Magisches Denken


In unserer über-rationalisierten Welt haben wir ein ungesundes Verhältnis zum sogenannten Magischen Denken entwickelt. Obwohl wir alle magisch Denken – selbst an der Börse, die der okkulten Zahlenmagie erstaunlich nahe steht.

In der Psychologie – mutmaßlich aus der analytischen Psychologie hervorgegangen – meint das Magische Denken eine Erscheinung, die fälschlicherweise nur dem Kindlichen zugeschrieben wird: Gedanken oder Ausdrucksformen haben einen Einfluss auf Dinge, die in keiner Weise in Zusammenhang stehen können. Was ist damit gemeint? Zum Beispiel die Vorstellung eines Fußballers, durch das Berühren des Rasens mit der Hand (bei seiner Einwechslung) das Spielglück günstig stimmen zu können.

Schon sehen wir, dass die Unterscheidung zwischen kindlich (magisch) und erwachsen (rational) nicht besonders sinnvoll ist – jeder erwachsene (!) Mensch kennt dieses höchst unlogische, ritualhafte Verhalten bei sich und anderen. Daran ist nichts explizit kindliches, auch wenn sich Kinder deutlich mehr Freiheiten in diese Richtung des Denkens nehmen. Das Problem liegt eher bei der altbackenen Definition des Erwachsenseins, wie sie auch tief in der DNA der Psychoanalyse zu finden ist: Logisch, rational, nicht offen assoziativ.

Rituale und ihre Wirkung

Zurück zu den Zahlen. Die Börse ist eine Welt der Zahlen und der Analysten, hier sollte nun wirklich die rationale Berechenbarkeit das Parkett bestimmen, nicht irgendwelche ritualhaften Handlungen. Und doch zeigt uns ein bekanntes Experiment folgendes: Affen mit Dartpfeilen können erfolgreichere Portfolios anlegen, als die besten Analysten mit all ihrem Wissen, ihren Berechnungen und ihren computergestützten Analysetools. Die Zahlen der Börse als ein Ausdruck erwachsener Logik? Mitnichten – wir fühlen uns schamhaft an Orakelkrake Paul erinnert.


Die Börse und deren Spekulation sind sehr gut mit der libidinös getriebenen okkulten Ritualmagie zu vergleichen. Der Aufwand gibt kaum messbare Ergebnisse her, trotzdem ist er immens. Viele Handlungen – nicht nur von Einzelpersonen, auch von ganzen Firmengeflechten – sind im Kern Rituale, wie sie auch ein Kind beim Spielen durchführen würde. Das Denken ist magisch: „Tue ich dies, dann geschieht jenes!“ Obwohl der Affe mit den Dartpfeilen erfolgreicher ist, darf das Ritual nicht gebrochen werden – ein Infragestellen des Konzepts ist Blasphemie.

Ein weiteres Ritual, das uns als solches kaum bewusst ist, liegt im morgendlichen Kaffee. Wir alle haben schon von Menschen gehört, die sich am Morgen qualhaft aus den Federn kämpfen, direkt nach dem ersten Schluck Kaffee aber putzmunter sind. Das ist allerdings nicht möglich, da das Koffein rund 30 Minuten braucht, bis es seine Wirkung entfaltet – der erste Schluck erzeugt also einen Placebo-Effekt, wie wir ihn von unzähligen ritualhaften Einnahmen wirkungsloser Substanzen kennen (Placebo, Homöopathie).

Vergleichbar ist die Placebowirkung mit einem Horrorfilm im Kino: Auf der Seite der Logik wissen wir, dass uns das Filmmonster nichts tun kann. Trotzdem zeigt unser Körper Angstreaktionen (Schweiß, Zittern, geweitete Pupillen), wie sie eigentlich nur dann zu erwarten wären, wenn uns ein reales Monster physisch attackiert. Hier jedoch liegt der günstige Vergleich: Das Monster auf der Leinwand läuft an uns vorüber, es ist letztlich nur der Hinweis auf ein Monster, nicht aber das Monster selbst. Beim Placebo wie auch bei der Homöopathie ist gut erforscht, dass ebenfalls keine körperliche Wirkung existiert – das anstoßen des Gedankens (wie beim Monster) erzeugt aber eine messbare Körperreaktion. Selbiges beim morgendlichen Kaffee-Ritual, wenn der erste Schluck die Müdigkeit verjagt, obwohl die biologische Wirkung deutlich später einsetzt.

Vernunft ist nicht Logik

Logik ist ein rationales Konstrukt. Wenn dies, dann jenes. Logik ist argumentativ und nicht assoziativ. Die Unterscheidung ist: Argumente folgen logisch/rational nachvollziehbaren Gedankenketten. Das heißt, egal wer diesen Ketten folgt, das Ergebnis bleibt das gleiche. Um es mit einem einfachen Beispiel verständlich zu machen: Wenn ich einem Schiff mit 2200 Passagieren und 900 Besatzungsmitgliedern Rettungsboote für 1178 Menschen zur Verfügung stelle, dann haben 1922 Personen im Falle des Sinkens ein Problem. Egal, wer diese Rechnung ausführt. Das ist Logik, ein rationales Konstrukt.

Die Vernunft beschreibt der Duden folgendermaßen: „Geistiges Vermögen des Menschen, Einsichten zu gewinnen, Zusammenhänge zu erkennen, etwas zu überschauen, sich ein Urteil zu bilden und sich in seinem Handeln danach zu richten.“ Dieses Überschauen kann sehr unlogisch vonstatten gehen, geradezu traumhaft-mystisch, wie uns die Geschichte des Benzolrings zeigt: Der Chemiker August Kekulé forschte im 19. Jahrhundert an der damals kniffligen Frage, welche Struktur das Benzol-Molekül wohl haben sollte. Kekulé döste grübelnd über dem nächtlichen Kaminfeuer und träumte vom Ouroboros, einer mystischen Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt und somit die Form eines Rings darstellt. Kekulé erkannte die Botschaft aus dem Unbewussten – die ringförmige Struktur des Benzols war gefunden.

War der Rückschluss vom Traumbild auf das Molekül nun logisch? Mit Sicherheit nicht. Trotzdem war es vernünftig, dieser Eingebung zu folgen, mit der Kekulé letztlich auch recht behalten sollte. Hier nutzte sein Geist die Assoziation – zwei sich ähnelnde Dinge in einen Zusammenhang bringen – um die Zusammenhänge zu erkennen (Duden) und sich ein Urteil zu bilden (Duden). Mit der zwanghaften Enge rein analytischer Logik (die als Werkzeug nicht zu verdammen ist) hätte er noch lange und wohl sehr erfolglos nach der Lösung dieses naturwissenschaftlichen Problems gesucht.

Der Schaden und der Nutzen

Magisches Denken ist assoziativ. Wie schädlich fehlgeleitete Assoziationen sein können, das sehen wir nicht zuletzt an den radikalen Querdenkern, die behaupten, Bill Gates hätte die Covid-19-Pandemie in die Welt gebracht. Ja, Bill Gates ist schon seit langem ein glühender Verfechter des Impfens. Ja, die Pandemie lässt sich nur durch Impfungen lösen. Die unsichtbare Brücke zwischen Gates und Corona bleibt assoziativ, denn faktisch gibt es für jene Behauptung keinerlei Beweise (für die fehlenden 1922 Rettungsplätze auf der Titanic hingegen schon). Hier sehen wir die Schädlichkeit von Assoziationen.

Die Judenverfolgung im Dritten Reich, die Hexenprozesse des Mittelalters, aber auch jeder Lebenstraum, dem jemand folgt, ist von Magischem Denken getrieben. Die Logik und die Rationalität mögen beim Lebenstraum als Leitplanken fungieren, damit der Traum nicht vom Weg abkommt, der Antrieb selbst bleibt aber im Grunde magisch. Denn wo ist die klare Verbindung zwischen dem 12-jährigen Ich, das gerne Raumfahrer werden will, und Alexander Gerst, der Raumfahrer geworden ist? Hohe Ziele sind bei rationaler Betrachtung kaum zu erreichen. Trotzdem ist ihr Sog viel größer, als der eines Ziels wie: „Wenn ich groß bin will ich eine Stelle im mittleren Management haben.“


Zwischen dem Traumwirbel des Ouroboros und der Ringstruktur des Benzols gibt es ebenfalls keinen direkten Zusammenhang. Auch hier wurde das eine mit dem anderen assoziiert, weil es… irgendwie passt. Es hat sich richtig angefühlt und dieses Gefühl war für August Kekulé der Antrieb zur Tat – hier zur Vertiefung seiner Berechnungen in Richtung Ringstruktur. Diese magische Assoziation zwischen Ouroboros und Molekül hat uns eine wissenschaftliche Erkenntnis beschert, sie war also sehr nützlich und nicht fehlgeleitet.

Fazit

Besonders schädlich ist der Glaube (!), dass der Mensch ein rationales Wesen sei, dessen Leben auf dem Fundament der Logik steht. Diese Verdrängung des Magischen Denkens, das tief in der Seinsstruktur des Homo sapiens steckt, führt zu den abartigsten Blüten. Die Börse und ihre pseudo-logische Rücksichtslosigkeit ist eine davon. Der Glaube (!), wir müssten Jahr für Jahr knapp 2 Billionen Dollar für Militär ausgeben, ist ein weiteres gruseliges Beispiel. Was ist heutzutage daran logisch oder rational, solche Summen in Kriegsgerät zu stecken, das wir gar nicht nutzen können, ohne den Planeten zu zerstören? Nichts – genauso wenig wie an der abstrusen Idee des Grünen Kapitalismus, der so viel Sinn macht wie ein menschenfreundlicher Krieg.

Wird das Magische Denken unterdrückt, so verliert es den Bezug zur Vernunft und pervertiert es zu einer teils weltbedrohenden Garstigkeit. Auch ganz persönlich führt ein solcher Mangel am Phantastischen zu einem ausgehöhlten Leben, wie es nur ein Friedrich Merz als erstrebenswert beschreiben kann. Doch hat dieser elementare Anteil unseres Selbst genügend Freigang, dann dient er einer persönlichen wie gesellschaftlichen Reife, die kaum zu unterschätzen ist. Kinder sind ja gerade dann besonders glücklich, wenn man sie in einem anregenden Umfeld frei und zwanglos spielen lässt. Und darin sind wir Erwachsenen ganz wie die Kinder – ob wir es verdrängen oder nicht.

Über dwm-coachings.de

http://dwm-coachings.de https://www.facebook.com/DWM-Coachings-209193643092462
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s