Niemand fühlt den Klimawandel


Während der Klimawandel und seine nachfolgenden Katastrophen beträchtlich an Fahrt aufnehmen, bleibt selbst der aufgeklärte Teil der Menschheit in halbgaren Maßnahmen bis hin zu billigen Ausreden hängen. Doch warum ist das so?

Die Sache ist so einfach wie verzwickt, das Problem steckt nicht zuletzt in der Evolution des Homo sapiens. Der Mensch, der denkt, ist in seiner Handlungsmotivation weiterhin ein Mensch, der fühlt. Was wir nicht fühlen, das erzeugt keinen Handlungsimpuls: Ohne Hunger keine Suche nach Nahrung, ohne Erregung keine Suche nach dem Sexualpartner, ohne finanziellen Druck oder echter Freude an der Arbeit führt auch kein Weg zu ihr. Wenn wir etwas nicht fühlen können, dann ist es uns so Wurst wie alter Käse.

An diesem neuralgischen wie neurobiologischen Punkt kollidieren wir nun mit dem Klimawandel. Oder besser: Mit dem Klima. Denn das Klima ist keine Momentaufnahme, die unser Gehirn in ein akutes Gefühl ummodeln kann, sondern ein Durchschnitt über einen gewissen Zeitraum. Den Durchschnitt aber – also das statistische Mittel mehrerer Ereignisse – können wir als Menschen nicht fühlen und benötigen recht komplexe Werkzeuge und verschlungene Umwege, um einen Zugang zu ihm zu finden. Wer sich jemals etwas genauer mit Statistik beschäftigt hat, kann eine Arie darüber trällern.

Was wir fühlen, das ist das Einzelereignis – das sogenannte Wetter. Heute ist es eben heiß, aber vor 30 Jahren war es auch schon mal heiß. Und so fällt das Bewusstsein für das Klima und seinen langfristigen Wandel hinter dem (statistisch sinnlosen) Vergleich zweier weit entfernter Einzelereignisse auf die Nase. Um nun Statistik zumindest greifbar zu machen – also ein bisschen fühlbarer – können wir uns der Bildsprache bedienen: Grafiken, wie die berühmten Warming Stripes sind Bildsprache par excellence. Auch Graphen verstehen wir sehr schnell, wenn sie nicht zu sehr in sich verschachtelt sind. Für kürzere Zeiträume eignet sich der Zeitraffer im Video:

Der Clou ist also der indirekte Weg. Hierzu gilt es, Verknüpfungen zwischen dem abstrakten (weil statistischen) Klima und einer konkreten Sache herzustellen. Die Warming Stripes auf der Sachsenbrücke in Leipzig sind hierfür ein anschauliches Beispiel: Sie machen bildsprachlich den Klimawandel fassbar, während sich die Betrachter ganz real und physisch vor Ort befinden. Man mag kritisieren, dass dieses Kunstprojekt keinen direkten Einfluss auf das Klima hat – wie wichtig jedoch der indirekte Weg ist, wenn Menschen zum handeln motiviert werden sollen, das haben wir ja schon erörtert.

Auch regelmäßig wiederkehrende Ereignisse können gut genutzt werden. So ist zwar ein sonniger Tag mit über 25° nicht unbedingt etwas Besonderes, fällt dieser aber auf den Beginn der Eisheiligen – wie z.B. in Mitteldeutschland im Jahre 2022 – lässt sich diese Verknüpfung sehr gut und wirkungsvoll kommunizieren. Denn hier werden zwei Gefühle angesprochen, die sich unvereinbar im Wege stehen: Das Gefühl eines Hochsommertages und das Gefühl von Frost, das aus der Erinnerung an frühere Eisheilige generiert wird. Die Lösung des emotionalen Dilemmas liegt in der Akzeptanz der Tatsache, dass der Klimawandel real ist.

Der Klimawandel ist nicht nur real, er ist so dramatisch, dass er mit Blick auf konsequentes Handeln unsere gesamte fühlende Aufmerksamkeit braucht. Schon dieses Jahrzehnt werden wir die 1,5° überschreiten, die 2° möglicherweise noch vor dem Jahre 2050. Doch wenn wir das zulassen, dann verlieren wir die Kontrolle – und unsere Kinder werden erleben, was wir nur aus dem Kino kennen. Der Klimawandel ist nämlich kein Wandel, er ist ein fulminanter, planetarer und dauerhafter Zusammenbruch.

Über Dominic Memmel

Eine gesunde Mischung aus Kommunikation & Menschenkenntnis
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