Positive und Negative Vernunft


Das hier in Artikelform gegossene Zusatzkapitel aus meinem Handout – Eine Rede halten behandelt die schwierige Frage nach dem schmalen Grat zwischen positivem Denken, euphemistischer Verdrängung und der unnötigem Trübsal in Front einer größeren Schwierigkeit. Doch manchmal hat eine schwierige Frage eine einfache Antwort…

Ich möchte noch einmal kurz an das Kapitel 2.8 Charakter und Respekt erinnern, in dem ich dargelegt habe, dass in (ausnahmslos!) jeder Bühnensituation ein in der Breite wie in der Tiefe geschulter Charakter zu vielfachem Vorteil genutzt werden kann. Nun sind die beiden Begriffe, die ich hier einführen möchte (Positive Vernunft, Negative Vernunft) sehr eng mit dem Charakter verknüpft: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Nähern wir uns dieser Frage des Charakters zuerst von der negativen Sichtweise.

Negative Vernunft

Als Redner möchten Sie etwas erreichen: Sie möchten Ihr Publikum von Ihrer Meinung, Ihrem Thema usw. überzeugen, Sie möchten sich selbst oder jemand oder etwas Anderes in ein gutes (vielleicht auch schlechtes) Licht rücken – Sie möchten also wirken. Wichtig für die Wirkungstiefe, letztlich die Überzeugungskraft Ihres Auftretens, ist selbstverständlich die Motivation, mit der Sie an die Sache herangehen – sie steuert Ihre Bereitschaft zur Leistung. Die Motivation wiederum ist (neben weiteren, meist äußeren Faktoren) abhängig von der Fähigkeit zur Selbstmotivation. Die Frage, die Sie sich hierbei stellen sollten, ist ganz einfach: „Bin ich auf die Probleme fixiert, oder auf mögliche (und meinetwegen auch unmögliche) Lösungswege?“ Also: Ist Ihr Glas immer halb voll oder halb leer? Oder – dazu kommen wir später noch: Ist Ihr halb leeres Glas eine nie versiegende Quelle?

Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Sie halten Ihre allererste öffentliche Rede. Der Saal ist voll, das Publikum ist Ihnen persönlich nicht bekannt. Sie sind also ein unerfahrener Neuling unter widrigen Umständen. Ist es da nicht vernünftig zu sagen: „Das schaff ich nicht, das geht schief! Ich werde das Publikum nicht überzeugen können!“ Ich sage Ihnen ganz klar, dieser Gedankengang ist vernünftig! Er ist vernünftig, destruktiv, schadet Ihrer Motivation (damit Ihrem Vortrag) und wird im schlimmsten Fall zur selbsterfüllenden Prophezeiung voller Verhaspeleien, Blackouts und Nervenzusammenbrüchen live on stage. Begrüßen wir an dieser Stelle die Negative Vernunft! (Doch bitte, wenden Sie sich auch schleunigst wieder ab von ihr…)

Positive Vernunft

In unserem Beispiel wollen wir noch davon ausgehen, dass Ihr Publikum die Situation grundsätzlich einschätzen kann – also dass Sie nicht vorher so getan haben, als wären Sie ein Medienprofi. Vielleicht sind Sie aufgrund Ihrer Expertise zu einer Debatte vor Publikum geladen und sollen Publikum und Podium zu Beginn mit Ihrem Vortrag über die Sachlage in Kenntnis setzen. Denken Sie negativ, so wird es wahrscheinlich übel enden.

Es gibt aber eine andere Richtung, in die Sie Ihr mentales Segelschiff lenken können. Denken Sie also folgendermaßen: „Oh weh, da muss ich jetzt durch. Aber wenn, dann nutze ich das, dann lerne ich dabei und werde die Fehler, die ich heute mache, beim nächsten Mal schon überwunden haben! Mal sehen, was ich schon kann, ich bin ja vom Thema überzeugt, das wird das Publikum schon merken! Außerdem bin ich viel zu gut vorbereitet, wahrscheinlich ein Anfängerfehler, aber schaden kann’s ja nicht. Zumal… das ist mein erster Auftritt überhaupt, das soll das Publikum erfahren (ich erwähne es) und gefälligst respektieren!“

Sie haben somit aus dem einen Nachteil mehrere taktische und technische Vorteile gezogen. Das Wissen über Ihren Erfahrungsmangel hat Ihre Vorbereitung auf eine breitere Basis gestellt – ein positiver, aber eben auch Vernünftiger Umgang mit der drohenden Situation. Ebenso haben Sie durch eine metakommunikative Ebene („…das ist mein erster Auftritt überhaupt, das soll das Publikum erfahren…“) beim Publikum eine erhöhte Fehleraxzeptanz und eine persönliche Bindung erzeugt. Jedoch – und das ist sehr wichtig! – ohne die Gefahren Ihres Auftritts zu verleugnen. Heißen wir sie also willkommen und lassen uns von ihr bei den zarten Händchen nehmen: die Positive Vernunft!

Abgrenzung zum positiven Denken

Positive Vernunft (die ich Ihnen leidenschaftlich ans Herzen legen möchte) ist mit dem bekannten Positiven Denken eng verwandt – beides ist positiv. Die Unterscheidung findet sich im Fokus der Betrachtung, denn der liegt auf der Vernunft, positiv und negativ geben dabei „nur“ die Richtung vor. Die mögliche Gefahr, dass ein Angriff der Marsianer Ihre Rede stört, ist zwar negativ gedacht, jedoch keineswegs mehr mit der Vernunft zu vereinbaren. Und diese Gefahr – natürlich um 180° gedreht – gibt es auch beim Positiven Denken: Die Schwierigkeiten einer Sache oder Situation auszublenden, es sozusagen zwanghaft positiv zu sehen: „Donald Trump ist im Herzen sicher gut – gebt ihm alle Macht der Welt!“

In unserer Betrachtung zählt jedoch die Vernunft – wo aus vernünftigen Gesichtspunkten heraus nichts Positives zu finden ist, da lügt man sich auch keinen Quatschkram in die Hirnrinde. Dem Positiven Denken muss man nur das Wörtchen „zwanghaft“ voran setzen – und schon haben wir ein Zwanghaft Positives Denken. Versuchen Sie diesen miesen Trick mit der Positiven Vernunft, dann führt sich der entstehende Begriff selbst ad absurdum: Zwanghaft Positive Vernunft – ein Ding der Unmöglichkeit, denn der Zwanghaftigkeit liegt immer eine Tendenz zur Unvernunft bei.

Ein vernünftiges „aber“: Positive und Negative Vernunft entscheiden keineswegs ausschließlich über Erfolg und Misserfolg – wir sollten Fachwissen, Reputation, Vitamin-B, Akribie, Gesamtsituation, Unterstützung, Zufall usw. nicht vergessen. Doch eines ist sie, und das permanent, denn Ihre Entscheidung für Positive bzw. Negative Vernunft ist keine situative sondern eine (trainierbare) Charakterfrage. Und damit die Richtung Ihrer Motivation (bzw. Demotivation), also Tag für Tag und Auftritt für Auftritt das Zünglein an der Waage.

Schließen will ich mit der minimalen, jedoch entscheidenden Umdichtung eines alten Klassikers: „Always look with a bright mind on life…“

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