Gesprächstaktik nach Herbert Diess


Herbert Diess ist nicht nur ehemaliger Vorstandsvorsitzender des VW-Konzerns, er ist auch ein Mann, der ganz offensichtlich einen großen Werkzeugkoffer voller Gesprächs- und Verhandlungstaktiken besitzt. Eine besonders destruktive Taktik bekam nun Maja Göpel zu spüren.

Wer diskutiert, will im besten Falle auch etwas vom Gegenüber lernen. Trotzdem ist in jeder Diskussion auch ein gewisser Durchsetzungswille Teil der Gesprächsführung, sonst würde man ja nur zuhören und nicht diskutieren. Abgesehen von der weit verbreiteten (und sehr vielfältigen) Scheinargumentation, sind die meisten Gesprächstaktiken mehr oder weniger zielführender Natur. Sie wollen also nicht auf Teufel komm raus gewinnen, sie dienen einem möglichst haltbaren Ergebnis.

Steht jedoch als Motivation das Gewinnen der Diskussion weit vor dem Interesse am Erkenntnisgewinn, so kommen vermehrt destruktive Methoden zum Einsatz. Ein solcher Einsatz zeigt letztlich auch argumentative Schwächen auf, denn nur wer mit fairen Mitteln zu scheitern droht, versucht sein Gegenüber mit unfairen Mitteln auf die eigene Schwächeposition herunter zu ziehen. Am 10. November 2022 gab es im ZDF einen exemplarischen Moment, den ich hier kurz aufzeigen möchte. Die angewandte Technik nenne ich:

Plattfahren nach Herbert Diess

Was ist passiert?

Maja Göpel, ihres Zeichens Transformationsforscherin mit der heutzutage so wichtigen Wissenschaftskommunikation als einen Schwerpunkt, hatte versucht, den Vorteil einer weniger gewinnorientierten Wirtschaft für die Menschen zu beschreiben. In Relation zum drohenden klimatischen und ökologischen Kollaps ist dieser Gedanke nicht nur vernünftig, er ist – und hier sei zähneknirschend Angela Merkel zitiert – alternativlos. Die Argumente sind stichhaltig, die Argumentationslinie muss im Spannungsfeld von Klimaschutz und Wirtschaftswachstum natürlich in mehreren Schritten gegangen werden. Maja Göpel ging diese Schritte klar und nachvollziehbar.

Das passt einem Manager der alten Gewinnmaximierungsschule a lá Herbert Diess natürlich nicht. In einem nicht-öffentlichen Gespräch hätte er Maja Göpel wahrscheinlich aufmerksam zugehört: Als erfolgreicher Manager gehört es zu seinem Beruf, sich mit Gegenpositionen möglichst konstruktiv auseinanderzusetzen und – strategisch wichtig! – diese auch zu verstehen. Doch bei Markus Lanz darf Göpel vor einem Millionenpublikum ausführen, warum wir das Goldene Kalb der ewig wachsenden und in Billiglohnländer expandierenden deutschen Autoindustrie schlachten müssen. Das konnte Diess schlecht zulassen, was zu folgender kleinen Szene geführt hat. Achten Sie darauf, was Diess macht:

Was fällt auf?

Diess hat allen Aussagen von Maja Göpel zugestimmt, selbst die wenigen „Neins“ waren eine inhaltliche Zustimmung, quasi ein Unterstreichen der „Neins“ von Maja Göpel. Man kann Herbert Diess daher keine böswillige Störung vorwerfen – trotzdem war es genau das.

Gelegentliche zustimmende (oder ablehnende) Wortmeldungen in einem laufenden Vortrag sind im Rahmen von Diskussionen und Verhandlungen keine Besonderheit. Hier wurde dieses Element („Ja … ja … ja …“) jedoch in einer Penetranz eingebracht, die aufhorchen lässt: Durch die permanente Unterbrechung könnte man meinen, dass er darauf abzielt, Maja Göpels Redefluss ins Schleudern zu bringen. Diess muss allerdings wissen, dass Göpel so leicht nicht aus dem Tritt zu bringen ist – wüsste er es nicht, wäre er schlecht vorbereitet oder schlichtweg von Arroganz geblendet. Diess ist ein aufmerksamer Gesprächspartner, ein solcher Lapsus wäre unwahrscheinlich.

Was bleibt?

Es ist davon auszugehen, dass Herbert Diess einfach wollte, dass möglichst wenige Zuschauerinnen und Zuschauer Maja Göpels Ausführungen folgen konnten. Letztlich ist es für Diess egal, warum Göpels Argumentationslinie beim Publikum nicht ankommt (ergo: ob sie oder das Publikum den Faden verliert), sondern dass sie nicht ankommt – oder zumindest nur lückenhaft. Dazu sei noch gesagt, dass Diess nicht nur durch sein stetiges Stören den Argumentationsfluss hemmte, sondern auch durch die Absurdität des Moments die Aufmerksamkeit auf seine kleine Sprechroboter-Show lenkte – weg von Göpels Ausführungen.

Ganz unabhängig davon, wie erfolgreich Diess bei einzelnen Zuhörerinnen und Zuhörern war: Herbert Diess hat eine gangbare destruktive Taktik schamlos und wirkungsvoll angewandt. Diskussions- und verhandlungstaktisch ist das durchaus spannend und nicht zuletzt ein anschauliches (und daher lehrreiches) Beispiel. Bei dem aber, was für uns alle auf dem Spiel steht, wenn wir uns einer tiefgreifenden und möglichst sofortigen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft verweigern, war das Auftreten von Herbert Diess auf eine nahezu erbärmliche Art und Weise asozial.

Oder: Er hat zu viel Sekt und Häppchen vor der Sendung zu sich genommen, was bekanntlich zu geistiger Flatulenz führen kann…

Über Dominic Memmel

Eine gesunde Mischung aus Kommunikation & Menschenkenntnis
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2 Antworten zu Gesprächstaktik nach Herbert Diess

  1. G.Schwarz schreibt:

    Der Mensch ist eben ein habgieriges Raubtier mit Erfindergeist.

  2. Dominic Memmel schreibt:

    Eigentlich ist der Mensch ja Jäger und Sammler im Einklang mit seiner Umwelt. Mittlerweile hat er diese (natürliche) Umwelt großflächig zerstört und ist zum Jäger und Messi mutiert. Das ist auch für den Menschen selbst sehr ungesund… allein schon der Stressload und die damit verbundenen Krankheiten (zB Bluthochdruck) sprechen Bände.

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