Ein IT-Aussteiger berichtet!


„Deine Zukunft liegt in der IT-Branche!“ schallt es den frisch gekneteten Abiturienten eimerweise entgegen. Gleich einem Bluetooth-gesteuertem Staubsauger saugt eine ganze Branche die jungen, ahnungslosen Leute ein, verspricht ihnen Glück, Wohlstand und einen eigenen Apfel. Doch wo endet der IT-Wahn? Wir haben einen Aussteiger befragt.

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MfIS: Guten Tag Herr Christian Paul Unikorn, kurz CPU, wie Sie von Ihren Kollegen genannt wurden. Wie geht es Ihnen heute, ein halbes Jahr nach Ihrem Ausstieg?

CPU: Danke, es geht so. Ich vermisse die Wii und den Tischkicker in unserem… äähhh, dem firmeneigenen Eventspace.

Sie waren IT-Mitarbeiter bei einem der angesagtesten Start-Ups im Bereich ‚Internet Facilities Security and Sweetness Managment Stores and Sales‘ – und Sie vermissen am Meisten den Pausenraum?

Den Pausenraum? Nein, so etwas gab es bei uns nicht.

Aber Sie sagten doch…

Ich sprach von der Wii und dem Tischkicker im Eventspace. Das hat doch mit Pause nichts zu tun!

Sondern?

Der Eventspace ist ein multisozialer Raum, unterfüttert von Gehirn- und Flexibilitätstrainingsmaßnahmen. Hier wird hart gearbeitet. Vieleicht sogar am härtesten, denn im Eventspace arbeiten die Mitarbeiter an sich selbst und der firmeninternen Personal-Structural-Developement-Mass.

Sie meinen also, Wii und Tischkicker spielen waren Ihre härtesten Hürden in diesem Job.

Es war das Härteste, was ich jemals erlebt habe. Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, gegen die fette Gudrun ein Wii-Tennismatch zu verlieren!? Wie die sich dann freut… da tanzt die auf und ab mit ihren Riesen-Arschbacken! Furchtbar, ich hätte jedesmal laut aufweinen können!

War es nicht zumindest ein bisschen härter, jeden Morgen aufstehen zu müssen, um einem solch sinnlosen Lebenswandel zu fröhnen, wie er in der IT-Branche gelebt wird? Wo Starbucks für Intellektualität und Workout für Gesundheit stehen?

Früh aufstehen? Nein. Wir hatten Gleitzeit. Es war unserem Chef egal, wann und ob wir arbeiteten. Die Hauptsache: Wir sind fully-motivated und straight-goal-orientated.

Das klingt alles sehr angenehm – im Gegensatz zum Job als Müllmann, zum Beispiel. Der Müllmann muss früh raus, sein Arbeitsmittel stinkt noch mehr als die Achsel der fetten Gudrun, und eine Wii und einen Tischkicker gibt es da auch nicht. Was also hat Sie so fertig gemacht, dass Sie nun seit fast sechs Monaten Ihre Aktienanteilsgewinne im Kurhotel „Rhönrauschen“ ausgeben?

Ach ja, das alles zusammen. Und noch mehr. Meine besten Freunde waren meine Kollegen. Die Kantine war sehr, sehr gut, sogar das vegane Dessert kam nach dem Rezeptbuch des Sternekochs Ralph Sprüsan. Ich hatte einfach alles, sogar Sex mit der 18-jährigen Sekretärin aus Pakistan. Ich glaube, irgendwann wurde mir das alles zu viel.

Zu viel des Guten? Oder haben Sie eine Schlechtigkeit in Ihrem Schaffen entdeckt?

Mein Schaffen war mein Leben. Noch heute trage ich ein brustgroßes Tattoo des Firmenlogos auf dem Rücken. Firmensocken, Firmenbettwäsche, Firmenkugeschlreiber… als ich meiner damaligen Freundin ein Kochbuch unserer Firmenkantine schenken wollte, da hat sie mir reflexartig ins Glied gebissen. Das war, so glaube ich, der erste Moment des Nachfühlens: Irgend etwas stimmte hier nicht. Und dann noch das viele Blut! Ich war ziemlich verwirrt.

Und dann setzte ein Umdenken ein?

Nein. Ich war entsetzt! Ich hab sofort – nach einer kurzen WhatsApp-Beratung mit meinem Sales-and-Management-Team – Schluss gemacht. Wie konnte sie nur nicht verstehen, dass es einfach kein besseres Kochbuch gibt? Und keinen besseren Ort auf diesem Planeten, als die Firma. Sie sollte ein Teil dieses Glücks werden, indem ich ihr half, unsere Wohnung an die Firma anzupassen. Für unser freies Zimmer hatte ich schon eine Wii und einen Tischkicker besorgt – dass ihr Gedanken „wir brauchen bald ein Kinderzimmer“ ziemlich blödsinnig war, das hätte sie dann schon verstanden. Mit welch impulsiver Reaktion, ja geradezu animalisch, sie das Kochbuch abgelehnt hatte, das war mir ein deutliches Zeichen: Ich hatte mir einen Hippie ins Haus geholt! Meine Kollegen bestätigten meine Ansicht, also trennte ich mich.

Doch jetzt sind Sie auch Ihren Job los. Fehlt Ihnen Ihre Freundin da nicht? Zumndest ein bisschen?

Nein. Sie kann ja nicht mal nach Ralph Sprüsan kochen!

Das ist hart!

Das ist einem Menschen nicht würdig! Ralph Sprüsan! Der Sternekoch!

uschi manisch(Uschi [mitte] ist talentfrei, kinderlos, herrisch und manisch depressiv – also die perfekte Bereichsleiterin im weiten Feld des IT-Buisness)

 

Trotzdem haben Sie sich von Ihrem Leben als IT-Mitarbeiter getrennt. Sie beschreiben sich selbst als „Aussteiger aus der Szene“. Das klingt fast schon nach Drogen. Nach Sucht.

Ja. Und das ist es auch, eine Sucht. So warm und einkommenskräftig diese Szene auch ist. Sie höhlt dich aus. Es ist wie bei Heroin, vieleicht sogar noch schlimmer.

Erklären Sie mir das, bitte.

Eine Drogenszene ist nicht nur von Suchtmitteln geprägt – hier das Herion, dort der Eventspace und der Kontostand. Es bindet dich nicht nur die Droge an sich, es bindet dich die Szene: Du hängst nur noch mit den gleichen Leuten in den gleichen Räumen ab. Bei meiner Heroinsucht in der Jugend war es schon genauso. Mein damaliger Betreuer hat mich nach meinem Ausstieg immer gewarnt: Ich sei ein suchtaffiner Typ. Doch wie perfide die IT-Branche daherkommt, da kommt nicht mal Ali mit, mein damaliger Dealer.

Zum Beispiel?

Ali hatte nur einen ranzigen Gamecube. Das ist von der Wii weit entfernt. Und den durfte ich auch nicht länger als fünf Minuten benutzen. Außerdem haben Dealer keine Kantine. Wenn, dann gibt es ein Stück alte Fertigpizza. Aber Köstlichkeiten a la Ralph Sprüsan kannst du beim Dealer vergessen. Bei dem kommt man zumindest noch raus zum Dönermann. In der Firma war es sogar verpönt, auswärts essen zu gehen. Da ist man völlig abgeschirmt. Selbst die Ausrede „Heute kocht Mutti!“ wurde schnell gekontert mit: „Ach was, Mutti soll mal in der Kantine vorbei kommen. Da spart sie sich das Kochen. Hier, ein Gästepass, den schenk ich dir für deine Mutti. Einfach so. Ohne Gegenleistung.“ Und nach kurzer, eindringlicher Anschaupause: „Sag mir bescheid, wenn du einen Termin mit deiner Mutti ausgemacht hast. Also zum essen. Ich sprech mal mit dem Koch, vielleicht hat er etwas ganz Besonderes drauf. Nur für deine Mutti. Nur von Ralph Sprüsan!“

Und so waren Sie Gefangen in einem Gefängis ohne Türen.

Türen gab es schon. Aber das waren alles so geräuschlos aufgleitende Glastüren mit Logo drauf. Da wird man echt wahnsinnig!

Wann kamen Sie zu dem Entschluss, auszusteigen?

Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Eines Tages kamen Kinder zu Besuch. So ein Schulprojekt. Sie sollten sehen, wie cool arbeiten sein kann. Aus ihren kleinen Köpfen ragten Antennen heraus, die ein rotes Blinklicht an ihren Spitzen hatten. Wie kleine Funkmasten. Und als man sie an einen der Rechner ran ließ, da drehten die Bälger völlig durch.

kids manisch(manische Kinder, während ein sog. „Programm“ ihren Schädel aushöhlt)

Das war dann zu viel für Sie?

Ja. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Ist das wirklich wichtig, was wir hier machen? Ist es nur gehypter Kinderkram? Warum schauen diese Bälger so immens scheiße aus, wenn sie bei einem „Game“ gewinnen? Sollen diese Roboter-Kinder mich ersetzen? Ja, es war zu viel, ein Shitstorm in meinem Kopf! Ich habe nicht einmal gekündigt, ich bin einfach gegangen.

Und jetzt?

Jetzt baue ich die Firma zuhause nach. Ohne Kinder und Kinderkram. Während ich hier im „Rhönrauschen“ der Unterwassermusik lausche, ist ein ganzes Heer an Arbeitern damit beschäftigt, mir das perfekte Zuhause zu schaffen: Meine Firma, samt Kantine und Eventspace. Samt Wii und Tischkicker. Samt Logo und Mitarbeitern. Dann bin ich glücklich! Denn dann kann ich auch in meiner Firma übernachten!

Vielen Dank für das Gespräch.

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