Wir müssen nicht das Klima ändern, sondern uns selbst!


Der menschgemachte Klimawandel ist kein Zufall. Er ist, wie das vorangestellte Adjektiv schon sagt, vom Mensch gemacht – also eine Tat. Die Schuldfrage ist da zwar fehl am Platz, doch besetzt wird dieser freie Platz von der Verantwortung. Klingt anstrengend? Ist es auch!

Es liegt in der Natur des Menschen, die einzelne Tat auch als „Tat“ zu bezeichnen – moralisch, juristisch, historisch. Die (Un-)Taten der Masse hingegen werden in der Regel viel schicksalhafter beschrieben und öffnen dadurch Tür und Tor für die Flucht aus der Verantwortung. Ein anschauliches Beispiel für diese Art der Fehlinterpretation ist der 1. Weltkrieg, der als Urkatastrophe der Neuzeit gilt. So katastrophal seine Folgen waren, ist der 1. Weltkrieg nicht vom Himmel gefallen. Er war ein staatlich orchestrierter und dabei technisch außer Kontrolle geratener Massenmord. Anthropogen – vom Mensch gemacht.

Wie Kriege also menschliche Taten sind – der Weihnachtsfrieden von 1914 zeigt das sehr anschaulich – so ist es auch der (anthropogene) Klimawandel. Konsequent zu Ende gedacht ist es unser Verhalten als Menschheit, das den Klimawandel noch immer viel zu stark befeuert. Der Kampf gegen den Klimawandel ist also kein Kampf gegen schicksalhaften Ascheregen aus den sieben Mäulern eines Fabelwesens, sondern ein Kampf gegen das vielfache, nicht zuletzt systemische Fehlverhalten des gar nicht mal so klugen Homo sapiens. So weit, so wenig Neues.

Da ich hier nur nebenbei mit alten Erkenntnissen glänzen möchte, kommen wir nun zu dem, worum es in diesem kleinen Essay wirklich geht: Um Lösungen, die im Menschen liegen, und um deren sinnvolle Kategorisierung – verschiedene Kerne eines gemeinsamen Apfels. Denn genügend Arroganz wohnt in meinem Herzen, um diesen Kernen Ratschläge zu geben, ohne mich dabei moralisch schlecht zu fühlen.


Beginnen wir mit…

Kern 1 – PolitikerInnen

Die Maslowsche Bedürfnishierarchie gilt für jeden Menschen gleichermaßen. Sind die physiologischen Bedürfnisse befriedigt, so klopft schon das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Wärme an die unbewussten Hirnfunktionen. Und je höher der Status, desto sicherer ist das soziale Nest – zumindest im Äußeren, wo das Geld regiert. Wer mag es also den PolitikerInnen verdenken, wenn sie nach den hohen, gut dotierten Pöstchen greifen und nicht zuletzt die Chancen einer lebenslangen Rente im Blick haben? Ich finde das verständlich und will es niemandem zum Vorwurf machen, diese Vorzüge nebenbei mitzunehmen. Das Zauberwort ist: Nebenbei!

Wohin die Reise geht, wenn das Nebenbei zur Hauptsache wird, das haben uns die Maskendeals 2021 anschaulich vorgeführt: Die Kernaufgabe wird vernachlässigt, weil die Gier überhand nimmt. Die Nähe zu psychopathischem Verhalten ist da nicht mehr weit, denn wer im Bundestag sitzt, sollte eigentlich begriffen haben, dass die untersten zwei Stufen der Bedürfnishierarchie auf Lebenszeit erfüllt sind und es daher keine rationalen Gründe mehr gibt, zuerst auf deren Befriedigung und anschließend auf die Nöte der Bevölkerung zu blicken. Manche haben das begriffen, andere nicht.

Mein Aufruf ist also der Bodenhaftung gewidmet, und die ist in den höheren Sphären wie die Liebe: Schön, sie zu haben; doch geht der Blick nur auf sich selbst, dann kehrt sie sich ins Gegenteil. Wollen wir den Planeten retten, dann geht das nicht mit Egozentrik und dem Mr.-Burns’schen Wahnsinn eines Friedrich Merz. Daher sollte – neben dem stetigen Hinterfragen des eigenen, sich ewig wandelnden Charakters – auch der Kontakt zum festen Boden nicht vergessen werden. Denn, egal an welchen Stuhl wir uns gewöhnt haben, den Planeten retten wir nur gemeinsam. Oder wir verlieren. Gemeinsam.

Kern 2 – WissenschaftlerInnen

Immer wieder nerve ich im Podcast der Leipziger Scientists 4 Future mit der felsenfesten Überzeugung, die Wissenschaft müsse lauter und deutlicher werden, wenn wir das heutige Klimasystem noch irgendwie retten wollen. Trotzdem ist mir bewusst, dass die Aufgabe der Kommunikation nicht bei den forschenden Nerds liegt, sondern bei Presse (s.u.) und Politik (s.o.). Nun hat uns die Corona-Pandemie aber gezeigt, dass das kleinere Problem journalistisch und politisch fast alles überdeckt, wenn es zeitlich näher liegt. Das menschliche Verhalten ist eben nicht für abstrakte, zukünftige Schwierigkeiten gemacht, sondern für das spürbare Jetzt.

Zurück zur Prophylaxe. Bei einer Welt über plus 2K wird die Frage nach der Aufgabenverteilung obsolet. Wenn uns die Kippkaskaden um die Ohren klatschen, dann haben wir als Menschheit irreversibel versagt. Die Wissenschaft weiß sehr genau, dass wir die Trägheit eines Systems von planetarer Größe nicht unterschätzen sollten. Da verhält es sich mit dem Klimawandel wie mit dem Biss der Schlange: Der Biss tut zwar weh, die großen Schwierigkeiten kommen aber später. Und deutlich heftiger.

Die Ursachen des Klimawandels sind erforscht, die Antworten liegen auf dem Tisch. Unser größtes Problem ist die gesellschaftliche Zerissenheit, die auf viel Unwissen und Missverständnissen beruht. Die Lösung des Problems liegt in der Kommunikation, einer Geisteswissenschaft. Und da die Naturwissenschaften am besten wissen, wie es steht und was zu tun wäre, die hiesige Presse aber viel zu selten und viel zu zaghaft kommuniziert (von der Politik ganz zu schweigen), ist eine klare, empfängerfreundliche Kommunikation keine Frage mehr des Wollens, sondern des Überlebens. Unserer Kinder, by the way.

Kern 3 – AktivistInnen

Die Wissenschaft ist zu leise, die Politik ist inkonsequent, die Wirtschaft und die Gier nach unendlichem Wachstum machen die AktivistInnen schier wahnsinnig. Und sie haben recht, es geht an allen Ecken und Enden viel zu langsam, an manchen Ecken sogar rückwärts. Sehenden Auges spuckt die Welt auf die Gräber ihrer Kinder – was drastisch klingt ist eine messbare Wahrheit.

Was also tun? Dem nächsten SUV-Fahrer mit Schmackes in den (mutmaßlichen) Mikropenis treten und Jair Bolsonaro ein Killerkommando in seine Villa schicken? Nein, das ist sicherlich der falsche Weg. Und so haben gerade die jungen Leute, deren Zukunft deutlich bedrohter ist, als die eines orangegesichtigen Mittsiebzigers, ein doppeltes Problem. Angst vor der Zukunft und den damit gepaarten Handlungsdruck auf der einen Seite, die zwingende Notwendigkeit, strategisch klug und zielführend zu agieren auf der anderen. Emotionalisierungsfalle, ick hör dir trapsen…

Das heißt allerdings nicht, dass die Emotionen unsichtbar sein sollten. Ganz im Gegenteil, sichtbare Emotionen bewegen die Menschen und sind – ganz nebenbei gesagt – der grundlegende Impuls für oder gegen jede Handlung. Und hier ist es meinen ganz persönlichen Emotionen ein Bedürfnis, auf folgende Unterscheidung hinzuweisen: Sind die Emotionen, die ich bei mir und anderen auslöse, bremsende oder motivierende Emotionen? Wo wir wieder beim Killerkommando in Bolsonaros Villa wären: Kämpfen wir nicht gegen etwas, kämpfen wir lieber für etwas. Für eine lebenswerte Zukunft! Und zwar mit stabilen Leitplanken in der emotionalen Achterbahn.

Kern 4 – JournalistInnen

Hier will ich noch einmal die Maslowsche Bedürfnishierarchie erwähnen. Je größer der persönliche Einfluss auf die öffentliche Meinung ist, desto höher steigt man im sozialen Ranking – das mittlere Bedürfnis des Homo sapiens (s.o.). Wie schon bei den PolitikerInnen beobachtet, droht hier die Gefahr des selbstreferentiellen Größenwahns – und das zu Lasten von Sachlichkeit und Themenwahl. Besonders bedenklich ist hierbei das ständige Hereinfallen auf das Problem der False Balance. Einer von vielen vermeidbaren Fehlern.

Journalismus ist – analog zur Politik – eine Aufgabe zum Nutzen der Gesellschaft und nicht für das eigene Ego. Was das Ego als Nebeneffekt für sich mitnimmt, sei ebenso gegönnt wie guter Lohn für gute Arbeit. Doch auch hier – oder gerade im so meinungsbildenden Feld des Journalismus – sollte die Reflexion der eigenen journalistischen Sorgfalt ein elementarer Teil der Arbeit sein. Jeder ehrliche Artikel, jedes Format zu den Themen von Klimawandel und Biodiversitätskrise in allen Ehren… doch wenn wir die aktuellen Pfade betrachten, dann wird deutlich, dass die Drastik der Realität an der Presse zumindest quantitativ weit vorbei geht.

Kommunikationspsychologie ist eine Wissenschaft, die einem sorgfältigen Journalismus nicht fremd sein sollte. Denn bei aller gebotenen Neutralität will jeder Journalismus doch erreichen, dass das Publikum die Nachrichten versteht und ihren Hinweisen vertraut. Was die BILD und deren Freunde absichtlich sehr falsch machen, darauf muss in Sachen Klimajournalismus größter Wert gelegt werden: Ehrlich die Zustände vermitteln, ohne durch deren katastrophalen Ausmaße das Publikum zu verschrecken. Denn wohin sich verschreckte Gesellschaften entwickeln, das ist ja gerade in Deutschland bestens bekannt…

https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/downloads/report/IPCC_AR6_WGI_SPM_final.pdf (S.13)

Fazit

Die Titanic ist schon halb über den Eisberg geschrammt, trotzdem schlürfen wir im Ballsaal Sekt und sind vor allem mit der um sich greifenden Fledermausvergiftung beschäftigt. Weil die fühlen wir ja ganz akut, während das Schiff zwar komisch wackelt, aber noch – gefühlt! – sehr sicher fährt. Aber mal Hand aufs Herz: Wollen wir wirklich unsere Kinder ersaufen lassen, nur weil wir heute nicht zu Potte kommen?

Zuletzt: Bei aller selbstbewussten Meinungsfreude und kritischen Betrachtung, die hinter diesen Zeilen stecken, bitte ich darum, dies als Blickwinkel zu verstehen. Die Menschen, ihre Wege und Gedanken sind verschieden, da gibt es keinen Allmachtsanspruch. Hoppla, hat er das wirklich so geschrieben? Ist ein solcher Satz – bei aller Wahrheit darin – nicht tonnenweise Gletscherschmelze auf die Mühlen der Klimawandelleunger? Ja… und nein. Die Antwort liegt in Hannah Arendts klugen Worten:

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der [deutschen] Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“

Über dwm-coachings.de

http://dwm-coachings.de https://www.facebook.com/DWM-Coachings-209193643092462
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wir müssen nicht das Klima ändern, sondern uns selbst!

  1. Dr. Günter Schwarz schreibt:

    Die unersättliche Habgier des Menschen gepaart mit Erfindergeist sind das eigentliche Dilemma.
    Ganz wenige möchten sich freiwillig einschränken, und die Politik setzt weiterhin auf Wachstum.

    • dwm-coachings.de schreibt:

      Überhaupt ist diese ganze Einschränkungs-Debatte eine Scheindebatte. Was die Menschen am meisten in ihrer persönlichen Entfaltung – also in ihrem Leben – einschränkt, das ist der Wettlauf zwischen Shopping, Urlaub und Geld verdienen. Weniger ist immer mehr, wenn das Mehr zu viel ist. Und das ist es schon lange.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s