Metaphern, die grimmsche Hexe und die Abnabelung vom Elternhaus


„Meine Liebste, ich kann Dir in Worten nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, Dich wiederzusehen! Es fühlt sich an, als würden Gravitation und Magnetismus gemeinsame Sache machen, als rasten unsere Körper unaufhaltsam aufeinader zu, so sehr zieht es mich zu Dir!“ (eine Metapher)

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Der Duden beschreibt die Metapher als ein „(besonders als Stilmittel gebrauchter) sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort (eine Wortgruppe) aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen wird, ohne dass ein direkter Vergleich die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem verdeutlicht“. Sie hat den Zweck, einen Sachverhalt zu verdeutlichen, der auf direktem sprachlichen Wege nicht ausgedrückt werden kann. Es gibt für viele Dinge keine Worte, und hauptsächlich den irrationalen Aspekten des Seins (die viel wichtiger und weiter verbreitet sind, als wir es uns eingestehen wollen) fehlt es an konkreten Worten. Das Wort Liebe ist hier ein schönes Beispiel, denn es ist eine so oberflächlich verallgemeinernde Bezeichnung für ein sehr facettenreiches Gefühl. Von Selbstliebe über Geschwisterliebe und erotische Liebe bis hin zur Liebe als Haltung ist durch das einzelne Wort Liebe nicht klar, was eigentlich gemeint ist. Hier hilft uns die Metapher, denn sie präzisiert ohne sich an den Strohhalm des „technischen“ Vergleichs zu klammern.

Wer in seinem Realitäts-Bewusstsein nun glaubt, nur die faktischen und fassbaren Dinge entsprechen der Realität, verschließt sich – metaphorisch gesprochen – dem Ozean, auf dem sein rationales Schiffchen schwimmt. Erkennbar sind solch eingeschränkte Denkmuster an einer sehr faktischen Sprache, die keine „schwammigen“ Unklarheiten zulässt – egal, wie schwammig die Aussagen auch sein mögen. Das Irrationale wird als kindisch abgetan. Frage ich eine solche Person nun nach dem Grund dafür, warum sie ihren Partner geheiratet hat (und nicht irgend einen anderen), dann drängen schon die ersten Erklärungsnöte an die Oberfläche. Die Metapher könnte helfen, doch setzt sie in vielen Fällen einen (bewussten oder instinktiven) Zugang zum Unbewussten voraus.

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Ein sehr anschauliches Beispiel für eine Metapher und ihre möglichen Hintergründe – wenn auch nicht in sprachlicher Form – ist die Hexe bei „Hänsel & Gretel“. Sie ist beileibe nicht nur der Endgegner, wie in der gesamte Märchensprache steht hier weitaus mehr dahinter:

„Hänsel & Gretel“ ist ein Märchen – und damit per Definition eine metaphorische Lehrgeschichte. Es geht in diesem berühmtesten aller Märchen um die Ablösung der Kinder vom Elternhaus, und zwar die erste größere Abnabelung des Kindes nach der Bewusstwerdung des eigenen Ichs. Das Kind möchte nun selbst über sich bestimmen, will bei Freunden übernachten und gelegentlich auch seine Ruhe im Kinderzimmer haben. Die Hexe erfüllt bei dieser Abnabelung eine elementare Funktion: Sie stellt eine böse, ablehnenswerte Version der Mutter dar. Viele Eltern bzw. Mütter kennen die Phase, in der sie vom eigenen Kind als „Hexe“ beschimpft werden, wenn die Mutter etwas gegen den Willen des Kindes durchsetzen möchte: „Die Kohlsuppe, die ess ich nicht, du blöde Hexe!“ Der Schrecken ist groß, so eine garstige Ablehnung ist die Mutter nicht gewohnt. In die gleiche Lebensphase fallen übrigens auch aufkommende Träume von Hexen: Die Mutter als Hexe, die Tante als Hexe (die ja der Mutter sehr nahe steht) und ähnliches. Träume, die nach dieser Phase übrigens selten erinnert werden, sind trotzdem gut erforscht und statistisch erwiesen. Heutzutage wird die Hexe langsam aber sicher von anderen Schreckensbildern abgelöst, was (natürlich) auf die Medien zurückzuführen ist. Die Funktion aber bleibt gleich.

Die Hexe in unserem Volksmärchen hat ebendiese Funktion. Ganz metaphorisch drückt sie etwas aus, was in sachlicher Art und Weise nur schwer ausgedrückt werden kann. Denn obwohl sich das Kind (ein Stück weit) abnabeln muss und möchte, will es ja die Liebe seiner Mutter nicht verlieren. Wir erinnern uns an das Märchen: Die Hexe hält Hänsel und Gretel gefangen, metaphorisch gesehen hält sie die beiden Kinder sehr fest an sich, so dass sich diese nicht mehr frei bewegen können. Und genau das ist der nötige Entwicklungsschritt – mit dem die berüchtigten Helikoptereltern nicht zurande kommen: Das Kind erkämpft sich seine Freiheit „gegen“ das Klammern. Wohlgemerkt, gegen das eigene Klammern, welches als Haltung der Mutter (oder den Eltern) gegenüber abgelegt wird. Die grimmsche Hexe als Metapher lehnt also nicht das Elternhaus an sich ab, sondern die Unfreiheit des Klammerns daran, welche bis dato gut und nützlich war.

Nicht jede Metapher kommt so tiefenpsychologisch daher. Und doch fischt die Kunst der Metapher ganz grundsätzlich im Unsagbaren. Und so, wie man eine Hexe an ihrem Gewicht erkennt (s.u.), so erkennt man den Politiker daran, dass das Unsagbare für ihn nicht exisitert. Schade eigentlich, aber achte mal darauf: Vergleiche zieht die Politik sehr gerne, doch Metaphern sind dort kaum zu finden. Aber wie auch, wenn man keinen Zugang zur Welt des Unbewussten hat!? Nicht zuletzt: Zu sich selbst.

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Werte die Anderen, werte nicht Dich selbst!


Du wertest Menschen, ich werte Menschen, Klaus-Dieter von der Stadtreinigung wertet Menschen. „Gunther ist mein Freund!“ stellt eine Bewertung dar, die uns nicht weiter (ver)stört. Auch nicht stören sollte. Obwohl das Werten unserer Mitmenschen eine überlebenswichtige Selektivität darstellt, tun wir uns mit diesem Thema sehr schwer. Und: Wir blicken beim Werten des Wertens meist in die falsche Richtung.

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Rassismus ist eine sehr grobe (und sehr dumme) Variante, seine Mitmenschen in Gut und Schlecht zu unterteilen. Der Sexismus steht dem in seiner Idiotie in nichts nach – vielleicht mit dem einzigen Unterschied, dass der Sexismus noch keine KZs hervor gebracht hat. Massenmorde allerdings schon, man denke dabei nur an die Zeit der Hexenverbrennungen. Heute sind die meisten Menschen einen Schritt weiter, denn sie werten ihre Mitmenschen nicht mehr nach solch stumpfen Kategorien. Es wird soft gewertet: Mein bester Freund, meine liebste Kollegin, der witzigste Comedian und die allerbeste Mami von der ganzen Welt. Wir brauchen diese soften Sortierungen, sonst wissen wir ja nicht, an wen wir uns in Krisenzeiten wenden sollen (die gute Freundin oder den schlechten Bekannten).

Nun gibt es mehrere Gründe, warum wir werten. Der eine ist die eben schon erwähnte, sinnvolle Sortierung unserer (sozialen) Umwelt. Der zweite, weitaus dramatischere Grund ist der, dass wir uns durch das Werten besser fühlen können. Der König wertet sich als König, in den krassen Fällen fühlt er sich den Göttern näher als den Menschen, und wertet sein Volk als unter ihm. Und manch bürgerlicher Angestellter wertet auch heute noch den stinkenden Obdachlosen (der stinkt, weil er keine Dusche hat) als weniger fähig als sich selbst – oftmals versteckt sich dahinter eine sanfte Form, wie sie in Rassismus und Sexismus eben deftiger auftritt: Weniger fähig = weniger wert. Dass der arme Kerl vielleicht einfach nur Pech gehabt hat, geht dem Drüberstehenden nur schwer in den Sinn.

Nun ist es sicherlich nicht gut und dem Glück und Erfolg der Menschheit eher abträglich, mit dem Blick nach außen die Menschen um sich herum herab zu werten (oder herauf, im Falle eines bewunderten Superstars). Trotzdem sehe ich hier nicht den Kern des Übels. Dass mir ein Mitmensch weniger wert vorkommt, das führt doch meist dazu, dass ich mich nicht für ihn interessiere. Schön ist das nicht, der Schaden bleibt aber in der Regel eher gering. Ich würde gar etwas flapsig behaupten:

Hört nicht damit auf, die anderen zu werten. Hört damit auf, Euch selbst zu werten!

Wer grün wählt ist der bessere Mensch. Natürlich nicht – und doch fühlen sich viele Menschen genau so: Sie achten auf die Natur, auf das Gegenüber, auf die Ernährung und auf die Intellektualität ihrer Freizeitgestaltung. Andere wiederum zeigen anhand dicker Karren und noch dickerer Geldbeutel nicht nur dem Umfeld, sondern gerade sich selbst, wie wertvoll sie sind. Auch Macht, Status und Ansehen sollen in dieser Aufzählung nicht vergessen werden. Die Menschen erhöhen sich damit – ganz unabhängig von ihrem Umfeld. Sie werten sich selbst anhand der Dinge („Ich bin reich!“) oder anhand ihrer sozialen Nützlichkeit („Ich bin Feminsit!“) und so weiter. Sie vergessen dabei, dass ihr Blick oftmals sehr egoistisch ist, dass die schöne Fassade nicht viel mehr darstellt als ein Schild, auf dem steht, wie unermesslich großartig sie eigentlich sind. Andere Menschen ideell zu erniedrigen ist eben das eine, doch sich selbst ideell zu erhöhen ist das größere Schwein im Sozialgefüge. Und der Wettbewerb ist groß, denn es kaufen viele großartige Weltenretter ihre importierten Lebensmittel im Biomarkt.

Achtung Missverständnis!

Selbstverständlich ist es wichtig, gut und richtig, auf die Natur zu achten, auf die Mitmenschen und all das, was uns sonst noch umgibt. Ich will hier sicherlich niemanden davon abhalten, grün zu wählen (von den – Achtung: Wertung! – Affenköpfen der AfD möchte ich Dich schon viel lieber abhalten) und auch sicherlich den Feminismus nicht beleidigen. Der ist nämlich gut, insofern es dabei um die Sache geht: Die Gleichberechtigung. Doch der Zweck von Menschlichkeit und Naturschutz ist eben die Menschlichkeit und der Naturschutz. Und der Zweck eines Autos ist die Fortbewegung. Das Ego steht da nur im Weg. Und hey, falls Du Dich angesprochen fühlst: Ein Skype-Kurs über Achtsamkeit und das Nachplappern der großen Meister hat noch niemanden vor sich selbst gerettet.

Willst Du reifen, Dein eigenes Ego überwinden, dann musst Du Dich strecken. Mit dem Kopf in den Sternen zu schweben ist ebenso leicht, wie mit den Füßen auf dem Boden zu stehen. Doch wer mit den Füßen auf dem Boden steht und zeitgleich mit dem Kopf in den Sternen schwebt, der kommt um Wachstumsschmerzen nicht herum. Oder, wie es ein alter Meister gesagt hat: „Der Weg zur Erleuchtung führt über die Streckbank.“

 

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Die Einfachheit der Dinge


Das Leben ist kompliziert, die Quantenphysik ist kompliziert, die Sicherheitseinstellungen bei Facebook sind kompliziert. Eigentlich ist alles kompliziert, was uns umgibt. Ja, sogar wir selbst sind kompliziert – oder zumindest alle anderen. Da sage ich ganz laut und deutlich: „Mooooo-ment mal!“

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Man muss nicht jedes Haar spalten, dass man im Biberfell findet. Doch es lohnt sich, wenn durch die zerteilende Betrachtungsweise ein Mehrwert entsteht. Und ich meine, dieses Haar zu spalten ist von Vorteil: Die Komplexität der Dinge.

Würden wir einen Experten der Raumfahrt fragen, ob es einfach ist, einen Satelliten von der Erde in seine Umlaufbahn zu bringen, seine Antwort wäre: „Oh nein, das ist sehr kompliziert.“ Und wer will ihm dabei widersprechen – es ist ja wirklich ein immenser Aufwand dazu nötig, das Stück blinkende Metall dort hin zu schaffen, wo es uns umkreisen soll. Ich würde es trotzdem nicht als „eine komplizierte Sache“ bezeichnen, sondern als eine unüberschaubare Anzahl sehr einfacher Einzelteile. Und das geht so:

  • Der Satellit soll um die Erde kreisen, also ein sehr einfacher Fakt. Immer im Kreis, immer in der selben Geschwindigkeit. Ob er dabei geostationär ist oder nicht, ist nicht weiter relevant: Beides ist eine feste Bahn in einer festen Geschwindigkeit – also eine sehr einfache Sache.
  • Man muss den Satelliten also nur mit der richtigen Geschwindigkeit in die richtige Richtung schießen – schon kreist er so wie er soll. Auch eine eher unterkomlpexe Angelegenheit.
  • Zu beachten sind dabei vier Hauptaspekte (sofern mein Ich als Raumfahrtexperte korrekt aus seinen Kindheitserinnerungen schöpft): 1. Die Gravitation. 2. Das Gewicht des Satelliten (bzw. der gesamten Rakete). 3. Der Luftwiderstand. 4. Die Erdrotation. Das sind also schon vier Sachen, die an sich ebenfalls sehr einfach sind. Aber es ist eben nicht mehr eine Sache, sondern es sind vier. Es wird also ein bisschen komplizierter.
  • Betrachten wir nun den Luftwiderstand. Auch der unterteilt sich in ein paar sehr einfache Aspekte: 1. Je schneller die Rakete, desto größer der Gegendruck. 2. Je schneller die Rakete, desto höher die Reibungswärme. 3. Je höher die Rakete, desto geringer der Gegendruck. 4. Je höher die Rakete, desto Geringer die Reibungswärme. 5. Je geringer der Gegendruck, desto schneller die Rakete. Wir sehen also: Es sind wieder mehrere einfache Dinge, die sich zu allem Überfluss auch noch gegenseitig beeinflussen. Es wird also trotz der Einfacheit im Einzelnen immer komplizierter.
  • Auch die Gravitation können wir unterteilen, das Gewicht der Rakete und die Erdrotation ebenfalls. All diese Unterteilungen lassen sich wieder unterteilen – so ist der Luftwiderstand auch von der Form und dem Material der Rakete abhängig. Langsam aber sicher kommen wir so an einen Punkt, an dem wir den Überblick verlieren: Je höher die Rakete steigt, desto stärker kommt die Erdrotation (bzw. die von ihr abhängige Krümmung der Raketenbahn) zur Geltung, desto geringer werden Reibungswärme, Luftwiderstand und Gewicht der Rakete (Treibstoffverlust, Absprengen einzelner Komponenten, …)
  • Eieieieiei… das ist schon wirklich eine komplizierte Sache, einen Satelliten in die Umlaufbahn zu schicken. Und je genauer wir hinsehen, desto schlimmer wird es.

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Jetzt hab ich die Messer gewetzt, jetzt wird das Haar gespalten:

(Nahezu oder vollständig) alles in unserem Universum – von der Liebe bis zur Atomphysik – ist aus einfachen Elementen zusammengesetzt. Das Atom besteht aus nicht mehr als drei Teilchen (Potron, Neutron, Elektron), die Liebe besteht aus Zuwendung und Anziehung… und es wird erst dann kompliziert, wenn sehr viele dieser einfachen Dinge aufeinander treffen. Beim Start eines Satelliten wirken Millionen, vielleicht sogar Milliarden einfacher Dinge aufeinander ein. Kreuz und quer, die Übersicht ist für einen Menschen nicht zu halten – es braucht Teams und Abteilungen. Aber eben nicht, um das eine komplizierte Ding zu verstehen, sondern um den Zusammenhang dieser unzähligen Einfachheiten zu überblicken.

Aber warum diese Haarspalterei, welcher Vorteil lässt sich daraus ziehen? Es dient dem Durchblick und damit dem Erfolg und nicht zuletzt dem Lebensglück, diese komplexen Wirrnisse in ihre unkomplexen Einzelteile zerlegen zu können. Sie werden wieder fassbar, verständlich und wir bekommen daher die Möglichkeit zurück, die Lage zu verstehen und gezielt auf sie einzuwirken. Wie die NASA auf den Satelliten einwirkt – von der Produktion bis zur Umlaufbahn. Es ist also gar nicht kompliziert, es ist nur ein kaum überschaubares Netz an Einfachheiten. Und da würde mir der Experte der Raumfahrt nun doch zustimmen. Und wenn nicht er, dann seine Enkelkinder.

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Wille und religiöse Selbstaufgabe


Eine geistreiche Schönheit hat mir ein Buch empfohlen, das ich bisher nicht gelesen habe. Von mir also noch keine Empfehlung, sondern nur ein Hinweis darauf: Dieses Buch existiert. Nun bin ich seit meiner Jugend sehr interessiert an alt-arabischer Mystik, Kultur und Lebensart, so dass mich jene Buchempfehlung in einem freien Moment dazu bewog, den (dort behandelten) Sufismus etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Genauer heißt: Angefangen mit dem doch eher ungenauen Wikipedia-Artikel.

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Nun ist so ein Wikipedia-Artikel alles andere als ein tiefer, ungetrübter Einblick. Fehler, Vereinfachungen, Verfälschungen und Verwechslungen sind hier bekanntlich gang und gäbe. Und so stieß ich recht schnell auf folgenden Satz:

„Das oberste Ziel der Sufis ist, Gott so nahe zu kommen wie möglich und dabei die eigenen Wünsche zurückzulassen.“

Hier nun wollen wir den Sufismus hinter uns lassen. Denn die erwähnte Ideologie, nach der Vereinigung mit einer Gottheit, dem Universum usw. zu streben, ist in vielen Religionen und Scheinreligionen zu finden. Und oftmals soll der Weg dorthin eben jener sein: Sich selbst aufzugeben, zuerst den eigenen Wille und das eigene Ego. Die ja untrennbar miteinander verbunden sind. Da stellt sich mir schreiend und blinkend die Frage entgegen: Macht dieser Weg eigentlich Sinn?

Und die Antwort ist klar – insofern wir obigen Satz als Wegweiser zu Gott (wer oder was das auch immer sein soll?) betrachten wollen: Nein! Dieser Weg ist sinnfrei. (Im Falle von Wikipedia, liebe Sufis, halte ich ihn für nicht mehr als eine schlechte Übersetzung. Also seht bitte davon ab, mir das Schicksal des ‘Alī ‘Imādu d-Dīn Nasīmī zu wünschen.)

Es ist sehr einfach: Manche Menschen sind gläubig, andere nicht. Manche gläubige Menschen wollen zu Gott, andere nicht. Manch ein Christ will Pabst werden, manch anderer den Teufel beschwören, ein Dritter will nur einfach und zufrieden leben. Wir haben es hier mit verschiedenem Wollen zu tun, so verschieden, wie die Egos der Menschen eben sind. Wenn nun das Ego eines Gläubigen diesen zur „Unio Mystica“ (der Vereinignung mit Gott) führen möchte, dann ist dies sein Wille, gespeist durch sein Ego. Und hier beißt sich die Katze so dolle in den Schwanz, dass ihr Maunzen noch die Ringe des Saturn und die Wülste meiner Geliebten zum Beben bringt:

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Es ist doch sehr einfach: Ist der Wille überwunden, so ist auch der Wille, der postulierten Gottheit zu begegnen, obsolet. Ist selbst das Ego überwunden, so gibt es nichts, was diesen Willen von Neuem erzeugen könnte. (Und hier streifen wir einen sehr interessanten Aspekt: Im Zeitalter der High-Speed-Computer wird an allen Ecken und Enden von der „Künstlichen Intelligenz“ geredet. Im Grunde meint man hierbei: „Künstliches Leben“. Und man versucht, dieses Leben auf der Basis der Rationalität zu erzeugen. Doch was ist der Kern einer lebendigen Handlung? Es ist der Wille: „Ich habe durst, ich will trinken!“ Dies ist keine Ratio, hier steuert ein Gefühl. Dass es unsere irrationalen (!) Gefühle sind (Instinkte, Konditionierung, etc.), die uns zur Handlung treiben, wird so offensichtlich wie regelmäßig vergessen. Es geht also beim Erzeugen von künstlichem Leben nicht darum, eine mathematische Super-Intelligenz zu schaffen. Es bringt auch nichts, sofern diese Super-Intelligenz keinen Willen zur Handlung entwickelt: Sie würde existieren ohne zu agieren. Selbst die Kreativität der Kunst-machenden-Maschinen ist eine Scheinkreativität. Der Wille kommt aus dem Gefühl, aber woher kommt nun das Gefühl? Aber zu diesem Thema ein anderes Mal ein eigener Artikel.) Um obigem Satz nun einen wirklichen Sinn zu geben, möchte ich ihn umschreiben:

„Um Gott so nahe zu kommen wie möglich, ist der unbändige Wille das oberste Gebot.“

Es gibt übrigens eine weitaus „schlauere“ Denkrichtung, die vor allem im fernen Osten zu finden ist (Zen, Buddhismus):

„Entferne Dich von Deinem Ego, löse Dich von der materiellen Welt – so findest Du automatisch zu Gott.“

Wobei auch hier gesagt werden muss, dass das Ego mit der unbeherrschten Macht der Triebe nahezu gleich gesetzt wird – Machthunger, Raffgier, Sexualtrieb und so weiter. Was natürlich eine arge Beschneidung des Egos darstellt (wir verwenden das Ego nicht im freudschen Sinne, sondern als Synonym für das eigene Selbst). Und dass sich „Gott“ oder die „Göttlichkeit“ letzten Endes in uns selbst befindet, das klingt uns sowieso tausendfach in den Ohren. Meine persönliche Erfahrung sagt dazu folgendes:

„Löse Dich von äußeren Abhängigkeiten – so findest Du ganz automatisch zu Dir selbst.“

Auch das ist nur eine Meinung, wie es auf dieser Welt so viele Meinungen wie Egos gibt. Und wer weiß, vielleicht liegt die Wahrheit in einer Muschel verborgen, in einer so tiefen Tiefe des Ozeans, dass sie bisher noch niemand gefunden hat…

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Zitatkritik: „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“


Zitate sind eine schöne Sache, denn meist bringen sie komplexe (oder zumindest interessante) Zusammenhänge leichtfüßig auf den Punkt. Doch nicht jedes Zitat macht Sinn, nur weil es in Anführungszeichen steht. So auch obiges Zitat von Hermann Hesse: „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ Eine kleine Zitatkritik.

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Eine Aussage über Glück und Liebe ist schon etwas anderes, als eine Aussage über den Sinn des Eismanns im Kino. Da hat Hermann Hesse also ordentlich einen rausgehauen – was man aber auch mal so machen kann. Tiefstapeln ist keine Pflicht, vor allem nicht für einen Schriftsteller wie Hesse. Man denke dabei nur an Siddhartha, Hesse konnte liefern. Welche Weisheit oder welchen Unsinn er uns aber mit obigem Zitat geliefert hat, werden wir gleich sehen.

Zuvor ein wichtiger Hinweis: Das Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen. Der Zusammenhang ist mir nicht bekannt, da war ich zu faul zu recherchieren. Zudem ändert es nichts an der Sache: Das Zitat geistert zusammenhanglos durchs Netz, also beziehe ich mich mit meiner Zitatkritik auch ebenso zusammenhanglos auf die reine Aussage. Und nicht auf Hesses eigentliche Einstellung zu Glück und Liebe. Ob „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ diese Einstellung tatsächlich wiederspiegelt ist dabei irrelevant.

„Glück ist Liebe, nichts anderes.“ Das ist seine Aussage. Er begründet sie mit: „Wer lieben kann, ist glücklich.“ Schauen wir uns nun die Begründung an.

Wer lieben kann, ist glücklich.

Ein riesiges Fass ist hier aufgemacht. Ist wirklich jeder Mensch unglücklich, der nicht lieben kann? Also im Umkehrschluss? Und da sagen uns die Psychologie, die Hirnforschung, die Sozialforschung, die Religionen und der eigene Erfahrungsschatz: Ja! So komplex das Thema Liebe ist, so schwer fassbar das Thema Glück, Hesses Begründung trifft den Kern des Pudels. Liebe ist das tiefst mögliche Gefühl von Gemeinschaft: „Wir lieben uns!“ Und da ist es egal, ob ich meine Geliebte meine, die Kinder, die besten Freunde, die Familie oder „nur“ die Theatergruppe, die ich vor zehn Jahren gegründet habe. Liebe ist die tiefste Form des Zusammenseins, sie führt zu den höchst möglichen Glücksgefühlen! Das Gegenteil ist Einsamkeit. Was ich hier felsenfest behaupten kann (tiefe Bindungen erzeugen Glück), wurde übrigens sehr gut erforscht:

Glück ist Liebe, nichts anderes.

Dass wir hier von Glück als Gefühl reden, nicht vom Zufallsglück (Lotto usw.), ist ja klar. So sehr ich Hesses Begründung unterschreiben würde, so kritisch sehe ich allerdings seine Behauptung, dass Liebe und Glück dasselbe seien. Ja, Liebe erzeugt Glück. Wenn sie aber dasselbe sind, dann kann nur die Liebe das Gefühl von Glück erzeugen. Ich gehe nun einmal von mir aus: Wenn ich ein Talent an mir entdeckt habe, dies über einen längeren Zeitraum pflege und somit zu einem guten Ergebnis komme, dann macht mich das glücklich. Würde ich mein Glück nur in der Liebe finden, die ja nicht auf mich, sondern auf andere gerichtet ist …

„Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“ (Konfuzius)

… dann hieße das im Umkehrschluss: Abhängigkeit. Ich finde das Glück nicht in mir. Denn dazu muss ich ja lieben.

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Moment mal: Kommt hier nicht die Selbstliebe ins Spiel? Liebe ich mich selbst – was spricht auch dagegen? – dann ist es durchaus möglich, das Glück in sich selbst zu finden. Oder zumindest: Einen Teil des Glücks, einen sehr wichtigen Teil. Selbstliebe macht unabhängig. Denn wenn mich meine heiß geliebte Partnerin verlässt (für immer, für einen zweiwöchigen Urlaub), dann verlässt mich das Gefühl des Glücklichseins nur dann, wenn ich es mir nicht auch selbst geben kann. Ist es ein Urlaub, aus dem sie wieder kommt, dann wird aus dem elenden Vermissen ein sehr süßes Gefühl…

Ich weiß nicht genau, warum, aber der 90er-Jahre Acid-Track „Amphetamine“ von Drax LTD II aka Thomas P. Heckmann macht mich glücklich. Er ist ein Knopf, der Glücksgefühle ausschüttet. Ich könnte nun sagen: „Ich liebe diesen Track!“ Aber nein, ich liebe ihn nicht. Er erzeugt eine biochemische Wirkung, wie die Glocke beim Pawlowschen Hund den Hund nicht hungrig macht, sondern „nur“ den Speichelfluss erzeugt.

Und hier kommen wir zum Abschluss der Zitatkritik: Sehr einfach gesagt, hat Hesse absolut recht. Doch schauen wir genauer hin, dann sind das Glück und die Liebe zwar eng miteinander verwoben, doch dasselbe sind sie nicht. Es gibt weitaus bessere Zitate zum Thema „Glück & Liebe“, trotzdem erfüllt Hesses Zitat genau das, was ein Zitat erfüllen sollte: Eine vereinfacht dargestellte Erkenntnis.

„Liebe ist eine tolle Krankheit – da müssen immer gleich zwei ins Bett.“ (Robert Lembke)

 

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Die „Liebe“ und ein sprachliches Problem


Wer sehnt sich nicht an manch einsamen Tagen nach einer Stimme, die so sanft wie unumwunden ins hungernde Ohr haucht: „Ich liebe dich!“ Natürlich ist das schön, denn es füttert den uns allen anhaftenden Wunsch nach Bestätigung. Hoppla… Bestätigung? Das ist doch egoistisch motiviert, lässt der Liebe also keinen Raum! Oder doch? Oder vielleicht? Wir werden sehen…

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„Du liebst mich doch?“ ist eine Frage, wie sie durch Myriaden belasteter Beziehungen wabert. Und hilft die Antwort darauf weiter? Wohl kaum, denn sie ist nicht mehr als ein „Ja“ auf die Frage: „Wie groß ist das Schwabenland?“ Ich persönlich liebe mein Kind, ich liebe meine Geschwister, meine Familie, einige gute Freunde – und noch ein paar Menschen mehr. Ich liebe aber auch einen Wintertag im Bett und die Fruchtbarkeit meines Gartens. Nebenbei liebe ich manch guten Techno. Und dumme Witze. Aber liebe ich einen Menschen genauso wie einen guten Flachwitz? Manchmal mehr, manchmal weniger.

Wir Menschen machen es uns immer wieder zu einfach – und daran scheitern wir. Es gibt die „Beziehung“ die man führt, wenn man sich „liebt“. Unsere Gefühle verwalten wir dabei in der grobschlächtigen Art und Weise eines On-Off-Schalters. „Sie liebt mich… sie liebt mich nicht… sie liebt mich… sie liebt mich nicht…“ Zwischen den Blütenblättern des Gänseblümchens der Liebe liegt: Nichts. Was im Grunde jeder weiß, dass die Liebe eine weite Skala hat, wird gerne ignoriert. Und hier kommt wieder die Bestätigung ins Spiel.

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Dem Grundgedanken Erich Fromms folgend, dass die Liebe zuvorderst eine Haltung ist, wird es sehr schwierig, „Liebe“ und „Bestätigung“ unter einen Hut zu bekommen. Bestätigung ist ein egoistisches Geschäft: Ich will es mir sehr angenehm machen, in meiner Gefühlswelt. Daher suche ich nach Bestätigung. In „Liebe“ sind meine Gedanken und Gefühle aber auf das Wohl meines Gegenüber gerichtet. Übrigens, für unsere schwarz-weiße (Dienst-)Leistungsgeselschaft kaum denkbar: Diese Ausrichtung auf mein Gegenüber macht mich weder unterwürfig noch abhängig noch sonst etwas. ICH liebe – die Liebe ist MEINE Haltung und MEINE freie Wahl. Ein Sklave liebt den Herren nicht, im besten Falle respektiert er ihn.

Im Grunde möchte ich hier auf ein sprachliches Problem aufmerksam machen:

  • „Liebe“ ist ein Wort ohne Skala

Und daher wird „Ich liebe dich“ gerne mit der Absolutheit verknüpft. „Du liebst mich und daher niemand anderen!“ Aber liebe ich meine Familie nicht ebenso? Und welches meiner Kinder darf ich dann lieben, wenn ich mich entscheiden muss? „Du liebst mich und daher bin ich dein Traumpartner für heute und bis in alle Ewigkeit!“ Darf ich dich nicht nur ein bisschen lieben? Wenn ich dir in Liebe zugewand bin, warum darf ich mich dann niemals wieder abwenden? „Liebst du mich?“ Geht es dir überhaupt um mich? Oder bin ich doch nur Erfüllungsgehilfe deiner Selbstbestätigung – die du dir dadurch holst, dass ich dir regelmäßig sagen muss (hier nun ganz der Diener, denn es ist ja keine echte Liebe): „Ja, ich liebe dich!“

Vielleicht sollten wir die Liebe etwas freundlicher betrachten, sehen wir sie als eine weite Landschaft mit vielerlei schönen Orten. Manche nur für kurze Zeit, manch andere laden zum Verweilen ein. Ungezählte Spielarten, Tiefen, Gefühlslagen… mal leicht, ein Hauch, mal ein alles verschlingender Orkan. Stehen wir uns in unserer stumpfsinnigen Suche nach Absolutheit nicht selbst im Weg, beschränken wir uns nicht auf „Ich liebe dich!“ und „Ich hasse dich!“, sondern leben wir die Liebe. In all ihrer Vielfältigkeit.

liebe2(Ein Apfelbaum hat nicht nur Früchte, er hat auch schöne Blätter.)

Als besonders schöne Sicht zur Liebe sei noch folgende genannt: „Ich liebe nichts. Ich liebe niemanden. Die Liebe ist einfach ein Teil von mir, wie meine Haut. Und kommst du mit ihr in Kontakt, dann bleibt sie ein Teil von mir. Doch kann Haut auf Haut auch sehr erregend, sehr persönlich, sehr intensiv, sehr intim sein. Und trotzdem bleibt es meine Haut und deine Haut, die sich berühren. Zum Glück, denn nur so kommt diese Empfindung zustande, dieses magische Knistern, dass sich grundlegend Getrenntes sehr, sehr nahe ist. Und manchmal ist es eben nicht nur die Haut, das Physische, sondern auch die Fähigkeit zu Lieben, in der sich zwei Menschen berühren – erregend, persönlich, intensiv, intim. Seele auf Seele, Haut auf Haut, das ist die Liebe. Kein Fakt, sondern ein Zustand.“

 

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Ein IT-Aussteiger berichtet!


„Deine Zukunft liegt in der IT-Branche!“ schallt es den frisch gekneteten Abiturienten eimerweise entgegen. Gleich einem Bluetooth-gesteuertem Staubsauger saugt eine ganze Branche die jungen, ahnungslosen Leute ein, verspricht ihnen Glück, Wohlstand und einen eigenen Apfel. Doch wo endet der IT-Wahn? Wir haben einen Aussteiger befragt.

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MfIS: Guten Tag Herr Christian Paul Unikorn, kurz CPU, wie Sie von Ihren Kollegen genannt wurden. Wie geht es Ihnen heute, ein halbes Jahr nach Ihrem Ausstieg?

CPU: Danke, es geht so. Ich vermisse die Wii und den Tischkicker in unserem… äähhh, dem firmeneigenen Eventspace.

Sie waren IT-Mitarbeiter bei einem der angesagtesten Start-Ups im Bereich ‚Internet Facilities Security and Sweetness Managment Stores and Sales‘ – und Sie vermissen am Meisten den Pausenraum?

Den Pausenraum? Nein, so etwas gab es bei uns nicht.

Aber Sie sagten doch…

Ich sprach von der Wii und dem Tischkicker im Eventspace. Das hat doch mit Pause nichts zu tun!

Sondern?

Der Eventspace ist ein multisozialer Raum, unterfüttert von Gehirn- und Flexibilitätstrainingsmaßnahmen. Hier wird hart gearbeitet. Vieleicht sogar am härtesten, denn im Eventspace arbeiten die Mitarbeiter an sich selbst und der firmeninternen Personal-Structural-Developement-Mass.

Sie meinen also, Wii und Tischkicker spielen waren Ihre härtesten Hürden in diesem Job.

Es war das Härteste, was ich jemals erlebt habe. Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, gegen die fette Gudrun ein Wii-Tennismatch zu verlieren!? Wie die sich dann freut… da tanzt die auf und ab mit ihren Riesen-Arschbacken! Furchtbar, ich hätte jedesmal laut aufweinen können!

War es nicht zumindest ein bisschen härter, jeden Morgen aufstehen zu müssen, um einem solch sinnlosen Lebenswandel zu fröhnen, wie er in der IT-Branche gelebt wird? Wo Starbucks für Intellektualität und Workout für Gesundheit stehen?

Früh aufstehen? Nein. Wir hatten Gleitzeit. Es war unserem Chef egal, wann und ob wir arbeiteten. Die Hauptsache: Wir sind fully-motivated und straight-goal-orientated.

Das klingt alles sehr angenehm – im Gegensatz zum Job als Müllmann, zum Beispiel. Der Müllmann muss früh raus, sein Arbeitsmittel stinkt noch mehr als die Achsel der fetten Gudrun, und eine Wii und einen Tischkicker gibt es da auch nicht. Was also hat Sie so fertig gemacht, dass Sie nun seit fast sechs Monaten Ihre Aktienanteilsgewinne im Kurhotel „Rhönrauschen“ ausgeben?

Ach ja, das alles zusammen. Und noch mehr. Meine besten Freunde waren meine Kollegen. Die Kantine war sehr, sehr gut, sogar das vegane Dessert kam nach dem Rezeptbuch des Sternekochs Ralph Sprüsan. Ich hatte einfach alles, sogar Sex mit der 18-jährigen Sekretärin aus Pakistan. Ich glaube, irgendwann wurde mir das alles zu viel.

Zu viel des Guten? Oder haben Sie eine Schlechtigkeit in Ihrem Schaffen entdeckt?

Mein Schaffen war mein Leben. Noch heute trage ich ein brustgroßes Tattoo des Firmenlogos auf dem Rücken. Firmensocken, Firmenbettwäsche, Firmenkugeschlreiber… als ich meiner damaligen Freundin ein Kochbuch unserer Firmenkantine schenken wollte, da hat sie mir reflexartig ins Glied gebissen. Das war, so glaube ich, der erste Moment des Nachfühlens: Irgend etwas stimmte hier nicht. Und dann noch das viele Blut! Ich war ziemlich verwirrt.

Und dann setzte ein Umdenken ein?

Nein. Ich war entsetzt! Ich hab sofort – nach einer kurzen WhatsApp-Beratung mit meinem Sales-and-Management-Team – Schluss gemacht. Wie konnte sie nur nicht verstehen, dass es einfach kein besseres Kochbuch gibt? Und keinen besseren Ort auf diesem Planeten, als die Firma. Sie sollte ein Teil dieses Glücks werden, indem ich ihr half, unsere Wohnung an die Firma anzupassen. Für unser freies Zimmer hatte ich schon eine Wii und einen Tischkicker besorgt – dass ihr Gedanken „wir brauchen bald ein Kinderzimmer“ ziemlich blödsinnig war, das hätte sie dann schon verstanden. Mit welch impulsiver Reaktion, ja geradezu animalisch, sie das Kochbuch abgelehnt hatte, das war mir ein deutliches Zeichen: Ich hatte mir einen Hippie ins Haus geholt! Meine Kollegen bestätigten meine Ansicht, also trennte ich mich.

Doch jetzt sind Sie auch Ihren Job los. Fehlt Ihnen Ihre Freundin da nicht? Zumndest ein bisschen?

Nein. Sie kann ja nicht mal nach Ralph Sprüsan kochen!

Das ist hart!

Das ist einem Menschen nicht würdig! Ralph Sprüsan! Der Sternekoch!

uschi manisch(Uschi [mitte] ist talentfrei, kinderlos, herrisch und manisch depressiv – also die perfekte Bereichsleiterin im weiten Feld des IT-Buisness)

 

Trotzdem haben Sie sich von Ihrem Leben als IT-Mitarbeiter getrennt. Sie beschreiben sich selbst als „Aussteiger aus der Szene“. Das klingt fast schon nach Drogen. Nach Sucht.

Ja. Und das ist es auch, eine Sucht. So warm und einkommenskräftig diese Szene auch ist. Sie höhlt dich aus. Es ist wie bei Heroin, vieleicht sogar noch schlimmer.

Erklären Sie mir das, bitte.

Eine Drogenszene ist nicht nur von Suchtmitteln geprägt – hier das Herion, dort der Eventspace und der Kontostand. Es bindet dich nicht nur die Droge an sich, es bindet dich die Szene: Du hängst nur noch mit den gleichen Leuten in den gleichen Räumen ab. Bei meiner Heroinsucht in der Jugend war es schon genauso. Mein damaliger Betreuer hat mich nach meinem Ausstieg immer gewarnt: Ich sei ein suchtaffiner Typ. Doch wie perfide die IT-Branche daherkommt, da kommt nicht mal Ali mit, mein damaliger Dealer.

Zum Beispiel?

Ali hatte nur einen ranzigen Gamecube. Das ist von der Wii weit entfernt. Und den durfte ich auch nicht länger als fünf Minuten benutzen. Außerdem haben Dealer keine Kantine. Wenn, dann gibt es ein Stück alte Fertigpizza. Aber Köstlichkeiten a la Ralph Sprüsan kannst du beim Dealer vergessen. Bei dem kommt man zumindest noch raus zum Dönermann. In der Firma war es sogar verpönt, auswärts essen zu gehen. Da ist man völlig abgeschirmt. Selbst die Ausrede „Heute kocht Mutti!“ wurde schnell gekontert mit: „Ach was, Mutti soll mal in der Kantine vorbei kommen. Da spart sie sich das Kochen. Hier, ein Gästepass, den schenk ich dir für deine Mutti. Einfach so. Ohne Gegenleistung.“ Und nach kurzer, eindringlicher Anschaupause: „Sag mir bescheid, wenn du einen Termin mit deiner Mutti ausgemacht hast. Also zum essen. Ich sprech mal mit dem Koch, vielleicht hat er etwas ganz Besonderes drauf. Nur für deine Mutti. Nur von Ralph Sprüsan!“

Und so waren Sie Gefangen in einem Gefängis ohne Türen.

Türen gab es schon. Aber das waren alles so geräuschlos aufgleitende Glastüren mit Logo drauf. Da wird man echt wahnsinnig!

Wann kamen Sie zu dem Entschluss, auszusteigen?

Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Eines Tages kamen Kinder zu Besuch. So ein Schulprojekt. Sie sollten sehen, wie cool arbeiten sein kann. Aus ihren kleinen Köpfen ragten Antennen heraus, die ein rotes Blinklicht an ihren Spitzen hatten. Wie kleine Funkmasten. Und als man sie an einen der Rechner ran ließ, da drehten die Bälger völlig durch.

kids manisch(manische Kinder, während ein sog. „Programm“ ihren Schädel aushöhlt)

Das war dann zu viel für Sie?

Ja. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Ist das wirklich wichtig, was wir hier machen? Ist es nur gehypter Kinderkram? Warum schauen diese Bälger so immens scheiße aus, wenn sie bei einem „Game“ gewinnen? Sollen diese Roboter-Kinder mich ersetzen? Ja, es war zu viel, ein Shitstorm in meinem Kopf! Ich habe nicht einmal gekündigt, ich bin einfach gegangen.

Und jetzt?

Jetzt baue ich die Firma zuhause nach. Ohne Kinder und Kinderkram. Während ich hier im „Rhönrauschen“ der Unterwassermusik lausche, ist ein ganzes Heer an Arbeitern damit beschäftigt, mir das perfekte Zuhause zu schaffen: Meine Firma, samt Kantine und Eventspace. Samt Wii und Tischkicker. Samt Logo und Mitarbeitern. Dann bin ich glücklich! Denn dann kann ich auch in meiner Firma übernachten!

Vielen Dank für das Gespräch.

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