Gewaltlosigkeit – ein friedlicher Irrtum


Niemand (außer ein paar geisteskranke Gesellen) wünscht sich Gewalt. Gerade die kriegerische Gewalt, wie wir sie seit Februar 2022 in der Ukraine erleben, ist mit nichts zu rechtfertigen. Da Gewalt schlimm ist, folgt der Ruf nach gewaltloser Intervention auf den Fuß.

Man möchte hier und da mutmaßen, dass dieser Ruf – gerade aus dem rechten Spektrum – eher dem Schutz einer offen faschistoiden Regierung dient, denn dem Wunsch nach Frieden. Das nur am Rande, soll es hier um einen kleinen, aber entscheidenden Irrtum gehen, der gerade in der Friedensbewegung die Runde macht: Man bezieht sich auf Gandhi und meint dabei, die Ukrainer sollten mit den russischen Invasoren ebenso gewaltfrei umgehen, wie es Gandhi mit den britischen Besatzern tat. Die Vernunft würde sich allerdings selbst Gewalt antun, wenn sie dieser Argumentation folgen würde. Warum?

In beiden Situationen haben wir eine fremde Macht im Lande: Hier die Russen in der Ukraine, da die Briten auf dem indischen Subkontinent. Die einheimische Bevölkerung versucht sich in beiden Situationen gegen die fremde Macht zu wehren. So viel zur Ähnlichkeit, schauen wir uns nun die Unterschiede an:

Die Rolle der fremden Macht

In der Ukraine versucht eine fremde Macht von außen, die Kontrolle über das angegriffene Land zu erreichen. Auch wenn Putin gerne davon fabuliert, dass die Ukraine kein eigenständiger Staat sei, so ist sie das doch definitiv. Wir sehen hier also eine Situation, in der das eine Land (Russland) dem anderen Land (Ukraine) seine Freiheit und Selbstbestimmung rauben will – bis hin zur historischen Identität.

In Indien zu Gandhis Zeiten war der Subkontinent schon 200 Jahre lang von den Briten besetzt. Die Briten waren keine Invasoren mehr, sondern als herrschende Macht schlichtweg in die Gesellschaft des Landes eingebunden. Auch wenn das soziale Gefälle deutlich zu Ungunsten der einheimischen Inder in Schieflage war, hatte man sich gesellschaftlich längst arrangiert und stabilisiert. Morgenluft witterte Gandhi durch die immense Schwächung der Briten durch den eben erst beendeten 2. Weltkrieg, der die britische Macht im Vorfeld eben mit Gewalt geschwächt hatte. Diese günstige Gelegenheit – im Grunde eine verbesserte Verhandlungsposition – geriet Gandhi zum Vorteil.

Die Rolle der Einheimischen

Im Gegensatz zur Ukraine, wo ein freies Land unterworfen werden soll, waren die damals lebenden Inder seit ihrer Geburt unfrei. So unrechtmäßig und unschön eine solche Unfreiheit auch sein mag, wurde den Indern nichts weggenommen – sie besaßen diese Freiheit schlichtweg seit 200 Jahren nicht.

Nun setzten die Hindus unter Gandhi der Kolonialmacht mit friedlichen Massenprotesten zu. Wie schon erwähnt, war die Situation dafür sehr günstig, den Status Quo der britischen Herrschaft zu beenden. Doch nicht nur die militärische Schwächung der Briten spielte den Hindus in die Karten, auch der nachhallende Schrecken der wahnwitzigen Gewalt durch den Nationalsozialismus, der sich (bekanntlich) sehr gezielt gegen Bevölkerungen gewendet hatte, kam Gandhi gelegen: Würden die Briten mit Maschinengewehren in die Menge feuern, stünden sie weltweit am moralischen Pranger.

Neben den gewaltfreien Hindus gab es einen zweite Gruppe, deren Anteil an der Beendigung der britischen Besatzung nicht zu unterschätzen ist: Die Muslimliga unter Mohammad Ali Jinnah, aus deren Bestrebungen letztlich der Staat Pakistan hervorging. Der „Streit“ lag zwar vornehmlich zwischen Hindus und Muslimliga, dürfte mit seinen mehr als 1.000.000 Toten die militärisch geschwächten Besatzer aber durchaus unter zusätzlichen Stress gesetzt haben.

Nicht zuletzt setzte sich die Msulimliga durch, als es zur post-britischen Staatenbildung kam: Pakistan entstand gegen den Willen der Kongresspartei, die Gandhi nahestand und gegen diese Teilung war.

Der entscheidende Unterschied

Die Briten sahen sich in Indien als etablierte Mitglieder einer Gesellschaft im eigenen Staatsgebiet. Nach 200 Jahren Kolonialherrschaft fühlten sie sich dort zuhause. Auch die Inder fühlten sich in Indien zuhause, was nur selbstverständlich ist. Das Ringen um die indische/pakistanische Unabhängigkeit war also ein Streit im eigenen Haus. Nun hat niemand etwas davon, wenn man mit roher, militärischer Gewalt nach der Logik eines Vernichtungskrieges im eigenen Haus agiert – weder die Inder noch die Briten. Der gewaltfreie Weg Gandhis (durchaus bevorteilt durch die gewaltsamen Unruhen zwischen Hindus und Muslimliga, sowie die gewaltsame militärische Schwächung der Briten durch den 2. Weltkrieg) war also nur deshalb gangbar, weil sich niemand das eigene Teeservice zerschlagen wollte – also die lebensnotwendige inländische Infrastruktur.

In der Ukraine liegt die Sache im Frühjahr 2022 deutlich anders: Ein Aggressor dringt in ein souveränes Land ein, getrieben von einer vollumfänglichen Vernichtungsideologie – wie sehr der Botox-Onkel im Kreml auch betonen mag, dass die Ukraine kein souveräner Staat sei. Im Gegensatz zur indischen Situation, ist es den Russen schlichtweg egal, wie viele ukrainische Brücken, Krankenhäuser, Schienenwege, Heizkraftwerke usw. zerstört werden. Die Zerstörung geschieht auf fremden Boden – da wütet die russische Armee, als gäbe es kein Morgen – und teilweise ist diese Zerstörung sogar gewollt und für die russische Strategie von Nutzen. Übrigens: Erschreckend analog zum Überfall der Wehrmacht auf Polen.

Der Unterschied zu Polen: Damals hat die Weltgemeinschaft zugesehen und auf einkehrende Vernunft gehofft. Das Ergebnis ist bekannt. Worin sich Polen 1939 und die Ukraine 2022 gleichen – und hier zeigt sich die Absurdität der gewaltfreien Lösung nackt und anschaulich: Auch in der Ukraine findet ein Vernichtungskrieg statt, dessen erklärtes Ziel die Auslöschung eines Staates ist. Damit wird jede Person ausgelöscht, die diesen Staat repräsentiert: Vom führenden Politiker bis hin zum Schulkind mit Ukraineflagge. Ob sich das Land wehrt oder nicht, macht für die Gewaltspirale des Aggressors schlicht keinen Unterschied. Der Unterschied liegt in der Wehrhaftigkeit der Ukraine – mit Waffen und Gewalt zur überlebensnotwendigen Selbstverteidigung.

Schlussfolgerung

Niemand (außer ein paar geisteskranke Gesellen) wünscht sich Gewalt. In der Ukraine stellt sich jedoch allein aufgrund der Art und Weise des Angriffskrieges nicht die Frage, ob oder ob nicht. Die einzige Frage, die sich stellt, das ist die der Dauer und der Schwere der Gewalt. Und die lässt sich letztlich nur dadurch verringern, dass man den Aggressor deutlich spürbar in seine Schranken weist – also die russische Armee zurück nach Russland schickt.

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Über Dominic Memmel

Eine gesunde Mischung aus Kommunikation & Menschenkenntnis
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