Notre Dame & die Dummheit einer Debatte


Der Gipfel der Dummheit sind die üblichen Reflexe, der Brand von Notre Dame wäre ein terroristischer Anschlag, ein Inside-Job oder das Werk der Impf-Mafia. Dies sind Reflexe, wie auch ein oder zwei Schafe furzen müssen, wenn der Blitz einschlägt. Doch die größte Debatte – sind die Spenden okay oder asozial? – ist das typischste Beispiel für die dauernden Denkfehler des Homo Digitalis.

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Was ist passiert?

Am späten Abend des 15. April 2019 ist der Dachstuhl eines Gebäudes niedergebrannt. Eines historisch bedeutsamen und zudem noch wunderschönen Gebäudes, das Frankreichs Geschichte und große Architektur verbindet. Notre Dame, die „liebe Frau von Paris“, liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Die Welt ist geschockt – kaum 24 Stunden später war eine halbe Millarde Euro an Spendengeldern eingetrieben, mittlerweile schleichen wir auf die Millarde zu. Soweit, so bekannt.

Die Debatte

A: „Das ist sooo toll, dass sooo viele Menschen sooo viel Geld für sooo ein großartiges Gebäude spenden!“

B: „Das ist doch perveeers! Sooo viel Geld, mit dem man sooo viele sooo gute Sachen tun könnte!“

A: „Ja, heilig’s Crossaint, Du blöder Neider! Lass doch jeden mit seinem Geld machen, was er will!“

B: „Und dabei schön zuschauen, wie alle fünf Minuten ein Kind verhungert, du Trüffelhirn!? Geht’s noch!?“

Jeder möchte die eigene Überzeugung in die Suppe hinein rühren. Die Argumente sind gesetzt und ihnen ist kaum zu widersprechen: Jeder darf spenden, wofür er möchte. Trotzdem wird das Geld anderswo dringender gebraucht. Hier ist keine Einigung möglich, denn es gibt kein argumentatorisches „richtig“ oder „falsch“, es gibt verschiedene Meinungen davon, was „richtig“ und was „falsch“ eigentlich ist. Und damit wird sich die Debatte im Kreis drehen, bis alle ihre Meinung dreimal gepostet haben und sich die Tarte wieder beruhigt. Dann kommt der nächste Meinungsscheider – und ewig grüßt das Internet…

Die Alternative zur Debatte

Ich persönlich sehe die Alternative zur Debatte in der Analyse. Dass den Reichen eine Kirche wichtiger ist als Menschenleben, das ist ja zum einen sowieso bekannt und zum anderen durch einen Spendenvergleich deutlich darstellbar. Dass auch ein Großteil der weniger Reichen dazu tendiert, lieber für ein Gebäude zu spenden, das einer billionenschweren Vereinigung gehört (Frankreich, in dem Fall nicht die Katholische Kirche), ist ebenso offensichtlich und nachprüfbar. Gähnend langweilig ist hier die aus jedem Flämmchen scheindende Frage nach dem „richtig“ oder „falsch“ daran. Viel interessant wäre die Frage: Warum ist das eigentlich so?

Ein Beispiel: Friedrich „Freddy“ Merz

Nehmen wir als Beispiel unseren innig geliebten Friedrich „Freddy“ Merz, der in einem Tweet zur Brandkatastrophe schrieb: „Wir sollten eine Bürgerinitiative ins Leben rufen, die im ganzen Land Spenden sammelt für den Wiederaufbau dieses überragenden europäischen Kulturguts. …“ Für das Ehrengebäude des Nachbarstaates will Merz also Spenden sammeln, für die Mutti und den Vati in der Sozialstation eher nicht. Aber warum? Was treibt einen Merz zu solch einer Haltung – ganz unabhängig davon, ob diese nun „richtig“ oder „falsch“ ist, oder gar im Einhornkot dazwischen liegt. Schauen wir also genauer hin…

Freddy Merz ist ja ein klassischer (Wirtschafts-)Konservativer. Ein Grundelement des Konservativen des „Typs Freddy“ ist es, im Kopf wenig flexibel zu sein. Neuerungen nur, wenn es nicht anders geht und ansonsten bitte nichts Unkontrollierbares. Nun ist ein Sozialverbund sehr ambivalent und im ständigen Wandel begriffen, im Grunde unkontrollierbar. Je mehr „Soziales“ wir zulassen, desto „wilder“ wird es eben auch. Das widerspricht dem, was einem „Typ Freddy“ gut tut. (Aufgemerkt: Das ist die EMOTIONALE Ebene.) So versucht er, das Sozialgefüge in möglichst starre und auf Ausrechenbarkeit ausgelegte Regeln zu pressen. Bzw. ganz, ganz billig: Es einfach zu unterdrücken, egal wie. Dies ist sein Kampf dagegen.

Nun zu Notre Dame, dem Kampf dafür: Was kann starrer und unbeweglicher – für Herrn Freddy also befriedigender und beruhigender – sein, als ein Teil aus Stein, das sich seit knapp 800 Jahren nicht bewegt hat? Notre Dame ist für die Glatze mit der eng sitzenden Krawatte ein Abbild der eigenen inneren Starre – und das in Form von etwas blendend Großartigem. Da sollte es keine zwei Meinungen geben: Notre Dame ist großartig! „Die liebe Frau von Paris“ gibt seiner inneren Starre also einen sehr hohen künstlerischen, religiösen und geschichtlichen Wert, quasi eine mehrgleisige Absolution und Aufwertung. Auch wenn Notre Dame auf Freddy scheißt, scheißt Freddy darauf, dass Notre Dame auf Freddy scheißt. Das heißt: Friedrich Merz ist einer der Abermillionen, die Notre Dame emotional kidnappen und einen gefühlsmäßigen Bezug herstellen, der gar nicht existiert – zum Glück hat Notre Dame weder Wahrnehmungsorgane, noch eine eigene Meinung, noch Gefühle, und interessiert sich nicht dafür.

Freddy will also den Stillstand, Bewegung liegt ihm nicht. Ein Grundgefühl also, das in einer geschichtlich relevanten Kirche bestens verweigt ist. Bis das Feuer kam und Bewegung in die Sache brachte. Es ist das ultimative Böse, es bringt eine Veränderung in rasender Geschwindigkeit, gegen die der Mensch nahezu wehrlos ist. Denn was verbrennt, verbrennt sehr schnell, und was verbrannt ist, ist verbrannt. Nicht umsonst ist die christliche Hölle ein ewig währendes Bad aus Feuer, davor liegt – wen überrscht’s – das Fegefeuer. Freddy M. will nun durch Spenden das Feuer ungeschehen machen. Und durch den Wiederaufbau Notre Dames wäre genau das erreicht: Der 15. April hat nie stattgefunden. Der größtmögliche Stillstand.

Weitere Denkanstöße

Frei nach Kant, bediene Dich Deines eigenen Verstandes. Und mit etwas Glück und Hartnäckigkeit findest auch Du in den Trümmern Notre Dames ein paar tiefere Höhlen und sprudelndere Quellen als das allgemeine mediale Moral-Gewichse. Und falls nicht, es gibt ja noch youtube (übrigens genauso schützenswert wie Notre Dame, wenn man den aktuellen Debatten glauben darf):

 

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