Die Lehre der Leere


Oft hört und liest man, meist auf den einschlägigen Seiten in dieser lustigen Welt namens „Internet“, vom göttlichen Zustand absoluter Leere. Wie jede Betrachtungsweise auf drei Seiten, muss auch die nun folgende mit einfachen Strickmustern vorlieb nehmen. Nimm es also als Denkanstoß, nicht als die detaillierte Darstellung meiner Meinung zum Thema Innerer… ja was nun eigentlich?

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„Befreie Dich von Dir selbst und du wirst im Nichts aufgehen, in der göttlichen Leere.“ So und so ähnlich habe ich es oft gelesen, meist mit hochtrabenden Querverweisen zur asiatischen Religionskultur garniert. Aber ist es wirklich die Innere Leere, von welcher uns der alte, ungefragt zitierte Zen-Buddhist erzählen will? Überhaupt, auch der Übersetzungsfehler – ob mit Absicht oder aus Versehen – begegnet uns hier wie überall. Ein Beispiel für einen Übersetzungs… ähh… Interpretationsfehler findet sich im Tantra. Tantra bedeutet „Fünf“ und wird in der westlichen Auslegung gerne als Synonym für „hypnotischen Sex“ gebraucht. Zugegeben, die ursprüngliche Lehre des Tantra ist beileibe nicht so lustfeindlich wie z.B. das katholische Christentum. Trotzdem ist die westliche Vorstellung Tantra=Sexvariante ziemlich daneben.

Neben solcherlei Fallgruben sollte nicht vergessen werden, dass die Grundhaltung des alten asiatischen Philosophen mit der Grundhaltung des Westens kaum zu vereinbaren ist. Um es mit Teitaro Suzuki zu sagen: „Demnach ist der westliche Geist analytisch, unterscheidend, differenzierend, induktiv, individualistisch, intellektuell, objektiv, wissenschaftlich, verallgemeinernd, begrifflich, schematisch, am Recht hängend […], anderen seinen Willen aufzwingend, usw. Die Wesenszüge des Ostens können dagegen folgendermaßen charakterisiert werden: synthetisch, zusammenfassend, integrierend, nicht unterscheidend, deduktiv, unsystematisch, dogmatisch, intuitiv […] und sozial kollektivistisch.“ Sehr deutlich macht er es an einem Beispiel, in dem er zwei Dichter vergleicht, die eine Blüte finden: Matsuo Bashō (1644-1694) betrachtet die Blüte in seinem Haiku aus der (für die Blüte!) sicheren Entfernung. Er nimmt sie wahr, lässt sie aber sein, was sie sein möchte. Kein Drang zum Bewerten und Analysieren will sich hier einschleichen. Ganz anders der westliche Dichter Baron Tennyson (1809-1892). Er reißt die Blume „mitsamt den Wurzeln“ aus der Mauerritze und sucht in ihr eine Antwort, die sich egoistisch um seinen eigenen Wissensdurst dreht. Einen tief verwurzelten Wissensdurst nämlich – die Frage nach dem „göttlichen Alles“:

"Blume in der geborstenen Mauer,
Ich pflücke dich aus den Mauerritzen,
Mitsamt den Wurzeln halte ich dich in der Hand,
Kleine Blume - doch wenn ich verstehen könnte,
Was Du mitsamt den Wurzeln und alles in allem bist,
Wüßte ich, was Gott und Mensch ist."

Tja, wie es der Blume damit geht, scheint Tennyson egal. Sie ist für ihn ein Werkzeug, das benutzt und dann beiseite gelegt wird. Mutmaßlich zu Boden geworfen. Vielleicht auch an die Wand gepinnt, direkt zwischen Löwenkopf und Elefantenzahn. Anders klingt die Situation bei Bashō, als er die Blüte einer Nazuna entdeckt:

"Wenn ich aufmerksam schaue,
Seh ich die Nazuna
an der Hecke blühen!"

In seinem Aufsatz über Ost und West aus dem Jahre 1957 (veröffentlicht von Erich Fromm) geht Teitaro Suzuki weiter darauf ein und vertieft seine Analyse. Da wir jedoch von unserem Thema zu weit abkommen würden, lasse ich diese eklatanten Unterschiede zwischen östlichem und westlichem Denken, Wahrnehmen und Empfinden so stehen. Einzig die dreiste Frage sei erlaubt: Ist es wirklich glaubhaft, dass manch geistloser Neo-Schamane aus Bielefeld die Jahrtausende alten Unterschiede im Geist zweier Himmelsrichtungen in ihrer wahren Dimension und Wirklichkeit auch nur ansatzweise zu verstehen vermag? Ich denke, ich selbst kratze nicht mehr als an der Oberfläche.

Zurück zur Leere des Geistes. Meine bisherigen Studien und Erfahrungen führen mich zu einem sehr einfach zu beschreibenden Mißverständnis. Lege ich alles ab, was mich ausmacht, erreiche also die im Westen oftmals als östliche Weisheit postulierte Innere Leere, dann bleibt nichts mehr von mir übrig. Kein Gefühl, kein Charakter, keine Ideen – kein Leben. Ich bin leer, die Hülle eines Menschen. Und ist das nicht der Zustand, den wir als „ausgebrannt“ bezeichnen? Diese sogenannte „göttliche Leere“ scheint ein gar teuflischer Zustand zu sein: Ein Burnout, eine tiefe Depression, das Gefühl der absoluten Sinnlosigkeit des Seins. Und dies eben mit umgekehrtem Vorzeichen idealisiert. So, wie es übrigens viele leere Geister (oder Seelen) tun, die sich in der emotionalen Sackgasse befinden. Sie erklären diese Sackgasse zum Märchenschloss – als Paradebeispiel im öffentlichen Raum scheint mir eine gewisse Alice Weidel genau auf dieser dunklen Welle zu reiten. So weit, so klar.

Nun will ich mit Frank Herbert einen absoluten Kenner östlicher Denkweisen sprechen lassen. Er beschreibt eine Krisis, die zu eben jenem Zustand führt, den man sicherlich auch mit der „göttlichen Leere“ beschreiben könnte. Und diese Beschreibung wäre dann so einleuchtend wie fehlerhaft:

"Ich darf mich nicht fürchten.
Die Furcht tötet das Bewußtsein.
Die Furcht führt zu völliger Zerstörung.
Ich werde ihr ins Gesicht sehen.
Sie soll mich völlig durchdringen.
Und wenn sie von mir gegangen ist, wird nichts zurückbleiben.
Nichts außer mir."
(Frank Herbert, Litanei gegen die Furcht)

Wo ist nun der gravierende Unterschied zwischen Herberts Litanei und der Lehre der Leere finden? Sehr einfach, in den letzten drei Worten. Denn hier bleibt sehr viel übrig. Du selbst, gelöst von äußeren (!) Belastungen und Ablenkungen: „Nichts außer mir.“ Herbert erreicht also einen Zustand gesündester Fülle, von Innerer Leere ist hier keine Spur zu sehen. Was sein Protagonist aber auf jeden Fall erreicht – was sich auch auf seinem Weg dorthin mit der Initiations-Krisis des Weisen (Schamane, Prophet, Anführer, etc.) deckt – ist die Innere Ruhe. Hier bleibt sehr viel übrig, nämlich die nackte, reine Seele, in der es sich in absoluter Ruhe versenken lässt. Worin soll ich mich auch beim Blick nach Innen versenken, wenn nicht in mir selbst? In einer absoluten Leere ist es sich schlecht zu versenken, da ist es nur einsam und kalt. Und da selbst ein blindes Huhn gelegentlich ein nützliches Körnchen findet, will ich an dieser Stelle ein Spruch aus dem Christentum zitieren: „Gott ist in Dir.“ Man kann es umgekehrt also beschreiben als: Ist nichts in Dir, dann ist da auch keine Göttlichkeit. Denn Göttlichkeit, auch im übertragenen Sinne, ist an Dinge, Gedanken, Wesen und Ideen geheftet. Zum Beispiel an die Blüte einer Nazuna.

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Herberts Protagonist stellt sich seinem Problem, der Furcht; „Ich werde ihr ins Gesicht sehen. Sie soll mich völlig durchdringen.“ Und das macht Sinn, denn sie ist ein Teil des Menschen, der nicht fortgeschoben werden soll. Die Furcht wird transformiert, zurück bleibt ein gestärkter Charakter. Aus Furcht wurde Kraft, wie aus der Raupe ein Schmetterling. Die Lehren Innerer Leere scheinen mir dagegen viel zu oft Techniken zu verwenden, die das Problem nicht lösen, sondern es ganz im Gegenteil unsichtbar machen. Zudeckende Techniken. Gibt es nichts mehr, gibt es auch kein Problem. Wozu meine Großmutter gesagt hat: „Unter den Teppich kehren.“ Da dieser Faktor aber einen weiteren Aufsatz wert wäre, will ich ihn nun als lose Reisnudel vom Rand der hölzernen Schüssel hängen lassen. Du darfst Dich gerne bedienen, der Nudel an sich und – frei nach Kant – Deinem eigenen Verstand.

Suchst Du die Innere Leere, so wirst Du Dich selbst auf Deinem Weg verlieren. Das Ziel Deiner Reise sollst Du selbst sein. Dort findest Du die wahre Göttlichkeit: die Innere Ruhe. Oder, um es mit Bashō zu sagen: „Tritt nicht in die Fußstapfen der alten Meister, sondern suche, was sie suchten.“ Das Nichts aber war schon immer böse…

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