Die Gier, das Klima und der Homo sapiens


Die Gier wurde nicht umsonst schon vor Urzeiten als Todsünde erkannt. Verliert der Mensch die Kontrolle über seine Gier, dann endet es meist böse für viele Beteiligten. Und doch ist sie ein Teil unseres Wesens, den wir nicht verleugnen dürfen.

Der Homo sapiens ist ein Kind der Evolution – und Evolution ist ein sehr viel langsamerer Prozess, als die gesellschaftlichen Entwicklungen, die wir vor allem seit der Sesshaftwerdung durchgemacht haben. Dementsprechend sind die Anlagen eines jeden Neugeborenen nicht auf die heutige Welt (des Überflusses) ausgerichtet, sondern auf eine Welt voller Mangel und Gefahr. Von der umherstreifenden hungrigen Säbelzahnkatze (Gefahr) bis zum drohenden Winter (Mangel) sind wir darauf ausgelegt, uns in einer solchen Welt durchzusetzen: Evolution macht erfolgreich, sonst stirbt die Art aus. Wir waren erfolgreich, zumindest für einen kurzen Moment der Erdgeschichte.

Gegen die Gefahr setzt man sich nicht proaktiv zur wehr. Es macht wenig Sinn, in die Höhle des Smilodon zu kriechen und mit vielen eigenen Opfern das Tier zu töten. Man will sich ja nicht opfern, man will überleben. Das Töten (bzw. Bekämpfen) der Säbelzahnkatze macht nur dann Sinn, wenn diese selbst zum Angriff übergeht bzw. eine dauerhafte Bedrohung darstellt: Jetzt muss man sie bekämpfen, sonst frisst sie die komplette Sippe auf. Kampf und Aggression sind im Menschen daher defensiv angelegt – es sind Mechanismen, die dem Schutz des eigenen Lebens und der eigenen Gruppe dienen. Angriff ist nicht umsonst auch sprichwörtlich „die beste Verteidigung“.

Soweit so nachvollziehbar – doch wie passt das zum proaktiv aggressiven Vorgehen der fossilen Rechten und all ihrer Artverwandten? Hier kommt nun die Gier ins Spiel, die ich als Grundproblem unserer Zeit, als Kern des Übels benennen will:

In einer Welt des Mangels ist jeder Apfel, jedes Fell und jede Wasserquelle, die man sich „gesichert“ hat, von Vorteil. Denn diese „Gewinne“ beheben den Mangel und erhöhen somit die Chance aufs Überleben als Individuum, als Gruppe und als Art. Wenn eine Gruppe Menschen vor 100.000 Jahren so viele Äpfel für den Winter gehortet hat, dass die Hälfte davon auch zum nächsten Frühling noch ungenutzt in der Höhle liegt, dann ist das für die Gruppe nicht weiter schlimm. Schlimm wäre es, wenn die Gruppe so wenige Äpfel gehortet hat, dass sie schon im Januar zuneige gehen: Die Gier, möglichst viele Äpfel zu horten, dient in einer Welt des Mangels dem Überleben.

Wenn nun zwei Gruppen in der gleichen Gegend leben, Gruppe A hat sehr viele Äpfel und Gruppe B hat so wenige, dass sie den Winter nicht überleben wird… dann greift die Gier auf die Aggressionen über: Eine Gier nach den vielen Äpfeln von Gruppe A. So rüstet sich Gruppe B zum Kampf, überfällt Gruppe A, raubt ihnen die Äpfel und – nur darum geht es – überlebt den Winter!

Richtig, in einer Welt des Überflusses müssten solche Raubzüge nicht sein. Doch ist der Homo sapiens ein Kind seiner Evolution, die Triebe sind da und wollen ausgelebt werden. Wenn wir sie unterdrücken (auch die Gier), dann kommen sie mit noch größerer Kraft auf anderer Seite wieder hoch: In diesem Sinne kann man den Faschismus als bis zur Pervertierung unterdrückte animalische Aggressivität beschreiben, deren Nähe zur Gier auch auf der politischen Ebene in der Nähe zum Faschismus bestens zu erkennen ist: Kapitalismus und Faschismus verstehen sich. Es gilt also, auch die Gier aufzunehmen und in Bahnen zu kanalisieren, in denen sie sich schadlos ausleben kann. Die Gier nach dem sportlichen Erfolg wäre ein gutes Beispiel. Die Gier nach dem teuersten Smartphone mit der schnellsten CPU wäre ebenfalls ein gutes Beispiel, würde hier nicht der Kapitalismus verstärkend wirken – je stärker die Gier, desto größer das Problem. Schauen wir uns die Werbung an, die über alle Bildschirme läuft, so sehen wir, dass sie darauf ausgerichtet ist, die Gier zu verstärken, anstatt sie gesund zu kanalisieren. Änliches übrigens mit Rassismus: „Der Ausländer nimmt dir den Wohlstand weg!“ ist ein klares und verstärkendes Ansprechen von Gier – womit wir übrigens die Brücke zum Hass geschlagen haben, der viel zu oft in der unbefriedigten Gier seine Wurzeln findet. Nicht nur als Folge einer zurückgewiesenen sexuellen Begierde (vor allem bei Männern), sondern aus einer unbefriedigten Gier im Allgemeinen, insofern sie auf ein Feindbild projiziert werden kann.

Letztlich sollten wir die Gier nehmen als das, was sie ist: Ein Teil unseres Lebens. Doch da dieser Teil gerade heute in seiner industriellen Skalierung höchst schädlich ist, müssen zumindest jene klar bekämpft werden, die die Gier fördern, verstärken und für ihre eigene Zwecke missbrauchen. Ein grüner Kapitalismus – Kapitalismus ist die Marktwirtschaft der Gier – kann also keine Lösung sein. Und diese Ablehnung jeder Form des Kapitalismus leitet sich eben nicht aus einer politischen Denke ab (z.B. dem angeblichen Gegenentwurf des Sozialismus), sondern schlicht und einfach von einer notwendigen Balance zwischen unseren archaischen Verhaltensmustern (Gier als Werkzeug gegen den Mangel) und der Welt, die wir um uns herum geschaffen haben (Überfluss).

Was wir hierbei nicht vergessen dürfen: Die Gier, dieser archaische Antrieb zu horten, bezieht sich nicht nur auf Äpfel, sondern auch auf Land. Denn je mehr Land zur Verfügung steht und je „reicheres Land“ es ist (also fruchtbar für Ackerbau und Viehhaltung), desto stärker kann sich die Gier auf dieses Land fixieren – es ist also kein Wunder, dass Kriege selten um Wüsten und ewiges Eis, viel mehr aber um Wälder, Süßwasser, Felder und jungfräuliche Prinzessinnen geführt wurden und werden. Da nun die Klimakrise einen Verlust an Land darstellt (Landmasse) sowie einen noch viel stärkeren Verlust an nutzbarem Land (Fruchtbarkeit), werden wir zunehmend der Situation gegenüber stehen, dass sich die Gier – letztlich die Kriege – um Land zunehmend verstärken wird.

Einer solchen Entwicklung müssen wir mehr entgegen setzen, als Demonstrationen, Petitionen und den mahnenden Zeigefinger.

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Kollateralschäden im Kampf um eine gute Zukunft


Ein Kollateral- bzw. Begleitschaden ist ein Schaden, der besonders unnötig daher kommt, denn er trifft Lebewesen oder Dinge, die mit der eigentlichen Sache nichts zu tun haben. Schlimm genug, dass wir in Zeiten leben, in denen es wichtig ist, auch den militärischen Begriff (Kollateralschaden) zu verwenden und ihn differenziert zu betrachten. Doch so sind die Zeiten – gehen wir sie an!

„Wo gehobelt wird, da fallen Späne,“ ist ein bekannter Spruch aus dem Denkmuster der Rücksichtslosigkeit. Leider ist die Frage zwischen Rücksicht und Rücksichtslosigkeit eine andere, als die Frage zwischen wahr oder falsch. Und so kommen wir nicht umhin, in diesem unangenehmen Sinnspruch ein Stück Wahrheit zu erkennen. In eine klare Aussage übersetzt, heißt diese Wahrheit:

Wenn du am Rad der Gesellschaft drehst, wirst du es nicht verhindern können, auch individuellen Schaden anzurichten.

Warum ist das so, wenn wir nicht zuletzt mit der Antriebs-, Energie-, Verkehrs- und Wärmewende nur das Beste für die Menschen wollen? Das Stichwort heißt „Individuum“: Eine Gesellschaft fasst so viele Individuen zusammen, dass Regularien und sonstige Umstände niemals dazu in der Lage sind, für alle Menschen passgenau zu sein. Trotzdem – von Kapitalismus bis Faschismus – richten sich die Menschen auch in einem unangenehmen Umfeld ein, wie sich Vögel selbst in Berlin-Mitte Nester bauen. Eine gesellschaftliche Veränderung, wie z.B. die Verkehrswende, greift nun tief in dieses „eingerichtet sein“ ein, verändert die Umstände und reißt auch Stützen weg, die den Menschen dienlich waren. Um im Bild der Verkehrswende zu bleiben: Der PKW wurde über Jahrzehnte als Ausdruck des eigenen Seins erhöht, er ist emotional und strukturell eng mit den Menschen verbunden und selbst Teil dieses Systems aus Stützen und Nestern in einer unangenehmen Welt. Ihn nun den Menschen „wegzunehmen“ (faktisch fühlt es sich so an), schadet dem Selbstwert dieser Menschen und – im Nachgang – auch ihrem direkten Umfeld. Diese enge Verquickung mit Alltag und Umwelt geht so weit, dass der schnelle Griff zum PKW sogar Leben retten kann.

Achtung: Letzteres ist ein Einzelbeispiel, bei dem schon viel daneben gehen muss. Tatsächlich wird die Verkehrswende massiv leben retten – und das nicht nur, weil die Krankenwagen schneller durch die freien Straßen kommen. Im Durchschnitt wird es den Menschen mit einer erfolgreichen Verkehrswende also deutlich besser gehen. Auch Diesel-Dieter wird das nach einer gewissen Eingewöhnungsphase einsehen – Paris macht es vor. Doch in diesem Kapitel wird nicht die Frage erörtert, ob die Verkehrswende gut und richtig ist (natürlich ist sie das!), sondern ob du am gesellschaftlichen Rad drehen kannst, ohne gewisse (individuelle!) Kollateralschäden zu hinterlassen. Die Antwort ist klar: Nein, das kannst du nicht – für irgend wen wird eine gesellschaftliche Änderung immer zum Problem!

Nun haben wir die Erkenntnis, was fangen wir mit ihr an? Ein möglicher Schluss wäre der, nur noch im Kleinen, im Individuellen zu agieren. Das ist natürlich ein wichtiger Bestandteil, da sich letztlich das gesellschaftliche Ganze aus all diesen Individuen zusammen setzt. Doch einen solchen „Rückzug ins Private“ als strategisch klug und in unserer Situation als erfolgreichen Weg zu bezeichnen, wäre fatal. So wie wir das Individuelle bedienen müssen, so müssen wir auch das große Ganze bedienen. Hier werden die entscheidenden Gewinne gemacht, hier geschehen die eruptiven Veränderungen einer Gesellschaft – die wir ja dringend benötigen, bzw. mit Blick auf den aufkommenden Faschismus dringend bekämpfen müssen. Rückzug ins Private ist also keine Option.

Bleibt Option zwei: Kollateralschäden akzeptieren – weiter kämpfen. Vielleicht wirst du einen kleinen Moment der Erkenntnis erleben, wenn du über den Begriff des „Kämpfens“ tiefer nachdenkst. Was geschieht da eigentlich? Wie planbar, abgesichert und frei von Fehler, Zufall und – da sind wir wieder – Kollateralschäden ist dieses Kämpfen eigentlich? Du ahnst es schon: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne – wo gekämpft wird, da gibt es Kollateralschäden.“

Drehen wir uns diese Zwickmühle nun zum Vorteil, so erkennen wir, dass wir bisher sehr viel effektives Werkzeug ungenutzt gelassen haben, weil wir ja keine Kollateralschaden anrichten wollen. Wenn es aber ohne Kollateralschäden gar nicht möglich ist, am gesellschaftlichen Rad zu drehen, dann gibt es auch keinen Grund mehr, diese Werkzeuge ungenutzt zu lassen. Sprich: Es öffnet sich ein Waffenschrank, wie ihn sich viele Aktive kaum Vorstellen können.

Achte darauf, dass du die Kollateralschäden im Blick hast, und dass du sie – ohne deine Effektivität zu beschränken – möglichst gering hältst. Kommt jemand zu Schaden, der nicht getroffen werden sollte, dann musst du den Vorwurf akzeptieren und dieser Person, wenn möglich, Hilfe oder einen Ausgleich bieten. Falls du noch immer unsicher bist, stelle dir folgende Frage: Wie viele Personen kommen zu Schaden, wenn wir den fossilen Faschismus gewinnen lassen? Wie viele Ökosysteme und Tierarten werden den fossilen Faschismus nicht überleben? Und: Wie schwer wird auch der individuelle Schaden im fossilen Faschismus sein, wenn wir ihn mit den Kollateralschäden des „robusten Kämpfens“ vergleichen?

PS: Da dieser Artikel mit Sicherheit gewisse Reaktanz auslöst, sei gesagt: Die Kollateralschäden, die der Autor für den Kampf ums Klima schon selbst erdulden musste – durch eigene Entscheidungen wie auch durch andere – reichen weit. Sehr, sehr weit. Respect this, before rant!

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Die Flauschigkeit der Welt


Allein das Lesen des Begriffs „Flauschigkeit“ erzeugt eine so flauschige Wärme, dass sich die Frage aufdrängt, wie wichtig diese Flauschigkeit für uns und unsere Körper eigentlich ist. Und natürlich: Wo finden wir sie?

Flauschigkeit ist das radikale Gegenteil von Härte. Die Weichheit ist bei weitem nicht so zauberhaft, wie wir leicht erkennen können, wenn wir eine rohe Leber betrachten: Weich ist sie auf jeden Fall, doch zum Kuscheln ist die rohe Leber nicht flauschig genug. Haben wir die Leber beispielsweise einer Katze entnommen (bitte nicht nachmachen!) dann wünschen wir uns schnell die Katze mit ihrem flauschigen Fell zurück. Mit ihr lässt es sich gut kuscheln. Auch viele Pflanzenteile sind flauschig, so zum Beispiel saftiges Gras unter den Füßen, die Stängel von Tomatenpflanzen, Moos und manches mehr.

Wir Menschen bilden sie nach, allerdings ist die künstliche Flauschigkeit nicht gerade unser Ruhmesfeld. So freut sich selbst manch veganer Hippie (no offense, ich freu mich doch auch), wenn irgendwo ein flauschiges Lammfell ausliegt. Da kann der schönste arabische Diwan in seiner rudimentären Flauschigkeit nicht mithalten. Das Federkissen wird erst durch die Federn flauschig, Baum- oder Merinowolle ist flauschiger als der künstliche Garn billiger Stofftiere: Man muss sich die Liebe zum Kik-Kuschel-Nemo erst antrainieren (z.B. längere Zeit vollsabbern) oder sie geht direkt über das Auge: „Ach wie süß, ein Kuschel-Baby-Dinosaurier!“ Die Augen zu und anfassen ist nichts, womit ein solches Kunstprodukt beim Erstkontakt erfreuen kann. Doch Flauschigkeit erfreut sofort, sie ist ein entwaffnendes Glück.

Erweitern wir die Flauschigkeit auf alles, was weich ist, dann wird die Liste natürlicher Weichheit nahezu unendlich. Selbst die Katzenleber ist wieder im Spiel. Und – bisher ausgeblendet – unter Wasser gibt es keine Flauschigkeit, doch Weichheit noch und nöcher: Vom Inneren der Muschel, über Seegras und Robbenkörper bis hin zum Auge eines Hammerhais, ist die Weichheit fester Bestandteil der Evolution. Selbst der Sand an der Grenze der Elemente ist weich – was (diametral zu den Baumstämmen, wir kommen gleich dazu) an seiner Größe liegt.

Straßen, Autos, Häuser, Möbel, Schilder, Waffen, Werkzeuge, die meisten Sportgeräte, Technik, Schuhsohlen, Buchdeckel, das mobile Endgerät vor deinen Augen… wir haben eine flauschig-weiche Welt in Härte gegossen, die Liste ist unendlich lang. Auf das metaphorische Feld der zwischenmenschlichen Härte wollen wir erst gar nicht eingehen. Heutzutage zwar ein elementares Problem, wie man beim Blick auf die fragilen Männer in ihren mentalen Panzern nur zu leicht erkennen kann: Mit Härte – eine billige Verwechslung mit echter Stärke – lenken sie die Welt in den Abgrund. Doch hier geht es um die physische Flauschigkeit, nicht um die Härte oder Flauschigkeit eines Charakters.

In der Natur ist nur Gestein hart, Horn, Schale, Knochen und – wenn wir sie aus unserer mickrigen Größe betrachten – Baumstämme. Ich habe bestimmt etwas vergessen, doch der Vergleich zeigt deutlich: Die Weichheit ist eine Erfindung des Lebens, auf dem viel Flauschigkeit wächst. Wenn wir also Flauschigkeit suchen, dann ist eine möglichst fruchtbare und unberührte Natur unsere Welt. Renaturieren ist also angesagt, soweit es mit einer funktionierenden Zivilisation vereinbar ist. Dann wird’s flauschig, ich sag’s euch!

(Bär flüstert ins Ohr: „Slawa Ukrajini„)

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Moral – Motivation mit Werkzeug verwechselt


In Klima- und Demokratiedebatte dreht sich viel um die Moral. Oft wird sie sogar als Argument ins Feld geführt: „XY ist moralisch richtig, also muss es umgesetzt werden.“ Aber besitzt Moral wirklich diese Durchsetzungsfähigkeit, dass alle Welt ihr folgen würde? Oder haben wir da etwas verwechselt?

Wir sind alle mehr oder weniger von der Dramaturgie Hollywoods geprägt: Das Böse hat eine kalte Strategie, doch das Gute hat die Moral (und das Glück) auf seiner Seite und wird deshalb gewinnen! Dass die Realität ein bisschen anders aussieht, zeigen uns Donald Trump und der globale Rechtsruck jeden Tag aufs Neue: Es gewinnt, wer dreist genug ist, wer ohne Rücksicht agiert, oder einfach nur über Jahre hinweg so eklig nervt, bis er irgendwann Bundeskanzler wird. Die Moral hat das Nachsehen, die Gewinner lachen über sie.

Was ist Moral?

Wir können zwei Ebenen betrachten: Die persönliche und die gesellschaftliche Moral. In der persönlichen Moral versammeln sich deine ganz eigenen Wertvorstellungen und wie weit du bereit bist, für diese einzustehen. Verwechselt wird Moral oft mit dem persönlichen Wille, wie die Welt zu sein hat, wie Menschen sich zu verhalten haben und so weiter. Dabei ist die persönliche Moral erstmal etwas Persönliches und sollte nicht wie ein Dick-Pick jedem ungefragt unter die Nase gehalten werden.

Die gesellschaftliche Moral hingegen ist ein Wertekodex, auf den wir uns als Gesellschaft geeinigt haben. Da es hierbei um den kleinsten gemeinsamen Nenner geht, liegt es auf der Hand, dass sich gesellschaftliche und persönliche Moral oft im Wege stehen. So ist die gesellschaftliche Moral weiterhin eine Stütze des Kapitalismus (Stichwort: Arbeitsmoral), wobei die persönliche Moral durchaus antikapitalistisch geprägt sein kann.

Zudem ist Moral nicht absolut, sie verändert sich im Laufe der Zeit, wenn sich Charakter oder Gesellschaft verändern. Wer heute „Neger“ sagt (reg dich ab, das war ein Zitat), kann schon morgen lernen, dass er damit anderen schadet. Er lernt es und spart sich das Wort. Seine Moral hat sich verändert, zumindest in diesem konkreten Zusammenhang. Wie veränderlich Moral im gesellschaftlichen Kontext ist, sehen wir schon an den Unterschieden im Umgang mit Juden vor und nach 1945. Das drastische Beispiel zeigt deutlich: Die Moral kann sich von heute auf morgen ändern, so intensiv, dass aus Mördern plötzlich Beschützer werden – und anders herum.

Warum ist Moral wichtig?

Wie schon erwähnt, ist Moral auf gesellschaftlicher Ebene ein gemeinsamer Wertekodex. Moral dient also der Gesellschaft und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. So hat sich die Sexualmoral in Phasen grassierender Geschlechtskrankheiten hin zur Monogamie entwickelt – hier zeigt sich ganz klar der gesellschaftliche Schutzmechanismus. Und jede Gesellschaft hat ihre eigene Moral. Moral ist also gar nicht dieses fühlige „besser sein“ als die anderen. Sie ist ein subjektiver Klebstoff für eine Gesellschaft.

Wenn man sich für etwas engagiert, dann ist die persönliche Moral eine der Ursachen. Dieser innere Wertekompass schlägt an und es folgt eine Handlung. Zum Beispiel ist die Moral beim Engagement gegen Rechts anders gelagert, als beim Naturschutz. So gibt es ja auch rechte und rechtsradikale Naturschützer, die den Naturschutz durchaus ernst meinen. Jedenfalls ist die Moral die Basis, auf der wir unser Engagement aufbauen. Wie Hunger die Basis ist, auf der die Suche nach dem passenden Nahrungsmittel aufbaut.

Wann stört die Moral?

Habe ich Hunger, so will ich etwas erreichen: Ich will an Nahrung kommen, die den Hunger stillen kann. Der Hunger selbst ist jedoch das Letzte, mit dem ich mich auf meiner Suche nach seiner Befriedigung beschäftige. Vielmehr beschäftige ich mich mit dem Inhalt des Kühlschranks, dem Weg zum Supermarkt, dem Spülberg, meinen Kochkünsten und so weiter. Nicht die Existenz des Hungers ist es, die den Hunger besiegen kann, sondern der Fokus auf möglichst effektive Methoden der Nahrungsbeschaffung.

Ebenso verhält es sich mit der Moral. Wer einen Weg eingeschlagen hat (die Moral wollte das so), wird schrecklich scheitern, wenn er sich weiterhin auf diese Moral fokussiert. Das Moralgefühl selbst ist nur der Zustand, der mich zu etwas treibt. Es ist nicht der Weg, WIE ich mein Ziel erreiche, ist weder ein Werkzeug, noch eine Methode, noch eine Strategie. Oder wie dieses Internet sagt: „Machen ist wie wollen, nur krasser!“

Die Konzentration auf das WIE

Du willst Klimaschutz voranbringen, weil dir deine Kinder, die Ökosysteme oder dein EE-Aktiendebot am Herzen liegt? Schön, du hast eine Entscheidung getroffen, deine Moral war hier ein Richtungsgeber. Jetzt aber geht es um die Umsetzung. Und hier stellt sich eben nicht die Frage nach der Moral („Ist meine Vorstellung richtig?“), sondern nach dem Wie: „Wie kann ich meine Vorstellung in die Tat umsetzen?“

Die Unterscheidung zwischen diesem intensiven Gefühl, das ein moralisches Aufbrausen mit sich bringt, und der nüchternen Analyse von Situation, Methoden und Strategiemöglichkeiten sollte eigentlich keine Quantenphysik sein. Doch mit Blick auf das klimatische und demokratische Engagement, das 24/7 die Moral hoch hält, als müsse diese erst noch bewiesen werden, jedoch nur selten aus den eigenen methodischen Zwängen auszubrechen weiß, fragt man sich viel zu oft:

Strategie, was ist das? Gibt’s das auch mit Rhabarbergeschmack?

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So viel Gutes – tu es!


Müßig zu erzählen, dass die Welt schlechter und schlechter wird – wir wissen es. Ebenso wissen wir, dass die netten Kalendersprüche, die zur massiven Weltverbesserung motivieren sollen, eben genau das sind: Nette Kalendersprüche. Aufgeben ist aber auch keine Lösung, was also kannst du tun? Drei wichtige Beispiele.

Du musst die Welt nicht verändern, du wirst die Welt nicht verändern. Das liegt nicht an dir, sondern daran, dass die Welt zu groß und der Homo sapiens ein soziales Wesen ist: Tiefgreifende Veränderungen gelingen grundsätzlich nur gemeinsam. Das heißt jedoch, dass dein Beitrag eben doch ein Beitrag ist, der diese Veränderung erst möglich macht.

Zusammenhalt

Der Zusammenhalt einer Gruppe entscheidet über Erfolg und Misserfolg. Eine zerstrittene Gruppe wird (bei ähnlichen Voraussetzungen) niemals gegen eine Gruppe gewinnen, die den Zusammenhalt lebt. Das ist uns bewusst: Der Zusammenhalt wird von der hohlen Rede eines Bundespräsidenten bis zum Sportverein lautstark propagiert. Wir reden von ihm, wir besingen ihn, teilweise leben wir ihn, doch was ist dieser Zusammenhalt eigentlich? Und wie kannst du ihn fördern?

Echter Zusammenhalt entsteht dort, wo er Widerstände überwinden muss – er verlangt keine Perfektion. Damit meine ich nicht die äußeren Widerstände, sondern die Widerstände zwischen den Individuen oder Gruppen, die zusammenhalten wollen. Nehmen wir den Kampf für mehr Klimaschutz als Beispiel, so sehen wir Veganer, Vegetarier und Fleischesser (selten maßlos), die das Klimaproblem verstanden haben und bekämpfen wollen. Zusammenhalt überwindet diese persönlichen Differenzen und vereint sich hinter einem größeren Ziel. Auch wenn manches Einzelverhalten diesem Ziel zumindest nicht dienlich ist (z.B. Fleischkonsum), so sollte der Zusammenhalt das größere Ganze sehen. Und sich daran orientieren. Im Falle von Fleischkonsum: Hat Stefan Rahmstorf in den vergangenen Monaten ein Schnitzel gegessen, so wiegt sein sonstiger Einsatz für Klimaschutz dieses Schnitzel um ein Vielfaches auf. Zusammenhalt schluckt den Vorwurf also herunter und hält auch für einen Schnitzel essenden Rahmstorf die Türen offen.


Tu es! ➜ Du kannst dich mit Impulskontrolle beschäftigen und diese – vor allem im Netz – bei dir selbst anwenden. Auch auf andere Teilnehmer einer Debatte kannst du einwirken, dass sie manche Kirche doch bitte im Dorf lassen und ihre destruktive Energie (Wut, Frust, Selbstgerechtigkeit…) dort entladen sollen, wo es wirklich wichtig ist: Am politischen Gegner! Spreche also davon, dass Zusammenhalt nur echt und wertvoll ist, wenn er trotz gewisser Meinungsverschiedenheiten gelebt wird. Und dann: Fordere ihn ein!

Liebesfähigkeit

Die Liebe ist wie der Zusammenhalt als hohler Begriff überall präsent. Dabei hat gerade die Liebe – oder besser: Liebesfähigkeit – mehr Präsenz verdient. Im Grunde sollte sie in der Persönlichkeitsentwicklung ganz oben stehen, noch vor dem Intellekt, der mentalen Resilienz und so weiter. Denn gerade die Liebesfähigkeit ist es, die sich dem Gegenüber zuwendet und diesem Gegenüber nicht nur Rechte einräumt, sondern für das Wohl dieses Gegenübers sogar Leid in Kauf nimmt. Bis hin zum eigenen Tod, wenn z.B. Eltern ihre Kinder schützen. Dieses Gegenüber muss aber nicht zwingend eine geliebte Person sein, es kann auch die Liebe zur Natur, zu wissenschaftlicher Forschung, zu einer Denkweise usw dahinter stecken. Und um diese Liebe spüren und leben zu können, braucht es die Liebesfähigkeit.

Was echte von scheinbarer Liebe unterscheidet: Echte Liebe nimmt Leid in Kauf, um dem geliebten Gegenüber Gutes zu ermöglichen. Wer nach der Trennung seine Freundin stalkt, der hat sie nie geliebt, der war (und ist) in einer Abhängigkeit gefangen. Mit Liebe hat das wenig zu tun, denn da geht es nur um die eigenen Gefühlswelten. Echte Liebe leidet wie ein Hund, wenn sie loslassen muss – und tut es trotzdem. Falsche Liebe klammert, beschimpft oder verkehrt sich in Hass – denn zu echter Liebe fehlt ihr die Fähigkeit. Eine Fähigkeit, die gepflegt und gestärkt werden kann (persönlich) und muss (gesellschaftlich).


Tu es! ➜ Prüfe und stärke deine eigene Liebesfähigkeit. Sei dir wichtigen Menschen gegenüber ehrlich, auch wenn sie schmerzhaft sein mag – sei dabei aber nicht rücksichtslos. Liebe ist der stärkste Zusammenhalt und entsteht nur, wenn man voneinander weiß: Die guten wie die schlechten Seiten. Sprich die Liebe an, auch öffentlich. Sie ist es wert, dass über sie geredet wird. Oder besser: Dass sie sich zeigt. Spare dir jedoch hohle Phrasen und zeige deine Fähigkeit zu lieben gerade dort, wo es nicht selbstverständlich oder gar zu deinem Vorteil ist. Und nicht zuletzt: Liebe wird durch’s Teilen stärker!

Resilienz

Eben noch in den Schatten der Liebe gestellt, tritt die Resilienz nun wieder ins Licht. Und das aus guten Gründen, denn sie ist die Fähigkeit, harte Zeiten zu überwinden, ohne selber hart (und lieblos) zu werden. Resilienz ist ein ganzer Blumenstrauß an Fähigkeiten, die dafür sorgen, dass man den Schmerz nicht verdrängen muss, sondern ihn aushalten kann. Menschen mit starken Depressionen, die trotzdem funktionieren und z.B. für ihre Kinder da sind, zeigen uns sehr deutlich, wie stark Resilienz wirken kann. Denn gerade solche Menschen müssen Methoden entwickeln, um mit ihren Problemen umzugehen: Eine schwere Depression kannst du nicht verdrängen. Kurzum: Resilienz ist nicht der Panzer, der die Schläge abhält, sie ist der Muskel, der den Schlägen widersteht. Und Muskeln brauchen Training!

Das Stichwort lautet Resilienztraining. Da Resilienz aber ein Blumenstrauß ist, müssen wir ein paar notwendige Fähigkeiten einzeln betrachten. Die Selbstreflektion ist elementar, denn ohne sie stehst du dir selbst im Wege, erkennst deine Stärken und Schwächen nicht und wirst kaum handlungs- und resilienzfähig werden. Eine gewisse Ziel- sowie Lösungsorientierung ist ebenfalls wichtig, denn die Grundmotivation („Ich will resilienter werden!“) alleine nützt dir wenig. Erst wenn du auf das Ziel hinarbeitest, wirst du Erfolg haben. Optimismus ist gut, sollte aber nicht mit krampfhaft positivem Denken verwechselt werden. Auch Humor, die gute alte Eigenverantwortung sowie das Netzwerken sollten nicht unterschätzt werden. Netzwerke helfen dir bei der Reflexion und können dir Halt und Hilfe geben: Pflege sie! Und so hart es klingt: Die Moral kann der Resilienz im Wege stehen, wenn sie z.B. eine schwierige aber notwendige Entscheidung verhindert.


Tu es! ➜ Hilf dir selbst und anderen Menschen, ihre Bedürfnisse und ihre angreifbaren Stellen zu erkennen. Schaffe den Raum, über sie zu sprechen, bleibe aber lösungsorientiert, auch wenn es mal schmerzhaft oder schwierig wird. Resilienztraining ist eine gesunde Balance aus Theorie, Praxis und steter Übung!

Fazit

Mit all dem wirst du den Krieg in der Ukraine nicht beenden. Du wirst Donald Trump, Friedrich Merz und den Klimawandel nicht verhindern. Die Hoffnung stirbt einsam, denn sie stirbt zuletzt. Und doch: Du wirst dir und anderen Menschen Gutes tun und ihnen dabei helfen, Gutes zu tun. Ein Zitat aus dem Talmud bringt es auf den Punkt – und damit ist nicht alles gesagt, aber doch etwas sehr wichtiges:

„Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten. Und wer ein Menschenleben zu Unrecht auslöscht, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Welt zerstört.“

Der Fun-Fact steckt darin, dass der Talmud klar unterscheidet, ob ein Menschenleben zu Recht oder zu Unrecht ausgelöscht wird. Aber das ist ein anderes Thema.

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Scham, Hemmung, Motivation


Wenn wir behaupten, dass starke negative Emotionen ebenso starke Reaktionen auslösen können, dann bleibt die Angst als relevante Emotion nicht lange alleine. Ähnlich intensiv und unangenehm ist die Scham. Dass selbst Tiere ein ausgeprägtes Schamgefühl besitzen – analog zur Angst – sollte verdeutlichen, dass wir um eine solch grundlegende Emotion kaum herum kommen.

Wir alle haben schon von Albträumen gehört (oder sie selbst erlebt), in denen der Träumer nackt im öffentlichen Raum erwacht. Von allen gesehen, ungeschützt und vielleicht sogar verlacht, würde der Träumer dann am liebsten vor Scham im Boden versinken – doch der Boden tut sich nicht auf und die schamhafte Situation quält so lange, bis sich der Traum von selbst dazu entscheidet, die Szenerie zu wechseln. Psychologisch lässt sich die Nacktheit mit der Sichtbarkeit auch aller Fehler und Schwächen assoziieren, es fehlt also der Schutz und der Nackte wird auf vielen Ebenen angreifbar: Neben der informativen Schutzlosigkeit ist ein nackter Körper auch physisch Wind, Wetter und körperlichen Angriffen ausgesetzt.

Die Scham findet nicht ohne Spiegel statt, sie ist in einen sozialen Kontext eingebunden. Gibt es niemanden, der des Kaisers Nacktheit sieht, so gibt es für den Kaiser keinen Grund, das Schauspiel der Normalität mitzuspielen (Hans Christian Andersen Des Kaisers neue Kleider). Das heißt: Scham wird erst erlebt, wenn andere Menschen die Peinlichkeit erkennen oder erkennen können. Zum Beispiel eine moralische Schuld – Schuld ist eng mit Scham verknüpft.

Schuld… klingelt da was? Genau: Das westliche Luxusleben, das wir und unsere Eltern führen und geführt haben, ist der Grund für den fatalen Zustand unseres Planeten. Von CO2 bis zur Vermüllung der Ozeane: Die Schuld ist groß in uns. Und schon sind wir mitten in der Klimadebatte, in der Scham und Schuld moralisch lizenziert, verdrängt und manipulativ genutzt werden.

Moralische Lizenzierung
Menschen handeln/denken Gute und Schlechte Dinge. Sie achten auf den CO2-Ausgleich und fliegen trotzdem drei mal im Jahr auf die Malediven. Sie kaufen Bio, der Natur zu Liebe, dem eigenen Geschmackserlebnis zu Liebe muss es aber die Bio-Avocado aus Übersee sein. Die moralische Lizenzierung kann dazu führen, sich eine Kleinigkeit zu gönnen (was auch vollkommen okay ist), in ihrer Extremform pervertiert sie zum Freibrief für ungebremstes bösartiges Verhalten. Achte z.B. darauf, wenn sich jemand unnötig und in übertriebener Art und Weise als Opfer generiert: Der Opferstatus „erlaubt“ so manche Gegenmaßnahme. In der Klimadebatte kennen wir es zur Genüge: Die sog. „Klimadiktatur“ wird postuliert, somit wird das Land zur angeblichen Geisel gemacht – die Menschen sind die Opfer einer Diktatur, gegen die sie sich zur Wehr setzen müssen. Aus dieser moralischen Rechtfertigung/Lizenzierung heraus, führt der Weg geradewegs bis zur Gewalt. Denn Gewalt ist ein legitimes Mittel, wenn man sich gegen eine Diktatur verteidigen muss.

Die Moralisierung von Klimaschutz nützt in erster Linie ihren Gegnern. Sie drängt selbst klimabewusste Menschen dazu, ihre Schuld als Teil einer schuldigen Gesellschaft auszuwetzen – was nicht unbedingt zu einer lösungsorientierten Haltung führt, sondern vor allem zu ich-bezogenen Versuchen, dieses subtile Schuldgefühl loszuwerden. Übrigens geht das besonders leicht, indem man anderen klimabewussten Menschen die Konsequenz ihres Handelns abspricht: „Ich bin besser als du!“ hebt den Selbstwert nicht nur deutlich, sondern auch sehr einfach. Der bekannteste Kreisel innerhalb der Klimabubble ist die ewige Frage nach „zu radikal“ oder „zu wenig radikal“, die selten sachlich, jedoch oft moralisierend ausgetragen wird: „Du schadest der Bewegung mehr, als dass du ihr nutzt!“

Doch viel schlimmer ist die Wirkung der Moralisierung nach außen. Die meisten Menschen leben einfach nur ihr Leben und denken nicht zu viel darüber nach. Industrie, Politik und ungezählte Interessenverbände wissen zwar, auf welcher Schuld unsere Lebensweise steht, da sie jedoch Nutznießer dieser Situation sind, streuen sie den Menschen zusätzlichen Sand in die Augen. Der moralische Vorwurf, nicht klimagerecht zu leben, trifft also auf eine Mischung aus Verdrängung und Ahnungslosigkeit. Aus Sicht derer gesagt, die aufgerüttelt werden sollen: Ihnen wird zu Unrecht eine immense Schuld aufgeladen, die nach Bosheit schmeckt, jedoch auf „Ich habe doch nur mein Leben gelebt!“ trifft. Eine Akzeptanz der Botschaft ist in einer solchen Gemengelage nicht zu erwarten.

Der fossile Lobbyismus treibt einen gewaltigen Aufwand, den Menschen diese Schuld zu nehmen – zumindest im Gefühl. Als die erste Bio-Welle durch Europa rollte, wechselte McDonald’s seine Grundfarbe vom aggressiven Rot zum bio-assoziierten Naturgrün. Jede Fluggesellschaft, die im aufgeklärten Westen punkten will, bietet CO2-Ausgleich an (übrigens viel zu oft ohne messbare Wirkung), von Kaufland bis REWE klingt täglich das Lied durch die Verkaufsregale, mit dem Einkauf das Klima zu schützen. Die Menschen wollen es glauben – und sie glauben es. Und das ist keine Frage von Bosheit: Auch die Massen an klimaengagierten Menschen mit Eigenheim wollen glauben, dass ihr Leben klimaneutral oder gar klimapositiv ist. Aber sorry, du hast ein Eigenheim, dein Fußabdruck ist allein damit viel zu groß.

Im Ergebnis führt die Moralisierung zu Scham, weil sie die Schuld in den Mittelpunkt stellt. Was daraus folgt, sehen wir in allen Teilen westlicher Gesellschaften: Die Abwehrreaktionen werden stärker, die Methoden zur erfolgreichen Verdrängung werden vom fossilen Lobbyismus gern gereicht und von den Menschen dankbar angenommen. Im Extremfall werden „Klimakleber“ nicht nur verbal verprügelt. Dort hin, wohin wir dringend denken und gehen müssen, führen Scham und Schuld nur selten: Lösungsorientiert in die Zukunft.

Scham ist übrigens stark von der gesellschaftlichen Umgebung abhängig. So schämten sich viele Menschen zwischen 1933 und 1945 dafür, mit einem Juden einen Spaziergang zu machen. Seit 1945 würden sich die gleichen Menschen dafür schämen, dem gleiche Juden einen Spaziergang auszuschlagen. Ein drastisches Beispiel, zugegeben, doch es ist anschaulich. Ebenso die Nacktheit, die in unserer Gesellschaft leider viel zu eng mit Scham verknüpft ist: Nackend in der Kneipe zu erwachen ist der Horror, während wir ohne große Scham mit den gleichen Menschen nackend in der Sauna sitzen (die Sauna ist eines der wenigen Rituale, die Nacktheit erlauben).

Wollen wir mit der Scham umgehen und ihr die Chance lassen, motivational nützlich zu sein, dann sollten wir das Moralisieren lassen. Das heißt nicht, dass wir die moralische Frage ignorieren – doch lassen wir bitte die Kirche im Dorf, wenn wir Menschen und Menschengruppen bewerten, die nicht so klimabewusst leben wie du oder ich. Die eigentliche Schuld liegt nicht bei den einfachen Leuten, sie liegt bei Politik und Industrie. Wenn wir den Menschen jedoch helfen, ihre Scham zu überwinden – im Kleinen auch mal zu verdrängen – dann werden sich die Menschen uns zuwenden. Warum? Im Angesicht einer extrem unangenehmen Emotion bieten wir Lösungen an. Und das Lösungsfeld ist weit, vom konsequenten Veganismus bis zur Aussage, dass das Geschenk, das man erhalten hat, zwar eine ökologische Katastrophe sei, man aber trotzdem ehrlich dankbar ist: Weil die Liebe hinter dem Geschenk, die kann durchaus echt und wertvoll sein. Und für Liebe sollte sich niemand schämen müssen.

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Interview mit dem Klimawandel – Teil 4


Er mag uns, dieser Klimawandel resp. Klimakollaps. So gibt er uns nach Teil 1 und Teil 2 und Teil 3 nun schon das vierte Interview. Wie immer erfrischend ehrlich, erschreckend konsequent und mit wenig guter Meinung uns armen kleinen Menschen gegenüber.

MfIS:
Hallo Klimakollaps, jetzt ist unser letztes Gespräch schon über sechs Wochen her.

Klimawandel:
Stimmt. Wie die Zeit vergeht… ganz in meinem Sinne.

Hast du in der Zwischenzeit etwas erlebt, das du uns mitteilen möchtest?

Oh ja! Ich habe mir die größtmögliche Unterstützung gesichert, die ich nur haben kann.

Welche Unterstützung meinst du?

Die Orange in den USA wird wieder Präsident. Oder wie ich sagen würde: Das war’s, aus und vorbei, Zivilisation adé und „Drill Baby Drill„!

Okay, dass die Wahl von Trump ein klimatisches und ökologische Disaster ist, wissen wir. Doch die Meinungen gehen deutlich auseinander, was den tatsächlichen CO2-Fußabdruck von 4 Jahren Trump angeht. Manche sagen, das mache keinen großen Unterschied.

Du kommst hier mit „Kettner Edelmetalle“ als Quelle daher? Ernsthaft?

Upsi!

Ja, upsi. Arbeitest du beim Spiegel oder was?

Ok, lassen wir’s gut sein. Ich stell hier die Fragen.

Wenn du meinst. Was war die Frage?

Denkst du wirklich, dass der weltweite Klimaschutz mit Trump hoffnungslos geworden ist?

Ich würde ihn eher als allerhoffnungslost bezeichnen. Betonung auf den zweiten o. Er ist Anfang November also noch hoffnungsloser als hoffnungslos geworden, sogar so hoffnungslos, dass es hoffnungsloser nicht mehr geht.

Wir können also aufgeben?

Das Ziel, euer gemütliches Holozän-Klima zu retten: Ja. Aber in jeder Aufgabe (im Sinne von aufgeben) steckt auch eine neue Aufgabe (im Sinne von etwas zu tun). Und es gibt so viel zu tun.

Zum Beispiel?

Vor allem müsst ihr mal schleunigst damit anfangen, resiliente Gemeinschaften zu bilden. Ernährungssicher, energieautark, verteidigungsbereit, vernetzt. Ihr hängt doch sowieso den halben Tag auf Social Media rum und erklärt die Welt. Oder geht demonstrieren. Oder schreibt Petitionen. Mit dieser Zeit ließe sich auch was Sinnvolles anfangen.

Sich vorbereiten, um in einer post-zivilisatorischen Welt eine Chance zu haben?

Richtig! Aber um diesen Weg einzuschlagen, müsst ihr erstmal den Gedanken aufgeben, dass eure heutige Zivilisation noch zu retten ist.

Ist sie nicht?

Ist sie nicht! Und das ist verdammt schwer, sich so etwas einzugestehen. Nicht nur die Größe des Kollaps ist beängstigend. Vor allem ist es der ganz persönliche Lebensweg vieler – ich nenne sie mal so – Berufsaktivisten, der die Einsicht verhindert.

Wie meinst du das? Und kannst du bitte erklären, was du mit Berufsaktivisten meinst?

Gerne, dazu sind wir ja hier. Berufsaktivisten sind für mich jene Leute, die sich beruflich über viele Jahre an den Klimaschutz gekettet haben. Also all jene Menschen aus Wissenschaft und Technik, die sich mit dem klimatischen Kontrollverlust eingestehen müssten, dass sie auch ganz persönlich versagt haben: Ihr Jahrzehnte langer Einsatz hat den Zusammenbruch nicht verhindert, sie haben in all ihren Mühen versagt. Das kommt nahe ran an das Eingeständnis, dass der Lebensweg gescheitert ist.

Ja, das ist bitter.

Weil ihr Menschen aber an den guten, kuscheligen Gefühlen klebt, weil Scheitern weh tut, wird diese Erkenntnis blockiert und sich ins Schneckenhaus verkrochen. Und so baut ihr euch lieber schöne Scheinwelten vom ökologisch erfolgreichen Übermorgen auf, anstatt den Fakten in die Augen zu sehen.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Aber ja, nehmen wir das CO2-Budget. Noch heute scheint es eine große Bedeutung zu haben, man klammert sich an Zahlen fest, wie viel CO2 ein Land ausstoßen darf, um die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten.

Und wo ist das Problem?

Erstens ist die 1,5-Grad-Grenze nicht mehr einzuhalten. Auch die 2 Grad und die 3 Grad werdet ihr noch in diesem Jahrhundert reißen. Diese ganzen Budgets sind also wertlos, weil sie das Ziel nicht erreichen können, für das sie entwickelt wurden. Es ist Selbstbetrug in hübschen Zahlen.

Aber durch die Bepreisung haben wir doch einen Mechanismus entwickelt…

Ja, ja, ist schon recht. Dass die Emissionen weiter steigen, ist die relevante Zahl. Irrelevante Zahlen nutzt ihr als Motivation und Beruhigungspille.

Ist das nur beim CO2-Budget der Fall?

Nein. Nehmen wir eure Hoffnungspartei, die Grünen: Stehen in den Umfragen bei knapp über 10% und feiern sich währenddessen über einen größeren Zulauf von Parteimitgliedern: Irrelevante Zahlen. Bei den Grünen werden wir es sehen, sie haben mit Habeck zumindest ein passabel gestriegeltes Zugpferd. Aber das ist ein anderes Thema, kommen wir lieber zum zweiten Punkt: Du weißt, dass die USA ihr CO2-Budget für 1,5 Grad mittlerweile aufgebraucht haben?

Ehm… nein…

Haben sie. Und dass selbst du das nicht weißt, obwohl du nun wirklich einen formidablen Querschnitt und Tiefblick bei unserem Thema hast – für mich hast! – zeigt eines doch sehr deutlich.

Was wäre das?

Das CO2-Budget ist eine Zahl, die euch suggerieren soll: „Wir schaffen das!“ Denn wenn das Budget noch nicht aufgebraucht ist, dann ist ja alles gut, noch Puffer da und man kann noch ein bisschen blind weiter machen. Sagt euch die Zahl aber „Stop! Ihr habt die Grenze erreicht!“, wie zuletzt in den USA, dann wird sie ignoriert. Interessiert keinen Menschen mehr, wird einfach aus dem Diskurs gestrichen. Das ist eure Anamnese? Seid ihr bekloppt?

Jetzt gehst du aber hart mit uns ins Gericht!

Nicht einen Bruchteil so hart, wie eure Kinder mit euch ins Gericht gehen werden.

Weißt du, diese immer wieder aufploppenden Hinweise auf „unsere Kinder“ nerven ganz gewaltig.

Ja, sorry. Hämorrhoiden ploppen auch immer wieder auf und nerven gewaltig. Sind sie deswegen nicht da?

Bei mir nicht.

Glück gehabt! Ist ne Volkskrankheit.

Nicht nur Glück, sondern vegane Ernährung und wenig Zucker.

Applaus! Du bist ein echter Richtigmacher!

Ja, verdammt. Ich bemühe mich, möglichst viel im Leben richtig zu machen. Hast du damit ein Problem?

Um ehrlich zu sein, kann ich diese Lebensweise nicht leiden. Mach halt auch mal was falsch, meine Güte. Wer nichts falsch macht, hat sich vom Menschsein verabschiedet. Elfenbeintrurm! Und sich dann wundern, wenn die Populisten mit ihrer volksnahen Art links und rechts an einem vorbeiziehen, das sind mir echt die Liebsten.

Den Zusammenhang verstehe ich nicht. Was hat das mit Populisten zu tun?

Das kannst du auch nicht verstehen und ich kann es dir nicht erklären. Dazu fehlt dir das Mindset.

Welches Mindset?

Das Mindset von Menschen, die sich durchsetzen wollen. Die ihre Befindlichkeiten einem Ziel unterordnen.

Wie meinst du das denn schon wieder?

Na, wer immer schön korrekt ist, der wird seine Nische im Leben schon finden. Aber sich gegen Widerstände durchsetzen, gegen gängige Vorstellungen? Ich bitte dich! Dazu muss man den Streit auch mal wollen, ihn mit Freude kämpfen. Verstehst du?

Ich finde deine Aussagen nicht in Ordnung. Streiten wollen, kämpfen wollen, das ist doch nicht okay!

Wie gesagt: Dir fehlt das Mindset.

Musst du eigentlich immer so zynisch sein?

Das kommt aufs Gegenüber an. Und eure Ignoranz und Selbstgefälligkeit ist eine wahre Zynismus-Gießkanne, liebe Menschen.

Ich kann mir das nicht mehr anhören, wir müssen unser Gespräch hier beenden.

Nun, mein Freund, dann lass uns das Gespräch beenden. Wenn es dir weh tut. Bedenke nur eines: Auch eine Geburt ist blutig und tut weh. Wer sich also all dem entzieht, was quält, wird sein ganzes Leben lang nichts Neues gebären. Kapiert?

Nein.

War ja klar…

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Psychische Belastung im Journalismus und die Folgen


Saskia Heinze hat für den RND einen interessanten Artikel geschrieben. Es geht um die Multikrise, ihre Auswirkungen auf die Menschen und wie wir diesen Problemen begegnen können. Dabei fällt ein wichtiger Satz, der nun auf den Journalismus zurück gespielt werden soll. Vielleicht sogar muss?

Neben der Erwähnung von psychischen Folgen (z.B. Angststörungen und Depressionen), sowie den körperlichen Symptomen unter psychischem Druck, schreibt Saska Heinze sehr richtig:

„Wer die Nachrichten verfolgt, bekommt momentan selten gute Laune.“

Folgen wir ihrem Gedanken, dann führt er uns zu der Möglichkeit, dass das Verfolgen von mehr schlechten Nachrichten auch zu mehr Belastung führt. Soweit, so logisch. Nun können die meisten Menschen für sich entscheiden, welche und wieviele Nachrichten sie konsumieren. Im Berufsfeld des Journalismus sieht die Sache jedoch anders aus, denn Nachrichten sind der Kern journalistischer Arbeit. Man sollte dabei nicht vergessen, dass es beileibe nicht alle Nachrichten durch den Redaktionsfilter schaffen. Was uns in der Presse begegnet, ist also nur die Spitze des Eisbergs, den Berufs-Journalisten Tag für Tag zu sehen bekommen.

Im RND-Artikel sind typische Folgen von chronischer Belastung aufgeführt. Neben den schon genannten Angststörungen und Depressionen ist das unter anderem der Alkoholkonsum. Es ließe sich noch der Konsum weiterer Drogen anführen, manche legal, andere illegal. So oder so ist die Wirkung von Drogen als Mittel zur Kompensation bekannt: Es entstehen Süchte, das Verhalten kann sich ändern, nicht zuletzt haben Drogen das Potential, die Wahrnehmung dauerhaft und irreversibel zu verändern. Diese Schäden führen zu Fehlern in Privat- und Berufsleben und schränken nicht zuletzt die Fähigkeit ein, Situationen objektiv zu bewerten.

Nehmen wir als Beispiel eine Angststörung in Bezug auf den drohenden Klimakollaps. Diese Störung kann zu Verdrängungsverhalten führen: Je größer und übermächtiger die Angst, desto mehr Aufwand wird betrieben, die Ursache der Angst (hier: Klimakollaps) zu verleugnen oder zumindest zu verniedlichen. Und schon kommt die Frage auf: Wieviele Artikel wurden in den letzten Jahren geschrieben, die im Kern weniger auf sachgerechte Information abzielen, sondern vor allem darauf, die eigene Angst in den Griff zu bekommen? Die Selbstberuhigung als Motivation für einen Artikel über Hoffnung: „Ist ja alles gar nicht so schlimm!“

Fazit

Nun ist es lobenswert, dass sich der RND und Saskia Heinze sorgen um uns machen. Auch wir sollten uns Sorgen machen, auch um die Psyche von Journalisten. Doch spricht viel dafür, dass hier ein größeres, vielleicht sogar strukturelles Problem gärt. Denn ein Journalismus, der sich vor den eigenen Inhalten (Nachrichten) ängstigt und daher immer mehr zur Verdrängungsmaschine mutiert, hat das Potential dazu, unsere ganze Gesellschaft in eine Feddbackschleife aus Verdrängung und ungelösten Probleme zu führen.

Und das, liebe Leserin, lieber Leser, kann für unsere Gesellschaft zu etwas mutieren, wovon wir schon mehr als genug haben: Zu einem gewaltigen Problem!

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Story: Die Insel der Rollstuhlfahrer


Realität ist unglaublich anstrengend, erklärbärende Sachlichkeit ermüdender als Benzodiazepin. Der Clou: Manche Botschaft lässt sich einwandfrei in Form einer fiktiven Geschichten verpacken…

Recht unerwartet kam ein heftiges Gewitter auf, als unsere Brigg über eines der Weltmeere schipperte. Ich sage ganz bewusst nicht ‚die sieben Weltmeere‘, denn es sind mindestens zwei Dutzend. Ja, ich bin auf so vielen Meeren unterwegs gewesen, ich glaube fast, es geht in den dreistelligen Bereich. Aber das sind die Thesen eines sonnenverbrannten Gehirns, dem meinigen, und sollte von Dir, geneigte Leserin, geneigter Leser, nicht allzu ernst genommen werden. Einigen wir uns auf fünfzehn Weltmeere. Und ein Glas Saft, das neben mir auf der Reling stand.

Nun kam also dieses Gewitter auf. Ich stand am Bug und blickte in die Ferne, dachte an meine Katze, die ich schweren Herzens zu Hause gelassen hatte, und rieb mir die lädierten Unterarme. Schnittverletzungen, meist drei oder vier nebeneinander zierten meine Haut. Wir waren seit zwei Tagen unterwegs und die Katze hatte mich an eben jenem Morgen vor zwei Tagen zum Abschied und voller Liebe so richtig durchgekratzt. Deshalb rieb ich mir die Arme, als die Wolken kamen.

Eine schwarze Wand, Watte des Todes, durchzuckt von gleißenden Blitzen, wirkte wie die Mikroskopansicht einer abgrundtief bösen Körperzelle. Sie grummelte vor sich hin, als dachte sie gerade an ihr letztes Opfer. Da dachte ich an unsere Brigg, sie schien dem drohenden Gewitter zwar ein kleiner, aber auch ein sicherer Fang zu sein. Vor dem inneren Auge sah ich diese schwarze Todeswatte Knäuel für Knäuel über unser zartgliedriges Wassergefährt rumpeln, sah die Brigg zerbrechen, sah mich selbst nach Jahresfrist als abgelutschtes Skelett irgendwo in der Tiefe, und kippte vor Schreck meinen Saft ins Meer.

Es war dann alles nicht so schlimm und wir überstanden das Gewitter gut. Nur der Kompass war uns über Bord gegangen. Und der schlotternde alte Mann, den wir am zweiten Tag als Schwarzfahrer von der Galionsfigur kratzen wollten, der sich dort aber mit einer Inbrunst festgeklammert hatte, so dass wir ihn schließlich akzeptierten, wo er war. Der Sturm hatte uns weit vom Kurs abgebracht, ohne Kompass jedoch wäre uns der Alte etwas wert gewesen, denn er hatte in einem lichten Moment behauptet, er könne Norden anhand der Sterne erkennen. Ich hielt diese Behauptung für Quatsch, aber der Mann war alt, wie gesagt, und wahrscheinlich ein wenig angekalkt. Und vielleicht hatte er doch Recht gehabt, aber das war jetzt egal. Nun fuhren wir so dahin, in der wagen Hoffnung eine uns bekannte Welle zu entdecken, an der wir uns sich orientieren konnten, einen Leuchtturm oder eine stark befahrene Seestrasse. Doch wir fanden nichts der gleichen – so ein Mist! Zu allem Überfluss ging nach zehn Tagen das Süßwasser zur neige. Die ersten Kämpfe um das kostbare Nass entbrannten, und so ging eines Nachts der Küchenjunge über Bord, am Morgen gar der Koch, am Mittag seine Frau, am Abend dann der erste Maat, die Nacht darauf der zweite und der dritte, und so weiter. Erst am vierzehnten Tag auf See, als unsere Brigg wohl etwas weniger Fahrt machte, holte das Glück uns wieder ein: Wir entdeckten eine Insel! Klein aber, wie wir Übriggebliebenen mutmaßten, unsere Rettung.

Die Segel wurden gesetzt und das Ruder eingestellt, so dass wir endlich, endlich, endlich, nach fünfzehn Tagen, die doch sehr ermüdend gewesen waren, wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Für die Erbsenzähler: Wir hatten Sand unter den Füßen, den festen Boden erreichten wir nach grob geschätzten dreißig Schritt. Felsen und Gebüsch trennte das Landesinnere vom Strand. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf, je acht Personen, denn sechzehn waren von ehemals achtundzwanzig übrig geblieben.

Wie zu erwarten gehörte ich zur Expeditionscrew. Unsere Aufgabe war es, die Insel grob zu erkunden, jede nur auffindbare Zivilisation mit all ihren Lebensmitteln an den Strand zu locken und der Schiffscrew, die auf die Brigg acht geben sollte, nur mit froher Kunde wieder unter die tief geränderten Augen zu treten. Also stapften wir wie die Weltmeister durch Dschungel und Gebüsch, kletterten Felsen hinauf und kullerten kleine Hügel hinab, einen halben Tag lang. Dann erreichten wir eine geteerte Straße.

„Hey!“ rief ich vor Glück. „Wir sind gerettet!“
„Straßen kann man nicht trinken,“ kam prompt die Antwort aus dem Mund unseres Quotenpessimisten.
„Ja, ja, ja, ist schon gut.“ Ich versuchte einen spontanen Anfall an Gewaltbereitschaft einzudämmen, mit Erfolg. „Wir teilen uns auf. Vier gehen in die eine Richtung und vier gehen in die Andere. Du!“ Ich fixierte den Pessimisten. „Du gehst aus meiner Sicht in die andere Richtung, kapiert!?“
Hatte er. Als er sich wortlos umdrehte und losmarschierte, da fiel mir doch ein kleiner Stein vom Herzen und kullerte über den Asphalt in den Straßengraben, wo er es wahrscheinlich heute noch gemütlich hat.

Meine Gruppe lief und lief die schier endlose Straße entlang. Erst am späten Nachmittag erreichten wir eine kleine Siedlung, doch sie war unbewohnt. Die Türen der Häuser standen zum Teil offen und die Scheiben waren kaputt. Steppenhexe rollte über den Boden, was ich für dramaturgisch verständlich aber ziemlich überflüssig hielt. Schließlich waren wir in tropischen Gefilden und die Steppenhexe ist ein sowjetisches Gewächs, von Einwanderern nach Amerika gebracht. Doch hier? Seltsam.

Ich erwähne es schon jetzt, auch wenn es mir zu diesem Zeitpunkt nicht ins Auge gefallen war: Dieser Ort lag auf einer felsigen Anhöhe, eine Pferdedroschke wäre auf diesem Untergrund in tausend Teile zerbrochen, noch ehe sie vom einen Rand des Dorfes kommend, den anderen erreicht hätte. Nur deshalb war der Ort verwaist, aber dazu später mehr. Wir sammelten was wir gebrauchen konnten, Messer, Schalen, Felle und so weiter, und marschierten dem Sonnenuntergang entgegen. Als eben dieser zu Ende gegangen war, da standen wir recht dämlich da, denn keiner hatte daran gedacht, ein Feuerzeug oder Streichhölzer einzupacken, so dass wir – von elektrischem Strom rede ich erst gar nicht – alsbald im Stockdunkel am Straßenrand saßen und uns Witze erzählten.

„Kennste den: Kommt ’ne Frau beim Arzt, muhahahaha!“
„Sehr witzig, haha.“
„Tut mir Leid, erzähl dir halt deine eigenen Witze, wenn dir meine nicht gefallen.“
„Ne, ne, erzähl nur weiter. Ich will schlafen, dafür sind die gut geeignet.“
„Pisser!“
„Pass auf, ich hab ein Messer!“
„Komm halt, Pisser!“
„Mach ich gleich!“

Und so weiter, und so fort. Wir hatten uns schon bei den Tagen auf See nicht richtig lieb gewonnen, die Grabenkämpfe wurden hier an Land nahtlos fortgesetzt. Zum Glück bin ich geübt, war in meinem Leben schon mit vielen Reisegruppen unterwegs und weiß, dass man sich am besten raushält. Also rollte ich zur Seite und schlief ein. Wir alle vier müssen irgendwann eingeschlafen sein, und drei erwachten kurz nach Sonnenaufgang durch Gewehrsalven, die einmalig und bedrohlich in der Ferne donnerten. Der Witzeerzähler erwachte nicht, ihm steckte ein Messer im Hals.

Nun bin ich abgeschweift, ich muss mich entschuldigen, man hätte an eben jener Stelle beginnen können. Der Satz ‚Ich war mit einer sich selbst dezimierenden Meute auf See, wir kamen vom Kurs und landeten auf einer Insel‘ hätte als Einleitung völlig gereicht. Aber als Reisender hat man eben viel zu erzählen. Allein das Gewitter auf See wäre eine acht- bis vierzehnseitige Geschichte wert, vielleicht sogar ein Taschenbuch, aber man muss ja nicht mit allem was man erlebt hat unters Volk. So will ich nun ein paar Passagen überspringen, als roten Faden reiche ich Euch folgenden Satz: ‚Wir wurden von Gewehrsalven geweckt, denen wir folgten, was uns arme Sünder in die Gewalt einer Horde schießwütiger Rollstuhlfahrer trieb. Sofort wurden wir angekettet und hinter die Rollis gespannt, sehr erniedrigend, und von gelegentlichen Schubsern begleitet in eine etwas seltsame Stadt geschleift.‘ Okay, das waren jetzt zwei Sätze. Egal, weiter. In dieser Stadt schien jedes Haus nicht höher als sein Erdgeschoss zu sein, die Gegend war flach, die Straßen waren glatt geteert, es gab Rampen wo Treppen hätten sein müssen, Haltegriffe waren meist auf Brust- oder Schulterhöhe in sinnvollen und sinnentleerten Positionen angebracht. Die Bewohner waren allesamt Rollstuhlfahrer – unfassbar aber wahr! Wir staunten nicht schlecht, während man uns durch die Straßen trieb. Unter den Leuten kam schnell Volksfeststimmung auf, unsere feierliche Hinrichtung am Marterpfahl oder die Opferung an einen riesenhaften Rollstuhl-Gorilla schien weniger eine Frage der Zeit, denn Zeit ist etwas langes, episches, als eine Frage von Minuten zu sein. Doch ich täuschte mich und war dankbar dafür, denn man brachte uns an einen Schlafplatz – und am folgenden Morgen zum Kanzler. Im ersten Stock des einstöckigen Regierungsgebäudes, den wir über eine elend lange Rampe erreicht hatten, schleiften uns die Rollifahrer in ein großräumiges Büro. Rechts eine Fensterwand mit Blick über die Stadt, schließlich war das Regierungsgebäude genau ein Stockwerk höher als alle anderen, so dass die Aussicht mit dem Blick vom Eiffelturm vergleichbar war: Nichts als Dächer. Links im Raum ein breites, jedoch nicht allzu hohes Bücherregal, der Tür gegenüber stand ein Schreibtisch, und in der Mitte des Raumes ein an einen blutdurstigen Dobermann erinnernder Rollstuhl mit einem drahtigen Soldatentypen Mitte Vierzig darin. Der Kanzler. Er wirkte eher wie der Offizier einer paramilitärischen Reserve, in seinem mit Handgranaten, Messern und Pistolenhalftern ausgerüstetem Kriegsrollstuhl, in den er sich fläzte als gäbe es kein Morgen. Die Sonne schien seitlich ins Büro herein, der wolkenartige Rauch seiner Zigarre ballte sich tiefdunkelblau vor unseren Augen und erinnerte an das schicksalhafte Unwetter, wegen dem ich meinen Saft verschüttet hatte. Wir wurden an die Wand gekettet, dem Fenster gegenüber. Mir fröstelte. Dann sprach mich der Kanzler an.

(Ich muss hier lobend meinen raumfüllenden Charakter erwähnen: Wie schon hundert Mal auf meinen Reisen hielt man mich für wichtig, wie schon hundert Mal zuvor war ich der unwichtigste aller Beteiligten. Aber ich komme nicht drum herum, die Leute hielten mich schon immer für Professor, Doktor, Führer, Skipper, Kapitän, Minister, Kanzler, Papst und Kindergärtner in einer Person. Ich muss nur einen Raum betreten, schon hält man mir die Dokumente unter die Nase und drängt mich höflich sie zu unterzeichnen. Das tat ich übrigens eine ganze Weile gerne und belustigt, bis ich eines Tages, ohne es zu Wissen, einem spitzfindigen Herrn ein Dokument unterschrieb, worauf es vierzehn Millionen Tote gab, denn das Dokument war eine Kriegserklärung. Seitdem bin ich vorsichtig geworden.)

„Wo kommen Sie her?“ herrschte mich der Kanzler der Rollstuhlfahrergemeinde an.
„Von… ähhh… weit,“ konterte ich souverän und nahm ihm so den Wind aus den Segeln.
„Äh… und wo liegt das?“ Er rollte etwas verwirrt drei Zentimeter vor und wieder zurück. „Weit von hier?“
„Ja,“ sagte ich nach kurzem Zögern. „Wir sind gestern mit der Brigg gelandet. Nach einem schreckenerregendem Unwetter sind wir vom Kurs abgekommen und nach fünfzig Tagen Fahrt durch unbekannte Gewässer voller Strudel und Riffen und Ungeheuern an Ihrer schönen Insel gelandet.“ Hatte ich fünfzig gesagt? Egal, er staunte schließlich.
„Das ist wirklich sehr weit, junger Mann. Räusper! Das heißt, Sie kennen unsere Sitten nicht und sind deshalb so rückschrittlich unterwegs?“
„Rückschrittlich?“ fragte ich mit ehrlichem Interesse. Was sollte das nun heißen?
„Natürlich!“ Er lächelte. „Sie laufen ja auf zwei Beinen, mein Freund.“
„Ähhhh…“ Mehr fiel mir nicht ein. Doch nun beginnt, was ich erzählen wollte, nicht die meinige Geschichte von dem elendigen Brigggeschipper, nicht die der leidigen Beteiligten, sondern die seine. Der alte Rollsoldat rollte ans Fenster, schloss die Jalousien, rollte in eine angenehme Position in der Mitte seines Büros, schloss im Vorbeirollen die Tür mit Schwung, rutschte den Aschenbecher zurecht, blickte mich an, gluckste kurz und fragte: „Sie haben keine Ahnung, oder?“
„Ich denke nicht,“ war meine grundehrliche Antwort.

„Dann will ich’s Ihnen erzählen: Wir waren vor zwanzig Jahren eine kleine Gemeinde weit weg von hier. Wir lebten in einem demokratischen Land, besser als die Diktatur, keine Frage, doch auch diese Demokratie schien uns eine Farce zu sein, denn die Regierenden hielten sich, wie leider auf der ganzen Welt, für Herrscher über das Volk, für unantastbar und über jeden Zweifel erhaben. Oder zumindest die meisten Zweifel. Oder die Zweifel waren ihnen egal. Sie sonnten sich in Ruhm und Ehre und vergaßen darüber ihren eigentlichen Auftrag, die Verwaltung des Landes und unserer Gemeinde. Uns wurde es zu viel und so kamen wir hier her. Anarchie und Hippiedasein kam für uns nicht in Frage, also überlegten wir angestrengt, wie wir unser Problem lösen konnten. So wie die Demokraten unserer Heimat wollten wir ja nicht werden. Wir berieten und berieten und zehn Wochen und fünfhundert Schlägereien später fanden wir die Lösung! Der faktische Kanzler oder Präsident sollte mit dem Titel Allerniederste Wurst Des Volkes ausgestattet werden, so dass sich Ruhm und Ehre dieser Position nicht bemächtigen konnten. Es würden nur demütige und gerechte Leute einen wichtigen Posten bekleiden wollen, wenn dieser einen solchen Namen trug, dachten wir. Also jemand, der sich nicht seinem Ego zu Liebe daran bindet, sondern wegen der wichtigen Aufgabe. Das ging auch über ein Jahr gut, doch der Titel Allerniederste Wurst Des Volkes verlor mit der Zeit seinen essentiellen Beigeschmack, so dass wir bald wieder am Anfang standen. Wir berieten und berieten uns, es kam zu Prügeleien, doch wir fanden keine ordentliche Lösung. Manch einer schlug vor, den Titel auszubauen, zum Beispiel zu Allerniederste Stuhlgang Fressende Lepra-Wurst Mit Furunkel Am Arsch oder Lepra Ist Was Schönes Dagegen, Du Allerniederste Ziegenwurst Des Volkes und so weiter. Doch das wäre im besten Falle ein Aufschub unseres Problems gewesen, also gingen die Beratungen in die nächste und übernächste Runde. Die Regenzeit setzte ein und das Gremium verschanzte sich in einem flachen Gebäude mit Schindeldach. Als nach über einem Monat noch immer kein weißer Rauch zu sehen war, da wurden die Leute wütend. Sie begannen in ihrer Raserei das Schindeldach abzutragen, es regnete auf unsere Köpfe, es wurde richtig unangenehm, und irgend wer riss einen Witz über Rollstuhlfahrer. ‚Die hätten uns das Dach gelassen!‘ oder so ähnlich. Und das war es, das war die zündende Idee! Niemand – ich betone: niemand! – würde einen Posten nur aus Ehrsucht und Machtbewusstsein haben wollen, wenn man ihm dafür in den Rücken schoss und ihn so zum Rollstuhlfahrer machte. Nur wirklich demütige Menschen würden so weit gehen, da konnten wir sicher sein. Wer sein Rückgrat opfert, opfert sich auch für das Volk! Die Entscheidung war also gefallen, dank dem Regen und der Ungeduld der Menschen, für die wir ja eine Lösung suchten.“ Er atmete ein, er atmete aus. Zum ersten mal seit seiner Rede, wie mir schien. „So kam es bald zur Wahl, und tatsächlich gab es Kandidaten. Unser erster Kanzler, diesen Titel führten wir nun wieder ein, Gefahr bestand ja nicht, wurde schließlich Dieter Scheule. Nach einem halben Jahr war Dieter ein echter Profi-Rollstuhlfahrer, mit den mächtigsten Oberarmen, die man sich nur vorstellen kann. Und ein guter Kanzler. Freunde, es hatte also funktioniert!“

Das erklärte zwar, weshalb der Typ vor uns im Rolli saß, doch nicht die ganze Stadt. Im Geiste hatte ich die Insel längst ‚Insel der Rollstuhlfahrer‘ getauft und wunderte mich noch immer. Ich konnte mir eine spitze Bemerkung nicht verkneifen: „Also war hier jeder in der Stadt schon mal Kanzler, oder was?“

Der Typ war scheinbar fertig mit seiner Geschichte, und stolz darauf dazu, denn er reagierte erst, nachdem ich meine Frage ein drittes Mal an ihn gerichtet hatte. Und dann winkte er ab und murmelte etwas in seinen Kriegerbart, was in etwa folgendermaßen klang: „Nun… mmhmm… wir ham… hmmm… seit so’n paar Jahren die… hmmm… abso… ähhh… lute hmmm… Gleichbedings… ähhh… rechtigung, ja! Alle über achtzehn Jahre… hämmhmm… kommen innen Stuhl.“
Mir schauderte, ihm schien es höchstens unangenehm. Wahrscheinlich, weil der große Plan der demütigen Kanzlerschaft letztlich doch noch schief gegangen war.
„Ihr jetzt auch!“ schloss er sein Gemurmel.

Mir schauderte noch mehr. Er zückt eine Pistole und schoss dem links von mir durch den Bauch ins Rückgrat. Es knackste, er rutsche zu Boden, soweit die Ketten an der Wand es zuließen. Es knackste wieder. Dann der rechts von mir, das gleiche Spiel. Ein jämmerliches Geschrei erfüllte das Büro, Blut floss unter den zuckenden, sich windenden Körpern hervor und wärmte mir alsbald die nackten Füße. Nun war ich an der Reihe, der verrückte Kanzler zielte schon, wollte mich zu einem der ihren machen, mir die Möglichkeit der Gleichberechtigung offenbaren, die ich nicht wollte, jedoch…

Wie schon immer konnte ich entkommen, in einer waghalsigen Aktion, heldenhaft und todesmutig, irrwitzig und voller Sex and Crime. Doch damit will ich Dich nicht langweilen. Mach es also gut und – wenn Dir Deine Beine lieb sind – achte darauf, auf welcher verdammten Insel Du nach Wasser suchst.

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Melli Beese – dem Wahnsinn eine Chance geben


Aus guten Gründen assoziieren wir den volksmündlichen Begriff „Wahnsinn“ mit Faschisten, Massenmördern und – da schließt sich der Kreis – so manchem deutschen Großvater. Doch ist dieser destruktive Wahnsinn nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite brauchen wir dringender denn je.

Wahnsinn ist in unserer Gesellschaft ein weit gefasster und recht unklarer Begriff. So lassen sich sowhol Donald Trump, als auch der roundabout 218-fache Mörder Harold Shipman widerspruchslos als „wahnsinnig“ bezeichnen. Andererseits – und hier sehen wir die Breite des Begriffs – war auch die Party an Silvester „einfach Wahnsinn“. Und da ist niemand ums Leben gekommen, ganz im Gegenteil: Der Wahnsinn dieser Party hat viel mit Freude und Ausgelassenheit zu tun. Wahnsinn kann also etwas sehr Positives beschreiben, von der Verknüpfung zwischen Genie und Wahnsinn ganz zu schweigen.

In diesem Artikel soll es um den persönlichen Wahnsinn gehen, der manchen Menschen innewohnt, nicht um den Wahnsinn einer Situation. Mit Trump und Shipman haben wir zwei typische Negativbeispiele erwähnt: Sie sind eine Bedrohung für ihre Opfer, im Falle von politischer und wirtschaftlicher Macht („Drill, Baby, Drill“) sind sie eine Bedrohung für ganze Gesellschaften: Sie beuten aus, spielen Krieg und – das ist ein elementarer Faktor dieses Wahnsinns – sie können ihren Weg nicht mehr verlassen. Schlagen wir die Zeitung auf, folgt ein Negativbeispiel dem anderen. Doch war’s das schon? Mitnichten! Zum Positivbeispiel kommen wir später.

Was macht Wahnsinn so durchsetzungsfähig?

Im Kern sind es zwei Eigenschaften, die dem „Normalen“ meist fehlen bzw. nur rudimentär entwickelt sind. Erstens kennen Wahnsinnige keine Gnade – weder mit anderen, noch mit sich selbst. Sie haben ein Ziel vor Augen, auf das sich ihr Wahn konzentriert. Dieses Ziel steht über allem, es ist der motivationale Kern ihres Wahns. Es kann über dem Leben ganzer Bevölkerungsgruppen stehen (Stichwort: Migrationsdebatte), aber auch – und hier wird es für uns interessant – über dem eigenen Leben. Wahnsinnige gehen bis zur Selbstaufgabe, nur um dieses Ziel zu erreichen. Melli Beese, deren Wahn das Fliegen war, hat es anschaulich beschrieben: „Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“

Neben dieser messerscharfen oder brachialen Urgewalt, die jeden Widerstand überwindet (bzw. daran zerbricht), gibt es noch eine weitere Kategorie von Grenzen, die dem Wahnsinn selten standhalten: Wahnsinnige ordnen auch die gesellschaftlichen, juristischen und sonst wie vorgegebenen Regeln ihrem Ziel unter. Da werden Gesetze gebrochen und gesellschaftlicher Konsens ignoriert, im Falle der Klimakrise gern auch die Physik. So lange diese Regeln brechbar sind (Physik ist es nicht, gesellschaftliche Regeln sind es), erweitern Wahnsinnige also ihr eigenes Handlungsspektrum: Sie tun Dinge, die andere sich niemals trauen würden, sie spielen unfair, weil es keinen Schiedsrichter gibt. Anders gesagt: Niemand ist zielorientierter als der Wahnsinnige in seinem Rausch.

Die Durchsetzungsfähigkeit beruht also einerseits auf der überharten Konsequenz, die Wahnsinnige gegen sich und andere anwenden, sowie der deutlich größeren Bewegungsfreiheit, die sie sich dadurch geschaffen haben. Doch was setzt man einer solchen Wucht entgegen? Warme Worte? Den Verweis auf zwischenmenschlichen Zusammenhalt? Wohl kaum! Denken wir in Strategie und Wirkung, dann bleibt nur eine analoge Wucht als Lösung übrig.

Melli Beese

Amelie Hedwig Boutard-Beese – wer war diese Frau? Geboren 1886 lebte sie in einer Welt, in der für Frauen das Kinderkriegen und der Haushalt vorgesehen war: „Sei artig, Mädchen, dann hat dich Sugardaddy lieb!“ In dieser Zeit war die Fliegerei neu und eine Männerdomäne. Mehr noch als manch anderes Gebiet, das Frauen verwehrt wurde. (Man will vermuten, dass sich in der damaligen Fliegerei auch Homosexualität einen gewissen Safe Space geschaffen hatte – zumindest gab es eine sichtbare Fetischisierung. Auch die Ehe von Melli Beese würde heute vermutlich als queer oder queerfriendly gelabelt werden. Das nur am Rande.)

Melli Beese hatte ein Ziel im Leben: Sie wollte fliegen, fliegen, fliegen. Sie wollte am Steuer ihres eigenen Flugzeugs sitzen – die Suche nach Freiheit darf hier gerne unterstellt werden. Und sie tat alles dafür, sie kämpfte bis zur Selbstaufgabe. Man beschäftige sich gerne mit ihrem Lebensweg, der in allen Belangen auf dieses eine Ziel fokussiert war. Nicht zuletzt sieht man es in ihrem Blick:

Was für uns wiederum sehr wichtig ist – sie war erfolgreich: Melli Beese wurde die erste deutsche Frau mit Pilotenschein (mit welcher Chuzpe sie ihn ergattert hat, ist wahrlich ein Fest von Witz und Durchsetzungsvermögen), mit ihrem Mann gründete sie eine Flugschule, sie entwarf eigene Prototypen. Nicht zu vergessen: Wir reden hier von einer Zeit (Flugschein im Jahre 1911), in der es Frauen in Deutschland quasi verboten war, das Steuer eines Flugzeugs auch nur anzufassen.

Es war der Wahnsinn, der sie zu diesem Erfolg getrieben hat – und es war der Wahnsinn, an dem sie zerbrach: Mit 38 Jahren hatte sie alles verloren. Aufgrund einer medizinischen Behandlung morphiumsüchtig, aufgrund der französischen Heimat ihres Mannes und Geschäftspartners zu Beginn des Ersten Weltkriegs geächtet, ihrer Flugschule beraubt und nach einem letzten gescheiterten Versuch, ihr Leben noch einmal in die Lüfte zu heben… nahm sie sich selbiges.

Ihre Abschiedsworte schrieb die gebrochene junge Frau auf einen Zettel, setzte die Pistole an und machte Schluss. Weil: Alles ist dem Wahnsinn egal, wenn er sein Ziel nicht mehr erreichen kann. Selbst das eigene Leben ist in diesem Fall nicht mehr viel wert – für sie selbst. Auf ihrem Zettel stand eine wohl tief empfundene Wahrheit, die aus eben jenem Wahnsinn schöpft: „Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“

Warum brauchen wir den Wahnsinn auf unserer Seite?

Menschen wie Melli Beese – die „guten“ Wahnsinnigen – werden beäugt und oft nicht ernst genommen. Manche werden angehimmelt, sie sind Stars, und doch sind sie in einer fremden Welt alleine. Der Club 27 singt ganze Arien darüber, anders und einsam zu sein (s.u.). Denn für „normale“ Menschen sind diese Leute ein Vorwurf: Sie zeigen auf, was ein Mensch erreichen kann, wenn er über seine Grenzen geht. Wenn er über die Grenzen der Gesellschaft geht. Wenn er ein Ziel im Leben hat, das den Sinn des Lebens vollständig erfüllt. Und daher applaudiert unsere Gesellschaft gerne aus der Ferne – den „guten“ Wahnsinnigen – aber ist nicht für sie da. Und so wenden auch sie sich ab, nicht selten durch Suizid.

Das Klima kippt. Die Biodiversität liegt am Boden. Die Emissionen steigen. Der Faschismus hat Aufwind. Die menschliche Zivilisation hat versagt. Und was wird dagegen getan? Demonstrieren in kleinen Grüppchen, Vorträge hinterm eigenen Tellerrand, die Flucht in digitale Safe-Spaces, die nicht lange halten werden. Doch so können wir nur verlieren – wir sehen es ja live. Um diese Saft- und Kraftlosigkeit zu überwinden, brauchen wir die Wahnsinnigen. Jene, die sich selbst aufgeben, um den Kollaps zu verhindern. Jene, die weiter gehen als die vielen schlauen Leute vom Prenzlauer Berg. Jene, die selbst dann nicht anders können – weil ihnen der unbändige Wille in den Adern kocht. Anders gesagt: Weil sie für ihre Ziele alles tun! (Ja, diese Menschen können anstrengend sein.)

Melli Beese hat alles getan. Und wenn wir gewinnen wollen… oder besser, wenn wir nicht noch krachender verlieren wollen, dann führt kein Weg um diese Wucht herum. Sie macht vielleicht Angst, weil sie nicht wirklich zu verstehen und von niemandem zu kontrollieren ist. Doch es ist die gute Seite des Wahnsinns, die wir in Freiheit lassen müssen. Es ist höchste Zeit dafür, diese (auch das ist wichtig!) kindliche Seite unseres Seins zu entfesseln: Lehrer Lämpel zurück in den Mottenschrank, dafür mehr Melli Beese wagen – eine Kraft, die niemand hält.

Wo stehst du?

Erstmal ist das deine Sache. Du bist (hoffentlich) ein freier Mensch und kannst deine Individualität leben, wie es für dich gut und richtig ist. Doch achte darauf, wie dein Kopf mit dir spricht. Sagst oder denkst du oft „Das darf man doch nicht!“, dann spricht das kaum für einen Wahnsinn dieser Coleur. Was nicht schlimm ist, für dich persönlich vielleicht sogar besser. Du findest deine Rolle, und sei es im Windschatten von Menschen, die den Löwen gern in seiner eigenen Höhle jagen.

Vielleicht aber ist dir diese Welt zu eng und deine Gedanken sind schneidend. Vielleicht warst du selbst davon überrascht, mit welcher Vehemenz du (was auch immer) durchziehen kannst. Vielleicht sind dir die 70% zu wenig und du hast das Mindest: 300% versuchen, 150% erreichen. Und vielleicht spürst du, dass da undendlich Luft nach oben ist, dass dich ein nie versiegender Quell mit Energie versorgt. Dass etwas in dir ruht, das mit geradezu archaischer Macht erwachen will. Dann könnte der Satz folgen: „…bist du vielleicht eine/r von uns.“

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