Die Nähnadel der Wahrheit


„Die Faust der Wahrheit“, „Der Krieg der Gerechten“ und „Das Schwert der Wahrheit“ sind nur drei von ungezählten martialischen Beschreibungen, wie der starke Charakter die Wahrheit in unserer verlogenen Welt zu führen hat: Einer Waffe gleich! Doch diese Denkweise hält das Ministerium für Innere Schönheit für den falschen Ansatz und möchte gerne anders nähen.

800px-Felting_needles

 

Wozu ist die Wahrheit gut, genauer gefragt: Wozu ist die Suche nach der Wahrheit gut? Ganze Berufszweige haben sich der Suche nach der Wahrheit verschrieben. Das Richterwesen, das Anwaltswesen, das Bildungswesen, die Religion, die Forschung ganz im Allgemeinen. Natürlich stinkt der große Anspruch oft gewaltig, gerade Bildung, Anwälte und Religion nutzen den Wahrheitsanspruch oft nur für die Legitimation diverser eigennütziger Lügengebilde. Doch soll dieses Fass, dessen Boden in den rauchenden Tiefen der Hölle liegt, für den heutigen Gedankengang verschlossen bleiben. Die Suche nach der Wahrheit… tasten wir uns voran.

Der Partner nervt, das Auto ist kaputt, der Arbeitgeber stresst, das Wetter ist scheiße, der Kinofilm, auf den man sich so lange gefreut hat, war eine gewaltige Enttäuschung. Etwas Frust tragen wir doch alle in der Seele. Ungesund ist es, den Frust in sich hinein zu fressen. Ungesund ist es aber auch, sich als Ventil ein unschuldiges Opfer zu suchen. Nun wäre es doch ein Geschenk, unehrlich behandelt zu werden und sich dadurch quasi gezwungen zu fühlen, mal auf den Tisch zu hauen. Oder ins Gesicht! Wer kennt sie nicht, die heiße Wut, von einem anderen Menschen mutwillig ins falsche Licht gestellt zu werden? Der Buhmann, die Schmähfrau zu sein? Quasi Opfer einer Lüge zu werden? Es brodelt in der Seele, man möchte die Faust gegen solcherlei Ungerechtigkeit erheben, am besten hält man noch ein Schwert in dieser Faust: Das Schwert der Gerechtigkeit! Was folgt ist der Krieg, denn (das ist der Wahrheit und der Lüge doch egal, wie herum sie daran beteiligt sind) Gewalt erzeugt Gegengewalt, Gegengewalt erzeugt eine Gewaltspirale – und schon bricht er los, der Kreuzzug der Gerechten! Natürlich nur der Wahrheit wegen, jeder soll doch sehen, dass hier gelogen und betrogen wurde, mit Bumms und Knall und tollen Effekten. Zudem – welch schöner Nebeneffekt – den Frust über den Stress mit Partner oder Chef kann man gleich mit ablassen. Oh Gerechtigkeit, was bist du doch für eine verlogene Sache!

„Das Schwert der Wahrheit“ mag einem ehrenhaften Gedanken folgen: der Suche nach der Wahrheit. Doch bleibt ein Schwert ein Schwert – und Schwerter sind zum Spalten da. Sie trennen nicht zuletzt die Menschen voneinander. „Die Faust der Wahrheit“ mag einem ehrenhaften Gedanken folgen: der Suche nach der Wahrheit. Doch bleibt eine Faust eine Faust – und Fäuste sind zum Zerschlagen da. Sie zerschlagen nicht zuletzt die Beziehungen der Menschen. „Der Krieg der Gerechten“ mag einem ehrenhaften Gedanken folgen: dem Sieg der Gerechtigkeit, somit auch der Wahrheit. Doch Krieg bleibt Krieg, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

„Die Nähnadel der Wahrheit“ benötigt etwas, was eine Faust, ein Schwert und ein Krieg nicht brauchen können: Fingerspitzengefühl. Wer näht, der verbindet, und wer verbindet geht den Weg des Friedens. Er schafft Frieden! Und dient die Suche nach der Wahrheit, so schmerzhaft sie teilweise auch sein mag, nicht letztendlich auch der Suche nach dem Frieden? Dem Frieden nicht nur der Menschen untereinander (dieser Aspekt wäre durchaus kritisch zu diskutieren), vor allem dem Frieden mit sich selbt und mit der Welt? Liegt das Schwert, begründet aus einem diffusen Frust, nicht gerne in der Hand – meinetwegen auch die subtilere Variante: die Giftspritze? Sind das Geschwisterpaar Wahrheit und Gerechtigkeit nicht allzu gerne eine Rechtfertigung dafür?

Einfach wäre es jetzt zu sagen: „Ich muss mich doch verteidigen!“ Aber natürlich! Ist der Angriff da, wird man mit Lug und Trug überzogen, soll man es wehrlos ertragen? Natürlich nicht! Doch mit dem Schwert kann man zertrennen, zerteilen, angreifen, sich wehren… nähen, also verbinden, kann man mit dem Schwert nun einmal nicht. Und mit der Nadel? Verbinden, selbstverständlich. So meint das Ministerium für Innere Schönheit: Das Werkzeug der Wahrheit ist die Nähnadel. Sie verbindet, sie verflechtet die Gedanken und Gefühle zu einem Teppich, auf dem man gut liegen kann. Doch wehrhaft ist die Nadel auch, denn sie ist spitzer als ein Schwert und härter als die Faust.

Nur Thulsa Doom mag dazu seine ganz eigene Sichtweise haben:

Advertisements

Über mfis

http://ohrengold.de http://twitter.com/#!/ohrengold https://www.facebook.com/innereschoenheit http://www.myspace.com/ohrengold
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s