How (never) to: Über die Apokalypse informieren


Die Wissenschaft hat es nun wahrlich nicht leicht. Gerade in Filmen muss sie ständig drohende Apokalypsen erklären, seit Pandemie und Klimawandel vermehrt auch in der Realität. Manchmal geht das gut, manchmal geht das schief. Eine Kommunikations-Analyse.

Verglichen werden hier zwei fiktive Szenen, deren Setting sich verdächtig ähnlich ist: Ein Wissenschaftler macht in einer Fernsehsendung auf den Weltuntergang aufmerksam. Oder: Er versucht es.

Don’t Look Up

Die erste Szene stammt aus dem Netflix-Erfolg „Don’t Look Up“ (2021): Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio), seines Zeichens minder erfolgreicher Astronom, im Laufe der Geschichte aber zum Berater der trumpesken US-Präsidentin (Meryl Streep) aufgestiegen, sitzt in der Fernsehserie The Daily Rip, einem Unterhaltungsformat mit wechselnden Gästen – oberflächlich, aber offen für alles, was Einschaltquoten generiert. Währenddessen rast ein kilometergroßer Komet auf die Erde zu, der als sogenannter Planetenkiller mit einer nahezu hundertprozentigen Sicherheit die Menschheit ausrotten wird. Analog zum ungebremsten Klimawandel, dem wir in der zweiten Szene begegnen werden, nur ein bisschen schneller.

Nun scheint weder die amerikanische Regierung, für die Dr. Mindy als Experte tätig ist, noch die Weltbevölkerung an ihrem eigenen Untergang besonders interessiert zu sein. Dr. Mindy, getrieben von einem emotionalen Schub (beginnend mit Seitenstechen), ergreift spontan (!) das Wort. Sein Ziel ist es, der Welt die drohende Apokalypse vor Augen zu führen, in der Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch etwas lösungsorientierte Vernunft einstellen wird. Obwohl er – zumindest in der Handlung des Films – nichts Falsches sagt, geht sein Aufruf doch gehörig schief:


Der erste Fehler ist der, dass Dr. Mindy nicht planvoll auftritt, sondern aus einer plötzlichen Gefühlslage heraus agiert. So ehrlich sein Ansinnen sein mag, so sehr liegt dem Folgen dieses Impulses vor allem der Drang einer emotionalen Entladung zugrunde. Er will ein Gefühl loswerden, das sich ja auch ungebremst Bahn bricht. Ein absolutes No-Go, das in beinahe jeder Bühnensituation zum Scheitern verurteilt ist: Es geht nicht mehr um die Sache, es geht um das Gefühl, das durch die Sache ausgelöst wurde.

Doch damit nicht genug: Dr. Mindy springt in seinem Vortrag von Themenfeld zu Themenfeld. Beginnt er noch mit dem Kometen selbst – die kurze Einführung zur Nettigkeit seiner Gastgeber mal außen vor – wechselt er bald zu einer Abrechnung mit der Regierung, die er stichwortartig aufgenommen hat. Nun springt er weiter zu Grundsatzfragen des menschlichen Miteinanders und will letztlich nur noch nach Hause. Bei dem Kometen, um die es eigentlich geht, ist er die wenigste Zeit.

Da sich der emotionalisierende Astronom direkt ans Publikum wendet, diesem geradezu ins Gesicht schreit, wirkt die zwischenmenschliche Gefühlsübertragung besonders intensiv. Doch wer möchte sich schon fühlen, wie der arme, hoch erregte Dr. Mindy? Genau: Mit rollenden Augen wenden sich die Leute ab! Dass auf diesem Wege seine Botschaft nicht ankommt, sondern – ganz im Gegenteil – ein (inhaltlich korrekter!) Vortrag sogar die gesamte Wissenschaft diskreditiert, dürfte offensichtlich sein.

The Newsroom – Season 3, Episode 3

Kommen wir zu einer nahezu analogen Szene aus der Serie „The Newsroom“ (2012-14): Der Klimaforscher Dr. Richard Westbrook (Paul Lieberstein) ist zu Gast in einer Ausstrahlung des Senders ACN, Thema ist der steigende Gehalt an CO2 in der Atmosphäre, was Dr. Westbrook zu einer ähnlich apokalyptischen Kernaussage treibt: „Your house has already burned to the ground, the situation’s over.“


Der offensichtlichste Unterschied zu Dr. Mindy ist die ruhige Sachlichkeit, mit der Dr. Westbrook seine Aussagen vorträgt. Hierbei ist neben Stimmklang und Sprechweise auch der Unterschied in der Körperhaltung sehr aufschlussreich: Dr. Westbrook „erdet“ sich mit der flachen Hand am Tisch – so hält er seine Gefühle unter Kontrolle, die er definitiv hat, denn neben der von ihm beschriebenen Apokalypse, die ihm keineswegs egal ist, setzt er auch seine berufliche Stellung aufs Spiel („Who cares?“). Diese bekannte Methode der emotionalen Erdung beschreibt ein uns bekannter Sinnspruch sehr gut: „Sich an etwas festhalten/festklammern.

Ein weiterer Unterschied: Dr. Westbrook zeigt keine Emotionen, er löst Emotionen aus. Und das gelingt ihm durch anschauliche, auch für Laien verständliche Bilder, die in klaren und stabilen Pointierungen münden („Humans can’t breathe under water.“ / „Shutting of the car twenty years ago.“). Solcherlei rhetorische Wirkungstreffer lässt er stehen und – im Gegensatz zu Dr. Mindy – spart sich Dr. Westbrook weitere Ausführungen oder gar thematische Ausflüge, die der Wirkung des Gesagten nur schaden könnten.

Doch schon zu Beginn macht er etwas richtig, was Dr. Mindy vollkommen übersehen hat. Dr. Westbrook legitimiert seine Aussagen dadurch, dass er – ohne überheblich zu wirken – auf seine Expertise verweist. Ungefragt ergänzt er die Ausführungen des Moderators, was jedoch sachlich komplettierend wirkt und zur Ernsthaftigkeit seiner folgenden Erläuterungen passt. Er zeigt sein wissenschaftliches Renommee, zudem präsentiert er durch die nüchternen Ergänzungen zu seiner Person „live on stage“ seine sachliche Genauigkeit. So jemandem hört man zu. Und – darum geht es ja im Kern – man glaubt ihm.

Zudem sei erwähnt, dass Dr. Westbrook mit seinem Gesprächspartner spricht, nicht direkt zum Publikum. So gibt es keine Möglichkeit, sich als Zuschauer von seinen (durchaus harten) Aussagen persönlich angegangen zu fühlen – man bleibt passiver Teilhaber an einem Gespräch zweier Personen auf der Bühne. Die Wirkung eines solchen Verhaltens ist – im Gegensatz zu Dr. Mindy – sehr geschickt: Die Drastik in Dr. Westbrooks Behauptungen schreit geradezu nach einem Aufruf zum Handeln. Doch Dr. Westbrook bedient dieses Bedürfnis nicht – es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass sich der Drang nach lösungsorientertem Handeln in der Zuhörerschaft von selbst entlädt und er mit seinem Auftritt – die Dimension der Hoffnungslosigkeit mal außen vor – einen Impuls ausgelöst hat, der die Suche nach Lösungen verselbstständigen wird. Ideal wäre in diesem Zusammenhang beispielsweise folgender Abschlusssatz gewesen: „I still don’t see any way we can survive. But… there are more eyes in this world as mine.“

Fazit

Beide Szenen sind filmisch gut gemacht, sachlich fundiert und ausgezeichnet gespielt – trotzdem sind beide Szenen letztlich fiktiv. Trotzdem zeigen sie die Mechanismen von Kommunikation sehr anschaulich, sie sind ganz offensichtlich darauf ausgelegt. Die Vermutung, dass die Szene mit Dr. Mindy eine bewusste, überdrehte Adaption der (älteren) Szene mit Dr. Westbrook ist, bleibt allerdings eine ganz persönliche.

Grundlegend sei ergänzt: Wissenschaftskommunikation lebt zwar von ihrer Sachlichkeit, trotzdem macht sie nur dann einen Sinn, wenn die Botschaft auch beim Empfänger ankommt. Dr. Mindy ging durchaus ins Detail, sachlich war er korrekt, trotzdem hat er nichts erreicht. Dr. Westbrook hat Details zwar ebenfalls angerissen („The latest measurements taken at Mauna Loa in Hawaii indicate a CO2 level of 400 parts per million.“), seine Aussagen transportiert er aber über einfache und anschauliche Bilder und Vergleiche („The last time there was this much CO2 in the air, the oceans were 80 feet higher than they are now.“). Dass Vergleiche in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Bevölkerung ein besonders wirksames (und: der Wissenschaftlichkeit nicht entgegen stehendes) Mittel sind, zeigt uns nicht zuletzt ein gewisser Prof. Dr. Christian Heinrich Maria Drosten:


Schließen möchte ich mit einem Hinweis, der sich nur zum Teil aus den beiden Filmszenen ergibt, die ja – im Gegensatz zu nahezu jeglicher Realität – eine ausweglose Situation präsentieren: Es ist nicht nötig, manchmal ist es sogar kontraproduktiv, Dinge angenehm und bis zur Harmlosigkeit vorgekaut zu vermitteln. Die Menschen sind (in der Regel) nicht dumm und wollen (grundsätzlich) nicht für dumm verkauft werden. Erschreckende Nachrichten dürfen gut und gerne auch erschreckend wirken, doch gibt es einen feinen Unterschied zwischen erschreckend und verschreckend. Dieser Grat ist schmal, doch er ist gangbar.

Gibt es also Möglichkeiten, auf das Desaster einzuwirken, dann sollten diese Möglichkeiten der Zuhörerschaft auch zwingend überreicht werden – auch hier nicht unbedingt als vorgefertigtes Konzept, sondern viel mehr als motivierender Anstoß, sich mit der Sache zu beschäftigen. Denn selbst wenn die Lösung schwer zu finden ist, irgendwo da draußen gibt es sie.

Über Dominic Memmel

Eine gesunde Mischung aus Kommunikation & Menschenkenntnis
Dieser Beitrag wurde unter kommunikation, Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu How (never) to: Über die Apokalypse informieren

  1. Pingback: Positive und Negative Vernunft | Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s