Metaphern, die grimmsche Hexe und die Abnabelung vom Elternhaus


„Meine Liebste, ich kann Dir in Worten nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, Dich wiederzusehen! Es fühlt sich an, als würden Gravitation und Magnetismus gemeinsame Sache machen, als rasten unsere Körper unaufhaltsam aufeinader zu, so sehr zieht es mich zu Dir!“ (eine Metapher)

hex

Der Duden beschreibt die Metapher als ein „(besonders als Stilmittel gebrauchter) sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort (eine Wortgruppe) aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen wird, ohne dass ein direkter Vergleich die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem verdeutlicht“. Sie hat den Zweck, einen Sachverhalt zu verdeutlichen, der auf direktem sprachlichen Wege nicht ausgedrückt werden kann. Es gibt für viele Dinge keine Worte, und hauptsächlich den irrationalen Aspekten des Seins (die viel wichtiger und weiter verbreitet sind, als wir es uns eingestehen wollen) fehlt es an konkreten Worten. Das Wort Liebe ist hier ein schönes Beispiel, denn es ist eine so oberflächlich verallgemeinernde Bezeichnung für ein sehr facettenreiches Gefühl. Von Selbstliebe über Geschwisterliebe und erotische Liebe bis hin zur Liebe als Haltung ist durch das einzelne Wort Liebe nicht klar, was eigentlich gemeint ist. Hier hilft uns die Metapher, denn sie präzisiert ohne sich an den Strohhalm des „technischen“ Vergleichs zu klammern.

Wer in seinem Realitäts-Bewusstsein nun glaubt, nur die faktischen und fassbaren Dinge entsprechen der Realität, verschließt sich – metaphorisch gesprochen – dem Ozean, auf dem sein rationales Schiffchen schwimmt. Erkennbar sind solch eingeschränkte Denkmuster an einer sehr faktischen Sprache, die keine „schwammigen“ Unklarheiten zulässt – egal, wie schwammig die Aussagen auch sein mögen. Das Irrationale wird als kindisch abgetan. Frage ich eine solche Person nun nach dem Grund dafür, warum sie ihren Partner geheiratet hat (und nicht irgend einen anderen), dann drängen schon die ersten Erklärungsnöte an die Oberfläche. Die Metapher könnte helfen, doch setzt sie in vielen Fällen einen (bewussten oder instinktiven) Zugang zum Unbewussten voraus.

hexe

Ein sehr anschauliches Beispiel für eine Metapher und ihre möglichen Hintergründe – wenn auch nicht in sprachlicher Form – ist die Hexe bei „Hänsel & Gretel“. Sie ist beileibe nicht nur der Endgegner, wie in der gesamte Märchensprache steht hier weitaus mehr dahinter:

„Hänsel & Gretel“ ist ein Märchen – und damit per Definition eine metaphorische Lehrgeschichte. Es geht in diesem berühmtesten aller Märchen um die Ablösung der Kinder vom Elternhaus, und zwar die erste größere Abnabelung des Kindes nach der Bewusstwerdung des eigenen Ichs. Das Kind möchte nun selbst über sich bestimmen, will bei Freunden übernachten und gelegentlich auch seine Ruhe im Kinderzimmer haben. Die Hexe erfüllt bei dieser Abnabelung eine elementare Funktion: Sie stellt eine böse, ablehnenswerte Version der Mutter dar. Viele Eltern bzw. Mütter kennen die Phase, in der sie vom eigenen Kind als „Hexe“ beschimpft werden, wenn die Mutter etwas gegen den Willen des Kindes durchsetzen möchte: „Die Kohlsuppe, die ess ich nicht, du blöde Hexe!“ Der Schrecken ist groß, so eine garstige Ablehnung ist die Mutter nicht gewohnt. In die gleiche Lebensphase fallen übrigens auch aufkommende Träume von Hexen: Die Mutter als Hexe, die Tante als Hexe (die ja der Mutter sehr nahe steht) und ähnliches. Träume, die nach dieser Phase übrigens selten erinnert werden, sind trotzdem gut erforscht und statistisch erwiesen. Heutzutage wird die Hexe langsam aber sicher von anderen Schreckensbildern abgelöst, was (natürlich) auf die Medien zurückzuführen ist. Die Funktion aber bleibt gleich.

Die Hexe in unserem Volksmärchen hat ebendiese Funktion. Ganz metaphorisch drückt sie etwas aus, was in sachlicher Art und Weise nur schwer ausgedrückt werden kann. Denn obwohl sich das Kind (ein Stück weit) abnabeln muss und möchte, will es ja die Liebe seiner Mutter nicht verlieren. Wir erinnern uns an das Märchen: Die Hexe hält Hänsel und Gretel gefangen, metaphorisch gesehen hält sie die beiden Kinder sehr fest an sich, so dass sich diese nicht mehr frei bewegen können. Und genau das ist der nötige Entwicklungsschritt – mit dem die berüchtigten Helikoptereltern nicht zurande kommen: Das Kind erkämpft sich seine Freiheit „gegen“ das Klammern. Wohlgemerkt, gegen das eigene Klammern, welches als Haltung der Mutter (oder den Eltern) gegenüber abgelegt wird. Die grimmsche Hexe als Metapher lehnt also nicht das Elternhaus an sich ab, sondern die Unfreiheit des Klammerns daran, welche bis dato gut und nützlich war.

Nicht jede Metapher kommt so tiefenpsychologisch daher. Und doch fischt die Kunst der Metapher ganz grundsätzlich im Unsagbaren. Und so, wie man eine Hexe an ihrem Gewicht erkennt (s.u.), so erkennt man den Politiker daran, dass das Unsagbare für ihn nicht exisitert. Schade eigentlich, aber achte mal darauf: Vergleiche zieht die Politik sehr gerne, doch Metaphern sind dort kaum zu finden. Aber wie auch, wenn man keinen Zugang zur Welt des Unbewussten hat!? Nicht zuletzt: Zu sich selbst.

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