NEED / GIVE: Ein Anonymer Schenker packt aus!


Das soziale Internet hat unser Leben grundlegend verändert. Das ist Fakt! Im Guten wie im Schlechten, schließlich hat jedes Ding seine zwei Seiten. Auch das ist Fakt! Relativ neu sind nun die sogenannten „Free-Your“-Bewegungen, kleine, unscheinbare Plattformen, auf denen man Dinge, Dienstleistungen, Kontakte und so weiter anbietet. Das mag gut und vernünftig klingen, doch das Erschreckende an dieser sogenannten „Bewegung“: Die Sachen sind umsonst!

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Gundel Käsemaus (Name geändert, Anm. MfIS) war viele Monate in einem solchen Netzwerk aktiv, verschenkte Bücher, Stühle und kaputte Tassen an wildfremde Menschen, erhielt selbst mehrere Blumentöpfe sowie einen halben Sack Erde. Sie war süchtig nach dem Mainzer Facebook-Netzwerk Free Your STUFF, verbrachte kaum einen Tag ohne zu schenken oder beschenkt zu werden, rutschte immer tiefer ab, traf sich zuletzt gar mit Menschen, die „…Geld grundsätzlich gar nicht mal so gut…“ finden! Doch Gundel Käsemaus schaffte den Ausstieg.

MfIS: Hallo Gundel, wie geht es Dir heute?

Gundel Käsemaus: Hallo! Mir geht es bedeutend besser als noch in Zeiten meiner Abhängigkeit.

Dem widerspricht, dass Du fast all Deinen Besitz verschenkt hast.

Ja, das ist leider wahr. Auch wenn ich nichts von dem wirklich gebrauchen konnte, was ich so verschenkt hab – wir leben hier ja eh im totalen Überfluss. Aber weg ist weg, es sind alles Dinge gewesen, die mich ein Leben lang begleitet haben!

Zum Beispiel?

Zum Beispiel habe ich zu meinem letzten Geburtstag (14.02., Anm. MfIS) einen Kreuzschlitzschraubendreher gekauft bekommen, doch ich hatte ja schon einen. Der Käufer, mein Bruder, konnte das natürlich nicht wissen. So aber behielt ich den neuen, besseren Schraubendreher und verschenkte das rumpelige alte Ding, ohne darüber nachzudenken. Ich hatte ihn viele Monate zuvor auf dem Mainzer Flohmarkt am Rhein für 30 Cent erstanden, er hätte mir vertrauter sein müssen, vielleicht… (Gundel Käsemaus wischt sich ein paar Tränen aus den Augen) vielleicht so, wie ein Hund.

Wann kamst Du auf den Gedanken, dass Du Dir und Deiner Umwelt mit dieser Verhaltensweise nur schaden kannst?

Och, das möchte ich in der Öffentlichkeit jetzt lieber nicht sagen.

Gut, Gundel, andere Frage: Wo genau liegt Deiner Meinung nach das Problem solcher Gruppen?

Das ist doch ganz einfach: Anstatt unnütze Dinge einfach wegzuwerfen werden sie hier in einen Quasi-Kreislauf gebracht. Beim Wegwerfen wird das Material meist vollständig recycelt und nahezu ohne Nutzwertverlusst in den ökonomischen Kreislauf zurückgeführt. Das sagt der nette Typ von der FDP ja auch immer! Aber bei Free Your STUFF werden die Gegenstände an Laien abgetreten, die von sich glauben, aus den Materialien noch einen Nutzen ziehen zu können. Im Endeffekt aber gehen die Sachen dann doch irgendwann kaputt. Es ist alles eine große Blase – am Ende verliert die Geldwirtschaft. Und wenn die Geldwirtschaft verliert, dann verlieren wir alle!

Du sagst: Laien glauben noch einen Nutzen ziehen zu können. Wie meinst Du das?

Nun ja, ich habe auch mal mehrere Bücher verschenkt, obwohl ich sie schon gelesen hatte. Das bereitet mir heute noch Gewissensbisse.

Weshalb?

Ja man kann ein Buch doch nicht beliebig oft lesen! Hier verschmiert ein Buchstabe, da fällt eine Seite heraus… und irgendwann ist der Inhalt komplett verfälscht. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie bekommen einen „Faust“ geschenkt, lesen ihn in dem Glauben, es sei ein „Faust“, dabei ist von dem „Faust“ nicht viel mehr übrig als ein dahin geschluderter Benjamin von Stuckrad-Barre. Das ist doch schrecklich, daran kann ein ganzes Studium, ein ganzes Leben zugrunde gehen!

Es gibt ja mehrere solcher Netzwerke, von STUFF über CRAFT bis SONSTWAS. Wo warst Du überall aktiv?

Haben Sie etwas Zeit mitgebracht?

Selbstverständlich.

Also gut. Das waren natürlich Free Your STUFF und Free Your CRAFT. Dazu kamen dann noch Free Your BOOK/MOVIE, Free Your JOB, Free Your FRIENDS, Free Your CAR, Free Your FOOD, Free Your MUSKLE und Free Your FLAT. Wie Sie sehen, ich war fast 24/7 damit beschäftigt.

Das klingt natürlich sehr erschreckend! Was glaubst Du, wie viele Abhängige haben diese Netzwerke heutzutage?

Darüber möchte ich mir keine Gedanken machen. Wenn das wirklich so weiter geht, wird irgendwann unser ganzes System zusammenbrechen. Was soll denn beispielsweise die Verpackungsmittelindustrie machen, wenn die Menschen nichts Neues mehr kaufen, sondern selbst den Silberlöffel von der Großmutter noch verwenden? Oder die Betreiber der Müllheizkraftwerke? Daran denken diese Leute natürlich nicht, in ihrem schenksüchtigen Wahn!

Nun hast Du, Gundel Käsemaus, diese kaputte Szene nicht nur erlebt, Du hast den Ausstieg geschafft. Wie schwer war das für ich?

Nun ja, im Vergleich zur Heroinsucht in meiner Jugend war der Ausstieg diesmal richtig hart. Ich hatte wochenlang Keller- und Dachbodenverbot, durfte weder Flohmärkte noch Ramschläden besuchen. Nur die nötigsten Dinge durfte ich nachkaufen, um nicht wieder in eine Versuchung zu kommen, wie es z.B. bei jenem Kreuzschlitzschraubendreher der Fall gewesen ist. Auch diese Facebook-Kontakte, die sich ja gerne gleich als „Freunde“ ausgeben, durfte ich nicht weiter treffen, weder im Chat noch direkt in einer dieser Gruppen. Neben der Sucht, das sollte man nicht vergessen, wird dem Süchtigen beim Entzug auch das gesamte soziale Umfeld genommen. Ich hatte nichts mehr, hatte alles verschenkt, mein Hab und Gut, meine „Freunde“, mein Leben! Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis ich clean war.

Eine letzte Frage: Wie gehst Du mit der Gefahr eines Rückfalls in die Schenker-Szene um?

Ich bin in die FDP eingetreten, da wird mir jedwede Uneigennützigkeit explantiert.

Gundel Käsemaus, ich danke für das Gespräch.

______________________________________________________________________

Nachtrag [August 2013]
Gundel Käsemaus ist wieder rückfällig geworden. Sie ist hat diese Woche folgenden „Stuff“ verschenkt:
– 1 Packung Knäckebrot
– 7 Nähnadeln
– 5 Titanic-Hefte
– 1 FDP-Mitgliedschaft

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4 Antworten zu NEED / GIVE: Ein Anonymer Schenker packt aus!

  1. mfis schreibt:

    Hat dies auf Rund um den Küchentisch rebloggt und kommentierte:

    Wichtige Warnung aus dem Hause MfIS! Für alle Facebook-Benutzer!

  2. nextkabinett schreibt:

    Hat dies auf Germanys next Kabinettsküche rebloggt und kommentierte:
    Das sind wirklich tragische Schicksale. Wie gut, dass Du darüber berichtest, bester MfIS.

  3. blackbug2014 schreibt:

    Könnt ihr mir beim Ausstieg helfen?

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