Berliner Coolness & die Psyche


Die coolen Leute in Berlin sind frei, wild und stilbildend in unserer Gesellschaft. Sie leuchten hell in der Nacht, wie die fliegenden Globen im L.A. des Jahres 2049. Doch wo Neonlicht strahlt, da sind auch die Schatten nicht weit.

Zu Beginn will ich das möglichste aller Missverständnisse klären: Ich bin ein Verfechter der Individualität, wünsche mir mehr „seltsame“ Outfits und weniger Krawattenständer auf der Straße und bin meilenweit davon entfernt, auffällige Menschen als psychotisch zu diffamieren. Es liegt vor allem Licht im Individualismus, oftmals sogar ein sehr befreiendes. Trotzdem soll es in diesem kleinen Essay um einen Schatten gehen, der dort ebenfalls zu finden ist. Und – wie ich meine – ganz besonders in Berlin (siehe Studie).

In einer Großstadt wie Berlin, da ist man wer, ohne irgendwer zu sein. Es reicht der Umzug in ein kleines, rumpeliges Zimmer irgendwo am Rande der Stadt, und schon klebt das Etikett „BerlinerIn“ auf der Stirn. Ein schönes Etikett, mit ganz viel Glitzer, Feenstaub und Einhornsperma (vermutlich als Klebstoff). In der Folge steigt das Ansehen in den digitalen Grüppchen weit über Bottrop oder Görlitz hinaus. Ja, selbst das Münchner BMW- und Weißwurst-Etikett ist dagegen wenig wert.

BerlinerIn, HauptstädterIn, vielleicht sogar InfluencerIn. Ein Herrengedeck zum Frühstück, ein Joint zum Mittag, die Sonnenbrille ins Gesicht… was in Görlitz noch zu einem erschrockenen Artikel in der örtlichen Zeitung führen würde, das fällt in Berlin nicht mal im Treppenhaus auf. Freiheit! Seit den Hippies leider viel zu eng mit den Drogen verknüpft, wie schon Hunter S. Thompson hautnah zu berichten wusste.


Der Gipfel der Hippness als ewiger Quell des Glücklichseins? Auch – oder gerade – in Berlin bricht sich die ganz persönliche Welle oftmals am höchsten Punkt und rollt von diesem Punkt mit aller Kraft zurück. Drückt arme, instabile Seelen in muffige Sofas zwielichtiger Keller, und lässt sie am Morgen einsam und gebrochen auf der Straße zurück. Am Bahnhof Zoo und überall: Nicht nur die Revolution, auch Berlin frisst seine Kinder.

Der Moment auf dem Sofa, wenn die depressive Verstimmung in eine handfeste psychische Störung kippt, oder das suizidale Warten an den Gleisen auf den letzten Zug, der nicht kommt… werden unter den Asphalt gekehrt oder mit cooler Musik unterlegt. Das war schon immer so und wird sich im Zeitalter des Homo sapiens kaum ändern. Oder ist es das Zeitalter des Turbokapitalismus: Verdrängen und übertünchen, mit Gucci und Glitzer, was der TEDi hergibt? Wollen wir noch sein oder reicht uns schon der Schein?

Die digitalen Medien sind (wie) dafür gemacht, sich und die Welt mit der bunten Scheinwelt cooler Bilder zu belügen. Instagram ahoi! – die Bilder, Likes und fancy Sprüche sind dabei nichts anderes, als die abperlende Tapete in der WG-Küche. Sie übertünchen den kalten, bröseligen Seelenputz mehr schlecht als recht – den großen, medialen Erfolg hingegen, mit dem man sich ein ganzes Heer an Tapezierern leisten kann, den erreichen nur die Wenigsten.


Hat die Tapete nun Glitzer aus Berlin und ist im Muster der Hauptstadt angelegt, dann lenkt sie besser ab, als triste Raufaser aus Erfurt. Da strahlt die Magie der großstädtischen Zwischenwelten ebenso, wie der Zauber von unendlicher Freiheit, ewiger Jugend, Party, Sex und Rauschzuständen. „Realität ist was für den, der nicht mit Drogen umgehen kann!“ schallt es laut aus Hamburg herüber, und trifft in Berlin auf fruchtbaren Boden.

Auch hier sei noch einmal auf Missverständnisse eingegangen: Party, Sex und Drogen haben unbestreitbare Vorzüge, die in einem jedem Leben ihre Spuren hinterlassen sollten. Schwierig wird es da, wo diese wunderbaren Vorzüge in eine Sucht, in eine Flucht vor der Welt oder sich selbst hinüber diffundieren. Denn kein Leben ist verlorener als das, an dem die Welt unbemerkt vorüber zieht. Nicht, dass die Welt jedes kleine Leben kennen muss, aber jedes noch so kleine Leben sollte doch die Welt erleben.

Und so hoffe ich, bei den vielen starken, liebevollen Charakteren in der Welt, mit diesen Zeilen einen Sinn geschärft zu haben. Einen Sinn für das, was unter der Tapete liegt. Denn Helden müssen wir nicht sein, schon gar nicht nur für einen Tag. Aber schön wäre es doch, wenn wir sind wie wir sind… gesund, zufrieden und ein ganzes Leben lang.

Über Dominic Memmel

Eine gesunde Mischung aus Kommunikation & Menschenkenntnis
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