Berlin Schulz


Berlin Schulz

Ich hatte heute Nacht geträumt, ich wäre eine Stadt, als ich jedoch erwachte, da war ich ein Mensch. So etwas kann passieren, dachte ich zuerst, Träume sind schließlich oft und gerne sonderbar. Doch wie sehr ich mich auch bemühte, an ein Leben als Mensch vor dem heutigen Tage konnte ich mich nicht erinnern.
Ich stand auf und schlurfte recht kaputt und korpulent ins Badezimmer. So korpulent, dass ich kaum durch die Türe passte. Im Spiegel erwartete mich das lolitahafte Gesicht einer jungen Straßennutte, oder – was vom Äußeren oftmals wenig Unterschied macht – einer postpupertären Göre nach einer Nacht voll billigem Schnaps und Rattengift, die sich in deren Widerhall verwegen fühlt und doch nur üblich ist. Verwundert schlurfte ich zurück ins Schlafzimmer. Vor meinem Spiegelschrank machte ich kaum einen besseren Eindruck: das Gesicht eine schief stehende Fresse, das Make-Up machte es durch seine schiere Perfektion an mancher Stelle nur noch schlimmer (Kontraste, Freunde, wehret den Kontrasten!), jede vierte Pore auf der Haut, hinab bis zu den Zehen, war eine rot leuchtende, eitrige Baustelle. Immerhin war ich intim rasiert, ein schmaler Strich aus flauschigem, verklebten Fell. Verklebt? Da hatte ich mich wohl nicht mehr gewaschen, seit wer drin gerührt hat. Nur… wann war das? Und wer? Ach Gottchen, Letzteres ist doch egal!
Ich zog mich an. So wie sie aussahen, hatte ich die Klamotten einem Obdachlosen geklaut. Echter Obdachlosen-Chic, es gefiel mir, wie es mich von der Masse abgrenzte. In welche Richtung diese Grenze ging, war mir dabei egal. Ich warf mir den schmuddeligen Schal um, wie ein kleiner, schmutzig-brauner Fluss schlängelte er sich von meinem Hals bis über die Hüfte hinab. Ja, dieser Stil gefiel mir wirklich, er konterkarierte den gehobenen Modezirkus, war ein politisches Statement und damit – Jawoll! – ein Zeichen meiner charakterlichen Größe, meiner Intelligenz, meiner Überlegenheit über den Kapitalismus und alle Kriege und Tierfolterstationen dieser Welt! OK, ich hatte die Klamotten einem Obdachlosen geklaut. Na und!? Jeder muss etwas geben, im Kampf gegen die Banken und die Regierung und so, da kann sich der Penner auch nicht raus reden! Er friert jetzt für den guten Zweck.
Plötzlich fühlte ich mich leer und ausgebrannt. Ich brauchte Liebe, sofort! Nicht ficken, sondern Liebe! Also schnappte ich mir die Katze und drückte, nein, presste sie an meinen Leib, irgendwo zwischen Busen (zu klein) und Hals (zu dick). Die Katze krächzte. Mir doch egal, ich brauchte Liebe. Und wenn ich eines gelernt habe im Leben (obwohl ich mich an dieses obskure Leben nicht wirklich erinnern kann) dann ist es: „Nimm dir, was du brauchst, es wird dir keiner freiwillig geben. Und vergiss die scheiß ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ nicht!“ Vielleicht hatte ich das auch im Traum gelernt.
Nach der vielen Liebe mit meiner Katze hatte ich Streifen im Gesicht. Ein Pickel über dem linken Auge war komplett zur klaffenden Wunde mutiert, sah aus wie das Logo der AntiFa. Aber ich hatte Hunger und wenn ich Hunger habe, esse ich und mache keine Schönheits-OP. Ich bin ja nicht so ein Flittchen wie diese Klump, mir geht Fassade am Arsch vorbei! Gut, außer die Fassade gefällt mir richtig gut und hat eine politische Aussage. Und so Kunsthandwerk und Schmuck und selbstgemachte Taschen und alles aus buntem Strickzeug ist auch irgendwie geil, das packt mich, da kenn‘ ich nix und mach einfach mit.
Der Hunger trieb mich nach draußen, gegenüber hatte so ein Bio-Döner aufgemacht. Nur Bio und von echten Türken. Das ist original, da steh ich drauf, ich bin ja selbst ein Original! Also sah ich nach, ob noch genug Kohle in meinem Ofen steckte (so nenne ich meinen Geldbeutel) und machte mich los, die spiegelnde Plastikbrille tief ins Gesicht gezogen, so dass ich die Kinderarbeit nicht mehr sehen konnte, die so deutlich in ihr steckte. Auf dem Weg nach unten stieß ich einen ausgemergelten Typ mit cooler Frisur und Netzhemd und halbwüchsigem Moustache beiseite. Er guckte zwar ziemlich bescheuert drein und sagte was, aber der kurze Körperkontakt tat mir gut, darauf hatte ich es angelegt. Ich spuckte dem Typen trotzdem einen hässlichen Grünen auf den Rücken, als er an mir vorbei war. Ich hatte ihn nur ein wenig angerempelt, kein Grund ausfällig zu werden und mich zu beschimpfen! Sie fragen mich, was der Drecksbengel gesagt hat? Was weiß denn ich, darum geht es doch nicht – es geht um das Prinzip!
Ich warf die Schwingtür beiseite, als ich unten angekommen war, trat auf die Straße hinaus und vereinigte mich mit dem Bordstein. Ich meine, mein Fuß verwuchs mit dem Bordstein! Irgend etwas kam da von unten in meine Fußsohle herein, irgend eine Kraft durchflutete mich, ließ mich erstarren, hatte mich im Griff oder ich hatte sie im Griff. Es fühlte sich so an, als hätte ich den Boden durch meine Berührung zur Vereinigung gezwungen… Ampeln und Häuser wuchsen mir wie Gänsehaut am ganzen Körper, die Adern wurden Anthrazit, durchstießen meine Haut wie kleine Straßen, hier und da eine Allee, das Fleisch verwandelte sich in Beton und Häuser, die linke Titte wurde mir zur Weltzeituhr am Alexanderplatz und die rechte – passend! – zur Reichstagskuppel. Meine Eingeweide hämmerten von einem dumpfen Beat, der in ihnen geboren wurde, ein dummer Schranz mit locker 140 bpm – und dort, wo es so richtig weich ist, R’n’B und Disco-Tunes. Meine Pickel wurden Baustellen und U-Bahn-Tunnel, aus meiner Arschritze da schälte sich ein ICE zur Flucht hinaus, die Klamotten fielen mir vom Leib – nur der Schal blieb übrig, verwandelte sich in einen tristen Fluss… Grau in Grau, ich fühle mich alt und trostlos und verlebt.
Als ich stürzte oder aufquoll oder was auch immer da mit mir passierte, konnte ich das Klingelschild zu meiner Wohnung lesen: „Berlin Schulz“ stand da, der Nachname war zweitrangig und abgeblättert. Ja, der Traum war vorüber, ich wandelte mich wieder in die Stadt, in den Molch aus Asphalt, Coolness und Verlorenheit, den ich als Fleischkonstrukt im Spiegelschrank gesehen hatte.

Und David Bowie singt für mich!


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NACHTRAG: In Berlin Schulz längst ausgestorben, die Coolnessel.

Hey, Coolnessel, schau doch mal, eine Gruppe Tierschützer!

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