Schaf – aus aktuellem Anlass

Manchmal muss man sich dem allgemeinen Niveau anpassen, deshalb zu Fasching ein Artikel über Schafe.

Määhh,määääh, määääääähh…

Hat eigentlich mal jemand versucht, einem Schaf das Wort “Helau” beizubringen? Oder haben die das von selbst gelernt? Ist der Vollsuff Schaf-affin? Macht bunte Wolle allein schon bunte Pullis? In welcher Form setzen sich die Schallwellen des Hits *** ***** bei perverser Lautstärke fort, wenn sie auf ein Schaf treffen? Was macht ein Tigerkostüm aus einem braven Schaf? Ist ein Schaf im Wolkfskostüm automatisch suizidgefährdet? Kann man Gras auch essen? Ist ein Schaf im Schafskostüm automatisch schizophren? Überhaupt, wer hat das Niveau verschluckt?

Es ist ein großes Mirakel!

Määhh,määääh, määääääähh…

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Filmkritik: “Defendor” (2009) – Anonymous analog

“Es brauchte einen Typ mit einem IQ von 80, um uns zu zeigen, dass wir uns wehren können…” So, oder so ähnlich, lässt sich die Erkenntnis der handelnden Figuren um den titelgebenden Defendor herum beschreiben. Ja, Defendor, und ob er selber glaubt, diese Schreibweise sei richtig, oder ob es sich um eine bewusste Abwandlung des eigentlichen Wortes handelt, bleibt dankenswerter Weise ungeklärt.

“FIGHT BACK!” steht da in dicken Lettern auf der DVD-Hülle, und es ist als Aufruf zu verstehen, wie spätestens im Interview mit Woody Harrelson (“Natural Born Killers”) sehr deutlich wird. Harrelson ist der Defendor, ein zurückgebliebener Straßenarbeiter, ein großes Kind, ein herzensguter Teddybär, immer an der Grenze zum betreuten Wohnen, der aus dem vorherigen Heim geflogen ist und sich nun in einer Werkstatt eingenistet hat. Diese ist seine Bat-Höhle, von der aus er als schwarz maskierter Rächer Nacht für Nacht durch die Straßen zieht, um die bösen Jungs zu bekämpfen. Seine Waffen sind Glasmurmeln, ein Baseballschläger und verdammt wütende Wespen im Glas, sein treuer Partner ist ein Wackeldackel hinter der Windschutzscheibe seines Abschleppwagens – der Defendog. Superkräfte hat Defendor keine, es sei denn, man zähle seinen beachtlichen Körperbau und seine noch beachtlichere Naivität dazu. Und so kommt es eines Tages, dass er gegen eine Dealergang, angeführt vom herrlich korrupten Sergeant Chuck Dooney (Elias Koteas, “Der schmale Grat”), den Kürzeren zieht und ordentlich vermöbelt auf der Straße liegen bleibt.
An dieser Stelle steigt der einzig echte Kritikpunkt dazu, die engelsgleiche Crackhure Katerina Debrofkowitz, von Kat Dennings (“Thor”) zwar feinfühlig gespielt, als Charakter aber zu sehr darauf getrimmt, die Handlung voran zu treiben. Selbst der unendlich verwirrte Defendor ist als Charakter schlüssiger, zwar ironisch überspitzt, doch wer jemals mit Leuten seines geistigen Kalibers zu tun hatte, der weiß, Ironie und Realität sind oftmals eineiige Zwillinge.
Aber da sollen jetzt nicht die Murmeln mit mir durchgehen, schließlich wusste Regisseur und Drehbuchautor Peter Stebbings sehr genau, was er da tat. Die Crackhure, die den Defendor von der Straße kratzt und nach Hause bringt, wandelt sich in seinen Augen zur Lois Lane, zur Unantastbaren. Er nimmt sie bei sich auf, zahlt ihr 40 Dollar pro Tag für Informationen über die Bösen, die sie – eine von der Straße – sehr gut kennt. Die 40 Dollar fließen erst einmal in Crack, die sogenannten Informationen, die sie dem Defendor dafür gibt, werden aber bald sehr wichtig, denn sie sagt, sie kenne Captain Industry, den Oberbösen aller Bösen. Der Defendor sucht ihn schon sein Leben lang, und Katerina “Lois Lane” Debrofkowiz weiß natürlich wo er wohnt…

Dies alles ist nur eine Seite der Geschichte, der Defendor aus Sicht des Defendors. Parallel dazu erzählt uns Peter Stebbings von einem großen Kind: unfähig zu sozialen Kontakten zieht es sich in sein scheinbares Superheldendasein zurück – worin es wahrlich aufblüht, was seinem Vorarbeiter und einzigen Freund manche Sorgen bereitet. Arthur Poppington, so Defendors bürgerlicher Name, ist eine traurige Figur, herzensgut, voller Energie, doch unfähig in einer leistungsbezogenen Welt voller Yuppies und Hipsters, voller Kriminalität und Schein und Lüge, auch nur ansatzweise überleben zu können. Bezeichnend ist die Szene, in der er weinend auf dem Boden eines Richterzimmers liegt, unfähig sich zu bewegen, unfähig von seinem Alter Ego Defendor loszulassen, vor die Wahl gestellt ‘normal’ zu sein, also angepasst, oder in den Knast zu gehen. Paul Carter, sein Vorarbeiter (und Vormund, großartig weil überzeugend gespielt von Michael Kelly, “Dawn of the Dead”) bringt es auf den Punkt, in dem er sagt, im Gefängnis würde Arthur Poppington/Defendor einfach sterben. Ja, das würde er, eingehen wie eine Pflanze ohne Licht und Wasser.

Das mag bisher recht spaßig klingen, zum Teil auch höchst melodramatisch, die Wahrheit liegt aber – wie so oft – ganz wo anders. “Defendor” funktioniert als Tragikomödie astrein, auch die sanfte Ironie an den heutzutage gängigen, monströs mit EFX und 3D aufgebauschten Superheldenfilmen ist treffsicher in Szene gesetzt (“Defendor” hatte ein Budget von 3,5 Millionen Dollar), seine wahre Qualität liegt aber in der Menschlichkeit. Der Film hat eine reine Seele, wenn man so sagen möchte, und Woody Harrelson als deren Personifizierung ist eine Pracht. Wir lachen über ihn, haben Angst um ihn, trauern mit ihm – vor allem aber gibt uns diese Rolle wirklich Mut. Wie schon Jack Nicholson in “About Schmidt” zeigt uns auch Arthut Poppington/Defendor mit einem großen Schauspieler in seiner Haut die Welt oder das Leben aus der Sicht eines einfach gestrickten Typs, handwerklich astrein umgesetzt, doch ohne große Mätzchen oder unnötige, wenngleich bombastisch immer wieder gern gesehene Massenszenen oder Großaufnahmen oder Plansequenzen oder sonstige Fassaden. Da können wir noch so viele Lars von Triers und Jean-Pierre Jeunets gesehen haben, ein kleiner Film über einen kleinen Mann lehrt uns dreimal soviel als so manche künstlerische Abstraktion. Man beachte nur den Grund – und da wird es politisch, Anonymous analog – warum Captain Industry der Oberböse aller Bösen ist…

Ach ja, der Soundtrack ist auch sehr beachtlich. Aber jetzt ist… aaarrghh, verdammte Wespen!

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ACTA ist super!

Okay, ACTA ist zugegebener Maßen der falsche Schritt – aber in die richtige Richtung! Niemand möchte Überwachung am eigenen digitalen Leibe spüren, niemand (und da schließe ich mich ein) hat Freude an Zensur, außer vielleicht unserem Herrn Innenminister, der Innenminister ist, weil er in unser Privatleben hinein ministern möchte, wie einst ein Richard Burton in einem Film von 1984. Wurde wohl nicht gestillt, das arme Lockenschwein. Ins reale Leben übertragen: Niemand möchte auf der Straße eine Brille tragen, die den Obdachlosen und den Neo-Hippie ausblendet, die Werbung und den Staatspalast hingegen in extra kräftigen Farben darstellt und vor der Nase wandern lässt, wohin Du auch blickst. Nein, niemand möchte das.

Deshalb ringt es nun in mir, wie der Westen und der Nahe Osten in der Weltpolitik, nach einer Nacht ohne eine Mütze Schlaf, selbst ohne einen Ohrenwärmer Nickerchen, ja ohne auch nur einen Fetzen Haupthaar Augen-zu. Das Unterfangen schien am frühen Abend noch recht einfach: Suche, finde, installiere ein beliebiges Freeware-Tool zum Aufzeichen von Videos per Webcam. Mit Ton, wohlgemerkt; was nichts mit Überwachungswahn zu tun hatte, sondern mit dem unschuldigen Wunsch in eine Kamera zu sprechen. Doch damit ging das Übel los.
Nach gefühlten drei Billionen Jahren, gerade als die Sonne wieder aufgegangen war, hatte ich es dann geschafft: Das Video ist immer noch in einer erbarmenswürdigen Qualität am Bild und einer kleinen aber nicht zu geißelnden Schieflage in Sachen Tonsynchronität. Auch der Ton selbst ist mehr elend als arm, aber es funktioniert – immerhin! In der Zwischenzeit aber, in der ich hätte schlafen sollen, probierte ich in etwa 20 kleine Drecksprogramme, umklickte 99 Toolbar-Installationen, löschte 12 mal mehr als eine Straßenhure in ihrem feuchtigkeitserfüllten Leben Sperma schluckt die niedlichen Reste, die nach den etwa 19 Deinstallationen übrig geblieben waren, hasste meinen Laptop, der doch nur der Bote war im Stellungskrieg, wie diese Typen mit den Sonnenbrillen, die sie abnehmen und auf den Boden blicken, wenn eine Cola-Light aus Pappbechern schlürfende Unterschichts-Ami-Tussi die Tür öffnet, und sagen “Ma’am, Your son died as a hero!” Ich hing ganz helmut-schmidtsch an Sargnagel um Sargnagel und konnte mich nur schwer beherrschen, jeden Zug nicht mit einem Hektoliter Methanol – ja, Methanol – herunter zu spülen, so dass ein körperlicher Schmerz den Intellektuellen für Sekunden überdecken würde. Furchtbar, entweder taten die Progrämmchen-Wichser den totalen Schwachsinn, einfach gar nichts, etwas anderes, oder spuckten mir ganz offen ins Gehirn.
“Möchten Sie die Datei wirklich speichern?” “Ja!” Macht er aber nicht, der digitale Grottenolm, der stinkende. Stattdessen holt’s den Knüppel raus und prügelt mir den CPU [si pi ju] halbtot.
Eines ist besonders schlau, prahlt mit “Videos aufzeichnen”, speichert diese angeblichen Videos aber als Einzelframes in Bildern ab, der Vollspack, und grinst dabei noch dämlich, als hätte es gerade die 99 Jungfrauen gewonnen. Es hätte ja mal sagen können, dass man sich bei ihm vorm Screen nur in Stop Motion geben darf und dann die vielen tausend Einzelbilder Stück für Stück zu einer unglaublich wertlosen Gülle auf Niveau der FDP im Fernsehen verquicken muss. Aber nein, der User und der Bürger, das Progrämmchen und der Friedrich, dieser untersetzte Lockenbruder! Zur Stop-Motion gezwungen, Ray Harryhausen drehte sich im Grabe um, und drehte sich, und drehte sich, und drehte sich, und …

Tick-tack-tick-tack-Tick-Trick-und-Track…

Nun hatte ich schon durchgemacht, da konnte ich auch gleich am Schreibtisch – nebst postromantischem Sonnenaufgang, sowie Blick auf Rhein und Dom und Taunus – via SpongoBook die häßliche Seite einer eigentlich ganz wunderbaren Veranstaltung befeuern, Werbung posten, ein paar Häckchen hier und ein paar Kreuzchen dort entfernen oder festbolzen, dass mir die Augen, die längst viereckig geworden waren, auch noch auf und wieder zuploppten wie dieses Ding da, dieses Fenster mit den Dialogen drin. Ihr wisst schon, was ich meine, doch den Fachbegriff dazu hab ich vorhin im Klo den Rhein runter geschossen.

Mal ganz abgesehen vom wüsten Plopp-, Gewinnchancen- und Werbedschungel der so ach-wie-ehrlich-bin-ich-und-ich-mag-dich,-lieber-Surfer-Seiten, die zu durchkämmen man genötigt ist, als wäre man gerade aus dem virtuellen Rettungshubschrauber gepurzelt, nur um den eigentlichen, mikroskopisch kleinen, kryptisch verschlüsselten, hinter Zieh- und Wirbel-Werbefenstern, gleich eines einsamen Rettungsbootes weit draußen im früh morgendlichen Atlantiknebel verschwindenden wahren Download-Link zu finden, zwischen falschen Download-Monsterwellen und mit quietschebunter Scheiße voll gesprühter Riesen-Jamba-Tanker! Mal auch abgesehen von den amtsstubengleichen Weiter-Weiter-Weiter-Verlinkungen, die zwar automatisch auf, nicht aber automatisch weiter gehen, sondern wieder fröhlich-blöde blinken, wischen und wandern, als hätten ihre Programmierer ihr ADHS mit LSD bekämpft. Mal gänzlichst abgesehen von den…

Ach, was soll ich sagen… schaltet’s ab, das Internet, zensiert die Ratte nicht, versucht ihr nicht die Füße an den Rücken zu pappen, wie es ACTA und der Innenwichser machen möchten, sondern hackt dem Vieh einfach den Kopf ab!

Vielleicht war ich nur zu dumm, zu alt, oder zu analog. Aber wie auch immer, liebe Freunde, zum klaren Denken, damit freien Reden, ist das Hirn nach jener Nacht die nächsten Jahre nicht mehr zu gebrauchen. Seht also, was diese Ursuppe der virtuellen Unmöglichkeiten aus mir gemacht hat, hört also, dass ACTA im Grunde eine tolle Sache ist – der erste Schritt zur Vernichtung der digitalen Dreckshundswelt! – und seid besonders auf der Hut, … sonst endet es mit Euch … schlicht … ebenso… (und Ihr glaubt mir sogar noch.)


Ed 209 – der Beweis für die Dummheit der Maschinen

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HEAVENS GATE – komplettes Hörspiel zum Download!

HEAVENS GATE

Fernando soll in den Himmel kommen, aber Gott hat einen schlechten Tag und lässt ihn nicht rein. Es folgen tausende Jahre auf dem Amt für Himmelsangelegenheiten…

KLICK

Sprecher:
Vuk Hoeckler
Sandra Becker
Ariane Klüpfel
Patrick Twinem
Die Helmuth
Miriam Spies
Christian Rockenbach
Mark Runk
Farhang Kassraei
Där Unbekanntä
Dominic Memmel

Idee/Buch/Regie:
Dominic Memmel

Das Ministerium für Innere Schönheit wünscht viel Freude!

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Die unendliche KurzGeschichte

Monsieur M am Villener Riesenrad

Einführung

Ich war mal wieder unterwegs, mit Sack und Pack und Fotoapparat, sowie dem Auftrag ein paar schöne Worte über das berühmte Villener Riesenradfest zu finden. Ich bin bei einer kleinen Zeitung tätig, dem Ökkenheimer Telegraf. Das mag für Dich, geneigter Leser, öde oder spröde klingen, vielleicht gar etwas traurig bis bemitleidenswert, doch kann ich Dich beruhigen. Oft genug hat mir das Schicksal Abwechslung im Übermaß geboten, ich hab genug davon. Dann lieber das Villener Riesenradfest.
Villen liegt im schönen Unterfranken, dort, wo Wein und Bier in Quantität vorhanden sind. Das Bier ist von der regionalen Brauerei. Getrunken wird es trotzdem, ich würd’s mir lieber spritzen, doch dann – so der Wirt – verliert es seine Wirkung. Da empfiehlt er mir einen ‘guten’ Frankenwein. Der ist trocken, was ihn genießbar macht. Doch die meisten Reben wurden aus Siebenbürgen verschleppt, und da sie ihre Heimat lieben und sich ungern nur verschleppen lassen, sind die Reben von Geburt an sauer, denn im schönen Unterfranken taugt ihnen weder das Wetter, noch die Landschaft. Und saure Reben produzieren sauren Silvaner. Man sollte ihn ein paar Jährchen Kellerlagern, so dass er sich beruhigt, dann schmeckt er nicht mehr ganz so schlimm. Ein alter Winzer hat mir gar erzählt, man höre manche Nacht die sauren Reben bei Gulasch und Graubrot in den Hügeln hocken und in ihrer bäuerlichen Sprache fluchen und schimpfen, “…des glingd dann, wie wenner Hüchl flüsderd, so ‘Schsssschsssschsss’! Is ganz unheimlich dann, weil’s ja der ganze Hüchl is.” Das glaubte ich sofort! “Und da haddema Enner sein Messer am Abnd liechn gelassn, des hädder aber ned machn solln, weil die Reben hams gefunne und am nächsdn Morgn den ersdn Spaziergänger so abgstochn wie a Sau! Wen willsdn dafür jetz verknackn, hä?” Aber genug davon.
Das Riesenrad beherrschte Villen wie ein lustiger Tyrann. In der Regel wurde es im August am Marktplatz aufgestellt, flankiert von Losbuden (“Gewinnen Sie eine Fahrt im Villener Riesenrad!”) und Futterständen (Pizza ‘Riesenrad’, Riesenrad aus Marzipan, T-Bone Steak vom Riesen-Rundgrill, et cetera). Heute Abend sollte die Eröffnung sein. Um 18:30 Uhr würden der Bürgermeister und ein Ehrengast die erste Gondel besteigen und die erste umjubelte Runde drehen. Dann, nach eben einer Runde, sollten sie die Gondel wieder verlassen und das Riesenrad feierlich der Öffentlichkeit preisgeben. Die Öffentlichkeit würde dann ihrerseits die Gondeln stürmen, von A wie ‘Araber vom Industriegebiet’ bis Z wie ‘Zuckerwatte fressender fetter kleiner Junge’. Runde für Runde ein “Aaaaah…” und “Oooooh…” begeisterter Villener, das große Leben in den Gondeln, hier ein Foto, dort ein Liebesspiel, daneben wird erbrochen, Kinder spucken aus den endlosen Weiten des Himmels herab und Inder und Japaner sitzen starr und grinsend wie ein Stall voll Honigkuchenpferde hundertzwanzig Meter über Unterfranken. Ja, geneigter Leser (und geneigt musst Du sein, wenn Du bis hier gekommen bist), das Riesenrad in Villen hat tatsächlich eine Höhe von hundertzwanzig Metern, und darauf ist es stolz.

Dramatischer Konflikt

Ich wusste es bis dahin nicht und könnte nur im Nachhinein erzählen, schrieb ich konsequent an meiner privaten Zeitachse entlang. Die Katastrophe geschah, dazu später, dann strichen die Wochen meiner und der polizeilichen Recherche ins Land, und dann kam einer dahinter. In dieser Reihenfolge würde der Bericht ein wenig Hölzern wirken, mit dem Zenit der ganzen Angelegenheit etwa in der Mitte. Deshalb möchte ich mich an die Objektive halten, den Blick des Orakels oder die dritte Person, und berichte nun von Vorgängen, die mir zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt sein konnten.
Villen ist eine Kreisstadt, der größte Ort im Umkreis von gut hundert Kilometern, der einzige mit einer Großraum-Diskothek, Bischofsstadt mit Marktrechten versehen und schon über tausend Jahre alt. Die Industrie beschränkt sich auf den Weinbau im großen Stil, des weiteren gibt es einen Familienbetrieb der Kettensägenproduktion und ein Wenig Gastronomie und Brauerei. Der alte Ortskern zieht Touristen an, ebenso der Wein, der Main und selbstverständlich auch das Villener Riesenradfest. Alles in Allem lässt sich Villen auf ein Klein- und Spiesbürgertum reduzieren, streng katholisch und verbohrt vor dem Herrn. Und wie es bei einem solchen Ort nun mal ist, als Ausgleich sozusagen, generiert auch Villen menschliche Kontrastpunkte.
Die Kettensägenproduktion heißt Malik-Sägen GmbH, die menschlichen Kontrastpunkte sind Frank und Burnee Malik, die jüngsten Söhne der zweiten Inhaber-Generation. Frank war an dem Tag der Katastrophe einundzwanzig Jahre alt und wiederholte nun das erste Lehrjahr im elterlichen Betrieb zum zweiten Mal. Er hatte zwei linke Hände, war eher ein Schöngeist als ein angehender Unternehmer, und bereitete seiner Familie mehr Ärger als Kettensägen. Dem Villen-Tagblatt brachte er dafür die lustigsten Meldungen ein:

‘Sohn der Unternehmer Malik nackt an Brunnen gebunden!
Villen. Gestern Morgen um sieben Uhr erwachte Frau Helga Wächter durch Rufe, die sie aus Richtung Kirchplatz vernahm. Frau Wächter rief umgehend die Polizei, die sich sofort an Ort und Stelle begab. Die Beamten erwartete am Brunnen vor der Alten Kirche ein kurioses Bild: Frank Malik, jüngster Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, war nackt an den steinernen Engel des Brunnens gebunden und rief, die Beamten ignorierend, den Erzengel Gabriel lautstark um Hilfe. Nach Polizeiangaben konnte Frank Malik die Einnahme synthetischer Drogen nachgewiesen werden. Er wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen.’

‘Malik-Sohn schon wieder auffällig!
München. Diese Woche Dienstag enterte Frank Malik, jüngster Sohn der Inhaber von Malik-Sägen GmbH, bei einer Lesung der Inhaberin des gONZo-Verlages, Miriam Spies, im Münchner Unterhaus die Bühne. Es kam zu tumultartigen Szenen auf der Lesebühne, in welche sowohl die Verlagschefin, als auch ein Gastleser miteinbezogen wurden. Die Veranstaltung konnte nach einer kurzen Unterbrechung und Polizeieinsatz wie geplant fortgesetzt werden.’

‘Schwerer Unfall im Kettensägen-Werk!
Villen. In der Nacht von Sonntag zu Montag kam es im Werk der Malik-Sägen GmbH zu einem bedauerlichem Zwischenfall. Frank Malik, Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, versuchte nach Angaben der Polizei eine fertige Kette auf eine Säge zu montieren. Er habe sich dabei “…recht unglücklich verhalten,” so ein Polizeisprecher. Die Säge sprang an, bevor die Kette richtig befestigt war. Olic Asimov, einen Zeitarbeiter, traf die Kette tödlich. Frank Malik wurde vorübergehend aus der Produktion entfernt. “Der Junge sollte nicht mehr mit Maschinen arbeiten,” sagte uns ein Mitarbeiter des renommierten Villener Betriebes. “Was soll man tun, er hat nun mal zwei linke Hände.”‘

Burnee Malik hat hingegen zwei linke Gehirnhälften, behaupte ich. Handwerklich nähert er sich langsam dem Genie, selbst in der Anstalt, doch er ist dumm wie die Nacht im Krieg. Zur Zeit der Katastrophe war er vierundzwanzig Jahre alt, und wäre sein Bruder Frank ein taffer Unternehmertyp gewesen, so hätten sich die Eltern glücklich schätzen können. Doch Frank war überflüssig, und der Werkstatt-Salieri Burnee, eigentlich Bernd, hatte schon Probleme mit dem Drei-Mal-Eins, an Steuererklärung war da nicht zu denken. Überhaupt war sein Horizont beschränkt, so hielt er Schaschlik für einen ehemaligen Außenminister und Theater für ein Kraut.
Seine Liebe waren die Kettensägen. Er montierte zwei auf einmal, und brauchte dafür weniger als fünf Minuten. Er ölte sie, er schliff die Ketten, putzte den Motor und schweißte ihn zusammen, addierte die Glieder zu einer Kette und die Nietenpistole lag ihm in der Hand … oh Mann! Mit der Säge trat er gar im Fernsehen auf, er zersägte dicke Bäume um die Wette. Seine Schlagzeilen im Tagblatt ehrten seine Eltern:

Villen ist Europameister!
Portsmouth. Bernd Malik, Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, gewinnt die Europameisterschaft im Baumstammsägen. Bei dieser sportlichen Disziplin gilt es, mit einer Kettensäge ein Stück Baumstamm von vorgegebenem Durchmesser in eine bestimmte Anzahl Scheiben zu schneiden. Dies geht gegen die Uhr. Frank Malik, laut seinen Kollegen im elterlichen Betrieb ein Virtuose im Umgang mit der Kettensäge, unterbot die momentane Bestzeit um ordentliche 5,4 Sekunden und steht damit nun unangefochten an der europäischen Spitze. In einem Interview der englischen Sportpresse verriet Bernd Malik: “Jetzt greife ich den Weltmeister an!”

Nun hatten beide Brüder einen innigen Hass auf das schöne Villen. Sie verachteten das Flair des Ortes zutiefst. Die ordentlichen Häuser auf den ordentlichen Gärten hinter den Zäunen machten sie rasend, sahen sie einen Gartenzwerg, in Villen keine Seltenheit, brodelten sie an den Rande eines Wutausbruchs, sie verachteten Vereine, Clubs und Golfturniere, und – allem voran – hassten sie das Villener Riesenradfest. Dieser Hass einte sie.

Die Katastrophe

Die ersten großen Fußballturniere mit Public Viewing waren ins Land gezogen und kleine Stahltribünen erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit. Auch zum 64. Villener Riesenradfest, wir schreiben das Jahr 2008, war eine kleine Stahltribüne aufgebaut. Ich saß in der dritten Reihe von oben und hatte eine fotogene Aussicht. Sowohl das Riesenrad, wie auch das Kartenhäuschen und die Rednerbühne für die feierliche Eröffnung standen mir in einem angenehmen Winkel gegenüber. Es waren hauptsächlich Familien unterwegs, umher schlawinernde Kinder tollten miteinander oder mit den Hunden oder Zuckerwatte. Die kleinen Buden boten Crepes und Schoppen an, das Riesenrad stand wuchtig und antik dahinter. Einhundert und Zwanzig Meter, ein mordes1 Gerät! Aus meiner erhöhten Sicht konnte ich durch seine Speichen die Mainaue und den Fluss selbst erkennen. ‘Das Bild wird gedruckt, keine Frage,’ dachte ich und baute auf der Stahltribüne das Stativ auf, neben einer Girlande, selbstverständlich. Es war kurz nach sechs und die Abendsonne warf ihr sattes Licht rings umher. Ich machte zehn oder zwölf Bilder und rauchte eine Zigarette. Ein Zeppelin mit dem Logo von Malik-Sägen tauchte auf und ich fotografierte auch ihn zwei oder drei mal. Er schwebte über dem Park auf der anderen Seite des Mains, kam aber langsam näher. Dann betrat der Bürgermeister das Rednerpodest, nahm ein Bad in der Sonne und begann seine wohlüberlegte Rede an die Menge: “Herzlich willkommen, Freunde des Villener Riesenrads! Ich freue mich an einem solch schönen Tag im Spätsommer so viele von Euch hier zu sehen. Jahr für Jahr ist es der Event, das Highlight im Terminkalender eines jeden Villeners – direkt nach Ostern, Weihnachten und der eigenen Wiederwahl…” (Lachen und Applaus) “…das Villener Riesenradfest! …” Ich stenographierte die wichtigsten und schönsten Sätze für meine Zitatensammlung und ließ ihn darüber hinaus fast eine viertel Stunde reden. Er genoss es, das sah man ihm an, die Vorfreude der Zuschauer bis hin zum Wahn zu strapazieren. Doch pünktlich um halb sieben betraten er und ein gewisser Blanco, der Ehrengast in diesem Jahr, das Villener Riesenrad. Sie drehten eine Runde, winkten dem Volke und begafften Himmel und Erde. Nach der Ehrenrunde entstiegen sie in ein anstürmendes Publikum, doch noch waren die letzten Meter bis zur Kasse gesperrt, und als Blanco und der Bürgermeister diesen Weg zurückspazierten, da kam mir ein Geräusch zu Ohren.
Ein seltsames Geräusch.
Als würde sich eine Vespa nähern.
Doch es kam nicht von der Strasse.
Es kam… von oben!
Ich blickte zum Zeppelin auf, und da sah ich Burnee Malik aus dem Kabinenfenster gelehnt. Er grinste und lies eine laufende Kettensäge fallen. Daher das Geräusch, brrrrrrrrrruuuum-m-m-m-brrrrrrrrr, und es näherte sich Blanco und dem Bürgermeister. Wie in Zeitlupe drehte sich die Säge in der Luft, das Blatt, um welches sich die Kette drehte, schimmerte metallen in der Sonne, und die Kette selbst floss wie Queckgold um das Sägeblatt. Sie erreichte bald das Riesenrad, fiel kaum drei oder vier Meter in schöner Kongruenz vor ihm herab, drehte sich ein letztes Mal und zerschellte. Paff! Schock! Die Zuschauer erhoben sich, ängstliches Gemurmel kippte die Stimmung und die Prominenz wurde sofort von Polizei und Sicherheit umringt. Sie dachten, der Angriff wäre von der Seite gekommen, dabei kam er doch von oben! Eine zweite Säge kam geflogen, ein zweites Mal drohendes brrrrrrrrrruuuum-m-m-m-brrrrrrrrr, dann Kraaaa-Watsch! Die Säge landete in der Tribüne und erstarb samt ihrem Opfer in einer kurzen aber meterhohen Blutfontäne. Schon wieder brummte es, die Buben wollten uns hier unten bombardieren!
Panik keimte auf, so wie eine Granate aufkeimt, und alle paar Sekunden krachte es ganz fürchterlich! Die Menschen flohen in alle Richtungen, die Tribüne war ein verstopftes Chaos, in das wie schwerer Regen Kettensägen tropften, über all Geschrei und Gezeter, nur die Sonne machte gute Miene zum fiesen Spiel. Ich eilte die letzten Sitzreihen hinauf und blickte über das Geländer, doch was ich sah ließ mich erschauern: Der Boden war ein Parkplatz und gut acht Meter entfernt. Ein Häuflein Menschen mit gebrochenen Beinen lag stöhnend in der Tiefe und schrie “Neeeeeiiin!” wenn jemand sie als Fallkissen benutzen wollte. Mal krachte es, wenn einer sprang, das war der Asphalt, mal klatschte es und schrie: “Ich hab doch ‘Nein!’ gesagt, Idiot!” Springen kam für mich also nicht in Frage. Ich hielt mich an der Rehling fest und die Tribüne wankte wie ein Schiff im Sturm. Klong, Pflatsch, brrrrrrrrrr, die Geräuschkulisse klang nach einer Sinfonie des Todes. Halb krepierte Kettensägen steckten in Metall und Fleisch und tuckerten ihr Liedchen. Ein Knie flog durch die Luft, ich fragte mich, wie das nur möglich sei, da kam das zweite Knie geflogen. ‘Fotos! Fotos!’ drängte mein Reporterblut. Ich machte Bilder von der Massenpanik, von einzelnen Verwundeten und Körperteilen, von fallenden Kettensägen, vom Zeppelin und von den irren Gesichtern der Malik-Brüder.
Bevor die letzten Unverletzten fliehen konnten endete die Katastrophe scheinbar unspektakulär. Den Maliks gingen die Kettensägen aus und plötzlich fielen nur noch Flüche und Beschimpfungen vom Himmel. Die Polizisten feuerten nun ohne Furcht, sie traten forsch unter den Zeppelin und schossen eines seiner Triebwerke entzwei. Der Propeller bog sich unter lautem Gekreisch in seine Halterung, dem Metall schien es nicht wirklich zu gefallen, dann zerbarst das Ding und Funken stoben wie ein Showeffekt über das Riesenrad. Die Aufschrift Malik-Sägen GmbH trudelte der Mainaue entgegen – mit ihr der gesamte Zeppelin – und stürzte zur Feier des Tages um exakt 19:04 Uhr rücklings hinter dem Riesenrad ins Feld.
Das Villen-Tagblatt schrieb:

‘Schock! Wut! Trauer!
Katastrophe in Villen… oh mein Gott! …’

Und ich im Ökkenheimer Telegraf:

‘Ich war mal wieder unterwegs, mit Sack und Pack und Fotoapparat, sowie dem Auftrag ein paar schöne Worte über das berühmte Villener Riesenradfest zu finden. Ich bin bei einer kleinen Zeitung tätig, dem Ökkenheimer Telegraf. Das mag für Dich, geneigter Leser, öde oder spröde klingen, vielleicht gar etwas traurig bis bemitleidenswert, doch kann ich Dich beruhigen. Oft genug hat mir das Schicksal Abwechslung im Übermaß geboten, ich hab genug davon. Dann lieber das Villener Riesenradfest.
Villen liegt im schönen Unterfranken, dort, wo Wein und Bier in Quantität vorhanden sind. Das Bier ist von der regionalen Brauerei. Getrunken wird es trotzdem, ich würd’s mir lieber spritzen, doch dann – so der Wirt – verliert es seine Wirkung. Da empfiehlt er mir einen ‘guten’ Frankenwein. Der ist trocken, was ihn genießbar macht. Doch die meisten Reben wurden aus Siebenbürgen verschleppt, und da sie ihre Heimat lieben und sich ungern nur verschleppen lassen, sind die Reben von Geburt an sauer, denn im schönen Unterfranken taugt ihnen weder das Wetter, noch die Landschaft. Und saure Reben produzieren sauren Silvaner. Man sollte ihn ein paar Jährchen Kellerlagern, so dass er sich beruhigt, dann schmeckt er nicht mehr ganz so schlimm. Ein alter Winzer hat mir gar erzählt, man höre manche Nacht die sauren Reben bei Gulasch und Graubrot in den Hügeln hocken und in ihrer bäuerlichen Sprache fluchen und schimpfen, “…des glingd dann, wie wenner Hüchl flüsderd, so ‘Schsssschsssschsss’! Is ganz unheimlich dann, weil’s ja der ganze Hüchl is.” Das glaubte ich sofort! “Und da haddema Enner sein Messer am Abnd liechn gelassn, des hädder aber ned machn solln, weil die Reben hams gefunne und am nächsdn Morgn den ersdn Spaziergänger so abgstochn wie a Sau! Wen willsdn dafür jetz verknackn, hä?” Aber genug davon.
Das Riesenrad beherrschte Villen wie ein lustiger Tyrann. In der Regel wurde es im August am Marktplatz aufgestellt, flankiert von Losbuden (“Gewinnen Sie eine Fahrt im Villener Riesenrad!”) und Futterständen (Pizza ‘Riesenrad’, Riesenrad aus Marzipan, T-Bone Steak vom Riesen-Rundgrill, et cetera). Heute Abend sollte die Eröffnung sein. Um 18:30 Uhr würden der Bürgermeister und ein Ehrengast die erste Gondel besteigen und die erste umjubelte Runde drehen. Dann, nach eben einer Runde, sollten sie die Gondel wieder verlassen und das Riesenrad feierlich der Öffentlichkeit preisgeben. Die Öffentlichkeit würde dann ihrerseits die Gondeln stürmen, von A wie ‘Araber vom Industriegebiet’ bis Z wie ‘Zuckerwatte fressender fetter kleiner Junge’. Runde für Runde ein “Aaaaah…” und “Oooooh…” begeisterter Villener, das große Leben in den Gondeln, hier ein Foto, dort ein Liebesspiel, daneben wird erbrochen, Kinder spucken aus den endlosen Weiten des Himmels herab und Inder und Japaner sitzen starr und grinsend wie ein Stall voll Honigkuchenpferde hundertzwanzig Meter über Unterfranken. Ja, geneigter Leser (und geneigt musst Du sein, wenn Du bis hier gekommen bist), das Riesenrad in Villen hat tatsächlich eine Höhe von hundertzwanzig Metern, und darauf ist es stolz.

Dramatischer Konflikt

Ich wusste es bis dahin nicht und könnte nur im Nachhinein erzählen, schrieb ich konsequent an meiner privaten Zeitachse entlang. Die Katastrophe geschah, dazu später, dann strichen die Wochen meiner und der polizeilichen Recherche ins Land, und dann kam einer dahinter. In dieser Reihenfolge würde der Bericht ein wenig Hölzern wirken, mit dem Zenit der ganzen Angelegenheit etwa in der Mitte. Deshalb möchte ich mich an die Objektive halten, den Blick des Orakels oder die dritte Person, und berichte nun von Vorgängen, die mir zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt sein konnten.
Villen ist eine Kreisstadt, der größte Ort im Umkreis von gut hundert Kilometern, der einzige mit einer Großraum-Diskothek, Bischofsstadt mit Marktrechten versehen und schon über tausend Jahre alt. Die Industrie beschränkt sich auf den Weinbau im großen Stil, des weiteren gibt es einen Familienbetrieb der Kettensägenproduktion und ein Wenig Gastronomie und Brauerei. Der alte Ortskern zieht Touristen an, ebenso der Wein, der Main und selbstverständlich auch das Villener Riesenradfest. Alles in Allem lässt sich Villen auf ein Klein- und Spiesbürgertum reduzieren, streng katholisch und verbohrt vor dem Herrn. Und wie es bei einem solchen Ort nun mal ist, als Ausgleich sozusagen, generiert auch Villen menschliche Kontrastpunkte.
Die Kettensägenproduktion heißt Malik-Sägen GmbH, die menschlichen Kontrastpunkte sind Frank und Burnee Malik, die jüngsten Söhne der zweiten Inhaber-Generation. Frank war an dem Tag der Katastrophe einundzwanzig Jahre alt und wiederholte nun das erste Lehrjahr im elterlichen Betrieb zum zweiten Mal. Er hatte zwei linke Hände, war eher ein Schöngeist als ein angehender Unternehmer, und bereitete seiner Familie mehr Ärger als Kettensägen. Dem Villen-Tagblatt brachte er dafür die lustigsten Meldungen ein:

‘Sohn der Unternehmer Malik nackt an Brunnen gebunden!
Villen. Gestern Morgen um sieben Uhr erwachte Frau Helga Wächter durch Rufe, die sie aus Richtung Kirchplatz vernahm. Frau Wächter rief umgehend die Polizei, die sich sofort an Ort und Stelle begab. Die Beamten erwartete am Brunnen vor der Alten Kirche ein kurioses Bild: Frank Malik, jüngster Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, war nackt an den steinernen Engel des Brunnens gebunden und rief, die Beamten ignorierend, den Erzengel Gabriel lautstark um Hilfe. Nach Polizeiangaben konnte Frank Malik die Einnahme synthetischer Drogen nachgewiesen werden. Er wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen.’

‘Malik-Sohn schon wieder auffällig!
München. Diese Woche Dienstag enterte Frank Malik, jüngster Sohn der Inhaber von Malik-Sägen GmbH, bei einer Lesung der Inhaberin des gONZo-Verlages, Miriam Spies, im Münchner Unterhaus die Bühne. Es kam zu tumultartigen Szenen auf der Lesebühne, in welche sowohl die Verlagschefin, als auch ein Gastleser miteinbezogen wurden. Die Veranstaltung konnte nach einer kurzen Unterbrechung und Polizeieinsatz wie geplant fortgesetzt werden.’

‘Schwerer Unfall im Kettensägen-Werk!
Villen. In der Nacht von Sonntag zu Montag kam es im Werk der Malik-Sägen GmbH zu einem bedauerlichem Zwischenfall. Frank Malik, Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, versuchte nach Angaben der Polizei eine fertige Kette auf eine Säge zu montieren. Er habe sich dabei “…recht unglücklich verhalten,” so ein Polizeisprecher. Die Säge sprang an, bevor die Kette richtig befestigt war. Olic Asimov, einen Zeitarbeiter, traf die Kette tödlich. Frank Malik wurde vorübergehend aus der Produktion entfernt. “Der Junge sollte nicht mehr mit Maschinen arbeiten,” sagte uns ein Mitarbeiter des renommierten Villener Betriebes. “Was soll man tun, er hat nun mal zwei linke Hände.”‘

Burnee Malik hat hingegen zwei linke Gehirnhälften, behaupte ich. Handwerklich nähert er sich langsam dem Genie, selbst in der Anstalt, doch er ist dumm wie die Nacht im Krieg. Zur Zeit der Katastrophe war er vierundzwanzig Jahre alt, und wäre sein Bruder Frank ein taffer Unternehmertyp gewesen, so hätten sich die Eltern glücklich schätzen können. Doch Frank war überflüssig, und der Werkstatt-Salieri Burnee, eigentlich Bernd, hatte schon Probleme mit dem Drei-Mal-Eins, an Steuererklärung war da nicht zu denken. Überhaupt war sein Horizont beschränkt, so hielt er Schaschlik für einen ehemaligen Außenminister und Theater für ein Kraut.
Seine Liebe waren die Kettensägen. Er montierte zwei auf einmal, und brauchte dafür weniger als fünf Minuten. Er ölte sie, er schliff die Ketten, putzte den Motor und schweißte ihn zusammen, addierte die Glieder zu einer Kette und die Nietenpistole lag ihm in der Hand … oh Mann! Mit der Säge trat er gar im Fernsehen auf, er zersägte dicke Bäume um die Wette. Seine Schlagzeilen im Tagblatt ehrten seine Eltern:

Villen ist Europameister!
Portsmouth. Bernd Malik, Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, gewinnt die Europameisterschaft im Baumstammsägen. Bei dieser sportlichen Disziplin gilt es, mit einer Kettensäge ein Stück Baumstamm von vorgegebenem Durchmesser in eine bestimmte Anzahl Scheiben zu schneiden. Dies geht gegen die Uhr. Frank Malik, laut seinen Kollegen im elterlichen Betrieb ein Virtuose im Umgang mit der Kettensäge, unterbot die momentane Bestzeit um ordentliche 5,4 Sekunden und steht damit nun unangefochten an der europäischen Spitze. In einem Interview der englischen Sportpresse verriet Bernd Malik: “Jetzt greife ich den Weltmeister an!”

Nun hatten beide Brüder einen innigen Hass auf das schöne Villen. Sie verachteten das Flair des Ortes zutiefst. Die ordentlichen Häuser auf den ordentlichen Gärten hinter den Zäunen machten sie rasend, sahen sie einen Gartenzwerg, in Villen keine Seltenheit, brodelten sie an den Rande eines Wutausbruchs, sie verachteten Vereine, Clubs und Golfturniere, und – allem voran – hassten sie das Villener Riesenradfest. Dieser Hass einte sie.

Die Katastrophe

Die ersten großen Fußballturniere mit Public Viewing waren ins Land gezogen und kleine Stahltribünen erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit. Auch zum 64. Villener Riesenradfest, wir schreiben das Jahr 2008, war eine kleine Stahltribüne aufgebaut. Ich saß in der dritten Reihe von oben und hatte eine fotogene Aussicht. Sowohl das Riesenrad, wie auch das Kartenhäuschen und die Rednerbühne für die feierliche Eröffnung standen mir in einem angenehmen Winkel gegenüber. Es waren hauptsächlich Familien unterwegs, umher schlawinernde Kinder tollten miteinander oder mit den Hunden oder Zuckerwatte. Die kleinen Buden boten Crepes und Schoppen an, das Riesenrad stand wuchtig und antik dahinter. Einhundert und Zwanzig Meter, ein mordes2 Gerät! Aus meiner erhöhten Sicht konnte ich durch seine Speichen die Mainaue und den Fluss selbst erkennen. ‘Das Bild wird gedruckt, keine Frage,’ dachte ich und baute auf der Stahltribüne das Stativ auf, neben einer Girlande, selbstverständlich. Es war kurz nach sechs und die Abendsonne warf ihr sattes Licht rings umher. Ich machte zehn oder zwölf Bilder und rauchte eine Zigarette. Ein Zeppelin mit dem Logo von Malik-Sägen tauchte auf und ich fotografierte auch ihn zwei oder drei mal. Er schwebte über dem Park auf der anderen Seite des Mains, kam aber langsam näher. Dann betrat der Bürgermeister das Rednerpodest, nahm ein Bad in der Sonne und begann seine wohlüberlegte Rede an die Menge: “Herzlich willkommen, Freunde des Villener Riesenrads! Ich freue mich an einem solch schönen Tag im Spätsommer so viele von Euch hier zu sehen. Jahr für Jahr ist es der Event, das Highlight im Terminkalender eines jeden Villeners – direkt nach Ostern, Weihnachten und der eigenen Wiederwahl…” (Lachen und Applaus) “…das Villener Riesenradfest! …” Ich stenographierte die wichtigsten und schönsten Sätze für meine Zitatensammlung und ließ ihn darüber hinaus fast eine viertel Stunde reden. Er genoss es, das sah man ihm an, die Vorfreude der Zuschauer bis hin zum Wahn zu strapazieren. Doch pünktlich um halb sieben betraten er und ein gewisser Blanco, der Ehrengast in diesem Jahr, das Villener Riesenrad. Sie drehten eine Runde, winkten dem Volke und begafften Himmel und Erde. Nach der Ehrenrunde entstiegen sie in ein anstürmendes Publikum, doch noch waren die letzten Meter bis zur Kasse gesperrt, und als Blanco und der Bürgermeister diesen Weg zurückspazierten, da kam mir ein Geräusch zu Ohren.
Ein seltsames Geräusch.
Als würde sich eine Vespa nähern.
Doch es kam nicht von der Strasse.
Es kam… von oben!
Ich blickte zum Zeppelin auf, und da sah ich Burnee Malik aus dem Kabinenfenster gelehnt. Er grinste und lies eine laufende Kettensäge fallen. Daher das Geräusch, brrrrrrrrrruuuum-m-m-m-brrrrrrrrr, und es näherte sich Blanco und dem Bürgermeister. Wie in Zeitlupe drehte sich die Säge in der Luft, das Blatt, um welches sich die Kette drehte, schimmerte metallen in der Sonne, und die Kette selbst floss wie Queckgold um das Sägeblatt. Sie erreichte bald das Riesenrad, fiel kaum drei oder vier Meter in schöner Kongruenz vor ihm herab, drehte sich ein letztes Mal und zerschellte. Paff! Schock! Die Zuschauer erhoben sich, ängstliches Gemurmel kippte die Stimmung und die Prominenz wurde sofort von Polizei und Sicherheit umringt. Sie dachten, der Angriff wäre von der Seite gekommen, dabei kam er doch von oben! Eine zweite Säge kam geflogen, ein zweites Mal drohendes brrrrrrrrrruuuum-m-m-m-brrrrrrrrr, dann Kraaaa-Watsch! Die Säge landete in der Tribüne und erstarb samt ihrem Opfer in einer kurzen aber meterhohen Blutfontäne. Schon wieder brummte es, die Buben wollten uns hier unten bombardieren!
Panik keimte auf, so wie eine Granate aufkeimt, und alle paar Sekunden krachte es ganz fürchterlich! Die Menschen flohen in alle Richtungen, die Tribüne war ein verstopftes Chaos, in das wie schwerer Regen Kettensägen tropften, über all Geschrei und Gezeter, nur die Sonne machte gute Miene zum fiesen Spiel. Ich eilte die letzten Sitzreihen hinauf und blickte über das Geländer, doch was ich sah ließ mich erschauern: Der Boden war ein Parkplatz und gut acht Meter entfernt. Ein Häuflein Menschen mit gebrochenen Beinen lag stöhnend in der Tiefe und schrie “Neeeeeiiin!” wenn jemand sie als Fallkissen benutzen wollte. Mal krachte es, wenn einer sprang, das war der Asphalt, mal klatschte es und schrie: “Ich hab doch ‘Nein!’ gesagt, Idiot!” Springen kam für mich also nicht in Frage. Ich hielt mich an der Rehling fest und die Tribüne wankte wie ein Schiff im Sturm. Klong, Pflatsch, brrrrrrrrrr, die Geräuschkulisse klang nach einer Sinfonie des Todes. Halb krepierte Kettensägen steckten in Metall und Fleisch und tuckerten ihr Liedchen. Ein Knie flog durch die Luft, ich fragte mich, wie das nur möglich sei, da kam das zweite Knie geflogen. ‘Fotos! Fotos!’ drängte mein Reporterblut. Ich machte Bilder von der Massenpanik, von einzelnen Verwundeten und Körperteilen, von fallenden Kettensägen, vom Zeppelin und von den irren Gesichtern der Malik-Brüder.
Bevor die letzten Unverletzten fliehen konnten endete die Katastrophe scheinbar unspektakulär. Den Maliks gingen die Kettensägen aus und plötzlich fielen nur noch Flüche und Beschimpfungen vom Himmel. Die Polizisten feuerten nun ohne Furcht, sie traten forsch unter den Zeppelin und schossen eines seiner Triebwerke entzwei. Der Propeller bog sich unter lautem Gekreisch in seine Halterung, dem Metall schien es nicht wirklich zu gefallen, dann zerbarst das Ding und Funken stoben wie ein Showeffekt über das Riesenrad. Die Aufschrift Malik-Sägen GmbH trudelte der Mainaue entgegen – mit ihr der gesamte Zeppelin – und stürzte zur Feier des Tages um exakt 19:04 Uhr rücklings hinter dem Riesenrad ins Feld.
Das Villen-Tagblatt schrieb:

‘Schock! Wut! Trauer!
Katastrophe in Villen… oh mein Gott! …’

Und ich im Ökkenheimer Telegraf:

“Ich war mal wieder unterwegs, mit Sack und Pack und Fotoapparat, sowie dem Auftrag ein paar schöne Worte über das berühmte Villener Riesenradfest zu finden. Ich bin bei einer kleinen Zeitung tätig, dem Ökkenheimer Telegraf. Das mag für Dich, geneigter Leser, öde oder spröde klingen, vielleicht gar etwas traurig bis bemitleidenswert, doch kann ich Dich beruhigen. Oft genug hat mir das Schicksal Abwechslung im Übermaß geboten, ich hab genug davon. Dann lieber das Villener Riesenradfest.
Villen liegt im schönen Unterfranken, dort, wo Wein und Bier in Quantität vorhanden sind. Das Bier ist von der regionalen Brauerei. Getrunken wird es trotzdem, ich würd’s mir lieber spritzen, doch dann – so der Wirt – verliert es seine Wirkung. Da empfiehlt er mir einen ‘guten’ Frankenwein. Der ist trocken, was ihn genießbar macht. Doch die meisten Reben wurden aus Siebenbürgen verschleppt, und da sie ihre Heimat lieben und sich ungern nur verschleppen lassen, sind die Reben von Geburt an sauer, denn im schönen Unterfranken taugt ihnen weder das Wetter, noch die Landschaft. Und saure Reben produzieren sauren Silvaner. Man sollte ihn ein paar Jährchen Kellerlagern, so dass er sich beruhigt, dann schmeckt er nicht mehr ganz so schlimm. Ein alter Winzer hat mir gar erzählt, man höre manche Nacht die sauren Reben bei Gulasch und Graubrot in den Hügeln hocken und in ihrer bäuerlichen Sprache fluchen und schimpfen, “…des glingd dann, wie wenner Hüchl flüsderd, so ‘Schsssschsssschsss’! Is ganz unheimlich dann, weil’s ja der ganze Hüchl is.” Das glaubte ich sofort! “Und da haddema Enner sein Messer am Abnd liechn gelassn, des hädder aber ned machn solln, weil die Reben hams gefunne und am nächsdn Morgn den ersdn Spaziergänger so abgstochn wie a Sau! Wen willsdn dafür jetz verknackn, hä?” Aber genug davon.
Das Riesenrad beherrschte Villen wie ein lustiger Tyrann. In der Regel wurde es im August am Marktplatz aufgestellt, flankiert von Losbuden (“Gewinnen Sie eine Fahrt im Villener Riesenrad!”) und Futterständen (Pizza ‘Riesenrad’, Riesenrad aus Marzipan, T-Bone Steak vom Riesen-Rundgrill, et cetera). Heute Abend sollte die Eröffnung sein. Um 18:30 Uhr würden der Bürgermeister und ein Ehrengast die erste Gondel besteigen und die erste umjubelte Runde drehen. Dann, nach eben einer Runde, sollten sie die Gondel wieder verlassen und das Riesenrad feierlich der Öffentlichkeit preisgeben. Die Öffentlichkeit würde dann ihrerseits die Gondeln stürmen, von A wie ‘Araber vom Industriegebiet’ bis Z wie ‘Zuckerwatte fressender fetter kleiner Junge’. Runde für Runde ein “Aaaaah…” und “Oooooh…” begeisterter Villener, das große Leben in den Gondeln, hier ein Foto, dort ein Liebesspiel, daneben wird erbrochen, Kinder spucken aus den endlosen Weiten des Himmels herab und Inder und Japaner sitzen starr und grinsend wie ein Stall voll Honigkuchenpferde hundertzwanzig Meter über Unterfranken. Ja, geneigter Leser (und geneigt musst Du sein, wenn Du bis hier gekommen bist), das Riesenrad in Villen hat tatsächlich eine Höhe von hundertzwanzig Metern, und darauf ist es stolz.

Dramatischer Konflikt

Ich wusste es bis dahin nicht und könnte nur im Nachhinein erzählen, schrieb ich konsequent an meiner privaten Zeitachse entlang. Die Katastrophe geschah, dazu später, dann strichen die Wochen meiner und der polizeilichen Recherche ins Land, und dann kam einer dahinter. In dieser Reihenfolge würde der Bericht ein wenig Hölzern wirken, mit dem Zenit der ganzen Angelegenheit etwa in der Mitte. Deshalb möchte ich mich an die Objektive halten, den Blick des Orakels oder die dritte Person, und berichte nun von Vorgängen, die mir zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt sein konnten.
Villen ist eine Kreisstadt, der größte Ort im Umkreis von gut hundert Kilometern, der einzige mit einer Großraum-Diskothek, Bischofsstadt mit Marktrechten versehen und schon über tausend Jahre alt. Die Industrie beschränkt sich auf den Weinbau im großen Stil, des weiteren gibt es einen Familienbetrieb der Kettensägenproduktion und ein Wenig Gastronomie und Brauerei. Der alte Ortskern zieht Touristen an, ebenso der Wein, der Main und selbstverständlich auch das Villener Riesenradfest. Alles in Allem lässt sich Villen auf ein Klein- und Spiesbürgertum reduzieren, streng katholisch und verbohrt vor dem Herrn. Und wie es bei einem solchen Ort nun mal ist, als Ausgleich sozusagen, generiert auch Villen menschliche Kontrastpunkte.
Die Kettensägenproduktion heißt Malik-Sägen GmbH, die menschlichen Kontrastpunkte sind Frank und Burnee Malik, die jüngsten Söhne der zweiten Inhaber-Generation. Frank war an dem Tag der Katastrophe einundzwanzig Jahre alt und wiederholte nun das erste Lehrjahr im elterlichen Betrieb zum zweiten Mal. Er hatte zwei linke Hände, war eher ein Schöngeist als ein angehender Unternehmer, und bereitete seiner Familie mehr Ärger als Kettensägen. Dem Villen-Tagblatt brachte er dafür die lustigsten Meldungen ein:

‘Sohn der Unternehmer Malik nackt an Brunnen gebunden!
Villen. Gestern Morgen um sieben Uhr erwachte Frau Helga Wächter durch Rufe, die sie aus Richtung Kirchplatz vernahm. Frau Wächter rief umgehend die Polizei, die sich sofort an Ort und Stelle begab. Die Beamten erwartete am Brunnen vor der Alten Kirche ein kurioses Bild: Frank Malik, jüngster Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, war nackt an den steinernen Engel des Brunnens gebunden und rief, die Beamten ignorierend, den Erzengel Gabriel lautstark um Hilfe. Nach Polizeiangaben konnte Frank Malik die Einnahme synthetischer Drogen nachgewiesen werden. Er wurde vorübergehend in Gewahrsam genommen.’

‘Malik-Sohn schon wieder auffällig!
München. Diese Woche Dienstag enterte Frank Malik, jüngster Sohn der Inhaber von Malik-Sägen GmbH, bei einer Lesung der Inhaberin des gONZo-Verlages, Miriam Spies, im Münchner Unterhaus die Bühne. Es kam zu tumultartigen Szenen auf der Lesebühne, in welche sowohl die Verlagschefin, als auch ein Gastleser miteinbezogen wurden. Die Veranstaltung konnte nach einer kurzen Unterbrechung und Polizeieinsatz wie geplant fortgesetzt werden.’

‘Schwerer Unfall im Kettensägen-Werk!
Villen. In der Nacht von Sonntag zu Montag kam es im Werk der Malik-Sägen GmbH zu einem bedauerlichem Zwischenfall. Frank Malik, Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, versuchte nach Angaben der Polizei eine fertige Kette auf eine Säge zu montieren. Er habe sich dabei “…recht unglücklich verhalten,” so ein Polizeisprecher. Die Säge sprang an, bevor die Kette richtig befestigt war. Olic Asimov, einen Zeitarbeiter, traf die Kette tödlich. Frank Malik wurde vorübergehend aus der Produktion entfernt. “Der Junge sollte nicht mehr mit Maschinen arbeiten,” sagte uns ein Mitarbeiter des renommierten Villener Betriebes. “Was soll man tun, er hat nun mal zwei linke Hände.”‘

Burnee Malik hat hingegen zwei linke Gehirnhälften, behaupte ich. Handwerklich nähert er sich langsam dem Genie, selbst in der Anstalt, doch er ist dumm wie die Nacht im Krieg. Zur Zeit der Katastrophe war er vierundzwanzig Jahre alt, und wäre sein Bruder Frank ein taffer Unternehmertyp gewesen, so hätten sich die Eltern glücklich schätzen können. Doch Frank war überflüssig, und der Werkstatt-Salieri Burnee, eigentlich Bernd, hatte schon Probleme mit dem Drei-Mal-Eins, an Steuererklärung war da nicht zu denken. Überhaupt war sein Horizont beschränkt, so hielt er Schaschlik für einen ehemaligen Außenminister und Theater für ein Kraut.
Seine Liebe waren die Kettensägen. Er montierte zwei auf einmal, und brauchte dafür weniger als fünf Minuten. Er ölte sie, er schliff die Ketten, putzte den Motor und schweißte ihn zusammen, addierte die Glieder zu einer Kette und die Nietenpistole lag ihm in der Hand … oh Mann! Mit der Säge trat er gar im Fernsehen auf, er zersägte dicke Bäume um die Wette. Seine Schlagzeilen im Tagblatt ehrten seine Eltern:

Villen ist Europameister!
Portsmouth. Bernd Malik, Sohn der Inhaber der Malik-Sägen GmbH, gewinnt die Europameisterschaft im Baumstammsägen. Bei dieser sportlichen Disziplin gilt es, mit einer Kettensäge ein Stück Baumstamm von vorgegebenem Durchmesser in eine bestimmte Anzahl Scheiben zu schneiden. Dies geht gegen die Uhr. Frank Malik, laut seinen Kollegen im elterlichen Betrieb ein Virtuose im Umgang mit der Kettensäge, unterbot die momentane Bestzeit um ordentliche 5,4 Sekunden und steht damit nun unangefochten an der europäischen Spitze. In einem Interview der englischen Sportpresse verriet Bernd Malik: “Jetzt greife ich den Weltmeister an!”

Nun hatten beide Brüder einen innigen Hass auf das schöne Villen. Sie verachteten das Flair des Ortes zutiefst. Die ordentlichen Häuser auf den ordentlichen Gärten hinter den Zäunen machten sie rasend, sahen sie einen Gartenzwerg, in Villen keine Seltenheit, brodelten sie an den Rande eines Wutausbruchs, sie verachteten Vereine, Clubs und Golfturniere, und – allem voran – hassten sie das Villener Riesenradfest. Dieser Hass einte sie.

Die Katastrophe

Die ersten großen Fußballturniere mit Public Viewing waren ins Land gezogen und kleine Stahltribünen erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit. Auch zum 64. Villener Riesenradfest, wir schreiben das Jahr 2008, war eine kleine Stahltribüne aufgebaut. Ich saß in der dritten Reihe von oben und hatte eine fotogene Aussicht. Sowohl das Riesenrad, wie auch das Kartenhäuschen und die Rednerbühne für die feierliche Eröffnung standen mir in einem angenehmen Winkel gegenüber. Es waren hauptsächlich Familien unterwegs, umher schlawinernde Kinder tollten miteinander oder mit den Hunden oder Zuckerwatte. Die kleinen Buden boten Crepes und Schoppen an, das Riesenrad stand wuchtig und antik dahinter. Einhundert und Zwanzig Meter, ein mordes3 Gerät! Aus meiner erhöhten Sicht konnte ich durch seine Speichen die Mainaue und den Fluss selbst erkennen. ‘Das Bild wird gedruckt, keine Frage,’ dachte ich und baute auf der Stahltribüne das Stativ auf, neben einer Girlande, selbstverständlich. Es war kurz nach sechs und die Abendsonne warf ihr sattes Licht rings umher. Ich machte zehn oder zwölf Bilder und rauchte eine Zigarette. Ein Zeppelin mit dem Logo von Malik-Sägen tauchte auf und ich fotografierte auch ihn zwei oder drei mal. Er schwebte über dem Park auf der anderen Seite des Mains, kam aber langsam näher. Dann betrat der Bürgermeister das Rednerpodest, nahm ein Bad in der Sonne und begann seine wohlüberlegte Rede an die Menge: “Herzlich willkommen, Freunde des Villener Riesenrads! Ich freue mich an einem solch schönen Tag im Spätsommer so viele von Euch hier zu sehen. Jahr für Jahr ist es der Event, das Highlight im Terminkalender eines jeden Villeners – direkt nach Ostern, Weihnachten und der eigenen Wiederwahl…” (Lachen und Applaus) “…das Villener Riesenradfest! …” Ich stenographierte die wichtigsten und schönsten Sätze für meine Zitatensammlung und ließ ihn darüber hinaus fast eine viertel Stunde reden. Er genoss es, das sah man ihm an, die Vorfreude der Zuschauer bis hin zum Wahn zu strapazieren. Doch pünktlich um halb sieben betraten er und ein gewisser Blanco, der Ehrengast in diesem Jahr, das Villener Riesenrad. Sie drehten eine Runde, winkten dem Volke und begafften Himmel und Erde. Nach der Ehrenrunde entstiegen sie in ein anstürmendes Publikum, doch noch waren die letzten Meter bis zur Kasse gesperrt, und als Blanco und der Bürgermeister diesen Weg zurückspazierten, da kam mir ein Geräusch zu Ohren.
Ein seltsames Geräusch.
Als würde sich eine Vespa nähern.
Doch es kam nicht von der Strasse.
Es kam… von oben!
Ich blickte zum Zeppelin auf, und da sah ich Burnee Malik aus dem Kabinenfenster gelehnt. Er grinste und lies eine laufende Kettensäge fallen. Daher das Geräusch, brrrrrrrrrruuuum-m-m-m-brrrrrrrrr, und es näherte sich Blanco und dem Bürgermeister. Wie in Zeitlupe drehte sich die Säge in der Luft, das Blatt, um welches sich die Kette drehte, schimmerte metallen in der Sonne, und die Kette selbst floss wie Queckgold um das Sägeblatt. Sie erreichte bald das Riesenrad, fiel kaum drei oder vier Meter in schöner Kongruenz vor ihm herab, drehte sich ein letztes Mal und zerschellte. Paff! Schock! Die Zuschauer erhoben sich, ängstliches Gemurmel kippte die Stimmung und die Prominenz wurde sofort von Polizei und Sicherheit umringt. Sie dachten, der Angriff wäre von der Seite gekommen, dabei kam er doch von oben! Eine zweite Säge kam geflogen, ein zweites Mal drohendes brrrrrrrrrruuuum-m-m-m-brrrrrrrrr, dann Kraaaa-Watsch! Die Säge landete in der Tribüne und erstarb samt ihrem Opfer in einer kurzen aber meterhohen Blutfontäne. Schon wieder brummte es, die Buben wollten uns hier unten bombardieren!
Panik keimte auf, so wie eine Granate aufkeimt, und alle paar Sekunden krachte es ganz fürchterlich! Die Menschen flohen in alle Richtungen, die Tribüne war ein verstopftes Chaos, in das wie schwerer Regen Kettensägen tropften, über all Geschrei und Gezeter, nur die Sonne machte gute Miene zum fiesen Spiel. Ich eilte die letzten Sitzreihen hinauf und blickte über das Geländer, doch was ich sah ließ mich erschauern: Der Boden war ein Parkplatz und gut acht Meter entfernt. Ein Häuflein Menschen mit gebrochenen Beinen lag stöhnend in der Tiefe und schrie “Neeeeeiiin!” wenn jemand sie als Fallkissen benutzen wollte. Mal krachte es, wenn einer sprang, das war der Asphalt, mal klatschte es und schrie: “Ich hab doch ‘Nein!’ gesagt, Idiot!” Springen kam für mich also nicht in Frage. Ich hielt mich an der Rehling fest und die Tribüne wankte wie ein Schiff im Sturm. Klong, Pflatsch, brrrrrrrrrr, die Geräuschkulisse klang nach einer Sinfonie des Todes. Halb krepierte Kettensägen steckten in Metall und Fleisch und tuckerten ihr Liedchen. Ein Knie flog durch die Luft, ich fragte mich, wie das nur möglich sei, da kam das zweite Knie geflogen. ‘Fotos! Fotos!’ drängte mein Reporterblut. Ich machte Bilder von der Massenpanik, von einzelnen Verwundeten und Körperteilen, von fallenden Kettensägen, vom Zeppelin und von den irren Gesichtern der Malik-Brüder.
Bevor die letzten Unverletzten fliehen konnten endete die Katastrophe scheinbar unspektakulär. Den Maliks gingen die Kettensägen aus und plötzlich fielen nur noch Flüche und Beschimpfungen vom Himmel. Die Polizisten feuerten nun ohne Furcht, sie traten forsch unter den Zeppelin und schossen eines seiner Triebwerke entzwei. Der Propeller bog sich unter lautem Gekreisch in seine Halterung, dem Metall schien es nicht wirklich zu gefallen, dann zerbarst das Ding und Funken stoben wie ein Showeffekt über das Riesenrad. Die Aufschrift Malik-Sägen GmbH trudelte der Mainaue entgegen – mit ihr der gesamte Zeppelin – und stürzte zur Feier des Tages um exakt 19:04 Uhr rücklings hinter dem Riesenrad ins Feld.
Das Villen-Tagblatt schrieb:

‘Schock! Wut! Trauer!
Katastrophe in Villen… oh mein Gott! …’

Und ich im Ökkenheimer Telegraf:

‘Ich war mal wieder unterwegs, mit Sack und Pack und Fotoapparat, sowie dem Auftrag ein paar schöne Worte über das berühmte Villener Riesenradfest zu finden. Ich bin bei einer kleinen Zeitung tätig, dem Ökkenheimer Telegraf…’”‘

 


(Die beiden möchten gerne mit dem Villener Riesenrad fahren)

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Fallschirmjäger falten Putin zusammen

Es ist mal wieder eine Meldung über Proteste in Russland, natürlich gegen das Machtfigürlein-Wechsel-Dich zwischen Putin und seinem… wie heißt er noch gleich… marionettenhaften ‘Kollegen’. Doch in diesem Fall ist es nicht die unzufriedene Mittelschicht, die sich trotz Eiseskälte auf die Straßen wagt und Transparente schwingt, es ist der Protestsong einer Gruppe Fallschirmjäger, deren Einheiten neben ihrer besonderen Härte auche – normalerweise – für eine gewisse Regimetreue stehen. Und hier könnte sich tatsächlich eine Eigendynamik entfalten, mit der bisher niemand gerechnet hat, vor allem der starke Mann Putin nicht. Denn wenn Mitglieder einer Einheit, deren Ansehen in militärischen Kreisen sehr hoch ist, den Ministerpräsidenten/Präsidenten verbal mal ordentlich verkloppen… da reibt sich manch einfacher Soldat und manch Offizier verwundert die vom Kraft-Geschwafel ihres obersten Herrn verklebten Äuglein und beginnt – vielleicht – mal drüber nach zu denken.

Allen, die Russisch sprechen, sei hier viel Spass ob des sehr direkten und teils derben Textes gewünscht. Alle anderen genießen Bilder und Musik:

На здоровье!

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Sonntags-Hähnchen

…mit Knoblauch, Lauch, Honig, Paprika, Ingwer, Zwiebel und – in die Kloake versenkt – Mandarine und Thymian.

Das ganze bei vollem kulinarischen Bewusstsein ohne Salz und Pfeffer, einzig das Lorbeerblatt hat noch gefehlt. Dem Ministerium für Innere Schönheit hat es wahrlichst gemundet!

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