Das Gute am Bösen – Sexualität


Konrad Lorenz postulierte einst das „sogenannte Böse“¹ und meinte damit – vereinfacht gesagt – folgendes: So schrecklich die Taten und Gedanken der Menschen sein mögen, sind sie doch Folgen unseres triebgesteuerten Seins. Auch wenn eine Tat zu Recht als abgrundtief böse bezeichnet werden darf, so ist der dahinter stehende Handlungsimpuls doch etwas Anderes. Er hat einen triebhaften Drang zur Grundlage, welchen der Täter nicht unter Kontrolle bringen konnte. So wie das wehrlose Opfer, hatte also auch der Täter ab einem gewissen Punkt keine Chance mehr. Und manchmal ist das sogar gut so…

weapon-424772_960_720

Wollen wir das Böse zuerst in zwei sehr unterschiedliche Teilbereiche gliedern. Von Vollständigkeit kann in einem Blogartikel zu einem so weitgreifenden Thema natürlich keine Rede sein.

Gewalt gilt als böse, wobei die körperliche Gewalt oftmals mit einem größeren Vorwurf behandelt wird, als die psychische Gewalt. Gerade im Rahmen von sogenannten gewaltfreien Szenen, herrscht oftmals ein Übermaß an psychischer Gewalt – verschleiert und geduldet. Psychische Gewalt ist meist weniger greifbar als körperliche, denn sie hinterlässt kaum sichtbare Spuren. Ein Schuss in den Bauch hinterlässt eine klaffende Wunde, ein – im übertragenen Sinne – Stich ins Herzen hinterlässt nicht mehr als einen schwer zu deutenden Blick. Gewalt also, egal in welcher Form, fällt, wenn man sie denn moralisch werten möchte, unter den Begriff des Bösen.

Ein gänzlich anders gelagertes Böses als die Gewalt stellt die Sexualität dar. Der sexualfeindliche Einfluss eines gewissen Paulus² auf die christliche Lehre war immens. Die Sexualität galt fast zweitausend Jahre lang als schmutzig, verdorben und – böse. Der Teufel höchstselbst, sowie seine vornehmlich weiblich-sinnlichen Anhänger/innen (z.B. die mittelalterlichen Hexen) sind allesamt sehr sinnliche, freizügige Wesen. Doch wird ihre lustvolle Art nicht positiv gewertet, wie es eigentlich sein sollte, sondern als Mittel zur Verführung zum Bösen. Und wie das Ziel des Werkzeugs ist auch das Werkzeug selbst ein Teil des Bösen. Kurz gesagt: Die Sexualität ist böse, denn sie ist des Teufels. Unzählige christliche Darstellungen belegen diese Sichtweise, wie zum Beispiel folgende von John Roddam Spencer Stanhope:

John_Roddam_Spencer_Stanhope_-_Eve_Tempted,_1877

Um die Daumenschraube der Pikanterie nun weiter anzuziehen, möchte ich nun Sexualität und Gewalt verbinden.

Beginnen wir mit der psychischen Gewalt. Hierzu gibt es tatsächlich wenig Gutes zu sagen. Psychische Gewalt ist ein erschreckend weit verbreitetes Mittel, um Menschen sexuell gefügig zu machen. Sei es durch eine hierarchische Stellung (man denke nur an solche Typen wie Harvey Weinstein oder Jimmy Savile), sei es durch subtile Beeinflussung, wie sie beispielsweise in der oft zu Unrecht glorifizierten „Kommune 1“ Gang und Gäbe war (der Spruch „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ spricht Bände). Nicht zuletzt die Jahrtausende alte Unterdrückung der Frau ist eine – perverser Weise institutionalisierte und vergesellschaftlichte – Form der psychischen, sexualisierten Gewalt.

Etwas positiver zu sehen ist natürlich die Master/Slave-Symbiose im BDSM: Der Sklave will gedemüdigt und unterworfen werden, oftmals das Gegenteil zu seinem Alltag. Der Master hingegen steht auf die Kontrolle, die er oder sie über den hörigen Sklaven ausüben kann. Insofern alle Beteiligten sich ihrer Rolle einig sind, gibt es dagegen nicht viel einzuwenden. Doch haben wir es hier mit einer Sonderfrom der Sexualität zu tun, die im Allgemeinen wenig Relevanz besitzt. Bis auf Exoten der Sexualität ist die psychische Gewalt in Verbindung mit der Sexualität folglich klar und deutlich abzulehnen.

girl-2134813_960_720 (1).jpg

Nun wollen wir zur körperlichen Gewalt im Rahmen der Sexualität übergehen. Hier sind – wie schon bei der psychischen Gewalt – zwei Seiten scharf zu trennen: 1. Gewalt gegen den Willen einer oder mehrerer Personen. 2. Beide Beteiligten wünschen sich die Gewalt als luststeigerndes Element. Dass wir die erste Seite sowohl moralisch als auch kriminologisch deutlich abzulehnen haben, liegt wohl auf der Hand. Niemand darf durch irgend eine Form der Gewalt zu etwas gezwungen werden, was sie oder er nicht wünscht. Gewalt gegen den Willen einer Person ist nicht weniger als Missbrauch.

Wie sieht es nun mit der zweiten Variante aus? Die Gewalt ist gewünscht, sie intensiviert die Lust und wird durch körperliche Grobheiten und passendes Spielzeug gefördert. Selten ist der sogenannte Lustschmerz der zentrale Punkt, der allerdings auch in der „normalen“ Sexualität (was bitte ist normal?) eine Rolle spielt. Sicherlich können Schmerzen erregend wirken: Sie zwingen die Konzentration auf das Körpergefühl und verstärken somit auch die erotischen Gefühle. Des Weiteren erzeugt ein plötzlicher Schmerzreiz etwas ganz Ähnliches, wie es die Desinformation³ in der Kommunikation vermag: Der Mensch möchte heraus aus den Schmerzen – bei Lustschmerz allerdings ambivalent – und nutzt daher jede sich bietende „Ausfahrt“ mit Vollgas. Ist diese Ausfahrt erotischer Natur, so lässt sich leicht ausmalen, wohin die Reise gehen kann.

Ein entscheidendes Element bei lustvoller Gewalt ist die Mischpoke aus Macht, Kontrolle, Ohnmacht und Fallenlassen. Nehmen wir das Fesselspiel als Beispiel. Im Entführer-Entführten-Verhältnis ein rein egoistisches Machtinstrument, an welchem das Opfer sicherlich keine Freude hat, lohnt sich im Rahmen der Sexualität ein genauerer Blick auf das „Opfer“ – das ja keines ist, da es sich diese Rolle wünscht.

Eine relativ normale Vorform des Fesselspiels ist es, einen Partner oder (meistens) eine Partnerin fest am Haar im Nacken zu halten, so dass er oder sie das Gefühl hat, der – wohlgemerkt angenehmen – Situation nicht mehr entrinnen zu können. Trotz des festen, unnachgiebigen Griffs ist die liebevolle Zärtlichkeit dabei nicht ausgeschlossen. Um beim klassischen Bild zu bleiben: Der Mann zeigt der Frau seine Kraft – die Frau möchte von diesem kraftvollen Männerkörper, der ihr absolut überlegen ist, auch kräftig geliebt werden. Der Mann überwältigt und gibt, die Frau lässt sich fallen und nimmt.

woman-1369253_960_720

Unterwerfung ist nicht mit Unterdrückung zu verwechseln. Wer als Mann eine Frau unterdrückt (dies gilt übrigens auch anders herum), der zeigt vor allem seine Schwäche im Umgang und seine Angst vor dem weiblichen Geschlecht. Dies ist nicht gerade selten, und sei es nur als ungelebte Phantasie, denn für die meisten Männer sind Frauen unergründliche, dunkle Wesen, die ihn ängstigen. Der arme Mann wird von unserer Gesellschaft zum Herrscher stilisiert, doch viele können – und wollen in ihrem unbewussten Kern! – diese Rolle nicht erfüllen. Kompensationen in diesem Spannungsfeld können die absurdesten Blüten tragen: Jeden Tag tötet in Deutschland ein Mann seine Frau. Sicherlich aus verschiedenen Gründen, oftmals aber mag der Keim im eben skizzierten Dunstkreis liegen.

Nun aber zurück zum Fesselspiel. Nur ein verschwindend geringer Bruchteil an Personen unserer westlichen, vielleicht sogar der gesamten Welt, ist dazu in der Lage, im Alltag loszulassen. Die Dinge laufen zu lassen, ohne sie zu kontrollieren. Mann und Frau müssen in ständiger Selbstkontrolle ihr Leben meistern, oft ist der Partner oder die Partnerin auch ein Teil dessen, was es zu managen gilt. Der Mensch strebt nach Ausgleich, je schwerer das Gewicht auf der einen Seite, desto stärker schlagen natürlich die Spitzen auf der anderen Seite aus. Eine gewaltvolle Unterwerfung kann hier lustvolle Kompensation sein. Fallenlassen und Kontrolle abgeben in extremer Form.

Doch wo bleiben hier die natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau? Warum sehen sich gerade Frauen nach einem Mann, der sie „anpackt“ – ohne dabei unterdrückt oder gebrochen zu werden? Warum sind unterwürfige Männer ungleich weicher und weinerlicher in ihrer Kontrollhergabe (stichwort: Pampern)? Und wo liegt die Grenze zwischen Lust und Schaden, wo die zwischen Normalität und Perversion? Wo bleibt der Vater, wo die Mutter – und ihre Folgen? Und was ist mit all den Spielarten, die bisher nicht zu Wort gekommen sind?

Fragen, die nur ein Buchwerk und das Leben, nicht aber ein Blogartikel beantworten kann…

 

 

¹) Konrad Lorenz „Das sogenannte Böse“ 1963

²) Paulus von Tarsus, christlicher Apostel, 10-60 n.Chr.

³) siehe Paul Watzlawick „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ (1976)

 

Advertisements

Über dwm-coachings.de

http://dwm-coachings.de https://www.facebook.com/DWM-Coachings-209193643092462
Dieser Beitrag wurde unter dwm-coachings, Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s