Gesprächstaktik nach Herbert Diess


Herbert Diess ist nicht nur ehemaliger Vorstandsvorsitzender des VW-Konzerns, er ist auch ein Mann, der ganz offensichtlich einen großen Werkzeugkoffer voller Gesprächs- und Verhandlungstaktiken besitzt. Eine besonders destruktive Taktik bekam nun Maja Göpel zu spüren.

Wer diskutiert, will im besten Falle auch etwas vom Gegenüber lernen. Trotzdem ist in jeder Diskussion auch ein gewisser Durchsetzungswille Teil der Gesprächsführung, sonst würde man ja nur zuhören und nicht diskutieren. Abgesehen von der weit verbreiteten (und sehr vielfältigen) Scheinargumentation, sind die meisten Gesprächstaktiken mehr oder weniger zielführender Natur. Sie wollen also nicht auf Teufel komm raus gewinnen, sie dienen einem möglichst haltbaren Ergebnis.

Steht jedoch als Motivation das Gewinnen der Diskussion weit vor dem Interesse am Erkenntnisgewinn, so kommen vermehrt destruktive Methoden zum Einsatz. Ein solcher Einsatz zeigt letztlich auch argumentative Schwächen auf, denn nur wer mit fairen Mitteln zu scheitern droht, versucht sein Gegenüber mit unfairen Mitteln auf die eigene Schwächeposition herunter zu ziehen. Am 10. November 2022 gab es im ZDF einen exemplarischen Moment, den ich hier kurz aufzeigen möchte. Die angewandte Technik nenne ich:

Plattfahren nach Herbert Diess

Was ist passiert?

Maja Göpel, ihres Zeichens Transformationsforscherin mit der heutzutage so wichtigen Wissenschaftskommunikation als einen Schwerpunkt, hatte versucht, den Vorteil einer weniger gewinnorientierten Wirtschaft für die Menschen zu beschreiben. In Relation zum drohenden klimatischen und ökologischen Kollaps ist dieser Gedanke nicht nur vernünftig, er ist – und hier sei zähneknirschend Angela Merkel zitiert – alternativlos. Die Argumente sind stichhaltig, die Argumentationslinie muss im Spannungsfeld von Klimaschutz und Wirtschaftswachstum natürlich in mehreren Schritten gegangen werden. Maja Göpel ging diese Schritte klar und nachvollziehbar.

Das passt einem Manager der alten Gewinnmaximierungsschule a lá Herbert Diess natürlich nicht. In einem nicht-öffentlichen Gespräch hätte er Maja Göpel wahrscheinlich aufmerksam zugehört: Als erfolgreicher Manager gehört es zu seinem Beruf, sich mit Gegenpositionen möglichst konstruktiv auseinanderzusetzen und – strategisch wichtig! – diese auch zu verstehen. Doch bei Markus Lanz darf Göpel vor einem Millionenpublikum ausführen, warum wir das Goldene Kalb der ewig wachsenden und in Billiglohnländer expandierenden deutschen Autoindustrie schlachten müssen. Das konnte Diess schlecht zulassen, was zu folgender kleinen Szene geführt hat. Achten Sie darauf, was Diess macht:

Was fällt auf?

Diess hat allen Aussagen von Maja Göpel zugestimmt, selbst die wenigen „Neins“ waren eine inhaltliche Zustimmung, quasi ein Unterstreichen der „Neins“ von Maja Göpel. Man kann Herbert Diess daher keine böswillige Störung vorwerfen – trotzdem war es genau das.

Gelegentliche zustimmende (oder ablehnende) Wortmeldungen in einem laufenden Vortrag sind im Rahmen von Diskussionen und Verhandlungen keine Besonderheit. Hier wurde dieses Element („Ja … ja … ja …“) jedoch in einer Penetranz eingebracht, die aufhorchen lässt: Durch die permanente Unterbrechung könnte man meinen, dass er darauf abzielt, Maja Göpels Redefluss ins Schleudern zu bringen. Diess muss allerdings wissen, dass Göpel so leicht nicht aus dem Tritt zu bringen ist – wüsste er es nicht, wäre er schlecht vorbereitet oder schlichtweg von Arroganz geblendet. Diess ist ein aufmerksamer Gesprächspartner, ein solcher Lapsus wäre unwahrscheinlich.

Was bleibt?

Es ist davon auszugehen, dass Herbert Diess einfach wollte, dass möglichst wenige Zuschauerinnen und Zuschauer Maja Göpels Ausführungen folgen konnten. Letztlich ist es für Diess egal, warum Göpels Argumentationslinie beim Publikum nicht ankommt (ergo: ob sie oder das Publikum den Faden verliert), sondern dass sie nicht ankommt – oder zumindest nur lückenhaft. Dazu sei noch gesagt, dass Diess nicht nur durch sein stetiges Stören den Argumentationsfluss hemmte, sondern auch durch die Absurdität des Moments die Aufmerksamkeit auf seine kleine Sprechroboter-Show lenkte – weg von Göpels Ausführungen.

Ganz unabhängig davon, wie erfolgreich Diess bei einzelnen Zuhörerinnen und Zuhörern war: Herbert Diess hat eine gangbare destruktive Taktik schamlos und wirkungsvoll angewandt. Diskussions- und verhandlungstaktisch ist das durchaus spannend und nicht zuletzt ein anschauliches (und daher lehrreiches) Beispiel. Bei dem aber, was für uns alle auf dem Spiel steht, wenn wir uns einer tiefgreifenden und möglichst sofortigen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft verweigern, war das Auftreten von Herbert Diess auf eine nahezu erbärmliche Art und Weise asozial.

Oder: Er hat zu viel Sekt und Häppchen vor der Sendung zu sich genommen, was bekanntlich zu geistiger Flatulenz führen kann…

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Bias in der Klimablase


Wer sich mit der Klimakrise befasst, wird mit den absonderlichsten Vorwürfen konfrontiert. Doch auch innerhalb der Blase lässt die Argumentationslogik manchmal zu wünschen übrig – oftmals geht es dabei um die öffentliche Kommunikation.

In diesem Artikel möchte ich ein paar solcher Denkfehler aufzeigen. Nicht als Gemeckere (auch wenn der Ärger mal raus muss), sondern als konstruktiver Kompass für die Zukunft, werden hier mehrere Beispiele diskutiert, die entweder in schöner Regelmäßigkeit auftauchen, und/oder in der Schwere ihrer Fehlleistung für größeren Schaden an der Klimadebatte sorgen können. Aber der Reihe nach…

FALSCH: Wir haben noch eine realistische Chance für 1,5°

Beginnen wir mit dem härtesten Brocken, der da heißt: Nein, es gibt keinen realistischen Pfad mehr, in dem wir als Menschheit die Erderwärmung dauerhaft unter der magischen Grenze von 1,5° halten können. Selbst das Umweltprogramm der Vereinten Nationen kommt zu dieser Schlussfolgerung¹. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Die absurde Geschwindigkeit, mit der die Weltgemeinschaft alle Emissionen stoppen müsste, wie auch die massiven Investitionen in eine globale Carbon-Capturing-Industrie, sollen hier beispielhaft genannt werden². Zudem entzieht sich die Komplexität der Kippelemente³ einer genauen Prognose, so dass diese nur unzureichend in die Klimaprognosen eingearbeitet werden können, manche kommen daher schlicht on top. Ein weiteres großes Pfund ist die Menschheit selbst, die mitnichten im nötigen Umfang die Schwere unserer Probleme zu verstanden haben scheint – selbst in einem aufgeklärten Land wie Deutschland sprechen die Rekordwerte an Autozulassungen⁴ eine deutliche Sprache. Von klimafeindlichen Strömungen in Politik und Wirtschaft ganz zu schweigen.

Als Menschen tun wir uns sehr schwer, beängstigende Realitäten zu akzeptieren. Gerade in der Klimaszene ist das Narrativ der 1,5° nicht nur für die Außenkommunikation sehr wichtig, es gibt auch intern Halt und Hoffnung. So ist es auf der emotionalen Ebene nur zu verständlich, dass sich mancherlei Aktive sehr schwer damit tun, dieses Narrativ über Bord zu werfen – es kommt einem fatalen Scheitern gleich, als würde man sich auf der Titanic beim Pumpen von Wasser eingestehen, dass das Schiff letztlich sinken wird. Es ist also sehr schwer, von diesem Narrativ zu lassen, und es scheint ein inneres Festhalten zu sein, das die Außenkommunikation oft steuert. Persönliche Gefühle sollten jedoch (in der Klimadebatte) niemals zu unsachlicher Außenkommunikation führen – die Leugner versuchen uns mit allen Mitteln als Paniker zu degradieren, dem dürfen wir mit falschen Angaben nicht Vorschub leisten. Wie fadenscheinig die Begründungen dann sind, das sehen wir gleich.

FALSCH: 1,5° verloren = alles verloren

Wir laufen schnurstracks in ein ökologisches Desaster, selbst die heute 40-Jährigen werden noch eine Welt erleben, die so sehr aus den Fugen geraten ist, wie wir es uns heute nur schwer vorstellen können. Selbst das Aussterben der Menschheit wird mittlerweile als realistisches Szenario gewertet⁵. Da die Marke von 1,5° eine Schwelle beschreibt, ab der wir mutmaßlich einen umfänglichen Kontrollverlust erleben werden, diese 1,5° jedoch nicht mehr realistisch sind, könnte man nun ableiten, dass sowieso alles verloren ist. Was aber ist dieses „alles“ und warum ist es Quatsch?

Kontrollverlust bedeutet nämlich nicht, dass wir gar nichts mehr beeinflussen können. Warum? Einerseits sind der technischen Kreativität des Menschen nur wenige Grenzen gesetzt, so dass es neben Carbon Capturing weitere Optionen zu geben scheint, die uns einen gewissen Zugriff auf die Erderwärmung auch jenseits von 1,5° gewährleisten könnten⁶. Zugegeben, diese Techniken und Methoden⁷ sind keine Gamechanger – auch wenn den Menschen einen tief verwurzelten Drang dazu innewohnt, Problemen mit „der einen“ Lösung zu begegnen. Trotzdem können jene Techniken und Methoden – nicht zuletzt eine Abkehr vom quantitativen Wirtschaftswachstum – wichtige Blüten eines ganzen Blumenstraußes an Lösungen sein, mit dem wir zumindest Teile des Planeten lebenswert erhalten.

Wie schon erwähnt, ist das Verhalten der Menschen eine wichtige Variable in der Gesamtrechnung. Und wie nun leider die Gefahr besteht, dass eine klimatisch und ökologisch kollabierende Welt in Krieg und Gewalt versinkt, so steht dieser Dystopie ein anderer Aspekt des Menschseins gegenüber: Wir sind soziale Wesen. Tatsächlich ist es zwar die größere Frage, wie sich der Planet selbst entwickeln wird. Trotzdem ist die nächste Frage ebenso relevant für unser Leben und Überleben: Wie gehen wir in einer solchen Welt miteinander um? Und hierauf haben wir sehr wohl einen dauerhaften Einfluss.

Die Gefahren sind also groß und zurecht sehr beängstigend. Die etwas schwammige „Sicherheitsgrenze“ von 1,5° werden wir nicht einhalten können. Alles verloren ist damit aber keineswegs! Was mich zur nächsten Fehleinschätzung führt.

FALSCH: Jetzt ist es auch egal!

Ich weiß nicht, wie oft ich im Privatgespräch gesagt bekommen habe: „Wir werden es nicht schaffen!“ Gemeint ist: Die 1,5° und eine gewichtige Restkontrolle über unser Planetensystem zu (be)halten. Dieselben Leute sagen in der Öffentlichkeit aber oftmals etwas gänzlich anderes: Sie propagieren das Ringen um die 1,5° und kämpfen öffentlich für etwas, das sie persönlich schon aufgegeben haben. Ich rede hier vor allem von Wissenschaftler*innen, die einen guten Einblick in das Thema haben. Aber warum tun sie das?

Eine wahrscheinliche Erklärung ist so einfach wie strategisch unklug: Die Sorge, dass unsere Gesellschaft in einen „Nach mir die Sintflut!“-Modus schaltet, wenn sie mit dem tatsächlichen Stand der Klimakrise konfrontiert wird. Als Gedankenimpuls verständlich, möchte ich hier auf den vorherigen Aspekt verweisen: Es ist eben weiterhin die Frage, wie schlimm das ganze Schlamassel wird. Und hier zählt eben die Schärfe und Schnelligkeit der Reaktion, die man natürlich nur mit dem Hinweis auf die Schärfe und Schnelligkeit des Problems effektiv erzeugen kann. Wie ein Raucher mit Krebs im Anfangsstadium keine Not zu einer Veränderung erlebt, wenn er sich halbwegs gesund wähnt.

Entscheidend ist allerdings, dass man nicht nur die Apokalypse beschreibt, sondern eben auch unseren Einfluss auf ihre Drastik, sowie konkrete Lösungsmöglichkeiten. Wobei die Lösungen nicht unbedingt als Lösungen kommuniziert werden sollten (denn das sind sie nicht), sondern als Abschwächungen der klimatischen und ökologischen Katastrophe – ergo: Erst der Schock, dann die Hoffnung. Wenn allerdings selbst Wissenschaftler*innen aus einer diffusen Angst heraus die Wahrheiten schönfärben, dann machen sie sich angreifbar – und damit nicht zuletzt die so wichtigen Ergebnisse der Klimaforschung selbst.

FALSCH: Oktober 2022 war der wärmste seit 1881

Der Oktober 2022 „wird wohl der wärmste Oktober seit 1881“ schrieb der wirklich großartige Özden Terli auf seinem Twitter-Kanal⁸. Normalerweise kommuniziert Terli sehr konkret und unmissverständlich, dieser (kleine!) Fauxpas ist jedoch sehr anschaulich – denn analoge Fehler werden immer wieder gemacht. Dabei müssen wir den Kopf aus der klimaschlauen Blase ziehen und uns fragen, wie wirkt das auf die vielen Menschen, die deutlich weniger Ahnung haben? Und vor allem auf die, die deutlich weniger Ahnung haben wollen? Genau: Der Oktober 1880 war wärmer als der im Jahre 2022 – obwohl das gar nicht stimmt!

Seit besagtem Jahr 1881 werden in Deutschland die Mittelwerte für Temperaturen berechnet⁹. Das heißt, wenn von Rekorden seit 1881 die Rede ist, dann meint das tatsächlich „seit beginn der Aufzeichnungen“. Obwohl also das Jahr 1881 deckungsgleich mit dem Aufzeichnungsbeginn ist, können diesen Zusammenhang nur Menschen verstehen, die ihn auch kennen. Für alle anderen bedeutet obige Aussage etwas überspitzt formuliert: „1880 war der Oktober ja eh schon wärmer als heute, das ist also ganz normal und den Klimawandel gibt es nicht, weil das Klima hat sich ja schon immer gewandelt, bal bla bla…“

In den Händen von bewussten Klimaleugnern sind solcherlei fehlerhaften Verkürzungen eine wirksame Waffe gegen das Überleben. Also bitte Vorsicht mit den Formulierungen, denn einmal in die Welt gesetzt, treffen sie nicht ausschließlich auf Menschen mit einer gewissen Expertise. Vor allem sind es ja die Ahnungslosen, Blinden und Desinteressierten, die wir dringend erreichen müssen. Und da ist die Aussage „…seit Beginn der Aufzeichnungen…“ nicht nur sachlich korrekter, sondern auch auf der Ebene der rhetorischen Überzeugungskraft das deutlich schärfere Schwert.

FALSCH: Die Attributionsforschung schafft Tatsachen

Ähnlich verhält es sich mit der Attributionsforschung¹⁰, die ich hier kurz beschreiben will: Dieser Zweig der Klimaforschung ermittelt anhand von Datensätzen und Vergleichen die Wahrscheinlichkeit, mit welcher…
· ein vergangenes Ereignis dem Klimawandel zugeordnet werden kann
· Ereignisse zukünftig in der jeweiligen Region auftreten werden
Es geht hierbei also um das Errechnen von Wahrscheinlichkeiten, mit Blick in Zukunft oder Vergangenheit.

Wir haben es also mit Statistiken zu tun, die – so ehrlich muss man bei der Komplexität des Klimasystems sein – auf unvollständige Datensätze beruhen. Das bedeutet nicht, dass die Attributionsforschung nicht wertvoll wäre. Ganz im Gegenteil, gerade mit Blick auf zukünftige Wahrscheinlichkeiten rückt sie vollkommen zurecht immer mehr in den Fokus – schließlich können wir den Klimawandel nur noch bremsen und müssen daher auch die Prophylaxe mehr und mehr im Auge behalten. Hierbei ist die Attributionsforschung ein wichtiger Kompass.

Nun sind mir schon mehrmals Aussagen folgender Art begegnet: „Die Dürre in Madagaskar¹¹ hat nichts mit dem Klimawandel zu tun. Das zeigt die Attributionsforschung.“ Leider sind solche Aussagen unzulässige Verkürzungen einer Beschreibung von Wahrscheinlichkeiten, denn wir müssen klar zwischen Fakt und Wahrscheinlichkeit unterscheiden: Wahrscheinlichkeiten sind der freie Raum zwischen den beiden Polen „ist faktisch richtig“ und „ist faktisch falsch“. Je mehr sich eine Aussage einem dieser Pole nähert, desto signifikanter (wahrscheinlicher in ihrem Wahrheitsgehalt) wird sie. Im Rahmen der Wahrscheinlichkeiten wird sie jedoch niemals zum Faktum. Es ist nämlich ein qualitativer Unterschied, ob man von einer Wahrscheinlichkeit spricht (und sei diese 99,9…%) oder von einer Tatsache, während zwischen 13,5% und 87,55% Wahrscheinlichkeit zwar ein höherer Wert, jedoch nur ein quantitativer Unterschied liegt: „Richtig“ oder „falsch“ ist in keinem dieser Fälle gesichert.

In Sachen Extremwetterereignisse kommt noch eines erschwerend hinzu: Ganz unabhängig davon, wie wahrscheinlich heutige Einzelereignisse auch ohne die Klimakrise wären, ist doch davon auszugehen (also: sehr, sehr, sehr wahrscheinlich), dass die großflächigen klimatischen Veränderungen der in diesem Jahrtausend durchaus eine Auswirkung auf das Auftreten jeglicher (!) Wetterereignisse haben – sei es in der Intensität, in der Häufigkeit oder in ihrem kalendarischen Auftreten. Dies macht folgende Aussage faktisch falsch: „Die Dürre in Madagaskar hat nichts mit dem Klimawandel zu tun. Das zeigt die Attributionsforschung.“ Die Zauberworte heißen Wahrscheinlichkeit und Näherungswert.

Die Klimaveränderungen sind also als Einfluss – welcher Dimension auch immer – auf heutige Extremwetter faktisch nicht mehr auszuschließen. Ein (mir leider nicht mehr geläufiger) Klimaforscher hat hierzu einen schönen Satz gesagt: „Jedes heutige Wetterereignis trägt die DNA des Klimawandels in sich.“ Leider wahr, wie so vieles in der Klimakrise.

FALSCH: Man muss die Menschen immer mit positiven Narrativen abholen

Nichts gegen positive Narrative. Allerdings auch nichts gegen Ehrlichkeit im Angesicht der drohenden Katastrophen. Aber wie passt das zusammen? Das Zauberwort ist eben nicht das ODER sondern das UND. Die Reihenfolge könnte dann ungefähr so aussehen:

1. Problem unmissverständlich klar machen (Schock!)
2. über das Problem informieren (Wissensbasis schaffen)
3. Lösungsmöglichkeiten aufzeigen (zum Handeln aktivieren)

Das positive Narrativ – hier an dritter Stelle (Lösungsmöglichkeiten) – hat übrigens einen Haken, der immer bedacht werden sollte. Einfach erklärt: Ganz unabhängig von Klimawandel und Artensterben lassen sich die Menschen viel leichter von einem in Aussicht gestellten Gewinn anlocken, als von Verlust oder einem Nullsummenspiel. Folgende Frage wird also fast immer mit „Ja!“ beantwortet: „Wollen Sie mehr Klimaschutz, wenn dadurch Ihr Kind auch sicherer zur Schule kommt?“ Das ist schön und richtig, blendet aber zwei wichtige Aspekte aus: Hier wünscht man sich zuvorderst einen sicheren Schulweg, der Klimaschutz wird nebenbei mitgenommen. Und, um wieder eine echte Notwendigkeit im nachhaltigen Umgang mit unserem Planeten zu erwähnen: Den Verzicht.

Stellen Sie doch mal folgende Frage zum Vergleich: „Wollen Sie mehr Klimaschutz, wenn sie dadurch nie mehr in den Urlaub fliegen können?“ Völlig klar, dass hier sehr viel weniger Menschen mitgehen würden, bzw. nicht mitfliegen. Spricht das nun gegen das positive Narrativ? Nein, das Zauberwert heißt UND – in der richtigen Reihenfolge.

FALSCH: Ziviler Ungehorsam ist kein nützliches Werkzeug

Mit diesem recht unsachlich debattiertem Streitpunkt in der Klimablase will ich nun enden. Denn gerade hier geschieht oft etwas sehr Unwissenschaftliches: Fachfremde Wissenschaftler*innen nehmen öffentlich Stellung, ohne sich tiefer in die Materie eingearbeitet zu haben. Dies gilt übrigens vornehmlich für ablehnende Kommentare, die ihrerseits als unbewiesene Behauptungen in den öffentlichen Raum gestellt werden – meist von Naturwissenschaftler*innen, deren Reputation solchen Aussagen dann mehr Gewicht gibt, als sie tatsächlich haben. Schuster, bleib bei Deinen Leisten!

Eine relevanter Faktor ist, dass Natur- und Sozialwissenschaften aufgrund ihres verschiedenen Umfeldes (starre Naturgesetze vs. wechselhafte Gruppen- und Gesellschaftsdynamiken) auch methodisch nicht unbedingt gleich arbeiten¹². Das Sammeln und Auswerten unumstößlicher Daten in den Naturwissenschaften ist als Methodik oftmals nicht auf die Sozialwissenschaften anzuwenden – und vice versa: Die Hermeneutik¹³ hat in vielen Bereichen der Naturwissenschaften nichts verloren. Da wir davon ausgehen sollten, dass es keine mehr oder weniger „wertvollen“ Wissenschaften gibt, sollten bei soziologischen Fragen natürlich die Sozialwissenschaften das letzte Wort haben. Und diese unterstützen gemeinhin die These, dass ziviler Ungehorsam nicht nur ein probates, sondern auch ein wirkungsvolles Mittel für eine schnelle, gesellschaftliche Veränderung darstellt¹⁴.

In Sachen des zivilen Ungehorsams wird oft als Gegenargument ins Feld geführt, dass sich auf diesem Wege schwerlich neue Sympathisanten finden. Dieser „Vorwurf“ ist zwar richtig, nur geht er an der Sache vorbei. Denn ziviler Ungehorsam hat gar nicht das Ziel, in direkter Folge Sympathie und Sympathisanten zu finden. Sein Ziel ist es vielmehr, das Thema des Protests in eine größere gesellschaftliche Debatte hinein zu zwingen. Beispielhaft gesprochen: Weil Greta Thunberg widerrechtlich dem Unterricht fern blieb (auch das war ziviler Ungehorsam), wurden Quaschning, Lesch und Neubauer im so entstandenen Debattenraum zu Markus Lanz geladen¹⁵. Der zivile Ungehorsam hatte sein Thema gesetzt, dadurch neue Räume für Gespräche und Information geöffnet, die in der Folge nicht zuletzt von zuvor ungehörten Wissenschaftler*innen gefüllt werden konnten. Ziel erreicht!

Wenn ziviler Ungehorsam nicht funktioniert, dann deshalb, weil die geöffneten Diskussionsräume nicht gut oder gar nicht bespielt werden – hier sind also die bürgerlichen Akteure gefragt. Die Ablehnung des zivilen Ungehorsams hingegen, in einer Zeit, in der wir mit rasendem Tempo auf eine irreversible Vernichtung unserer Lebensgrundlagen zusteuern, scheint mir viel mehr ein Art mentaler Trutzburg zu sein. Denn würde man gerade aus Sicht der „braven“ Teile der Wissenschaften solcherlei Aktionsformen gutheißen, so müsste man sich natürlich folgende Frage gefallen lassen: „Und warum gehst Du dann nicht selbst auf die Straße?“

Die Antwort könnte übrigens persönliche Gründe innehaben: Angst, Unsicherheit, Krankheit, ein mieses Bauchgefühl. Das ist zwar keine sachliche Begründung (bis auf die Krankheit), aber auch Wissenschaftler*innen sind Menschen, deren Gefühle respektiert werden müssen. Einer Jugend, die um ihr Überleben kämpft, jedoch mit sehr unwissenschaftlichen Gefühlslagen¹⁶ öffentlich die Unterstützung zu versagen, ist nach meiner persönlichen Meinung in der heutigen Lage kaum noch zu rechtfertigen. Dann lieber gar nichts sagen – zumindest nicht zu diesem Thema.

Und nun?

Nun gilt es – denn wir haben keinen Planet B. Es gilt neue, auch unsichere (weil vielleicht noch nie gegangene) Wege einzuschlagen. Und es gilt Risiken auf sich zu nehmen!

Mein in diesem Artikel liegendes Risiko ist, Personen vor den Kopf zu stoßen, denen ich nicht vor den Kopf stoßen möchte. Also einer der Kollateralschäden, die wir im schier aussichtslosen Ringen um eine lebenswerte Welt riskieren müssen: Deinen Ärger, meinen Einfluss, was auch immer. Denn je geringer die Chancen, desto mehr gilt es in die Waagschale zu werfen, und dabei den Realitäten ins Auge zu sehen: Übel enden wird das Ganze sowieso, ein Pfad ohne Druck existiert nicht mehr. Nehmen wir aber den Druck an und nutzen seine Kraft für die gute Sache, dann gibt es Hoffnung!

⁰) „Du linksgrün-versiffter Klimanazi willst die Wirtschaft zerstören, damit du reich wirst, und den Klimawandel gibt es nicht, weil das Klima hat sich schon immer gewandelt, darum heißt ja Grönland auch Grünland, mach dich mal schlau du Klimapanik-Schlafschaf!1!!!11!!1!“
¹) https://news.un.org/en/story/2022/10/1129912
²) Paper der Scientists 4 Future wird demnächst veröffentlicht
³) https://www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/kippelemente/kippelemente
⁴) https://www.noz.de/deutschland-welt/panorama/artikel/rekord-bei-zulassungen-485-millionen-autos-in-deutschland-43182231
⁵) https://www.cam.ac.uk/stories/climateendgame
⁶) https://www.meer.org/
⁷) https://www.biooekonomie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/moore-als-co2-speicher-renaturieren-und-gleichzeitig-wirtschaften
⁸) https://twitter.com/TerliWetter/status/1585980498920316929
⁹) https://www.quarks.de/umwelt/klimawandel/seit-wann-das-wetter-aufgezeichnet-wird/
¹⁰) https://www.youtube.com/watch?v=JnLgKux60lc
¹¹) https://www.spiegel.de/wissenschaft/duerre-in-madagaskar-nicht-direkt-auf-klimawandel-zurueckzufuehren-a-28901ffa-4254-4b8b-86ed-768cd2e5dfc3
¹²) https://www.philosophie.ch/philosophie-der-sozialwissenschaften
¹³) https://lexikon.stangl.eu/237/hermeneutik
¹⁴) https://www.amazon.com/Poor-Peoples-Movements-They-Succeed/dp/0394726979 / https://interviews-4-future.podigee.io/86-i4f
¹⁵) https://www.youtube.com/watch?v=oLj2jBbMkxI
¹⁶) https://twitter.com/wozukunft/status/1584501956176859136

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Gewaltlosigkeit – ein friedlicher Irrtum


Niemand (außer ein paar geisteskranke Gesellen) wünscht sich Gewalt. Gerade die kriegerische Gewalt, wie wir sie seit Februar 2022 in der Ukraine erleben, ist mit nichts zu rechtfertigen. Da Gewalt schlimm ist, folgt der Ruf nach gewaltloser Intervention auf den Fuß.

Man möchte hier und da mutmaßen, dass dieser Ruf – gerade aus dem rechten Spektrum – eher dem Schutz einer offen faschistoiden Regierung dient, denn dem Wunsch nach Frieden. Das nur am Rande, soll es hier um einen kleinen, aber entscheidenden Irrtum gehen, der gerade in der Friedensbewegung die Runde macht: Man bezieht sich auf Gandhi und meint dabei, die Ukrainer sollten mit den russischen Invasoren ebenso gewaltfrei umgehen, wie es Gandhi mit den britischen Besatzern tat. Die Vernunft würde sich allerdings selbst Gewalt antun, wenn sie dieser Argumentation folgen würde. Warum?

In beiden Situationen haben wir eine fremde Macht im Lande: Hier die Russen in der Ukraine, da die Briten auf dem indischen Subkontinent. Die einheimische Bevölkerung versucht sich in beiden Situationen gegen die fremde Macht zu wehren. So viel zur Ähnlichkeit, schauen wir uns nun die Unterschiede an:

Die Rolle der fremden Macht

In der Ukraine versucht eine fremde Macht von außen, die Kontrolle über das angegriffene Land zu erreichen. Auch wenn Putin gerne davon fabuliert, dass die Ukraine kein eigenständiger Staat sei, so ist sie das doch definitiv. Wir sehen hier also eine Situation, in der das eine Land (Russland) dem anderen Land (Ukraine) seine Freiheit und Selbstbestimmung rauben will – bis hin zur historischen Identität.

In Indien zu Gandhis Zeiten war der Subkontinent schon 200 Jahre lang von den Briten besetzt. Die Briten waren keine Invasoren mehr, sondern als herrschende Macht schlichtweg in die Gesellschaft des Landes eingebunden. Auch wenn das soziale Gefälle deutlich zu Ungunsten der einheimischen Inder in Schieflage war, hatte man sich gesellschaftlich längst arrangiert und stabilisiert. Morgenluft witterte Gandhi durch die immense Schwächung der Briten durch den eben erst beendeten 2. Weltkrieg, der die britische Macht im Vorfeld eben mit Gewalt geschwächt hatte. Diese günstige Gelegenheit – im Grunde eine verbesserte Verhandlungsposition – geriet Gandhi zum Vorteil.

Die Rolle der Einheimischen

Im Gegensatz zur Ukraine, wo ein freies Land unterworfen werden soll, waren die damals lebenden Inder seit ihrer Geburt unfrei. So unrechtmäßig und unschön eine solche Unfreiheit auch sein mag, wurde den Indern nichts weggenommen – sie besaßen diese Freiheit schlichtweg seit 200 Jahren nicht.

Nun setzten die Hindus unter Gandhi der Kolonialmacht mit friedlichen Massenprotesten zu. Wie schon erwähnt, war die Situation dafür sehr günstig, den Status Quo der britischen Herrschaft zu beenden. Doch nicht nur die militärische Schwächung der Briten spielte den Hindus in die Karten, auch der nachhallende Schrecken der wahnwitzigen Gewalt durch den Nationalsozialismus, der sich (bekanntlich) sehr gezielt gegen Bevölkerungen gewendet hatte, kam Gandhi gelegen: Würden die Briten mit Maschinengewehren in die Menge feuern, stünden sie weltweit am moralischen Pranger.

Neben den gewaltfreien Hindus gab es einen zweite Gruppe, deren Anteil an der Beendigung der britischen Besatzung nicht zu unterschätzen ist: Die Muslimliga unter Mohammad Ali Jinnah, aus deren Bestrebungen letztlich der Staat Pakistan hervorging. Der „Streit“ lag zwar vornehmlich zwischen Hindus und Muslimliga, dürfte mit seinen mehr als 1.000.000 Toten die militärisch geschwächten Besatzer aber durchaus unter zusätzlichen Stress gesetzt haben.

Nicht zuletzt setzte sich die Msulimliga durch, als es zur post-britischen Staatenbildung kam: Pakistan entstand gegen den Willen der Kongresspartei, die Gandhi nahestand und gegen diese Teilung war.

Der entscheidende Unterschied

Die Briten sahen sich in Indien als etablierte Mitglieder einer Gesellschaft im eigenen Staatsgebiet. Nach 200 Jahren Kolonialherrschaft fühlten sie sich dort zuhause. Auch die Inder fühlten sich in Indien zuhause, was nur selbstverständlich ist. Das Ringen um die indische/pakistanische Unabhängigkeit war also ein Streit im eigenen Haus. Nun hat niemand etwas davon, wenn man mit roher, militärischer Gewalt nach der Logik eines Vernichtungskrieges im eigenen Haus agiert – weder die Inder noch die Briten. Der gewaltfreie Weg Gandhis (durchaus bevorteilt durch die gewaltsamen Unruhen zwischen Hindus und Muslimliga, sowie die gewaltsame militärische Schwächung der Briten durch den 2. Weltkrieg) war also nur deshalb gangbar, weil sich niemand das eigene Teeservice zerschlagen wollte – also die lebensnotwendige inländische Infrastruktur.

In der Ukraine liegt die Sache im Frühjahr 2022 deutlich anders: Ein Aggressor dringt in ein souveränes Land ein, getrieben von einer vollumfänglichen Vernichtungsideologie – wie sehr der Botox-Onkel im Kreml auch betonen mag, dass die Ukraine kein souveräner Staat sei. Im Gegensatz zur indischen Situation, ist es den Russen schlichtweg egal, wie viele ukrainische Brücken, Krankenhäuser, Schienenwege, Heizkraftwerke usw. zerstört werden. Die Zerstörung geschieht auf fremden Boden – da wütet die russische Armee, als gäbe es kein Morgen – und teilweise ist diese Zerstörung sogar gewollt und für die russische Strategie von Nutzen. Übrigens: Erschreckend analog zum Überfall der Wehrmacht auf Polen.

Der Unterschied zu Polen: Damals hat die Weltgemeinschaft zugesehen und auf einkehrende Vernunft gehofft. Das Ergebnis ist bekannt. Worin sich Polen 1939 und die Ukraine 2022 gleichen – und hier zeigt sich die Absurdität der gewaltfreien Lösung nackt und anschaulich: Auch in der Ukraine findet ein Vernichtungskrieg statt, dessen erklärtes Ziel die Auslöschung eines Staates ist. Damit wird jede Person ausgelöscht, die diesen Staat repräsentiert: Vom führenden Politiker bis hin zum Schulkind mit Ukraineflagge. Ob sich das Land wehrt oder nicht, macht für die Gewaltspirale des Aggressors schlicht keinen Unterschied. Der Unterschied liegt in der Wehrhaftigkeit der Ukraine – mit Waffen und Gewalt zur überlebensnotwendigen Selbstverteidigung.

Schlussfolgerung

Niemand (außer ein paar geisteskranke Gesellen) wünscht sich Gewalt. In der Ukraine stellt sich jedoch allein aufgrund der Art und Weise des Angriffskrieges nicht die Frage, ob oder ob nicht. Die einzige Frage, die sich stellt, das ist die der Dauer und der Schwere der Gewalt. Und die lässt sich letztlich nur dadurch verringern, dass man den Aggressor deutlich spürbar in seine Schranken weist – also die russische Armee zurück nach Russland schickt.

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Niemand fühlt den Klimawandel


Während der Klimawandel und seine nachfolgenden Katastrophen beträchtlich an Fahrt aufnehmen, bleibt selbst der aufgeklärte Teil der Menschheit in halbgaren Maßnahmen bis hin zu billigen Ausreden hängen. Doch warum ist das so?

Die Sache ist so einfach wie verzwickt, das Problem steckt nicht zuletzt in der Evolution des Homo sapiens. Der Mensch, der denkt, ist in seiner Handlungsmotivation weiterhin ein Mensch, der fühlt. Was wir nicht fühlen, das erzeugt keinen Handlungsimpuls: Ohne Hunger keine Suche nach Nahrung, ohne Erregung keine Suche nach dem Sexualpartner, ohne finanziellen Druck oder echter Freude an der Arbeit führt auch kein Weg zu ihr. Wenn wir etwas nicht fühlen können, dann ist es uns so Wurst wie alter Käse.

An diesem neuralgischen wie neurobiologischen Punkt kollidieren wir nun mit dem Klimawandel. Oder besser: Mit dem Klima. Denn das Klima ist keine Momentaufnahme, die unser Gehirn in ein akutes Gefühl ummodeln kann, sondern ein Durchschnitt über einen gewissen Zeitraum. Den Durchschnitt aber – also das statistische Mittel mehrerer Ereignisse – können wir als Menschen nicht fühlen und benötigen recht komplexe Werkzeuge und verschlungene Umwege, um einen Zugang zu ihm zu finden. Wer sich jemals etwas genauer mit Statistik beschäftigt hat, kann eine Arie darüber trällern.

Was wir fühlen, das ist das Einzelereignis – das sogenannte Wetter. Heute ist es eben heiß, aber vor 30 Jahren war es auch schon mal heiß. Und so fällt das Bewusstsein für das Klima und seinen langfristigen Wandel hinter dem (statistisch sinnlosen) Vergleich zweier weit entfernter Einzelereignisse auf die Nase. Um nun Statistik zumindest greifbar zu machen – also ein bisschen fühlbarer – können wir uns der Bildsprache bedienen: Grafiken, wie die berühmten Warming Stripes sind Bildsprache par excellence. Auch Graphen verstehen wir sehr schnell, wenn sie nicht zu sehr in sich verschachtelt sind. Für kürzere Zeiträume eignet sich der Zeitraffer im Video:

Der Clou ist also der indirekte Weg. Hierzu gilt es, Verknüpfungen zwischen dem abstrakten (weil statistischen) Klima und einer konkreten Sache herzustellen. Die Warming Stripes auf der Sachsenbrücke in Leipzig sind hierfür ein anschauliches Beispiel: Sie machen bildsprachlich den Klimawandel fassbar, während sich die Betrachter ganz real und physisch vor Ort befinden. Man mag kritisieren, dass dieses Kunstprojekt keinen direkten Einfluss auf das Klima hat – wie wichtig jedoch der indirekte Weg ist, wenn Menschen zum handeln motiviert werden sollen, das haben wir ja schon erörtert.

Auch regelmäßig wiederkehrende Ereignisse können gut genutzt werden. So ist zwar ein sonniger Tag mit über 25° nicht unbedingt etwas Besonderes, fällt dieser aber auf den Beginn der Eisheiligen – wie z.B. in Mitteldeutschland im Jahre 2022 – lässt sich diese Verknüpfung sehr gut und wirkungsvoll kommunizieren. Denn hier werden zwei Gefühle angesprochen, die sich unvereinbar im Wege stehen: Das Gefühl eines Hochsommertages und das Gefühl von Frost, das aus der Erinnerung an frühere Eisheilige generiert wird. Die Lösung des emotionalen Dilemmas liegt in der Akzeptanz der Tatsache, dass der Klimawandel real ist.

Der Klimawandel ist nicht nur real, er ist so dramatisch, dass er mit Blick auf konsequentes Handeln unsere gesamte fühlende Aufmerksamkeit braucht. Schon dieses Jahrzehnt werden wir die 1,5° überschreiten, die 2° möglicherweise noch vor dem Jahre 2050. Doch wenn wir das zulassen, dann verlieren wir die Kontrolle – und unsere Kinder werden erleben, was wir nur aus dem Kino kennen. Der Klimawandel ist nämlich kein Wandel, er ist ein fulminanter, planetarer und dauerhafter Zusammenbruch.

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Wirtschaftslibido – Den blanken Arsch am Konto reiben


Im weiten Spielfeld der Geschlechter ist die Libido ein elementarer Treibstoff, denn sie macht den besonderen Spaß am Liebesspiel aus. Libidinöse Empfindungen gehen jedoch weit über das intime Miteinander hinaus: Von Fotzenfritzens Privatjets bis zum Porsche-SUV, sind die libidinösen Fehltritte so hässlich wie lehrreich.

Unsere Gesellschaft hat ein fundamentales Problem. Schon seit der Paulusianisierung des Christentums („Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren!“) ist das Liebesspiel etwas Anrüchiges, worüber man weder reden noch nachdenken sollte. Gerade die intensiven Gefühle wurden immer mehr mit der Sünde gleichgesetzt (die weibliche Lust mit dem Satan himself!), so dass selbst im aufgeklärten Jahre 2022 ein Hemd mit einer aufgedruckten Waffe weniger anrüchig erscheint, als selbiges Hemd mit einem Geschlechtsteil als Zierde. Doch wenn Triebe unterdrückt werden, dann kommen sie anderswo wieder zum Vorschein. Wie ein unterdrückter Furz, der schlimme Bauchschmerzen bereitet.

Nun unterdrückt unsere Gesellschaft die so sehr verbindende und Freude spendende Libido auf vielfältige Art und Weise – und genauso vielfältig beuten wir sie aus. Lustvoll ist das nicht, also muss sich die unschuldig Gefangene alternative Spielfelder suchen. Individuell mag das vom Teflonfetisch bis hin zum Ablecken des ledrigen Kassenbandes reichen, doch gesellschaftlich haben wir uns auf ein zentrales Objekt unserer Libido geeinigt: Das ewige, hochheilige und nicht zu hinterfragende Wirtschaftswachstum. Dumm nur, dass darunter der Planet zerbricht.

Im Jahre 2022 sieht das dann so aus: Während der Glatzen-Hitler und ehemalige Dresdner Taxifahrer Graf Vladimir P. seinen ganz persönlichen Wahnsinn in Waffen, kindisches Gehabe und Massenmord kanalisiert, diskutiert der Westen über die eigenen Sorgen: So droht ein Einbruch des Weltwirtschaftswachstums um bis zu 1,3%. Nochmal für die bekifften Gehirne: Nicht die Wirtschaft selbst soll schrumpfen, sondern nur ihre Wachstumsrate. Und da strahlt er hell am Firmament, der Satz, der jeden Wirtschaftsweisen schreckt: „Die Wirtschaft wächst langsamer!“

Die krawattengewürgten Lusttöter aus der Hochfinanz beschreiben das Ausmaß gerne etwas dramatischer: „Unser Wirtschaftswachstum schrumpft!“ Ein spannender Satz, leicht zu übersetzen in: „Meine Geld vermehrt sich langsamer!“ (Achte mal darauf, welche emotional aufgeladenen Fahnenwörter diese sonst mit kalter Analyse um die schmierige Ecke kriechenden Gesellen in solchen Fällen in den Boden rammen.) Man merkt es deutlich: Wenn das Wirtschaftswachstum sinkt, dann reagieren diese grauen Gesellen, als würde ihr hochpotentes Gemächt plötzlich erschlafft in sich zusammen sinken – mitten im allerschönsten Liebesspiel.

Die Angst, vom wirtschaftlich potenten Nachbarn ausgelacht zu werden, schwingt im Ringen um das größte Wachstum deutlich mit. Ein Rückgrat hingegen sucht man in der Welt der Schmierlappen vergeblich, besonders sinnlich sind diese roboterhaften Anzugständer sowieso nicht, vielmehr sind sie schwachmatige Angeber im Porsche-SUV. Wenn auch beim Individuum alles ganz anders sein kann, stellt sich auf der Ebene unserer Gesellschaft daher die Frage: Ist das harte Wirtschaftswachstum vielleicht das imaginäre Gemächt von (alten, weißen) Männern, deren lieblose Libido sich auf etwas konzentriert, das sie kontrollieren können, ohne es berühren zu müssen: Das Wirtschaftswachstum als Befriedigung libidinöser Verirrungen?

Möglich ist es, vielleicht sogar wahrscheinlich. Doch letztlich – wir wissen es nicht.

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„Dancing near the cliff!“


„Nothing wrong with dancing near the cliff, it is a kind of special dance. Have your eyes open and respect the wind… and it will be fine,“ schrieb ich einer guten Freundin und will diesen spontanen, lyrischen Erguss ein wenig ausführen.

Natürlich geht es auch in diesem kleinen Essay um den Homo sapiens und sein Funktionieren. Du bist ein Homo sapiens, ich bin ein Homo sapiens, die besten und schlechtesten Tänzer der Welt… alle sind Homo sapiens. Und: Wir alle leben und wollen dieses Leben spüren – doch der Wegwerf-Kapitalismus und seine oft sinnlosen Mechanismen fühlen sich kaum nach Leben an, sondern nach roboterhaftem Funktionieren. Das Menschsein wie ein Uhrwerk, bei dem sich die Freiheit auf das freie Konsumieren reduziert. Im Gegenzug setzen wir uns für kurze Zeit dem Dämon aus, dem wir – neben all der Langeweile – ebenfalls entkommen wollen (wenn vom Hamsterrad die Rede ist): Dem Stress!

Und schon sind wir an einer entscheidenden Weggabelung angekommen: Chronischer Stress ist unangenehm, ungesund und zum Davonlaufen. Akute Stressspitzen tun uns jedoch gut – nicht nur (neuro)biologisch sondern auch psychologisch. Denn gerade in diesen Situationen fühlen wir das Leben intensiv, erleben wir das Gegenteil von eintöniger Langeweile. Wer kennt es nicht, dieses pulsierende und intensive Gefühl nach der Achterbahn? Diesen archaischen Kitzel beim Verlassen des Kinos nach einem guten Horrorfilm? Die fast schon körperliche Lust, die so unscheinbar darunter schwingt?

Wenn wir es herunterbrechen, dann bedeutet Stress nämlich nicht mehr als „erhöhte Beanspruchung, Belastung physischer oder psychischer Art“ (siehe Duden). Auch Sex ist Stress, nur eben nicht die angstmachende Sorte. Und doch: Wer pausenlosen Sex über die gesamte Wachphase eines Tages hinweg genießen kann, ohne mit gewissen Mitteln nachzuhelfen, werfe den ersten Mahagoni-Dildo. Sex ist eine Form des Sports, also eine körperliche und mentale Überlastung, die nicht dauerhaft gehalten werden kann. Und dass ist gar nicht schlimm, denn man freut sich ja auf weitere Runden des Liebesspiels. Wo wir wieder bei der Achterbahn wären, Loopings inklusive.


Der Tanz am Rande der Klippe

Gerade jetzt, nach dieser zehrenden Pandemie der Selbstbeherrschung und geschlossenen Orte des pulsierende Lebens, sehnen sich die Menschen nach einem Frühling, der zurück gibt, was die lange und entbehrungsreiche Winterzeit genommen hat. (Ja, es ist und bleibt ein Jammern auf sehr hohem Niveau, während die Menschen an der belarussischen Grenze in den Wälder erfrieren!) Viele Menschen stehen also kurz davor, die Vernunft beiseite zu legen und mit geschlossenen Augen kopfüber ins Leben zu tauchen – so viele Adrenaline, Östrogene und Androgene vom Kassenband zu lecken, wie die Apotheke der zwischenmenschlichen Interaktion nur hergibt. Und wer kann (oder will) da auch nur ansatzweise Spielverderber sein?

Damit der wilde Tanz an der Klippe kein Sprung ohne Wiederkehr wird, habe ich mich (wie anfangs erwähnt) der lyrischen Sprechweise bedient. Denn die rettet viel, was sachlich nicht zu kitten ist:

„Es ist nichts falsch daran, nah an der Klippe zu tanzen, wo du das Salz der See auf der Zunge und das heiße Leben in den Adern spürst. Halte die Augen offen und respektiere den Wind, dann wird es ein guter Tanz! Ja, tanz, tanz, tanz!“

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Magisches Denken


In unserer über-rationalisierten Welt haben wir ein ungesundes Verhältnis zum sogenannten Magischen Denken entwickelt. Obwohl wir alle magisch Denken – selbst an der Börse, die der okkulten Zahlenmagie erstaunlich nahe steht.

In der Psychologie – mutmaßlich aus der analytischen Psychologie hervorgegangen – meint das Magische Denken eine Erscheinung, die fälschlicherweise nur dem Kindlichen zugeschrieben wird: Gedanken oder Ausdrucksformen haben einen Einfluss auf Dinge, die in keiner Weise in Zusammenhang stehen können. Was ist damit gemeint? Zum Beispiel die Vorstellung eines Fußballers, durch das Berühren des Rasens mit der Hand (bei seiner Einwechslung) das Spielglück günstig stimmen zu können.

Schon sehen wir, dass die Unterscheidung zwischen kindlich (magisch) und erwachsen (rational) nicht besonders sinnvoll ist – jeder erwachsene (!) Mensch kennt dieses höchst unlogische, ritualhafte Verhalten bei sich und anderen. Daran ist nichts explizit kindliches, auch wenn sich Kinder deutlich mehr Freiheiten in diese Richtung des Denkens nehmen. Das Problem liegt eher bei der altbackenen Definition des Erwachsenseins, wie sie auch tief in der DNA der Psychoanalyse zu finden ist: Logisch, rational, nicht offen assoziativ.

Rituale und ihre Wirkung

Zurück zu den Zahlen. Die Börse ist eine Welt der Zahlen und der Analysten, hier sollte nun wirklich die rationale Berechenbarkeit das Parkett bestimmen, nicht irgendwelche ritualhaften Handlungen. Und doch zeigt uns ein bekanntes Experiment folgendes: Affen mit Dartpfeilen können erfolgreichere Portfolios anlegen, als die besten Analysten mit all ihrem Wissen, ihren Berechnungen und ihren computergestützten Analysetools. Die Zahlen der Börse als ein Ausdruck erwachsener Logik? Mitnichten – wir fühlen uns schamhaft an Orakelkrake Paul erinnert.


Die Börse und deren Spekulation sind sehr gut mit der libidinös getriebenen okkulten Ritualmagie zu vergleichen. Der Aufwand gibt kaum messbare Ergebnisse her, trotzdem ist er immens. Viele Handlungen – nicht nur von Einzelpersonen, auch von ganzen Firmengeflechten – sind im Kern Rituale, wie sie auch ein Kind beim Spielen durchführen würde. Das Denken ist magisch: „Tue ich dies, dann geschieht jenes!“ Obwohl der Affe mit den Dartpfeilen erfolgreicher ist, darf das Ritual nicht gebrochen werden – ein Infragestellen des Konzepts ist Blasphemie.

Ein weiteres Ritual, das uns als solches kaum bewusst ist, liegt im morgendlichen Kaffee. Wir alle haben schon von Menschen gehört, die sich am Morgen qualhaft aus den Federn kämpfen, direkt nach dem ersten Schluck Kaffee aber putzmunter sind. Das ist allerdings nicht möglich, da das Koffein rund 30 Minuten braucht, bis es seine Wirkung entfaltet – der erste Schluck erzeugt also einen Placebo-Effekt, wie wir ihn von unzähligen ritualhaften Einnahmen wirkungsloser Substanzen kennen (Placebo, Homöopathie).

Vergleichbar ist die Placebowirkung mit einem Horrorfilm im Kino: Auf der Seite der Logik wissen wir, dass uns das Filmmonster nichts tun kann. Trotzdem zeigt unser Körper Angstreaktionen (Schweiß, Zittern, geweitete Pupillen), wie sie eigentlich nur dann zu erwarten wären, wenn uns ein reales Monster physisch attackiert. Hier jedoch liegt der günstige Vergleich: Das Monster auf der Leinwand läuft an uns vorüber, es ist letztlich nur der Hinweis auf ein Monster, nicht aber das Monster selbst. Beim Placebo wie auch bei der Homöopathie ist gut erforscht, dass ebenfalls keine körperliche Wirkung existiert – das anstoßen des Gedankens (wie beim Monster) erzeugt aber eine messbare Körperreaktion. Selbiges beim morgendlichen Kaffee-Ritual, wenn der erste Schluck die Müdigkeit verjagt, obwohl die biologische Wirkung deutlich später einsetzt.

Vernunft ist nicht Logik

Logik ist ein rationales Konstrukt. Wenn dies, dann jenes. Logik ist argumentativ und nicht assoziativ. Die Unterscheidung ist: Argumente folgen logisch/rational nachvollziehbaren Gedankenketten. Das heißt, egal wer diesen Ketten folgt, das Ergebnis bleibt das gleiche. Um es mit einem einfachen Beispiel verständlich zu machen: Wenn ich einem Schiff mit 2200 Passagieren und 900 Besatzungsmitgliedern Rettungsboote für 1178 Menschen zur Verfügung stelle, dann haben 1922 Personen im Falle des Sinkens ein Problem. Egal, wer diese Rechnung ausführt. Das ist Logik, ein rationales Konstrukt.

Die Vernunft beschreibt der Duden folgendermaßen: „Geistiges Vermögen des Menschen, Einsichten zu gewinnen, Zusammenhänge zu erkennen, etwas zu überschauen, sich ein Urteil zu bilden und sich in seinem Handeln danach zu richten.“ Dieses Überschauen kann sehr unlogisch vonstatten gehen, geradezu traumhaft-mystisch, wie uns die Geschichte des Benzolrings zeigt: Der Chemiker August Kekulé forschte im 19. Jahrhundert an der damals kniffligen Frage, welche Struktur das Benzol-Molekül wohl haben sollte. Kekulé döste grübelnd über dem nächtlichen Kaminfeuer und träumte vom Ouroboros, einer mystischen Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt und somit die Form eines Rings darstellt. Kekulé erkannte die Botschaft aus dem Unbewussten – die ringförmige Struktur des Benzols war gefunden.

War der Rückschluss vom Traumbild auf das Molekül nun logisch? Mit Sicherheit nicht. Trotzdem war es vernünftig, dieser Eingebung zu folgen, mit der Kekulé letztlich auch recht behalten sollte. Hier nutzte sein Geist die Assoziation – zwei sich ähnelnde Dinge in einen Zusammenhang bringen – um die Zusammenhänge zu erkennen (Duden) und sich ein Urteil zu bilden (Duden). Mit der zwanghaften Enge rein analytischer Logik (die als Werkzeug nicht zu verdammen ist) hätte er noch lange und wohl sehr erfolglos nach der Lösung dieses naturwissenschaftlichen Problems gesucht.

Der Schaden und der Nutzen

Magisches Denken ist assoziativ. Wie schädlich fehlgeleitete Assoziationen sein können, das sehen wir nicht zuletzt an den radikalen Querdenkern, die behaupten, Bill Gates hätte die Covid-19-Pandemie in die Welt gebracht. Ja, Bill Gates ist schon seit langem ein glühender Verfechter des Impfens. Ja, die Pandemie lässt sich nur durch Impfungen lösen. Die unsichtbare Brücke zwischen Gates und Corona bleibt assoziativ, denn faktisch gibt es für jene Behauptung keinerlei Beweise (für die fehlenden 1922 Rettungsplätze auf der Titanic hingegen schon). Hier sehen wir die Schädlichkeit von Assoziationen.

Die Judenverfolgung im Dritten Reich, die Hexenprozesse des Mittelalters, aber auch jeder Lebenstraum, dem jemand folgt, ist von Magischem Denken getrieben. Die Logik und die Rationalität mögen beim Lebenstraum als Leitplanken fungieren, damit der Traum nicht vom Weg abkommt, der Antrieb selbst bleibt aber im Grunde magisch. Denn wo ist die klare Verbindung zwischen dem 12-jährigen Ich, das gerne Raumfahrer werden will, und Alexander Gerst, der Raumfahrer geworden ist? Hohe Ziele sind bei rationaler Betrachtung kaum zu erreichen. Trotzdem ist ihr Sog viel größer, als der eines Ziels wie: „Wenn ich groß bin will ich eine Stelle im mittleren Management haben.“


Zwischen dem Traumwirbel des Ouroboros und der Ringstruktur des Benzols gibt es ebenfalls keinen direkten Zusammenhang. Auch hier wurde das eine mit dem anderen assoziiert, weil es… irgendwie passt. Es hat sich richtig angefühlt und dieses Gefühl war für August Kekulé der Antrieb zur Tat – hier zur Vertiefung seiner Berechnungen in Richtung Ringstruktur. Diese magische Assoziation zwischen Ouroboros und Molekül hat uns eine wissenschaftliche Erkenntnis beschert, sie war also sehr nützlich und nicht fehlgeleitet.

Fazit

Besonders schädlich ist der Glaube (!), dass der Mensch ein rationales Wesen sei, dessen Leben auf dem Fundament der Logik steht. Diese Verdrängung des Magischen Denkens, das tief in der Seinsstruktur des Homo sapiens steckt, führt zu den abartigsten Blüten. Die Börse und ihre pseudo-logische Rücksichtslosigkeit ist eine davon. Der Glaube (!), wir müssten Jahr für Jahr knapp 2 Billionen Dollar für Militär ausgeben, ist ein weiteres gruseliges Beispiel. Was ist heutzutage daran logisch oder rational, solche Summen in Kriegsgerät zu stecken, das wir gar nicht nutzen können, ohne den Planeten zu zerstören? Nichts – genauso wenig wie an der abstrusen Idee des Grünen Kapitalismus, der so viel Sinn macht wie ein menschenfreundlicher Krieg.

Wird das Magische Denken unterdrückt, so verliert es den Bezug zur Vernunft und pervertiert es zu einer teils weltbedrohenden Garstigkeit. Auch ganz persönlich führt ein solcher Mangel am Phantastischen zu einem ausgehöhlten Leben, wie es nur ein Friedrich Merz als erstrebenswert beschreiben kann. Doch hat dieser elementare Anteil unseres Selbst genügend Freigang, dann dient er einer persönlichen wie gesellschaftlichen Reife, die kaum zu unterschätzen ist. Kinder sind ja gerade dann besonders glücklich, wenn man sie in einem anregenden Umfeld frei und zwanglos spielen lässt. Und darin sind wir Erwachsenen ganz wie die Kinder – ob wir es verdrängen oder nicht.

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Positive und Negative Vernunft


Das hier in Artikelform gegossene Zusatzkapitel aus meinem Handout – Eine Rede halten behandelt die schwierige Frage nach dem schmalen Grat zwischen positivem Denken, euphemistischer Verdrängung und der unnötigem Trübsal in Front einer größeren Schwierigkeit. Doch manchmal hat eine schwierige Frage eine einfache Antwort…

Ich möchte noch einmal kurz an das Kapitel 2.8 Charakter und Respekt erinnern, in dem ich dargelegt habe, dass in (ausnahmslos!) jeder Bühnensituation ein in der Breite wie in der Tiefe geschulter Charakter zu vielfachem Vorteil genutzt werden kann. Nun sind die beiden Begriffe, die ich hier einführen möchte (Positive Vernunft, Negative Vernunft) sehr eng mit dem Charakter verknüpft: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Nähern wir uns dieser Frage des Charakters zuerst von der negativen Sichtweise.

Negative Vernunft

Als Redner möchten Sie etwas erreichen: Sie möchten Ihr Publikum von Ihrer Meinung, Ihrem Thema usw. überzeugen, Sie möchten sich selbst oder jemand oder etwas Anderes in ein gutes (vielleicht auch schlechtes) Licht rücken – Sie möchten also wirken. Wichtig für die Wirkungstiefe, letztlich die Überzeugungskraft Ihres Auftretens, ist selbstverständlich die Motivation, mit der Sie an die Sache herangehen – sie steuert Ihre Bereitschaft zur Leistung. Die Motivation wiederum ist (neben weiteren, meist äußeren Faktoren) abhängig von der Fähigkeit zur Selbstmotivation. Die Frage, die Sie sich hierbei stellen sollten, ist ganz einfach: „Bin ich auf die Probleme fixiert, oder auf mögliche (und meinetwegen auch unmögliche) Lösungswege?“ Also: Ist Ihr Glas immer halb voll oder halb leer? Oder – dazu kommen wir später noch: Ist Ihr halb leeres Glas eine nie versiegende Quelle?

Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Sie halten Ihre allererste öffentliche Rede. Der Saal ist voll, das Publikum ist Ihnen persönlich nicht bekannt. Sie sind also ein unerfahrener Neuling unter widrigen Umständen. Ist es da nicht vernünftig zu sagen: „Das schaff ich nicht, das geht schief! Ich werde das Publikum nicht überzeugen können!“ Ich sage Ihnen ganz klar, dieser Gedankengang ist vernünftig! Er ist vernünftig, destruktiv, schadet Ihrer Motivation (damit Ihrem Vortrag) und wird im schlimmsten Fall zur selbsterfüllenden Prophezeiung voller Verhaspeleien, Blackouts und Nervenzusammenbrüchen live on stage. Begrüßen wir an dieser Stelle die Negative Vernunft! (Doch bitte, wenden Sie sich auch schleunigst wieder ab von ihr…)

Positive Vernunft

In unserem Beispiel wollen wir noch davon ausgehen, dass Ihr Publikum die Situation grundsätzlich einschätzen kann – also dass Sie nicht vorher so getan haben, als wären Sie ein Medienprofi. Vielleicht sind Sie aufgrund Ihrer Expertise zu einer Debatte vor Publikum geladen und sollen Publikum und Podium zu Beginn mit Ihrem Vortrag über die Sachlage in Kenntnis setzen. Denken Sie negativ, so wird es wahrscheinlich übel enden.

Es gibt aber eine andere Richtung, in die Sie Ihr mentales Segelschiff lenken können. Denken Sie also folgendermaßen: „Oh weh, da muss ich jetzt durch. Aber wenn, dann nutze ich das, dann lerne ich dabei und werde die Fehler, die ich heute mache, beim nächsten Mal schon überwunden haben! Mal sehen, was ich schon kann, ich bin ja vom Thema überzeugt, das wird das Publikum schon merken! Außerdem bin ich viel zu gut vorbereitet, wahrscheinlich ein Anfängerfehler, aber schaden kann’s ja nicht. Zumal… das ist mein erster Auftritt überhaupt, das soll das Publikum erfahren (ich erwähne es) und gefälligst respektieren!“

Sie haben somit aus dem einen Nachteil mehrere taktische und technische Vorteile gezogen. Das Wissen über Ihren Erfahrungsmangel hat Ihre Vorbereitung auf eine breitere Basis gestellt – ein positiver, aber eben auch Vernünftiger Umgang mit der drohenden Situation. Ebenso haben Sie durch eine metakommunikative Ebene („…das ist mein erster Auftritt überhaupt, das soll das Publikum erfahren…“) beim Publikum eine erhöhte Fehleraxzeptanz und eine persönliche Bindung erzeugt. Jedoch – und das ist sehr wichtig! – ohne die Gefahren Ihres Auftritts zu verleugnen. Heißen wir sie also willkommen und lassen uns von ihr bei den zarten Händchen nehmen: die Positive Vernunft!

Abgrenzung zum positiven Denken

Positive Vernunft (die ich Ihnen leidenschaftlich ans Herzen legen möchte) ist mit dem bekannten Positiven Denken eng verwandt – beides ist positiv. Die Unterscheidung findet sich im Fokus der Betrachtung, denn der liegt auf der Vernunft, positiv und negativ geben dabei „nur“ die Richtung vor. Die mögliche Gefahr, dass ein Angriff der Marsianer Ihre Rede stört, ist zwar negativ gedacht, jedoch keineswegs mehr mit der Vernunft zu vereinbaren. Und diese Gefahr – natürlich um 180° gedreht – gibt es auch beim Positiven Denken: Die Schwierigkeiten einer Sache oder Situation auszublenden, es sozusagen zwanghaft positiv zu sehen: „Donald Trump ist im Herzen sicher gut – gebt ihm alle Macht der Welt!“

In unserer Betrachtung zählt jedoch die Vernunft – wo aus vernünftigen Gesichtspunkten heraus nichts Positives zu finden ist, da lügt man sich auch keinen Quatschkram in die Hirnrinde. Dem Positiven Denken muss man nur das Wörtchen „zwanghaft“ voran setzen – und schon haben wir ein Zwanghaft Positives Denken. Versuchen Sie diesen miesen Trick mit der Positiven Vernunft, dann führt sich der entstehende Begriff selbst ad absurdum: Zwanghaft Positive Vernunft – ein Ding der Unmöglichkeit, denn der Zwanghaftigkeit liegt immer eine Tendenz zur Unvernunft bei.

Ein vernünftiges „aber“: Positive und Negative Vernunft entscheiden keineswegs ausschließlich über Erfolg und Misserfolg – wir sollten Fachwissen, Reputation, Vitamin-B, Akribie, Gesamtsituation, Unterstützung, Zufall usw. nicht vergessen. Doch eines ist sie, und das permanent, denn Ihre Entscheidung für Positive bzw. Negative Vernunft ist keine situative sondern eine (trainierbare) Charakterfrage. Und damit die Richtung Ihrer Motivation (bzw. Demotivation), also Tag für Tag und Auftritt für Auftritt das Zünglein an der Waage.

Schließen will ich mit der minimalen, jedoch entscheidenden Umdichtung eines alten Klassikers: „Always look with a bright mind on life…“

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How (never) to: Über die Apokalypse informieren


Die Wissenschaft hat es nun wahrlich nicht leicht. Gerade in Filmen muss sie ständig drohende Apokalypsen erklären, seit Pandemie und Klimawandel vermehrt auch in der Realität. Manchmal geht das gut, manchmal geht das schief. Eine Kommunikations-Analyse.

Verglichen werden hier zwei fiktive Szenen, deren Setting sich verdächtig ähnlich ist: Ein Wissenschaftler macht in einer Fernsehsendung auf den Weltuntergang aufmerksam. Oder: Er versucht es.

Don’t Look Up

Die erste Szene stammt aus dem Netflix-Erfolg „Don’t Look Up“ (2021): Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio), seines Zeichens minder erfolgreicher Astronom, im Laufe der Geschichte aber zum Berater der trumpesken US-Präsidentin (Meryl Streep) aufgestiegen, sitzt in der Fernsehserie The Daily Rip, einem Unterhaltungsformat mit wechselnden Gästen – oberflächlich, aber offen für alles, was Einschaltquoten generiert. Währenddessen rast ein kilometergroßer Komet auf die Erde zu, der als sogenannter Planetenkiller mit einer nahezu hundertprozentigen Sicherheit die Menschheit ausrotten wird. Analog zum ungebremsten Klimawandel, dem wir in der zweiten Szene begegnen werden, nur ein bisschen schneller.

Nun scheint weder die amerikanische Regierung, für die Dr. Mindy als Experte tätig ist, noch die Weltbevölkerung an ihrem eigenen Untergang besonders interessiert zu sein. Dr. Mindy, getrieben von einem emotionalen Schub (beginnend mit Seitenstechen), ergreift spontan (!) das Wort. Sein Ziel ist es, der Welt die drohende Apokalypse vor Augen zu führen, in der Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch etwas lösungsorientierte Vernunft einstellen wird. Obwohl er – zumindest in der Handlung des Films – nichts Falsches sagt, geht sein Aufruf doch gehörig schief:


Der erste Fehler ist der, dass Dr. Mindy nicht planvoll auftritt, sondern aus einer plötzlichen Gefühlslage heraus agiert. So ehrlich sein Ansinnen sein mag, so sehr liegt dem Folgen dieses Impulses vor allem der Drang einer emotionalen Entladung zugrunde. Er will ein Gefühl loswerden, das sich ja auch ungebremst Bahn bricht. Ein absolutes No-Go, das in beinahe jeder Bühnensituation zum Scheitern verurteilt ist: Es geht nicht mehr um die Sache, es geht um das Gefühl, das durch die Sache ausgelöst wurde.

Doch damit nicht genug: Dr. Mindy springt in seinem Vortrag von Themenfeld zu Themenfeld. Beginnt er noch mit dem Kometen selbst – die kurze Einführung zur Nettigkeit seiner Gastgeber mal außen vor – wechselt er bald zu einer Abrechnung mit der Regierung, die er stichwortartig aufgenommen hat. Nun springt er weiter zu Grundsatzfragen des menschlichen Miteinanders und will letztlich nur noch nach Hause. Bei dem Kometen, um die es eigentlich geht, ist er die wenigste Zeit.

Da sich der emotionalisierende Astronom direkt ans Publikum wendet, diesem geradezu ins Gesicht schreit, wirkt die zwischenmenschliche Gefühlsübertragung besonders intensiv. Doch wer möchte sich schon fühlen, wie der arme, hoch erregte Dr. Mindy? Genau: Mit rollenden Augen wenden sich die Leute ab! Dass auf diesem Wege seine Botschaft nicht ankommt, sondern – ganz im Gegenteil – ein (inhaltlich korrekter!) Vortrag sogar die gesamte Wissenschaft diskreditiert, dürfte offensichtlich sein.

The Newsroom – Season 3, Episode 3

Kommen wir zu einer nahezu analogen Szene aus der Serie „The Newsroom“ (2012-14): Der Klimaforscher Dr. Richard Westbrook (Paul Lieberstein) ist zu Gast in einer Ausstrahlung des Senders ACN, Thema ist der steigende Gehalt an CO2 in der Atmosphäre, was Dr. Westbrook zu einer ähnlich apokalyptischen Kernaussage treibt: „Your house has already burned to the ground, the situation’s over.“


Der offensichtlichste Unterschied zu Dr. Mindy ist die ruhige Sachlichkeit, mit der Dr. Westbrook seine Aussagen vorträgt. Hierbei ist neben Stimmklang und Sprechweise auch der Unterschied in der Körperhaltung sehr aufschlussreich: Dr. Westbrook „erdet“ sich mit der flachen Hand am Tisch – so hält er seine Gefühle unter Kontrolle, die er definitiv hat, denn neben der von ihm beschriebenen Apokalypse, die ihm keineswegs egal ist, setzt er auch seine berufliche Stellung aufs Spiel („Who cares?“). Diese bekannte Methode der emotionalen Erdung beschreibt ein uns bekannter Sinnspruch sehr gut: „Sich an etwas festhalten/festklammern.

Ein weiterer Unterschied: Dr. Westbrook zeigt keine Emotionen, er löst Emotionen aus. Und das gelingt ihm durch anschauliche, auch für Laien verständliche Bilder, die in klaren und stabilen Pointierungen münden („Humans can’t breathe under water.“ / „Shutting of the car twenty years ago.“). Solcherlei rhetorische Wirkungstreffer lässt er stehen und – im Gegensatz zu Dr. Mindy – spart sich Dr. Westbrook weitere Ausführungen oder gar thematische Ausflüge, die der Wirkung des Gesagten nur schaden könnten.

Doch schon zu Beginn macht er etwas richtig, was Dr. Mindy vollkommen übersehen hat. Dr. Westbrook legitimiert seine Aussagen dadurch, dass er – ohne überheblich zu wirken – auf seine Expertise verweist. Ungefragt ergänzt er die Ausführungen des Moderators, was jedoch sachlich komplettierend wirkt und zur Ernsthaftigkeit seiner folgenden Erläuterungen passt. Er zeigt sein wissenschaftliches Renommee, zudem präsentiert er durch die nüchternen Ergänzungen zu seiner Person „live on stage“ seine sachliche Genauigkeit. So jemandem hört man zu. Und – darum geht es ja im Kern – man glaubt ihm.

Zudem sei erwähnt, dass Dr. Westbrook mit seinem Gesprächspartner spricht, nicht direkt zum Publikum. So gibt es keine Möglichkeit, sich als Zuschauer von seinen (durchaus harten) Aussagen persönlich angegangen zu fühlen – man bleibt passiver Teilhaber an einem Gespräch zweier Personen auf der Bühne. Die Wirkung eines solchen Verhaltens ist – im Gegensatz zu Dr. Mindy – sehr geschickt: Die Drastik in Dr. Westbrooks Behauptungen schreit geradezu nach einem Aufruf zum Handeln. Doch Dr. Westbrook bedient dieses Bedürfnis nicht – es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass sich der Drang nach lösungsorientertem Handeln in der Zuhörerschaft von selbst entlädt und er mit seinem Auftritt – die Dimension der Hoffnungslosigkeit mal außen vor – einen Impuls ausgelöst hat, der die Suche nach Lösungen verselbstständigen wird. Ideal wäre in diesem Zusammenhang beispielsweise folgender Abschlusssatz gewesen: „I still don’t see any way we can survive. But… there are more eyes in this world as mine.“

Fazit

Beide Szenen sind filmisch gut gemacht, sachlich fundiert und ausgezeichnet gespielt – trotzdem sind beide Szenen letztlich fiktiv. Trotzdem zeigen sie die Mechanismen von Kommunikation sehr anschaulich, sie sind ganz offensichtlich darauf ausgelegt. Die Vermutung, dass die Szene mit Dr. Mindy eine bewusste, überdrehte Adaption der (älteren) Szene mit Dr. Westbrook ist, bleibt allerdings eine ganz persönliche.

Grundlegend sei ergänzt: Wissenschaftskommunikation lebt zwar von ihrer Sachlichkeit, trotzdem macht sie nur dann einen Sinn, wenn die Botschaft auch beim Empfänger ankommt. Dr. Mindy ging durchaus ins Detail, sachlich war er korrekt, trotzdem hat er nichts erreicht. Dr. Westbrook hat Details zwar ebenfalls angerissen („The latest measurements taken at Mauna Loa in Hawaii indicate a CO2 level of 400 parts per million.“), seine Aussagen transportiert er aber über einfache und anschauliche Bilder und Vergleiche („The last time there was this much CO2 in the air, the oceans were 80 feet higher than they are now.“). Dass Vergleiche in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Bevölkerung ein besonders wirksames (und: der Wissenschaftlichkeit nicht entgegen stehendes) Mittel sind, zeigt uns nicht zuletzt ein gewisser Prof. Dr. Christian Heinrich Maria Drosten:


Schließen möchte ich mit einem Hinweis, der sich nur zum Teil aus den beiden Filmszenen ergibt, die ja – im Gegensatz zu nahezu jeglicher Realität – eine ausweglose Situation präsentieren: Es ist nicht nötig, manchmal ist es sogar kontraproduktiv, Dinge angenehm und bis zur Harmlosigkeit vorgekaut zu vermitteln. Die Menschen sind (in der Regel) nicht dumm und wollen (grundsätzlich) nicht für dumm verkauft werden. Erschreckende Nachrichten dürfen gut und gerne auch erschreckend wirken, doch gibt es einen feinen Unterschied zwischen erschreckend und verschreckend. Dieser Grat ist schmal, doch er ist gangbar.

Gibt es also Möglichkeiten, auf das Desaster einzuwirken, dann sollten diese Möglichkeiten der Zuhörerschaft auch zwingend überreicht werden – auch hier nicht unbedingt als vorgefertigtes Konzept, sondern viel mehr als motivierender Anstoß, sich mit der Sache zu beschäftigen. Denn selbst wenn die Lösung schwer zu finden ist, irgendwo da draußen gibt es sie.

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Am Anfang war das Wording


„Am Anfang war das Wort!“ So steht es im wohl einflussreichsten Märchenbuch der Weltgeschichte. Nun war das Wort nicht nur am Anfang, es war auch in der Mitte und es bestimmt noch heute unser Leben, Denken und Handeln.

Das Etikettieren (einer Sache, eines Umstandes und so weiter) durch eine klar erkennbare Art zu sprechen, wird als Wording bezeichnet. So hat der Deppenpool der AfD ein aggressives, teils faschistisches Wording, was logischerweise dem dort dominanten Charaktertyp entspricht. Das Wording im Klimakontext hingegen ist eine Art sanfte Sachlichkeit – man redet von Wandel und Neutralität – gemixt mit Wärme und Diversität, wie wir es z.B. vom Gendern kennen.

Nun hat jede Form ihre Vor- und Nachteile. Eine harte Sprache ist im direkten Vergleich durchsetzungsfähiger, kann aber auf lange Sicht zum Nachteil werden, da sie eine gewisse Ignoranz und Dummheit vermittelt – beides Eigenschaften, die man eher auf Abstand hält. Sanfte Sprache wiederum wird oftmals als ein Zeichen von Schwäche ausgelegt und geht in den Algorithmen von Facebook usw. unter. Dafür kann Sie Mauern schmelzen lassen, die durch harte Sprache nur noch härter werden.

Hier möchte ich zur Veranschaulichung der Komplexität des Wordings nun ein Beispielwort herauspicken, das mich auch persönlich beschäftigt: „Klimawandel“. Der persönliche Bezug, by the way, ist nicht der Hauptgrund dafür, dass ich dieses Beispiel gewählt habe. Der Hauptgrund ist die vielschichtige Anschaulichkeit, die hinter diesem Begriff steckt, den wir zudem alle kennen und (zumindest grob) einordnen können. Aber der Reihe nach:

1. Ist der Klimawandel überhaupt ein Wandel?

Wenn wir den Wandel als eine Veränderung definieren, so ist der Klimawandel definitiv ein Wandel. Trotzdem sehen sich gerade junge Menschen dazu genötigt, von einer „Klimakatastrophe“ zu reden – vermutlich weil sie von den klimatischen Veränderungen besonders betroffen sind. Doch schon an diesem Punkt wird es rhetorisch kinfflig. Dazu ein „katastrophaler“ Umweg:

Interpol definiert eine Katastrophe folgendermaßen: „Eine Katastrophe ist ein unerwartetes Ereignis, bei dem zahlreiche Menschen getötet oder verletzt werden.“ Damit ist klar, eine Katastrophe ist der Klimawandel nicht, denn er geschieht in keinster Weise unerwartet. Trotzdem sind schon die heutigen Folgen katastrophal, die Zukunft wird noch deutlich schlimmer werden. Das Gefühl hinter der Bezeichnung „Klimakatastrophe“ entspricht also den Tatsachen, das Wort „Katastrophe“ ist trotzdem falsch – weil nicht unerwartet.

Umgekehrt ist es mit dem Begriff des Wandels. Ein Wandel fühlt sich irgendwie gut an, er impliziert nichts Schlechtes, vielleicht sogar eine Verbesserung. Gerade in Europa stehen wir durch die Grenzöffnungen 1989 dem Begriff des Wandels positiv gegenüber. Aus der Sicht des Subtextes ist es also vollkommen falsch, von einem Klimawandel zu sprechen – sachlich ist das Wort aber korrekt.

Dazu ein Vergleich: Wenn ein gesunder Mensch aufgrund von plötzlicher Krankheit ein Intensivbett benötigt, so könnten wir von einem „Gesundheitswandel“ sprechen. Ein Wandel von stabil nach instabil. Das ist an sich richtig – wie auch bei der Destabilisierung der Klimasysteme – und trotzdem würde kein Mediziner der Welt auf die Idee kommen, eine schwere Krankheit als „Gesundheitswandel“ zu bezeichnen.

2. Wie kommt die Botschaft an?

Der Homo sapiens ist ein schreckhaftes Wesen, das in der Regel den Rückzug dem Kampf vorzieht. Erschreckt er sich zu sehr, so kann er in eine Schockstarre fallen und damit völlig handlungsunfähig werden. Dann tendiert er zur Dissoziation, die am halbgaren Buffet der Küchenpsychologie auch als „Verdrängung“ bezeichnet wird. Was für das Individuum gilt, gilt (mehr oder weniger) auch für die Gesellschaft.

Die Klimaszene geht also kommunikativ den schmalen Grat zwischen „aufrütteln“ und „abschrecken“. Auf der einen Seite steht also die Gefahr des Weichspülens, auf der anderen Seite steht die Gefahr der Gegenreaktion. Wir sehen ja schon jetzt die teils aggressiv beleidigenden Leugner in den sozialen Netzwerken – gerade nach der Pandemie, wenn den Querdenkern die epidemiologischen Feindbilder ausgehen werden, steht die Klimadebatte als neues Feld zur Abreaktion schon bereit.

Ob ein echtes, gesellschaftliches Problembewusstsein mit einer unklaren Sprache und euphemistischen Begriffen wie „Klimawandel“ geweckt werden kann, ist jedoch äußerst fraglich. Vor allem außerhalb der Blase werden „grüne“ Bewegungen nicht zuletzt ihres Wordings wegen oftmals belächelt – ganz egal wie richtig sie liegen. Den größten Erfolg hingegen hat Greta Thunberg zu verzeichnen. Man beachte: Ihr Wording ist oftmals gut gepfeffert und direkt.

3. „Klimawandel“: Welche Alternativen bieten sich an?

Praktisch bieten sich keine Alternativen an, da der Begriff „Klimawandel“ (international: „Climate Change“) als die gefestigte, weltweite Bezeichnung akzeptiert und gängig ist. Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Aktivismus sprechen fast ausnahmslos vom Klimawandel, hier und da kommt eben noch die Klimakatastrophe hinzu. Daran lässt sich weder rütteln noch schütteln.

Um die Drastik des Problems zu unterstreichen, sollte z.B. nach beschreibenden Adjektiven gesucht werden. Was es schon gibt, das ist der „menschgemachte“ Klimawandel. Hier beschreibt das Adjektiv jedoch die Ursache, nicht die Intensität. Worte wie „rasant“, „weltweit“, „apokalyptisch“, „immens“ und so weiter, können je nach Situation vorangestellt werden. Das mag in gewissen Fällen gut passen, befriedigend ist es nicht.

Fazit

Wir sehen hier an dem (eigentlich) sehr klaren Begriff „Klimawandel“, wie kompliziert Sprache sein kann und wie viel es dabei zu beachten gibt – insofern man überhaupt noch einen Zugriff auf das Wording hat. Das heißt natürlich nicht, dass man nun mit Krämpfen an die Sache herangehen sollte, weil es ja so viele Fallstricke und doppelte Böden gibt. Das wäre die negativste aller Denkweisen.

Sehen wir es lieber positiv: Die Vielfalt der Sprache gibt uns unendlich viele Möglichkeiten. Manche führen in eine Sackgasse, andere führen in die sprachliche Verwirrung. Doch bei unendlich vielen Möglichkeiten finden sich auch unendlich viele Lösungen. Je weiter wir also fähig sind „out of the box“ zu denken, desto mehr Möglichkeiten haben wir parat.

Eine davon liegt tatsächlich im Marketing verborgen, von dem auch der Begriff des Wordings entliehen ist. Denn gerade das Marketing – die Werbepsychologie – hat vielfältige Werkzeuge entwickelt, um knifflige Probleme des Wordings elegant und wirkungsvoll zu lösen. Und es wäre doch ganz wunderbar, wenn diese Skills nicht nur für den Kommerz verschwendet würden. Sondern – ganz nebenbei – für den Erhalt eines stabilen Klimas und somit für den Erhalt stabiler Gesellschaften. Übrigens: Wird alles instabil, so ist sind auch die Marketing-Berufe obsolet.

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