Sei achtsam… aber nicht zu sehr!


Achtsamkeit ist eines dieser Worte, an denen sich die Geister scheiden. Gerne und höchst humorfrei wird es im Personal-Coaching verwendet, frei von unnötigen Anglizismen also in der Persönlichkeits-Förderung. „Sei achtsam!“ heißt es da schnell. Und gemeint ist vor allem: „Sei achtsam Dir selbst gegenüber!“ Und sicherlich, in einer Wettbewerbs-Gesellschaft kommt die Selbst-Achtsamkeit viel zu kurz. Burnout- und Depressionszahlen zeigen es in alarmierender Deutlichkeit. Also können wir die Sache doch abkürzen: Sei achtsam! Und wer das nicht verstanden hat, belege bitte schleunigst ein Achtsamkeits-Seminar? Nein, ganz so einfach ist es nicht.

achtsam

I. Achtsamkeit wird gerne mit stetiger Ruhe und Gelassenheit gleichgesetzt.

Und schon haben wir den ersten kapitalen Fehler begangen. Sicherlich sollten wir die meiste Zeit ruhig und gelassen sein. Auch ist es wünschenswert, diese Ruhe und Gelassenheit beizubehalten, wenn wir in eine stressigere Situation geraten. Ein immer wieder gern gewähltes Beispiel ist der Stau: Der eine Fahrer dreht im wahrsten Sinne am Rad, der andere schaltet das Radio an und entspannt. Unser Menschsein ist tatsächlich darauf ausgelegt, den Großteil der Zeit in Ruhe zu verbringen. Das heißt aber auch, dass ein gelegentlicher, wohldosierter Adrenalinausstoß ist wichtig. Es ist medizinisch bekannt, dass ein stetiges Level an Adrenalin extrem schädlich ist, gelegentliche Spitzen allerdings sehr gesund sind. Einer permanenten Ruhe fehlen solche Spitzen, die für unsere Physis ein wichtiges Training darstellen. Es wird die Motorik trainiert, die körperliche Spannkraft, die Reaktionsfähigkeit und vieles mehr. Nicht zuletzt braucht auch die Resilienz immer mal wieder einen Stress-Trigger, um möglichst gut funktionieren zu können. Es ist ähnlich wie mit dem Immunsystem: Je weniger Training unter Stressbedingungen, desto schwächer. Gar kein Stress und Dauerstress sind hingegen höchst problematisch. Achtsamkeit heißt also auch, darauf zu achten, dass eben jene gelegentlichen Stresmomente ihren Raum bekommen. Sie sind Teil des Lebens – und auf das Leben ist der lebendige Organismus samt seiner Psyche ausgelegt.

 

II. Achtsamkeit wird gerne als „zudeckende Methode“ verwendet.

Was heißt das nun für uns? Es gibt „zudeckende“ und „aufdeckende“ Methoden im Umgang mit Allerlei. Nehmen wir als Beispiel die herunter gefallene Pizza: Einen Teppich über die Pizza zu legen ist eine zudeckende Methode – das Problem wird unsichtbar gemacht. Was meistens wenig sinnvoll ist, denn dadurch vergrößert sich ein Problem im Regelfall. Zumindest aber verschiebt es sich, aus Stress wird Konzentrationsschwäche, aus Konzentrationsschwäche wird Kopfschmerz, und so weiter. Wenn es nun nach mehreren Wochen in der Küche furchtbar stinkt, dann wäre eine weitere zudeckende Methode der leidige Raumlufterfrischer. Er überdeckt den Gestank. Eine aufdeckende Methode wäre es, den Teppich weg zu nehmen, um nachzusehen, was da so stinkt. Der Nachteil der aufdeckenden Methoden liegt auf der Hand: Man muss der Ursache in die Augen sehen – um die Ursache zu entfernen, sich oftmals die Hände schmutzig machen.

Nun ist gerade die oben erwähnte permanente Ruhe und (pseudo-)Entspannung eine stark zudeckende Methode: „Ich sehe kein Problem! Da ist kein Problem! Alles ist gut!“ Nun zeigen Sie mir den Menschen, bei dem wirklich alles gut ist. Sie werden ihn nicht finden, es gibt ihn nicht. Bin ich aber wirklich achtsam mir selbst gegenüber, dann ist es so, wie auf die Küche zu achten: Der Teppich wird beiseite genommen, das Problem erkannt und bestenfalls gelöst. Ja, richtig, es ist der schwierige Weg. Doch genau dafür gibt es Handschuhe.

 

III. Achtsamkeit als Ideologie

Das Wesen der Achtsamkeit ist mit dem Wesen der Ideologie nicht wirklich zu vereinen. Achtsamkeit ist in höchstem Maße individuell: Was für den einen gut ist, ist für den anderen schlecht. Achtsamkeit heißt, auf sich selbst zu hören. Auf das Bauchgefühl, auf Instinkt und Intuition. Vielleicht ist es in genau diesem Moment richtig, etwas nicht zu tun, doch nur fünf Minuten später ist es richtig, es doch zu tun. Achtsamkeit benötigt zu ihrer vollen Entfaltung also ein Höchstmaß an Flexibilität. Genau das Gegenteil von Individualität und Flexibilität verkörpert aber die Ideologie. Sie ist für eine möglichst gleich geschaltete Masse gemacht, da hat die Achtsamkeit wenig Platz.

Trotzdem – und hier kommen wir wieder zum zudeckenden Mechanismus – wird Achtsamkeit oftmals ideologisch propagiert. Die verwendeten Methoden sind dann meist die Suche nach der oben schon erwähnten permanenten Ruhe. Es geht hier nicht um Achtsamkeit, sondern um das schnelle Geld. Und für schnelles Geld sind die zudeckenden Methoden natürlich erste Wahl: Sie tun nicht weh und wirken sofort. Nur eben nicht lange – man denke dabei an den Teppich über der Pizza oder einen Großteil der Produkte der Pharma-Industrie. Die aber wirklich entspannten Menschen, haben sich ihren Problemen gestellt. Und – genau da liegt ein großes Missverständnis – auch diese haben manchmal Stress. Sie wissen um das, was wir „Leben“ nennen.

 

IV. Sei achtsam… aber nicht zu sehr

Achtsamkeit ist gesund. Es ist die Grundhaltung, in sich hinein zu fühlen. Auf sich selbst acht zu geben. Innere Prozesse, psychische, somatische und psychosomatische Prozesse zu erkennen, zu verstehen und sich ihren Ursachen zu stellen. Doch wie eine Mutter ihr Kind überbehüten kann (eine Kindheit ohne aufgeschürfte Knie ist eben keine Kindheit), so kann man es auch bei sich selbst mit der Achtsamkeit übertreiben. Es sollte nicht vergessen werden, dass die Achtsamkeit „nur“ ein Mittel zum Zweck ist. Und der Zweck ist eben kein möglichst behütetes, sondern ein möglichst lebenswertes Leben.

Und wenn Sie trotz aller Achtsamkeit einmal nicht weiter wissen, haben Sie keine Scheu: dwm-coachings.de

 

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