worten an niemanden bestimmten richteten, zischte und brodelte es plötzlich in einem Erdloch, keinen Steinwurf von ihnen entfernt. Da kam ein Dschinn hervor und fragte die verdutzten Brüder nach ihrem Begehr.

„Oh großer Geist, wir brauchen Hilfe gegen den bösen Tiger im Gebüsch!“

Da lachte der Dschinn und sagte: „Hilfe ist viel, ihr Buben, und viel ist alles. Aber alles ist nichts, so kann ich Euch nicht helfen.“

Da begriff Haschrun, was der Geist von ihnen wollte. Denn man sagt ja:

Weise ist nicht, wer die Antwort kennt. Weise ist, wer die Frage versteht.

Und Haschrun rief in seiner Angst: „Oh großer Geist, mach mich so hart, wie es auf dieser Welt nur möglich ist!“

Und auch Al’muftaras hatte verstanden und rief, weil er an den Leib des Vaters dachte: „Oh großer Geist, mach mich so stark, wie es auf dieser Welt nur möglich ist!“

Da sagte der Dschinn: „Ihr habt es so gewollt, Ihr sollt es so bekommen!“

Und mit einem mal verwandelten sich die beiden Brüder. Haschrun wurde so hart, wie es auf dieser Welt nur möglich ist, und fiel als menschengroßer Diamant zu Boden. Al’muftaras aber verwandelte sich in das Stärkste, was es gibt in unserer Welt. So stand er als Löwe neben seinem diamantenen Bruder, strotze vor Kraft und pirschte in das Unterholz. Da erlegte er den Tiger mit Leichtigkeit, fand des Vaters Leichnam und brachte ihn letztlich zurück nach Hause. Der Vater wurde in allen Ehren bestattet, und als die Zeremonie zu Ende war, da verwandelte sich Al’muftaras wieder zurück in seine frühere Gestalt. Die Mutter nahm ihn die Arme, hatte sie doch ihren Sohn zurück. Der aber nahm sich die schönste aller Jungfrauen der Stadt zur Gemahlin und lebte sein Leben in Glück und Frieden.

Haschrun hingegen wurde nicht lange nach seiner Verwandlung von sieben Räubern gefunden, die sich um den menschengroßen Diamanten stritten. Zuletzt schlugen sie den Edelstein in sieben Teile und teilten diese unter sich auf. Als sich Haschrun nun zurück verwandelte, da war er des Todes. Und daher sagt man:

Härte ist glatt und reglos wie der Edelstein und führt zum Tod, egal wie sehr sie glänzen mag. Stärke aber ist weich wie das Fell des Löwen und gereicht zu Glück und langem Leben. So meide die, die sich die Harten nennen und suche nur die Freundschaft der Starken, dass es dir an nichts mehr mangeln werde.

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Zu Tode behütet – Warum Leben auch mal weh tun darf


Dass wir unsere Kinder behüten, ist ein klarer Fall von „Die Zukunft erhalten“. Und schon bei diesen unfertigen, behütenswerten kleinen Menschlein lässt sich das Behüten übertreiben: Man denke nur an die Helikoptereltern, die ihrem Spross jegliche Möglichkeit zur Selbstentfaltung verbauen. Trial-and-Error ohne Trial und ohne Error. Wirklich spannend wird die Sache mit dem Behüten, wenn wir unseren Fokus auf die Welt der Erwachsenen lenken.

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„Machet sie Euch Untertan!“ hat vor mehreren tausend Jahren ein Autor geschrieben, offensichtlich emotional verwirrt, und dabei den Planeten Erde gemeint. Und wir haben ihn erhört und haben sie uns Untertan gemacht. Die größeren Raubtiere sind nahezu ausgerottet, die kleineren sind domestiziert. Der Mensch hat sich über alles erhoben, was ihn auf dieser Welt umgibt – ein absoluter Siegertyp! Nun hat dieser Siegertyp, der nicht anders kann als um den Sieg zu käpfen, keine Gegner mehr. Es wäre ja schön, wenn uns die bösen Außerirdischen endlich einen Besuch abstatten würden, so könnten wir unser irres Waffenarsenal endlich verwenden. Auch ein weltweiter Stromausfall einen ganzen Winter hinweg wäre mehr gut als schlecht, er würde unseren Leibern, die für das Leben in der Steppe gemacht sind, die verweichlichte Komponente austreiben. Doch leider beglücken uns weder der Stromausfall noch die aggressiven Aliens. Der Kampf gegen die Umstände fällt also aus (insofern wir den Klimawandel ausklammern).

Also bleibt uns nur eines: Wir müssen mit uns selbst vorlieb nehmen. Und das geht dann so: Bei 25° Celsius sitzen wir im ergonomischen Sessel und reiben unsere Kampfeslust passiv an Filmcharakteren oder aktiv an virtuellen Dummies, deren sehr beeindruckende Nahkampfwaffen unserem so schützenswerten Leib kein Härchen zu krümmen vermögen: Wenn mir bei Counter-Strike ein Gegner ins Gesicht schießt, bleibt mein Gesicht heil. Die reelle Gefahr ist null, der Körper lernt das und beginnt zu verfetten.

Der latente Zynismus in meinen Zeilen ist nicht zu übersehen. Will ich Dir damit also sagen: Der Leib (und die Seele gleich mit) ist gar nicht schützenswert? „Jein“ ist die klare Antwort. Und da Dir ein einfaches „Jein“ nicht weiterhilft, will ich Dir nun zwei Aspekte nahebringen, die am Menschen zu behüten sind:

1. Dauerhafte Unversehrtheit

Eine kleine Wunde hat noch niemandem geschadet. Man zerkratzt sich die Hände, man stößt sich das Knie, man wird verarscht, das gehört zum Leben dazu. Und es ist wichtig, denn die kleinen Schupser und Verletzungen lehren den Körper wie auch den Geist, gut zu funktionieren. Ein anschauliches Beispiel: Handwerker sind physisch sehr robuste Typen, einfach weil ihnen schon mehr als einmal das Werkstück aus der Hand gerutscht und auf den nackten Fuß gepoltert ist. Diese Versehrtheit ist aber kurzfristig – das ist der elementare Unterschied, ein gebrochener Finger ist kein gebrochenes Rückgrat. Zu behüten ist auf jeden Fall die dauerhafte Unversehrtheit in dem Sinne, dass ein Mensch – körperlich wie emotional – nicht nachhaltig zu schädigen ist. Man hat Menschen nicht vorsätzlich in solcherlei Situationen zu bringen, deren schädliche Folgen lange anhalten. Hierin unterscheidet sich die Ohrfeige vom Krieg.¹ Aber Achtung: Was man ertragen kann, dazu soll nicht automatisch aufgerufen sein. Also Finger Weg von der Ohrfeige, so harmlos sie auch klatschen mag!

2. Physische und psychische Resilienz

Nicht nur die Unversehrtheit ist schützenswert, auch die Resilienz. Zum Verständnis will ich Resilienz salopp mit Widerstandskraft übersetzen – auch wenn das nicht ganz richtig ist.² Das heißt, es ist eine schützenswerte Fähigkeit, Stress, Wunden (körperlich wie emotional), Schläge (heutzutage vor allem emotional), Belastungen und so weiter nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervor zu gehen. „Was uns nicht umbringt macht und stark!“ ist da natürlich der falsche Ansatz und eher für solche Doofköppe wie Bernd „Björn“ Höcke geeignet. Die machen sich damit Mut und fühlen sich hart, weil sie ja notorisch hart mit stark verwechseln. Falsch ist der Ansatz schon deshalb, weil ein Rückgratbruch mich zwar nicht umbringt: Stark macht der aber sicherlich nicht, sondern höchstens querschnittsgelähmt. Resilienz – das ist bekannt – braucht Training. Und Training, sei es physischer oder psychischer Natur, kommt ohne Muskelkater und blaue Flecken nicht aus. Wo wir wieder beim gebrochenen Finger wären, denn auch der fällt unter die Kategorie „Ruhig bleiben, das geht vorüber“.

Flirten kann auch schief gehen, wir brauchen uns deshalb nicht vor der Situation des Flirtens behüten. Eine heiße Liebesnacht kann auch mal mit Müdigkeit und „unrundem Laufen“ am Folgetag enden, trotzdem brauchen wir uns nicht vor der heißen Liebesnacht behüten. Klare Kante zeigen kann auch mal anecken, wir brauchen uns deshalb nicht davor behüten, auch mal klare Kante zu zeigen. Jede zwischenmenschliche Situation kann ein gekrümmtes Haar oder ein beleidigtes Gegenüber hinterlassen, wir brauchen uns deshalb nicht vor zwischenmenschlichen Situationen behüten. In unserer westlichen Welt aus Luxus und Sicherheit, in der wir selbst noch das Frühstück in die beheizte Wohnung bestellen können, ist es vielmehr die Resilienz, die wir behüten sollten. Behüten heißt erhalten – und die Resilienz erhalten wir durch Training. Die Angst steht dem Training entgegen, sie hält uns davon ab, kleine Wehwehchen in Kauf zu nehmen. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber und kleine Wehwehchen sind gesund – insofern sie nicht bewusst gesucht oder als an-sich-gut propagiert werden (hier soll es um die Folgen gehen). Erfreust Du Dich daran, mit Beulen, Ohrfeigen und blauen Flecken locker umgehen zu können, so wird Dir auch der gebrochene Finger keine allzu großen Sorgen machen. Und wenn das Schicksal mal wirklich schlimm um die Ecke kommt – was passieren wird – dann bist Du darauf vorbereitet.

Hart oder Stark?

Wer hart ist, hat eine Mauer um sein Inneres gebaut. Eine harte Wand, die nichts durchdringt. Wirklich nichts? Falsch! Der Boden, auf dem eine jede innere Mauer steht, ist weich und durchlässig – es sind die ausgewiesener Maßen harten Charaktere, die nur weinen, wenn sie alleine sind.³ Eine Mauer ist immer auch ein Gefängnis. Stärke hingegen bedeutet Offenheit: Ich lasse die Dinge, die auf mich einprasseln, in mein Seelenleben hinein. Wer stark ist, kann mit den Schwierigkeiten des Seins gut umgehen, indem er sie in sein Leben integriert. Nicht umsonst sagt man: „Stark ist, wer Schwäche zeigt.“ Denn Schwächen haben wir alle – die Frage ist: Sind wir stark genug, mit ihnen umzugehen?

Um noch einmal auf die Verfettung einzugehen, die auch metaphorisch für eine Verfettung des „psychischen Körpers“ stehen kann, hier eine wunderbare (preisgekrönte!) Folge aus der Serie „Southpark“, die einem hier und da durchaus etwas abverlangt. Verlange auch Du Dir hin und wieder etwas ab. Um es mit „Southpark“ zu sagen: Nur so gelangst Du an Das Schwert der Tausend Wahrheiten.

Ganze Folge hier kostenlos ansehen: http://www.southpark.de/alle-episoden/s10e08-make-love-not-warcraft

 

¹) Eine einfache Ohrfeige ist nicht mehr als ein körperlich fühlbares Stoppschild. Schön ist es nicht, auch nicht empfehlenswert, viel zu oft auch niederträchtig. Doch das sollte man abkönnen.

²) Streng genommen bedeutet die Resilienz die Fähigkeit, negativen Input möglichst schadfrei zu verarbeiten. Widerstandskraft heißt ja, dass ich etwas überstehe, bis es vorbei ist. Die Verarbeitung kommt hinterher, also die eigentliche Resilienz: Wie gehe ich hinterher damit um, was ich erlebt habe? Resilienz hat also durchaus einiges mit erlernbaren Verarbeitungs-Taktiken zu tun. Für unsere Betrachtung über das Behüten ist diese Unterscheidung jedoch vernachlässigbar.

³) Ich erinnere mich an einen Abend, als ein harter Harley-Fahrer anno 1999 in meinen damals noch sehr jungen Armen lag und geweint hat, wie ein kleines Kind. Seine Frau hatte ihn verlassen und die harten Jungs an der Theke der MC-Vereinskneipe waren ihm wohl keine große Hilfe gewesen. Da war der harte Mann ganz weich geworden – und siehe da, es ging ihm anschließend viel besser. Dass ich mich mit der Gang dann anderweitig überworfen habe, ist eine andere Geschichte…

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Der innere Kritiker ist zu zweit!


Wie er nervt! „Das schaffst Du nicht!“ sagt er. Und: „Du Wurst! Du wertloses Subjekt!“ Wie sehr er einen dabei aufhalten kann, das eigene Leben auszuschöpfen! Und wir glauben, wir kennen den Feind, der in allen Dingen nur das Schlechte sieht. Wir nennen ihn den inneren Kritiker. Und übersehen dabei einen wichtigen Faktor. Der innere Kritiker ist zu zweit!

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So unangenehm diese zwei Typen auch sein mögen, ihre Existenz hat durchaus Sinn. So halten sie uns von Dummheiten ab, die sehr schnell ins Auge gehen können. Willst Du die Eiger Nordwand in Flip-Flops besteigen, dann sagen sie: „Das schaffst du nicht!“ Und sie behalten recht – lebensrettend! Es ist ihre Funktion, uns vor Schaden zu bewahren. Doch in einer die Physis und Instinkte unterfordernden Welt, in der die höchste Hürde der morgendliche Wecker ist, da suden die Kritiker im eigenen Saft. Letztlich wollen sie ihren Zweck erfüllen und erzeugen Ängste, die nur wenig Sinn machen. Die Kritik wird zum Selbstzweck. Und sie kommt im Zwillingsmodell.

Der Betrachtungsweise von zwei statt einem inneren Kritiker liegt dessen Funktionsweise zugrunde. Es ist fachlich korrekt, von „dem inneren Kritiker“ zu reden, also von einer einzigen Figur. Und doch ist es für ein besseres Verständnis – und damit für einen besseren Umgang damit – sehr hilfreich, den inneren Kritiker in zwei Teile zu schneiden. Die Behauptung der „zwei inneren Kritiker“ ist also eine theoretische Sicht auf einen ganz realen Nervsack.

1.) Der bewusste Kritiker

Der bewusste Kritiker arbeitet im rationalen Denken. Übertreibt er es, ließe sich auch von pseudo-rationalem Denken reden. Er findet Argumente (oder Scheinargumente), um Dich von einer Gefahr (oder scheinbaren Gefahr) abzuhalten. Er spricht mit Dir, er tobt sich im Bewusstsein aus. Gerade die störenden Meldungen des Kritikers sind letztlich meist auf Sand gebaut, zum Beispiel der Gedanke: „Steig nicht in das Flugzeug! Wie unsicher es schon aussieht, es wird sicherlich abstürzen!“ Dieser Gedanke konzentriert sich nämlich gar nicht auf das Flugzeug, auch wenn er so tut. Er konzentriert sich auf das Abstürzen. Ist das Flugzeug nicht wirklich eine vermaledeite Klapperkiste (was nur selten vorkommt), so fällt das Argument des Kritikers damit, dass man sich das Flugzeug tatsächlich anschaut: Wo ist die lockere Schraube? Nirgends! An welcher Stelle ist der Flügel kaputt? An keiner! Fliegen ist besonders gefährlich? Natürlich nicht! Lerne also Argumente von Scheinargumenten zu unterscheiden.

Um eine Hemmung oder Angst wirklich in den Griff zu bekommen, sollten wir allerdings beide Kritiker bekämpfen. Das Flugzeug-Beispiel mag dafür sehr anschaulich sein: Argumente beruhigen zwar, aber sie lösen die Angst letztlich nicht auf. Auch eine Zange zieht deshalb den Zahn, weil sie von beiden Seiten greift – eine psychische Zange greift idealer Weise von der Ratio und vom Gefühl her. Deshalb heißt sie Zange.

2.) Der unbewusste Kritiker

Man könnte ihn auch den „instinktiven Kritiker“ nennen. Ich möchte nun die Hypnose als anschauliches Beispiel für die Trennung des bewussten vom unbewussten Kritiker hernehmen. Ein Zitat aus Wikipedia dient dabei als Steilvorlage: „Die Trance kann nach Belieben vertieft werden, wenn der Proband keine unbewussten Widerstände gegen eine Vertiefung […] leistet. Meistens analog dazu nimmt die Kritikfähigkeit des Bewusstseins ab.“ Das heißt: Je tiefer eine hypnotische Trance, desto geringer ist die bewusste/rationale Bewertung äußerer Eindrücke. Zum Beispiel die Suggestion „Du bist so schwer wie ein Stein, der in einem riesigen Federkissen versinkt“ würde vom bewussten Kritiker als falsch abgelehnt werden: „Ich bin kein Stein und hier liegt nirgends ein Federkissen.“ Das Unbewusste spricht aber eine andere Sprache, es fühlt hinter die Worte und findet darin das, was sie über ihren eigentlichen Fakt (Stein, Kissen) hinaus bedeuten können. (Eine Funktionsweise übrigens, ohne die wir keinen Kinofilm genießen würden.)¹ Wäre die Suggestion aber folgende: „Ich werde dich nun unsittlich berühren,“ dann würde der unbewusste Kritiker mit einem starken Gefühl der Ablehnung reagieren. In der Hypnose heißt das: Die Trance wäre gebrochen, der Hypnotisand plötzlich wach und zur Selbstverteidigung bereit – ohne jemals rational darüber nachgedacht zu haben. In diesem Fall eine gesunde Reaktion. In ungesunder Weise äußert sich der unbewusste Kritiker oftmals in Form von Hemmungen – wer mit Hypnose erfahren ist, kennt es sehr gut. (Eine der weit verbreitesten Hemmungen ist die Scheu davor, in sich selbst zu blicken.)² Doch auch hier liegt die Lösung im Problem: Die eigenen Gefühle zu verstehen und die eigene Charakterstruktur zu erkennen sind zwei wichtige Grundlagen, um die guten, sinnvollen Gefühle auszuleben und die unguten, unsinnigen Gefühle stetig und erfolgreich aufzulösen. Auch jene, die der unbewusste Kritiker bringt.

Für beide Kritiker gilt übrigens: Sind sie gesund, verhindern sie Gefahr, sind sie zu wenig ausgelastet, so machen sie unschöne Sperenzchen. Ganz ähnlich dem Kapitalismus: Hat er keine Kunden mehr, so schafft er eine künstliche Nachfrage. Auf Teufel komm raus! Wer nun wirklich heraus kommt – das liegt ganz in Deiner Hirnfunktion.

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¹) Unser bewusster Kritiker weiß ganz genau, dass Schauspieler und künstliche Filmsets am Werke sind. Der Kampf, die Liebe sind nicht echt. Und trotzdem berühren sie uns. Wir schalten im Kino den bewussten Kritiker aus. Der unbewusste Kritiker ist dabei – der Hypnose ganz ähnlich – besonders wach: Jede (gespielte) Emotion erreicht uns direkt und sehr intensiv. Man möchte gar soweit gehen und behaupten, dass ein künstlicher Obdachloser im Film, mit dramatischer Musik unterlegt, unserem Herzen näher ist, als der echte Bettler draußen auf der Straße.

²) Einige Hypnotiseure geben dann dem Klienten die Schuld: „Wenn er nicht will, dann kann ich auch nichts machen!“ Doch kann man wirklich von einem Klienten, der freiwillig Geld bezahlt hat, behaupten, dass er nicht will? Ganz im Gegenteil: Er will, er weiß nur nicht wie. Und da – sei es Hyponse, Coaching, Therapie – liegt es in der Verantwortung des Coaches oder Therapeuten, dem Klienten den Weg zu zeigen, die unbewussten (!) Hemmungen zu überwinden. Dies ist ein elementarer Bestandteil des sog. Rapports.

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Die Lehre der Leere


Oft hört und liest man, meist auf den einschlägigen Seiten in dieser lustigen Welt namens „Internet“, vom göttlichen Zustand absoluter Leere. Wie jede Betrachtungsweise auf drei Seiten, muss auch die nun folgende mit einfachen Strickmustern vorlieb nehmen. Nimm es also als Denkanstoß, nicht als die detaillierte Darstellung meiner Meinung zum Thema Innerer… ja was nun eigentlich?

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„Befreie Dich von Dir selbst und du wirst im Nichts aufgehen, in der göttlichen Leere.“ So und so ähnlich habe ich es oft gelesen, meist mit hochtrabenden Querverweisen zur asiatischen Religionskultur garniert. Aber ist es wirklich die Innere Leere, von welcher uns der alte, ungefragt zitierte Zen-Buddhist erzählen will? Überhaupt, auch der Übersetzungsfehler – ob mit Absicht oder aus Versehen – begegnet uns hier wie überall. Ein Beispiel für einen Übersetzungs… ähh… Interpretationsfehler findet sich im Tantra. Tantra bedeutet „Fünf“ und wird in der westlichen Auslegung gerne als Synonym für „hypnotischen Sex“ gebraucht. Zugegeben, die ursprüngliche Lehre des Tantra ist beileibe nicht so lustfeindlich wie z.B. das katholische Christentum. Trotzdem ist die westliche Vorstellung Tantra=Sexvariante ziemlich daneben.

Neben solcherlei Fallgruben sollte nicht vergessen werden, dass die Grundhaltung des alten asiatischen Philosophen mit der Grundhaltung des Westens kaum zu vereinbaren ist. Um es mit Teitaro Suzuki zu sagen: „Demnach ist der westliche Geist analytisch, unterscheidend, differenzierend, induktiv, individualistisch, intellektuell, objektiv, wissenschaftlich, verallgemeinernd, begrifflich, schematisch, am Recht hängend […], anderen seinen Willen aufzwingend, usw. Die Wesenszüge des Ostens können dagegen folgendermaßen charakterisiert werden: synthetisch, zusammenfassend, integrierend, nicht unterscheidend, deduktiv, unsystematisch, dogmatisch, intuitiv […] und sozial kollektivistisch.“ Sehr deutlich macht er es an einem Beispiel, in dem er zwei Dichter vergleicht, die eine Blüte finden: Matsuo Bashō (1644-1694) betrachtet die Blüte in seinem Haiku aus der (für die Blüte!) sicheren Entfernung. Er nimmt sie wahr, lässt sie aber sein, was sie sein möchte. Kein Drang zum Bewerten und Analysieren will sich hier einschleichen. Ganz anders der westliche Dichter Baron Tennyson (1809-1892). Er reißt die Blume „mitsamt den Wurzeln“ aus der Mauerritze und sucht in ihr eine Antwort, die sich egoistisch um seinen eigenen Wissensdurst dreht. Einen tief verwurzelten Wissensdurst nämlich – die Frage nach dem „göttlichen Alles“:

"Blume in der geborstenen Mauer,
Ich pflücke dich aus den Mauerritzen,
Mitsamt den Wurzeln halte ich dich in der Hand,
Kleine Blume - doch wenn ich verstehen könnte,
Was Du mitsamt den Wurzeln und alles in allem bist,
Wüßte ich, was Gott und Mensch ist."

Tja, wie es der Blume damit geht, scheint Tennyson egal. Sie ist für ihn ein Werkzeug, das benutzt und dann beiseite gelegt wird. Mutmaßlich zu Boden geworfen. Vielleicht auch an die Wand gepinnt, direkt zwischen Löwenkopf und Elefantenzahn. Anders klingt die Situation bei Bashō, als er die Blüte einer Nazuna entdeckt:

"Wenn ich aufmerksam schaue,
Seh ich die Nazuna
an der Hecke blühen!"

In seinem Aufsatz über Ost und West aus dem Jahre 1957 (veröffentlicht von Erich Fromm) geht Teitaro Suzuki weiter darauf ein und vertieft seine Analyse. Da wir jedoch von unserem Thema zu weit abkommen würden, lasse ich diese eklatanten Unterschiede zwischen östlichem und westlichem Denken, Wahrnehmen und Empfinden so stehen. Einzig die dreiste Frage sei erlaubt: Ist es wirklich glaubhaft, dass manch geistloser Neo-Schamane aus Bielefeld die Jahrtausende alten Unterschiede im Geist zweier Himmelsrichtungen in ihrer wahren Dimension und Wirklichkeit auch nur ansatzweise zu verstehen vermag? Ich denke, ich selbst kratze nicht mehr als an der Oberfläche.

Zurück zur Leere des Geistes. Meine bisherigen Studien und Erfahrungen führen mich zu einem sehr einfach zu beschreibenden Mißverständnis. Lege ich alles ab, was mich ausmacht, erreiche also die im Westen oftmals als östliche Weisheit postulierte Innere Leere, dann bleibt nichts mehr von mir übrig. Kein Gefühl, kein Charakter, keine Ideen – kein Leben. Ich bin leer, die Hülle eines Menschen. Und ist das nicht der Zustand, den wir als „ausgebrannt“ bezeichnen? Diese sogenannte „göttliche Leere“ scheint ein gar teuflischer Zustand zu sein: Ein Burnout, eine tiefe Depression, das Gefühl der absoluten Sinnlosigkeit des Seins. Und dies eben mit umgekehrtem Vorzeichen idealisiert. So, wie es übrigens viele leere Geister (oder Seelen) tun, die sich in der emotionalen Sackgasse befinden. Sie erklären diese Sackgasse zum Märchenschloss – als Paradebeispiel im öffentlichen Raum scheint mir eine gewisse Alice Weidel genau auf dieser dunklen Welle zu reiten. So weit, so klar.

Nun will ich mit Frank Herbert einen absoluten Kenner östlicher Denkweisen sprechen lassen. Er beschreibt eine Krisis, die zu eben jenem Zustand führt, den man sicherlich auch mit der „göttlichen Leere“ beschreiben könnte. Und diese Beschreibung wäre dann so einleuchtend wie fehlerhaft:

"Ich darf mich nicht fürchten.
Die Furcht tötet das Bewußtsein.
Die Furcht führt zu völliger Zerstörung.
Ich werde ihr ins Gesicht sehen.
Sie soll mich völlig durchdringen.
Und wenn sie von mir gegangen ist, wird nichts zurückbleiben.
Nichts außer mir."
(Frank Herbert, Litanei gegen die Furcht)

Wo ist nun der gravierende Unterschied zwischen Herberts Litanei und der Lehre der Leere finden? Sehr einfach, in den letzten drei Worten. Denn hier bleibt sehr viel übrig. Du selbst, gelöst von äußeren (!) Belastungen und Ablenkungen: „Nichts außer mir.“ Herbert erreicht also einen Zustand gesündester Fülle, von Innerer Leere ist hier keine Spur zu sehen. Was sein Protagonist aber auf jeden Fall erreicht – was sich auch auf seinem Weg dorthin mit der Initiations-Krisis des Weisen (Schamane, Prophet, Anführer, etc.) deckt – ist die Innere Ruhe. Hier bleibt sehr viel übrig, nämlich die nackte, reine Seele, in der es sich in absoluter Ruhe versenken lässt. Worin soll ich mich auch beim Blick nach Innen versenken, wenn nicht in mir selbst? In einer absoluten Leere ist es sich schlecht zu versenken, da ist es nur einsam und kalt. Und da selbst ein blindes Huhn gelegentlich ein nützliches Körnchen findet, will ich an dieser Stelle ein Spruch aus dem Christentum zitieren: „Gott ist in Dir.“ Man kann es umgekehrt also beschreiben als: Ist nichts in Dir, dann ist da auch keine Göttlichkeit. Denn Göttlichkeit, auch im übertragenen Sinne, ist an Dinge, Gedanken, Wesen und Ideen geheftet. Zum Beispiel an die Blüte einer Nazuna.

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Herberts Protagonist stellt sich seinem Problem, der Furcht; „Ich werde ihr ins Gesicht sehen. Sie soll mich völlig durchdringen.“ Und das macht Sinn, denn sie ist ein Teil des Menschen, der nicht fortgeschoben werden soll. Die Furcht wird transformiert, zurück bleibt ein gestärkter Charakter. Aus Furcht wurde Kraft, wie aus der Raupe ein Schmetterling. Die Lehren Innerer Leere scheinen mir dagegen viel zu oft Techniken zu verwenden, die das Problem nicht lösen, sondern es ganz im Gegenteil unsichtbar machen. Zudeckende Techniken. Gibt es nichts mehr, gibt es auch kein Problem. Wozu meine Großmutter gesagt hat: „Unter den Teppich kehren.“ Da dieser Faktor aber einen weiteren Aufsatz wert wäre, will ich ihn nun als lose Reisnudel vom Rand der hölzernen Schüssel hängen lassen. Du darfst Dich gerne bedienen, der Nudel an sich und – frei nach Kant – Deinem eigenen Verstand.

Suchst Du die Innere Leere, so wirst Du Dich selbst auf Deinem Weg verlieren. Das Ziel Deiner Reise sollst Du selbst sein. Dort findest Du die wahre Göttlichkeit: die Innere Ruhe. Oder, um es mit Bashō zu sagen: „Tritt nicht in die Fußstapfen der alten Meister, sondern suche, was sie suchten.“ Das Nichts aber war schon immer böse…

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