Zu Tode behütet – Warum Leben auch mal weh tun darf


Dass wir unsere Kinder behüten, ist ein klarer Fall von „Die Zukunft erhalten“. Und schon bei diesen unfertigen, behütenswerten kleinen Menschlein lässt sich das Behüten übertreiben: Man denke nur an die Helikoptereltern, die ihrem Spross jegliche Möglichkeit zur Selbstentfaltung verbauen. Trial-and-Error ohne Trial und ohne Error. Wirklich spannend wird die Sache mit dem Behüten, wenn wir unseren Fokus auf die Welt der Erwachsenen lenken.

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„Machet sie Euch Untertan!“ hat vor mehreren tausend Jahren ein Autor geschrieben, offensichtlich emotional verwirrt, und dabei den Planeten Erde gemeint. Und wir haben ihn erhört und haben sie uns Untertan gemacht. Die größeren Raubtiere sind nahezu ausgerottet, die kleineren sind domestiziert. Der Mensch hat sich über alles erhoben, was ihn auf dieser Welt umgibt – ein absoluter Siegertyp! Nun hat dieser Siegertyp, der nicht anders kann als um den Sieg zu käpfen, keine Gegner mehr. Es wäre ja schön, wenn uns die bösen Außerirdischen endlich einen Besuch abstatten würden, so könnten wir unser irres Waffenarsenal endlich verwenden. Auch ein weltweiter Stromausfall einen ganzen Winter hinweg wäre mehr gut als schlecht, er würde unseren Leibern, die für das Leben in der Steppe gemacht sind, die verweichlichte Komponente austreiben. Doch leider beglücken uns weder der Stromausfall noch die aggressiven Aliens. Der Kampf gegen die Umstände fällt also aus (insofern wir den Klimawandel ausklammern).

Also bleibt uns nur eines: Wir müssen mit uns selbst vorlieb nehmen. Und das geht dann so: Bei 25° Celsius sitzen wir im ergonomischen Sessel und reiben unsere Kampfeslust passiv an Filmcharakteren oder aktiv an virtuellen Dummies, deren sehr beeindruckende Nahkampfwaffen unserem so schützenswerten Leib kein Härchen zu krümmen vermögen: Wenn mir bei Counter-Strike ein Gegner ins Gesicht schießt, bleibt mein Gesicht heil. Die reelle Gefahr ist null, der Körper lernt das und beginnt zu verfetten.

Der latente Zynismus in meinen Zeilen ist nicht zu übersehen. Will ich Dir damit also sagen: Der Leib (und die Seele gleich mit) ist gar nicht schützenswert? „Jein“ ist die klare Antwort. Und da Dir ein einfaches „Jein“ nicht weiterhilft, will ich Dir nun zwei Aspekte nahebringen, die am Menschen zu behüten sind:

1. Dauerhafte Unversehrtheit

Eine kleine Wunde hat noch niemandem geschadet. Man zerkratzt sich die Hände, man stößt sich das Knie, man wird verarscht, das gehört zum Leben dazu. Und es ist wichtig, denn die kleinen Schupser und Verletzungen lehren den Körper wie auch den Geist, gut zu funktionieren. Ein anschauliches Beispiel: Handwerker sind physisch sehr robuste Typen, einfach weil ihnen schon mehr als einmal das Werkstück aus der Hand gerutscht und auf den nackten Fuß gepoltert ist. Diese Versehrtheit ist aber kurzfristig – das ist der elementare Unterschied, ein gebrochener Finger ist kein gebrochenes Rückgrat. Zu behüten ist auf jeden Fall die dauerhafte Unversehrtheit in dem Sinne, dass ein Mensch – körperlich wie emotional – nicht nachhaltig zu schädigen ist. Man hat Menschen nicht vorsätzlich in solcherlei Situationen zu bringen, deren schädliche Folgen lange anhalten. Hierin unterscheidet sich die Ohrfeige vom Krieg.¹ Aber Achtung: Was man ertragen kann, dazu soll nicht automatisch aufgerufen sein. Also Finger Weg von der Ohrfeige, so harmlos sie auch klatschen mag!

2. Physische und psychische Resilienz

Nicht nur die Unversehrtheit ist schützenswert, auch die Resilienz. Zum Verständnis will ich Resilienz salopp mit Widerstandskraft übersetzen – auch wenn das nicht ganz richtig ist.² Das heißt, es ist eine schützenswerte Fähigkeit, Stress, Wunden (körperlich wie emotional), Schläge (heutzutage vor allem emotional), Belastungen und so weiter nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervor zu gehen. „Was uns nicht umbringt macht und stark!“ ist da natürlich der falsche Ansatz und eher für solche Doofköppe wie Bernd „Björn“ Höcke geeignet. Die machen sich damit Mut und fühlen sich hart, weil sie ja notorisch hart mit stark verwechseln. Falsch ist der Ansatz schon deshalb, weil ein Rückgratbruch mich zwar nicht umbringt: Stark macht der aber sicherlich nicht, sondern höchstens querschnittsgelähmt. Resilienz – das ist bekannt – braucht Training. Und Training, sei es physischer oder psychischer Natur, kommt ohne Muskelkater und blaue Flecken nicht aus. Wo wir wieder beim gebrochenen Finger wären, denn auch der fällt unter die Kategorie „Ruhig bleiben, das geht vorüber“.

Flirten kann auch schief gehen, wir brauchen uns deshalb nicht vor der Situation des Flirtens behüten. Eine heiße Liebesnacht kann auch mal mit Müdigkeit und „unrundem Laufen“ am Folgetag enden, trotzdem brauchen wir uns nicht vor der heißen Liebesnacht behüten. Klare Kante zeigen kann auch mal anecken, wir brauchen uns deshalb nicht davor behüten, auch mal klare Kante zu zeigen. Jede zwischenmenschliche Situation kann ein gekrümmtes Haar oder ein beleidigtes Gegenüber hinterlassen, wir brauchen uns deshalb nicht vor zwischenmenschlichen Situationen behüten. In unserer westlichen Welt aus Luxus und Sicherheit, in der wir selbst noch das Frühstück in die beheizte Wohnung bestellen können, ist es vielmehr die Resilienz, die wir behüten sollten. Behüten heißt erhalten – und die Resilienz erhalten wir durch Training. Die Angst steht dem Training entgegen, sie hält uns davon ab, kleine Wehwehchen in Kauf zu nehmen. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber und kleine Wehwehchen sind gesund – insofern sie nicht bewusst gesucht oder als an-sich-gut propagiert werden (hier soll es um die Folgen gehen). Erfreust Du Dich daran, mit Beulen, Ohrfeigen und blauen Flecken locker umgehen zu können, so wird Dir auch der gebrochene Finger keine allzu großen Sorgen machen. Und wenn das Schicksal mal wirklich schlimm um die Ecke kommt – was passieren wird – dann bist Du darauf vorbereitet.

Hart oder Stark?

Wer hart ist, hat eine Mauer um sein Inneres gebaut. Eine harte Wand, die nichts durchdringt. Wirklich nichts? Falsch! Der Boden, auf dem eine jede innere Mauer steht, ist weich und durchlässig – es sind die ausgewiesener Maßen harten Charaktere, die nur weinen, wenn sie alleine sind.³ Eine Mauer ist immer auch ein Gefängnis. Stärke hingegen bedeutet Offenheit: Ich lasse die Dinge, die auf mich einprasseln, in mein Seelenleben hinein. Wer stark ist, kann mit den Schwierigkeiten des Seins gut umgehen, indem er sie in sein Leben integriert. Nicht umsonst sagt man: „Stark ist, wer Schwäche zeigt.“ Denn Schwächen haben wir alle – die Frage ist: Sind wir stark genug, mit ihnen umzugehen?

Um noch einmal auf die Verfettung einzugehen, die auch metaphorisch für eine Verfettung des „psychischen Körpers“ stehen kann, hier eine wunderbare (preisgekrönte!) Folge aus der Serie „Southpark“, die einem hier und da durchaus etwas abverlangt. Verlange auch Du Dir hin und wieder etwas ab. Um es mit „Southpark“ zu sagen: Nur so gelangst Du an Das Schwert der Tausend Wahrheiten.

Ganze Folge hier kostenlos ansehen: http://www.southpark.de/alle-episoden/s10e08-make-love-not-warcraft

 

¹) Eine einfache Ohrfeige ist nicht mehr als ein körperlich fühlbares Stoppschild. Schön ist es nicht, auch nicht empfehlenswert, viel zu oft auch niederträchtig. Doch das sollte man abkönnen.

²) Streng genommen bedeutet die Resilienz die Fähigkeit, negativen Input möglichst schadfrei zu verarbeiten. Widerstandskraft heißt ja, dass ich etwas überstehe, bis es vorbei ist. Die Verarbeitung kommt hinterher, also die eigentliche Resilienz: Wie gehe ich hinterher damit um, was ich erlebt habe? Resilienz hat also durchaus einiges mit erlernbaren Verarbeitungs-Taktiken zu tun. Für unsere Betrachtung über das Behüten ist diese Unterscheidung jedoch vernachlässigbar.

³) Ich erinnere mich an einen Abend, als ein harter Harley-Fahrer anno 1999 in meinen damals noch sehr jungen Armen lag und geweint hat, wie ein kleines Kind. Seine Frau hatte ihn verlassen und die harten Jungs an der Theke der MC-Vereinskneipe waren ihm wohl keine große Hilfe gewesen. Da war der harte Mann ganz weich geworden – und siehe da, es ging ihm anschließend viel besser. Dass ich mich mit der Gang dann anderweitig überworfen habe, ist eine andere Geschichte…

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