Zitatkritik: „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“


Zitate sind eine schöne Sache, denn meist bringen sie komplexe (oder zumindest interessante) Zusammenhänge leichtfüßig auf den Punkt. Doch nicht jedes Zitat macht Sinn, nur weil es in Anführungszeichen steht. So auch obiges Zitat von Hermann Hesse: „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ Eine kleine Zitatkritik.

zitat

Eine Aussage über Glück und Liebe ist schon etwas anderes, als eine Aussage über den Sinn des Eismanns im Kino. Da hat Hermann Hesse also ordentlich einen rausgehauen – was man aber auch mal so machen kann. Tiefstapeln ist keine Pflicht, vor allem nicht für einen Schriftsteller wie Hesse. Man denke dabei nur an Siddhartha, Hesse konnte liefern. Welche Weisheit oder welchen Unsinn er uns aber mit obigem Zitat geliefert hat, werden wir gleich sehen.

Zuvor ein wichtiger Hinweis: Das Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen. Der Zusammenhang ist mir nicht bekannt, da war ich zu faul zu recherchieren. Zudem ändert es nichts an der Sache: Das Zitat geistert zusammenhanglos durchs Netz, also beziehe ich mich mit meiner Zitatkritik auch ebenso zusammenhanglos auf die reine Aussage. Und nicht auf Hesses eigentliche Einstellung zu Glück und Liebe. Ob „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ diese Einstellung tatsächlich wiederspiegelt ist dabei irrelevant.

„Glück ist Liebe, nichts anderes.“ Das ist seine Aussage. Er begründet sie mit: „Wer lieben kann, ist glücklich.“ Schauen wir uns nun die Begründung an.

Wer lieben kann, ist glücklich.

Ein riesiges Fass ist hier aufgemacht. Ist wirklich jeder Mensch unglücklich, der nicht lieben kann? Also im Umkehrschluss? Und da sagen uns die Psychologie, die Hirnforschung, die Sozialforschung, die Religionen und der eigene Erfahrungsschatz: Ja! So komplex das Thema Liebe ist, so schwer fassbar das Thema Glück, Hesses Begründung trifft den Kern des Pudels. Liebe ist das tiefst mögliche Gefühl von Gemeinschaft: „Wir lieben uns!“ Und da ist es egal, ob ich meine Geliebte meine, die Kinder, die besten Freunde, die Familie oder „nur“ die Theatergruppe, die ich vor zehn Jahren gegründet habe. Liebe ist die tiefste Form des Zusammenseins, sie führt zu den höchst möglichen Glücksgefühlen! Das Gegenteil ist Einsamkeit. Was ich hier felsenfest behaupten kann (tiefe Bindungen erzeugen Glück), wurde übrigens sehr gut erforscht:

Glück ist Liebe, nichts anderes.

Dass wir hier von Glück als Gefühl reden, nicht vom Zufallsglück (Lotto usw.), ist ja klar. So sehr ich Hesses Begründung unterschreiben würde, so kritisch sehe ich allerdings seine Behauptung, dass Liebe und Glück dasselbe seien. Ja, Liebe erzeugt Glück. Wenn sie aber dasselbe sind, dann kann nur die Liebe das Gefühl von Glück erzeugen. Ich gehe nun einmal von mir aus: Wenn ich ein Talent an mir entdeckt habe, dies über einen längeren Zeitraum pflege und somit zu einem guten Ergebnis komme, dann macht mich das glücklich. Würde ich mein Glück nur in der Liebe finden, die ja nicht auf mich, sondern auf andere gerichtet ist …

„Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“ (Konfuzius)

… dann hieße das im Umkehrschluss: Abhängigkeit. Ich finde das Glück nicht in mir. Denn dazu muss ich ja lieben.

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Moment mal: Kommt hier nicht die Selbstliebe ins Spiel? Liebe ich mich selbst – was spricht auch dagegen? – dann ist es durchaus möglich, das Glück in sich selbst zu finden. Oder zumindest: Einen Teil des Glücks, einen sehr wichtigen Teil. Selbstliebe macht unabhängig. Denn wenn mich meine heiß geliebte Partnerin verlässt (für immer, für einen zweiwöchigen Urlaub), dann verlässt mich das Gefühl des Glücklichseins nur dann, wenn ich es mir nicht auch selbst geben kann. Ist es ein Urlaub, aus dem sie wieder kommt, dann wird aus dem elenden Vermissen ein sehr süßes Gefühl…

Ich weiß nicht genau, warum, aber der 90er-Jahre Acid-Track „Amphetamine“ von Drax LTD II aka Thomas P. Heckmann macht mich glücklich. Er ist ein Knopf, der Glücksgefühle ausschüttet. Ich könnte nun sagen: „Ich liebe diesen Track!“ Aber nein, ich liebe ihn nicht. Er erzeugt eine biochemische Wirkung, wie die Glocke beim Pawlowschen Hund den Hund nicht hungrig macht, sondern „nur“ den Speichelfluss erzeugt.

Und hier kommen wir zum Abschluss der Zitatkritik: Sehr einfach gesagt, hat Hesse absolut recht. Doch schauen wir genauer hin, dann sind das Glück und die Liebe zwar eng miteinander verwoben, doch dasselbe sind sie nicht. Es gibt weitaus bessere Zitate zum Thema „Glück & Liebe“, trotzdem erfüllt Hesses Zitat genau das, was ein Zitat erfüllen sollte: Eine vereinfacht dargestellte Erkenntnis.

„Liebe ist eine tolle Krankheit – da müssen immer gleich zwei ins Bett.“ (Robert Lembke)

 

kinski

Über Dominic Memmel

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5 Antworten zu Zitatkritik: „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“

  1. Olaf Hantl schreibt:

    EIN MENSCH, DER DICH LIEBT

    Wenn du einen Menschen gefunden hast,
    der dich liebt, hast du das Kostbarste gefunden,
    das auf Erden gefunden werden kann. Dann ist
    der Schatz dein, den die Schatzgräber vergeb-
    lich suchen, die Feinperle über allen Wert, das
    Kleinod, von dem die alten Bücher sagen.
    Laß die andern auf Thronen sitzen, laß sie
    Reichtum haben, Rang und Würden, Ruhm,
    weltlichen Erfolg, laß sie große Gelehrte und
    Künstler sein: wenn sie keinen Menschen kennen,
    der sie liebt, sind sie arm in all ihrer Fülle.
    Liebe ist ein Wort für viele Dinge. Da läuft
    einer flüchtiger Freude nach, erreicht sie und
    nennt sie Liebe. Da liebt einer Tiere, da liebt
    einer die Natur, die Einsamkeit, die Gesellschaft,
    da liebt einer tote Gegenstände, Bequemlich-
    keiten, Speisen und Tränke. Da liebt einer einen
    anderen Menschen sogar — und liebt nur sich
    selbst in ihm. Und im Augenblick, wo er nicht
    mehr geliebt wird, endigt auch seine Liebe, die
    eine Liebe der Bedingungen und Bedenken war.
    Aber hier ist die Liebe des einen Menschen
    zum anderen Menschen gemeint, die Liebe ohne
    Bedenken und Bedingungen. Die eine wahr-
    hafte, unsterbliche Liebe, die Liebe, die
    nicht von dieser Welt und doch von dieser Welt
    ist, die Liebe, die um der Liebe willen liebt.
    Die Liebe des einen Menschen zum andern
    Menschen, die sich frei gemacht hat von aller
    Sucht und Begier und deren oberstes Gebot
    durch das Wort »Dienen!« umschrieben wird.
    Diese Liebe ist langmütig und freundlich,
    sie eifert nicht und treibt nicht Mutwillen, sie
    ist demütig und stellt sich nicht ungebärdig.
    Sie sucht nicht das ihre, läßt sich nicht er-
    bittern, rechnet das Böse nicht zu, freut sich
    nicht am Ungerechten, doch an der Wahrheit,
    verträgt alles, glaubt alles, duldet alles — und
    höret nimmer auf. Ja, die Hymne des Apostels
    wird verwirklicht und dir vorgelebt durch den
    einen Menschen, der dich liebt.
    Vermag ein Mensch so zu lieben? Ist ein
    Mensch solcher überirdischer Liebe fähig?
    Er ist es, weil wahrhafte Liebe den Menschen
    mit überirdischer Kraft begabt. Weil die Liebe
    eines solchen Menschen gleichsam nicht mehr
    im Menschensein verwurzelt ist, im süchtigen
    Selbst, sondern im außermenschlichen Ich, das
    wandellos ist und über jeden Tod.
    Ein Mensch, der dich wahrhaft liebt, ist
    dein bester Lehrer, dein gütigster Führer, dein
    weisester Berater. Er ist der Priester, der dich
    die heiligen Gesetze des Lebens erkennen läßt
    und dich so zum Menschen weiht. Er ist der
    Erwecker deiner reinsten Gefühle, deiner wür-
    digsten Impulse, deiner edelsten Gedanken. Er
    ist vielleicht deine zweite Mutter oder dein zweiter
    Vater, und vielleicht fühlst du erst durch ihn, was
    eine Mutter oder ein Vater ist.
    Du darfst Fehler machen, irren, darfst ihn
    verletzen, beleidigen, erniedrigen, verkennen,
    geringschätzen: deine schlechten Taten werden
    vor diesem Menschen sein wie Wolken, die du
    selbst vor eine unwandelbar strahlende Sonne
    rückst, die nicht aufhören kann, dir ihr Licht
    zu geben. Wenn du ungläubig bist, wird dieser
    Mensch dich glauben machen an die ewigen
    Dinge, glauben an deine höhere Bestimmung.
    Ja, durch ihn erst wirst du erfahren und er-
    kennen, was du bist und was du taugst. Niemand
    wird dich erbärmlicher machen, niemand er-
    habener. Durch ihn wirst du etwas vom Wesen
    Gottes erkennen und deine Vernunft, dein Besser-
    wissen besiegt sehen. Denn was dieser Mensch
    dir offenbart, geht über alles, was die Wissen-
    schaft offenbaren kann. Er ist das lebendige
    Opfer, das sich hingibt für dich, er ist der Ver-
    zicht, damit du nichts entbehren mögest. Ja,
    er verwirklicht ein überirdisches Prinzip.
    Ein solcher Mensch ist zurückgetreten aus
    den Reihen der übrigen Menschen, die spielen
    und dies Spiel das Leben nennen. Er scheint
    eingereiht in die Gemeinschaft der Heiligen,
    denen Dienerschaft die eigentliche Nahrung und
    Wonne der Zeit ist, und die nur von einer ein-
    zigen Gewalt bis in die Tiefen ihres zarten Wesens
    erschüttert werden können: von der Gewalt der
    Unliebe.
    Ein Mensch, der dich wahrhaft liebt, ist dir
    Heimat und Pol in dieser ziellosen, heimatlosen
    Welt, wo die Seelen darbend suchen und einsam
    sind in ihren Leiden und Freuden. Hast du
    einen solchen Menschen gefunden, dann mußt
    du nichts mehr suchen: dann ist der Schatz
    dein, die Feinperle, das Kleinod.
    Mache dich würdig, Schüler und Schützling
    eines solchen Menschen! Bedenke, Empfänger,
    Nehmer, Nutznießer einer solchen Liebe, daß
    die Tage für dich kommen, wo auch du ein
    solcher Mensch geworden sein mußt: Lehrer,
    Führer, Berater der andern! Denn viele sind, die
    nach solchen Menschen verlangen, und wenige,
    die zu geben vermögen, was verlangt wird.

    Aus „EIN MENSCH, DER DICH LIEBT“
    Betrachtungen, Parabeln und Gedichte
    von Max Hayek, Wien 1930

    Max Hayek (1930) vs. Hermann Hesse (1918)

    DU BIST LIEBE!

    Ich denke, wenn man sich dessen bewusst wird und in seinem Gegenüber erkennt, dann kommt man der ganzen Idee, die sich dahinter verbirgt, einen großen Schritt näher.

    Tipp: Osho: Weißt du wirklich, was Liebe ist?

    Ich weiß es und ich behalt’s – solange ich lebe – für mich 🙂

    „Liebe ist eine tolle Krankheit – da müssen immer gleich zwei ins Bett.“ (Robert Lembke)

    • dwm-coachings.de schreibt:

      Das widerspricht sich selbst doch sehr: „Die selbstlos-erfüllende Liebe, ohne die das Leben keinen Wert hat.“ Wenn Sie damit aber glücklich sind, dann sei es Ihnen von Herzen gegönnt.

    • dwm-coachings.de schreibt:

      Von Osho würde ich ja abraten. Aber da heter so seine Präferenzen. Und wenn jemand einen Partner als einen Schatz bezeichnet, der jetzt dein ist (also Besitz), dann gruselt es schon auch ein bisschen.

      • Olaf schreibt:

        „I Want to Know What Love Is“ by Foreigner (1984)

        „Liebe ist die Musik deines inneren Wesens.“
        http://www.astrologon.com/jyotish/osho.htm
        … kannst du dir ja vllt. trotzdem mal durchlesen – du, ihr, sie oder wer auch immer.
        http://www.osho.com/de/deutsche-zitate/osho-zitate

        „Die Psychologie der Übertragung“ von Carl G. Jung. Eine Theorie, die mit meiner Vorstellung von Liebe, weitestgehend übereinstimmt.
        Für mich ist es eine Art von psychischem Stress, den wir nicht als solchen wahrnehmen –
        sind es sogenannte Archetypen, die uns auf ihre Art mitteilen, dass sie Liebe weder brauchen noch geben können.
        Sag zu ’ner Frau oder ihm: „ich schenke dir mein Herz!“ und schon bricht dein Gegenüber in Panik aus – und weil das alles keinen Sinn ergibt, tun wir es solange, bis wir es verstanden oder unser Ziel erreicht haben.
        Das mit seiner Übertragung, hätte C. G. Jung seinerzeit verallgemeinern sollen.
        Dann würde man Liebe heute mit: „Liebe ist eine neurotische Störung oder Krankheit.“ umschreiben.
        „Liebe ist eine tolle Krankheit – da müssen immer gleich zwei ins Bett.“ (Robert Lembke)

        Zu dem Text von Hayek. Ich ersetze das „dich“ mit Seele oder Gott als Begriff und Gegenpart und erkenne dann etwas, dass meiner Idealvorstellung entspricht.

        1. Johannes 4,8 und 16 sagen uns: „Gott ist Liebe“. Es gibt keine wichtigere Aussage als diese — Gott ist Liebe. Das ist eine profunde Aussage. Gott liebt nicht einfach nur; er ist Liebe. Seine Natur und sein Wesen ist Liebe. Liebe durchdringt sein ganzes Wesen und all seine anderen Attribute, sogar seinen Zorn und seine Wut. Weil Gottes eigentliche Natur Liebe ist, muss er Liebe demonstrieren, genauso wie all seine anderen Eigenschaften, weil ihn das rühmt. Die Glorifizierung Gottes ist die höchste, beste und das nobelste aller Taten. Er muss sich also selbst glorifizieren, da er das Höchste und Beste ist und er alle Herrlichkeit verdient.
        http://www.gotquestions.org/Deutsch/warum-liebt-uns-Gott.html

        „Liebe ist die tiefste Form des Zusammenseins, sie führt zu den höchst möglichen Glücksgefühlen! Das Gegenteil ist Einsamkeit.“

        Ich war meine ganzes Leben lang alleine und nicht eine Sekunde unglücklich.
        Die Einsamkeit? Die kenn‘ ich nicht, die kannst du mir ja mal vorstellen.
        http://www.msdmanuals.com/de-de/profi/psychische-störungen/persönlichkeitsstörungen/schizoide-persönlichkeitsstörung-sps
        … die begleitet mich, seit ich auf der Welt bin. Dachte mir, die stell‘ ich dir mal vor.

  2. Olaf Hantl schreibt:

    Aus Martins Tagebuch

    Vorgestern war der wichtigste Tag meines Lebens. Da habe ich zum ersten Male etwas erlebt und zu spüren bekommen, was ich vorher gar nicht kannte und wovon mir doch jetzt scheint, ich habe es immer und immer gesucht und geahnt, mein Leben lang. Es hängt mit den Träumen zusammen. Diese hatten mich ja schon immer beschäftigt, und oft war ich erstaunt und traurig darüber, wie flüchtig Träume sind, wie schnell sie am Morgen vergehen, wie schüchtern sie vor der leisesten Berührung mit der Vernunft davonlaufen.

    Wie oft, wie unendlich oft in meinem Leben, bin ich in meinem Bett erwacht und hatte ein neues Gefühl in mir, etwas Schönes, anderes, unbeschreiblich Neues, Zartes, Liebes, Seltsames, Witziges! Zwischen mir und der ganzen Welt schien eine neue Beziehung aufgegangen zu sein, ein neuer Sinn schien mir geworden, der die Wahrnehmungen meiner alten, gewöhnlichen Sinne ganz neu verband, bestätigte und auch veränderte. Ein Blinder, der an einer Rose riecht und sie betastet, und dem nun plötzlich die Augen aufgehen und zu ersten Mal zum Getasteten und Gerochenen, auch noch das sichtbare Bild der Blume zu eigen wird, der müsste ähnliches empfinden. Ich hatte zum Gesicht, zum Tastsinn, zum Gehör, Geruch und Geschmack noch einen weiteren Sinn, ein weiteres Fühl – und Wahrnehmungsvermögen empfunden, oder erfunden. Wenn ich mich dann besann, so fiel mir oft ein Traum oder der Rest eines Traumes ein, den ich in der Nacht gehabt. Ich hatte fliegen können. Ich hatte eine Geliebte gehabt, die ich zu mir her ziehen und rufen konnte, ohne einen Ton oder einen Wink, die zart und gefühlig, einfach jeder Regung meiner Seele folgte. Ich hatte Luft trinken können wie Wein, oder in Wasser atmen wie in Luft.

    Mit dem Gedächtnis an den Traum, leuchtete dann immer die neue Empfindung nochmals innig und verlockend auf, schon mit dem wehmütigen Glanz des Abschiednehmenden und Unwiederbringlichen. Dann kamen die Gedanken hinterher, das völlige Erwachen und Bewusstwerden, und der Traum und sein Glück wurde ferner und unwirklicher, und wenn ich aus dem Bette stieg, war fast alles schon wieder weg und verloren und nichts blieb mir zurück, als ein leises und banges Gefühl von Verlust und Bestohlen sein, gemischt mit einem Gefühl, das ähnlich schmeckte wie schlechtes Gewissen – so, als hätte ich etwas Dummes getan, als hätte ich mich geschädigt und selber betrogen.

    Manchmal dachte ich dann, eben das Träumen sei es, das man als Selbstbetrug anklagen und abtun müsse. Es war aber umgekehrt: das Träumen war das Wertvolle, und das Abtun, Richten und Verwerfen des Traumes, war der Unsinn, war die Schädigung. Einige Male war ich schon ganz, ganz nahe bei dieser Erkenntnis, fühlte sie schon wie einen gefangenen Vogel mir in der Hand flattern, und verlor sie wieder, und blieb traurig und verarmt zurück. – Jetzt habe ich sie in Händen, meine neue Erkenntnis, oder Erfahrung, oder wie man es nennen will. Was ich alsdann für mich allein dachte und spann, ist wohl nicht des Erzählens wert. Aber je älter ich wurde und je schaler die kleinen Befriedigungen mir schmeckten, die ich in meinem Leben fand, desto mehr wurde mir klar, wo ich die Quelle der Freuden und des Lebens suchen müsse. Ich erfuhr, dass Geliebt werden nichts ist, Lieben aber alles, und mehr und mehr meinte ich zu sehen, dass das, was unser Dasein wertvoll und lustvoll macht, nichts anderes ist als unser Fühlen und Empfinden. Wo irgend ich etwas auf Erden sah, das man „Glück“ nennen konnte, da bestand es aus Empfindungen. Geld war nichts, Macht war nichts. Man sah viele, die beides hatten und elend waren. Schönheit war nichts, man sah schöne Männer und Weiber, die bei aller Schönheit elend waren. Auch die Gesundheit wog nicht schwer; jeder war so gesund als er sich fühlte, mancher Kranke blühte bis kurz vor dem Ende vor Lebenslust, und mancher Gesunde welkte angstvoll in Furcht vor Leiden hin. Glück aber war überall da, wo ein Mensch starke Gefühle hatte und ihnen lebte, sie nicht vertrieb und vergewaltigte, sondern pflegte und genoss. Schönheit beglückte nicht den, der sie besass, sondern den, der sie lieben und anbeten konnte.

    Es gab vielerlei Gefühle, scheinbar, aber im Grunde waren sie eins. Man kann alles Gefühl Wille nennen, oder wie immer. Ich nenne es Liebe. Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. Jede Bewegung unsrer Seele, in der sie sich selber empfindet und ihr Leben spürt, ist Liebe. Glücklich ist also der, der viel zu lieben vermag. Lieben aber und Begehren ist nicht ganz dasselbe. Liebe ist weise gewordene Begierde; Liebe will nicht haben; sie will nur lieben. Darum war auch der Philosoph glücklich, der seine Liebe zur Welt in einem Netz von Gedanken wiegte, der immer und immer neu die Welt mit seinem Liebesnetz umspann. Aber ich war kein Philosoph.
    Auf den Wegen der Moral und Tugend aber, war für mich auch kein Glück zu holen. Da ich wusste, glücklich machen kann nur die Tugend, die ich in mir selbst empfinde, in mir selbst erfinde und hege- wie konnte ich da irgendeine fremde Tugend mir aneignen wollen! Aber das sah ich: das Gebot der Liebe, einerlei ob es von Jesus oder von Goethe gelehrt wurde, dies Gebot wurde von der Welt völlig missverstanden! Es war überhaupt kein Gebot. Es gibt überhaupt keine Gebote. Gebote sind Wahrheiten, wie der Erkennende sie dem Nichterkennenden mitteilt, wie der Nichterkennende sie auffasst und empfindet. Gebote sind irrtümlich aufgefasste Wahrheiten. Der Grund aller Weisheit ist: Glück kommt nur durch Liebe. Sage ich nun „Liebe deinen Nächsten!“ so ist das schon eine verfälschte Lehre. Es wäre vielleicht viel richtiger zu sagen: „Liebe dich selbst so wie deinen Nächsten!“ Und es war vielleicht der Urfehler, dass man immer beim Nächsten anfangen wollte.

    Jedenfalls: das Innerste in uns begehrt Glück, begehrt einen wohltuenden Zusammenklang mit dem, was ausser uns ist. Dieser Klang wird gestört, sobald unser Verhältnis zu irgendeinem Ding ein andres ist als Liebe. Es gibt keine Pflicht des Liebens, es gibt nur eine Pflicht des Glücklichseins. Dazu allein sind wir auf der Welt. Und mit aller Pflicht und aller Moral und allen Geboten macht man einander selten glücklich, weil man sich selbst damit nicht glücklich macht. Wenn der Mensch „gut“ sein kann, so kann er es nur, wenn er glücklich ist, wenn er Harmonie in sich hat. Also wenn er liebt. Und das Unglückliche in der Welt, und das Unglück bei mir selber kam also daher, dass das Lieben gestört war. Von hier aus wurden mir die Sprüche im Neuen Testament plötzlich wahr und tief. „So ihr nicht werdet wie die Kinder“ – oder „Das Himmelreich ist inwendig in euch“. Dies war die Lehre, die einzige Lehre in der Welt. Dies sagte Jesus, dies sagte Buddha, dies sagte Hegel, jeder in seiner Theologie. Für jeden ist das einzig Wichtige auf der Welt sein eigenes Innerstes – seine Seele – seine Liebesfähigkeit. Ist die in Ordnung, so mag man Hirse oder Kuchen essen, Lumpen oder Juwelen tragen, dann klang die Welt mit der Seele rein zusammen, war gut, war in Ordnung.

    Nichts vermag der Mensch so zu lieben wie sich selbst. Nichts vermag der Mensch so zu fürchten wie sich selbst. So entstand zugleich mit den anderen Mythologien, Geboten und Religionen des primitiven Menschen auch jenes seltsame übertragungs – und Scheinsystem, nach welchem die Liebe des Einzelnen zu sich selber, auf welcher das Leben ruht, dem Menschen für verboten galt und verheimlicht, verborgen, maskiert werden musste. Einen Anderen zu lieben galt für besser, für sittlicher, für edler, als sich selbst zu lieben. Und da die Eigenliebe nun doch einmal der Urtrieb war und die Nächstenliebe neben ihr niemals recht gedeihen konnte, erfand man sich eine maskierte, erhöhte, stilisierte Selbstliebe, in Form einer Art von Nächstenliebe auf Gegenseitigkeit. So wurde die Familie, der Stamm, das Dorf, die Religionsgemeinschaft, das Volk, die Nation zum Heiligtum. Der Mensch, der sich selber zuliebe nicht das kleinste Sittengebot übertreten darf – für die Gemeinschaft, für Volk und Vaterland darf er alles tun, auch das Furchtbarste, und jeder sonst verpönte Trieb wird hier zu Pflicht und Heldentum. So weit war die Menschheit bis jetzt. Vielleicht würden auch die Götzenbilder der Nationen mit der Zeit noch fallen, und in der neu entdeckten Liebe zur ganzen Menschheit käme vielleicht die alte Urlehre wieder neu zum Durchbruch.
    Solche Erkenntnisse kommen langsam, man windet sich zu ihnen in Spiralen hinan. Und wenn sie da sind, so ist es, als habe man sie im Sprung, im Nu erreicht. Aber Erkenntnisse sind noch nicht Leben. Sie sind der Weg dazu, und mancher bleibt ewig auf dem Wege. Auch ich ahnte den Weg, glaubte ihn bestimmt zu wissen, und kam doch nie so recht vorwärts auf ihm. Es gab Fortschritte und Rückschritte, Eifer und Missmut, Glauben und Enttäuschung. Und vermutlich wird es die immer geben.

    Jetzt bin ich einen Schritt weiter, seit vorgestern. Da ist es mir zum ersten Mal geglückt, etwas festzuhalten, was sonst immer auf der Flucht war, etwas eine Weile zu eigen zu haben, was ich sonst nur wie einen fernen Goldvogel fliegen sah. Mein Erlebnis ist dieses: ich habe vorgestern zum ersten Mal den Sinn und das Glück, das Wesen und die Lehre eines nächtlichen Traumes mit in den Tag hineingenommen. Ich hatte stundenlang Beziehungen zur Welt, die man sonst nur im Traume hat. Ich hatte stundenlang Fähigkeiten, die man sonst am Tage nicht hat. Ich werde mich hüten, das zu erzählen. Dies erste Erlebnis ist mir viel zu lieb, viel zu zart, viel zu heilig, viel zu schimmernd und geheimnisvoll golden, als dass ich versuchen möchte, es in die Finger zu nehmen, es mit Gedanken, Worten und Tinte zu beschmutzen. Aber das Erlebnis hat sich wiederholt, gestern und heute. Ich wünsche, dass es sich an hundert und tausend, an allen Tagen wiederhole, es soll aufhören, ein Geheimnis und Wunder zu sein, es soll Tag und Natur werden, soll mir gehören und zur Selbstverständlichkeit werden.

    Hermann Hesse (1918)

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