Positive und Negative Vernunft


Hier exklusiv das Zusatzkapitel Positive Vernunft / Negative Vernunft aus dem Handout Eine Rede Halten (Link zum pdf). Thema des Handouts ist der Weg zu einer erfolgreichen Rede (Anlass etc. komplett austauschbar), eines Bühnenauftritts und so weiter. Dieses Zusatzkapitel aber richtet sich an Jedermann und Allefrau… und befindet sich momentan noch in Arbeit.

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2.19 Zusatzkapitel – Positive und Negative Vernunft

Was ist denn hier los? Ein Zusatzkapitel?

Solche eher ungewöhnlichen Kniffe eines Autors zeigen Ihnen meist, dass es hierbei um eine Thematik geht, die dem Autor in der Sache zwar wichtig ist, an sich aber wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun hat, bzw. eine alternative Sichtweise o.Ä. darstellen soll. So auch in diesem Fall. Ich möchte noch einmal kurz an das Kapitel 2.7 Charakter und Respekt erinnern, in welchem ich versucht habe, Ihnen darzulegen, dass Sie in (ausnahmslos!) jeder Bühnensituation einen in der Breite wie in der Tiefe geschulten Charakter zu Ihrem Vorteil nutzen können. Nun sind diese beiden Begriffe, die ich hier einführen möchte (Positive Vernunft, Negative Vernunft) sehr eng mit dem Charakter verknüpft. Ist das Glas halb voll oder halb leer ist eine Frage Ihres Denkens, Ihres Empfindens, damit in letzter Konsequenz Ihres Charakters.

a) Negative Vernunft

Zäumen wir das Pferd von hinten auf, von der destruktiven und damit für Ihren Auftritt wie Ihren sonstigen Lebensweg ungünstigen Seite her (wohlgemerkt bewegt sich dieses Zusatzkapitel weit über das Thema Eine Rede halten hinaus): Das Glas ist halb leer!

Als Redner möchten Sie etwas erreichen: Sie möchten Ihr Publikum von Ihrer Meinung, Ihrem Thema usw. überzeugen, Sie möchten sich selbst oder jemand oder etwas Anderes in ein gutes (oder schlechtes) Licht rücken – was auch immer, entscheidend ist der Anlass (2.3 Anlass und Erwartungen). Wichtig für die Qualität, die Energie in der Umsetzung Ihrer Rede ist selbstverständlich Ihre Motivation – diese wiederum ist ja auch abhängig von Ihrer grundlegenden Fähigkeit zur Selbstmotivation. Die Frage, die Sie sich hierbei stellen sollten, ist ganz einfach: „Bin ich auf die Probleme fixiert, oder auf mögliche (und meinetwegen auch unmögliche) Lösungswege?“

Kommen wir nun zur Vernunft. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Sie halten Ihre allererste Rede, dies ohne die Möglichkeit zur Vorbereitung. Das Publikum ist sehr ambivalent (also kaum einzuschätzen) und besteht aus einer sehr großen Menge (großer Druck). Sie sind also ein unerfahrener Neuling unter widrigen Umständen auf der Bühne. Ist es da nicht vernünftig zu sagen: „Das schaff ich nicht, das geht schief! Ich werde das Publikum nicht überzeugen können!“ Ich sage Ihnen ganz klar, dieser Gedankengang IST vernünftig! Er ist vernünftig, schadet aber Ihrer Motivation (damit Ihrem Vortrag), ist destruktiv und wird im schlimmsten Fall zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Begrüßen wir an dieser Stelle nun die Negative Vernunft! (Doch bitte, wenden Sie sich auch schleunigst wieder ab von ihr…)

b) Positive Vernunft

Bleiben wir beim obigen Beispiel, dem Sprung ins kalte Rednerwasser unter unguten Voraussetzungen. Nutzen Sie die Negative Vernunft, werden zu den schon vorhandenen Schwierigkeiten noch mehr dazukommen. Sie werden vielleicht mit Angst auftreten (2.11 Umgang mit Stress), im Extremfall den Auftritt sogar absagen (müssen). Das ist zwar für Ihren Auftritt sehr schädlich, doch die Gründe für diese Entwicklung sind ja doch vernünftig: Negative Vernunft! Wie lässt sich hier aber eine Positive Vernunft einsetzen? Was genau stellt diese dar?

Dazu ein kleiner Umweg über ein themafremdes Beispiel: Sie möchten das Gitarrenspiel erlernen. Nehmen Sie sich einen Gitarrenlehrer, der Ihnen zeigt, wann Sie welchen Finger an welchem Bund auf welche Saite legen müssen, dann werden sich mit der Zeit auch Lernerfolge einstellen. Jedoch – sind Sie kein Ausnahmetalent oder üben nicht über die Maßen – wird es beim mittelmäßigen Spiel bleiben. Sie werden das Instrument nicht zur Gänze durchschauen. Lassen wir den Gitarrenlehrer nun weg und geben Ihnen nur die Gitarre in die Hand. Sie werden Fehler machen, Sie werden langsamer lernen, Sie werden teilweise daran verzweifeln. Doch wenn sich die berühmten Aha-Effekte einstellen, dann in Fleisch und Blut: Sie werden lernen, das Instrument in seiner gesamten Fülle an Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu verstehen. Gehen wir natürlich davon aus, dass Sie Ihre selbst gefundenen Ergebnisse immer wieder mit der Meinung fähiger Gitarristen abgleichen.

Im Beispiel der Gitarre haben Sie die Wahl – und niemand kann es Ihnen übel nehmen, wenn Sie sich für den leichteren Weg, den mit Gitarrenlehrer entscheiden. In unserem Beispiel Ihrer ersten Rede haben Sie jedoch keine Wahl: Sie halten die Rede ohne Erfahrung und Vorbereitung oder Sie lassen es bleiben, ein Lehrer kommt hier nicht infrage. (Das Gitarrenspiel können Sie natürlich auch gänzlich bleiben lassen, aber den – entschuldigen Sie bitte! – feigen Rückzug klammern wir als echte Option in diesem Kapitel aus.) Denken Sie also folgendermaßen: „Oh weh, da muss ich jetzt durch. Aber wenn schon, dann nutze ich das, dann lerne ich dabei und werde die Fehler, die ich heute mache, beim nächsten Mal schon überwunden haben! Mal sehen, was ich schon kann, ich bin ja vom Thema überzeugt, das wird das Publikum schon merken! Zumal das mein erster Auftritt überhaupt ist, das soll das Publikum gefälligst respektieren!“ Sie entwickeln durch eine solche Denkweise ein Feuer und eine Dynamik, die ohne den Druck in unserem Beispiel nicht möglich wäre. Sie haben somit aus den Nachteilen taktische und technische Vorteile gemacht, jedoch (und das ist sehr wichtig!) ohne die Gefahren Ihres Auftritts zu verleugnen. Heißen wir sie also willkommen und lassen uns von ihr bei der Hand nehmen: die Positive Vernunft.

c) Abgrenzung vom Positiven Denken

Positive Vernunft (die ich Ihnen, wie Sie sicherlich bemerkt haben, leidenschaftlich ans Herzen legen möchte) ist mit dem bekannten Positiven Denken zwar eng verwandt, doch in einem entscheidenden Punkt hebt sie sich klar und deutlich davon ab. Der Fokus liegt auf der Vernunft, positiv und negativ gibt ’nur‘ die Richtung an. Die Angst davor, dass eine Invasion aus dem All Ihre Rede stört, ist zwar ebenfalls negativ, jedoch keineswegs mehr mit der Vernunft zu vereinbaren. Und diese Gefahr – natürlich um 180° gedreht – sehe ich beim Positiven Denken: die Schwierigkeiten einer Sache oder Situation auszublenden, es sozusagen zwanghaft positiv zu sehen. Dies ist grundsätzlich zwar mit Positivem Denken nicht gemeint, der Begriff Positive Vernunft macht solche Blüten allerdings unmöglich. Es zählt die Vernunft – wo aus vernünftigen Gesichtspunkten heraus nichts Positives zu finden ist, da lügt man sich auch nicht in die Tasche. Dem Positiven Denken muss man nur das Adjektiv zwanghaft voran setzen – und schon haben wir ein Zwanghaft Positives Denken. Versuchen Sie dies mit der Positiven Vernunft, dann führt sich der entstehende Begriff selbst ad absurdum: Zwanghaft Positive Vernunft – ein Ding der Unmöglichkeit, denn Zwanghaft hat immer eine Tendenz zur Unvernunft. Wenn es nicht gar völlig unvernünftig ist.

Positive und Negative Vernunft entscheiden keineswegs ausschließlich über Erfolg und Misserfolg – wir sollten Fachwissen, Reputation, Vitamin-B, Akribie, Gesamtsituation, Unterstützung, Glück usw. nicht vergessen. Doch eines ist sie, und das permanent (denn Ihre Entscheidung für Positive bzw. Negative Vernunft ist keine situative Entscheidung sondern eine Charakterfrage): Die Richtung Ihrer Motivation (bzw. Demotivation) und damit Tag für Tag und Auftritt für Auftritt das Zünglein an der Waage.

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2 Antworten zu Positive und Negative Vernunft

  1. mfis schreibt:

    Hat dies auf Rund um den Küchentisch rebloggt und kommentierte:

    Darf man mal gelesen haben…

  2. nextkabinett schreibt:

    Hat dies auf Germanys next Kabinettsküche rebloggt und kommentierte:
    Darf und sollte man mal gelesen haben. Merci an das MfIS …

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