Zitatkritik: „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“


Zitate sind eine schöne Sache, denn meist bringen sie komplexe (oder zumindest interessante) Zusammenhänge leichtfüßig auf den Punkt. Doch nicht jedes Zitat macht Sinn, nur weil es in Anführungszeichen steht. So auch obiges Zitat von Hermann Hesse: „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ Eine kleine Zitatkritik.

zitat

Eine Aussage über Glück und Liebe ist schon etwas anderes, als eine Aussage über den Sinn des Eismanns im Kino. Da hat Hermann Hesse also ordentlich einen rausgehauen – was man aber auch mal so machen kann. Tiefstapeln ist keine Pflicht, vor allem nicht für einen Schriftsteller wie Hesse. Man denke dabei nur an Siddhartha, Hesse konnte liefern. Welche Weisheit oder welchen Unsinn er uns aber mit obigem Zitat geliefert hat, werden wir gleich sehen.

Zuvor ein wichtiger Hinweis: Das Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen. Der Zusammenhang ist mir nicht bekannt, da war ich zu faul zu recherchieren. Zudem ändert es nichts an der Sache: Das Zitat geistert zusammenhanglos durchs Netz, also beziehe ich mich mit meiner Zitatkritik auch ebenso zusammenhanglos auf die reine Aussage. Und nicht auf Hesses eigentliche Einstellung zu Glück und Liebe. Ob „Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.“ diese Einstellung tatsächlich wiederspiegelt ist dabei irrelevant.

„Glück ist Liebe, nichts anderes.“ Das ist seine Aussage. Er begründet sie mit: „Wer lieben kann, ist glücklich.“ Schauen wir uns nun die Begründung an.

Wer lieben kann, ist glücklich.

Ein riesiges Fass ist hier aufgemacht. Ist wirklich jeder Mensch unglücklich, der nicht lieben kann? Also im Umkehrschluss? Und da sagen uns die Psychologie, die Hirnforschung, die Sozialforschung, die Religionen und der eigene Erfahrungsschatz: Ja! So komplex das Thema Liebe ist, so schwer fassbar das Thema Glück, Hesses Begründung trifft den Kern des Pudels. Liebe ist das tiefst mögliche Gefühl von Gemeinschaft: „Wir lieben uns!“ Und da ist es egal, ob ich meine Geliebte meine, die Kinder, die besten Freunde, die Familie oder „nur“ die Theatergruppe, die ich vor zehn Jahren gegründet habe. Liebe ist die tiefste Form des Zusammenseins, sie führt zu den höchst möglichen Glücksgefühlen! Das Gegenteil ist Einsamkeit. Was ich hier felsenfest behaupten kann (tiefe Bindungen erzeugen Glück), wurde übrigens sehr gut erforscht:

Glück ist Liebe, nichts anderes.

Dass wir hier von Glück als Gefühl reden, nicht vom Zufallsglück (Lotto usw.), ist ja klar. So sehr ich Hesses Begründung unterschreiben würde, so kritisch sehe ich allerdings seine Behauptung, dass Liebe und Glück dasselbe seien. Ja, Liebe erzeugt Glück. Wenn sie aber dasselbe sind, dann kann nur die Liebe das Gefühl von Glück erzeugen. Ich gehe nun einmal von mir aus: Wenn ich ein Talent an mir entdeckt habe, dies über einen längeren Zeitraum pflege und somit zu einem guten Ergebnis komme, dann macht mich das glücklich. Würde ich mein Glück nur in der Liebe finden, die ja nicht auf mich, sondern auf andere gerichtet ist …

„Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“ (Konfuzius)

… dann hieße das im Umkehrschluss: Abhängigkeit. Ich finde das Glück nicht in mir. Denn dazu muss ich ja lieben.

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Moment mal: Kommt hier nicht die Selbstliebe ins Spiel? Liebe ich mich selbst – was spricht auch dagegen? – dann ist es durchaus möglich, das Glück in sich selbst zu finden. Oder zumindest: Einen Teil des Glücks, einen sehr wichtigen Teil. Selbstliebe macht unabhängig. Denn wenn mich meine heiß geliebte Partnerin verlässt (für immer, für einen zweiwöchigen Urlaub), dann verlässt mich das Gefühl des Glücklichseins nur dann, wenn ich es mir nicht auch selbst geben kann. Ist es ein Urlaub, aus dem sie wieder kommt, dann wird aus dem elenden Vermissen ein sehr süßes Gefühl…

Ich weiß nicht genau, warum, aber der 90er-Jahre Acid-Track „Amphetamine“ von Drax LTD II aka Thomas P. Heckmann macht mich glücklich. Er ist ein Knopf, der Glücksgefühle ausschüttet. Ich könnte nun sagen: „Ich liebe diesen Track!“ Aber nein, ich liebe ihn nicht. Er erzeugt eine biochemische Wirkung, wie die Glocke beim Pawlowschen Hund den Hund nicht hungrig macht, sondern „nur“ den Speichelfluss erzeugt.

Und hier kommen wir zum Abschluss der Zitatkritik: Sehr einfach gesagt, hat Hesse absolut recht. Doch schauen wir genauer hin, dann sind das Glück und die Liebe zwar eng miteinander verwoben, doch dasselbe sind sie nicht. Es gibt weitaus bessere Zitate zum Thema „Glück & Liebe“, trotzdem erfüllt Hesses Zitat genau das, was ein Zitat erfüllen sollte: Eine vereinfacht dargestellte Erkenntnis.

„Liebe ist eine tolle Krankheit – da müssen immer gleich zwei ins Bett.“ (Robert Lembke)

 

kinski

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