Buchkritik: „Störfaktor“ (Eric Frank Russell)


Ein Störfaktor ist immer etwas, das uns ziemlich auf die Nerven geht, zuweilen gar in den Wahnsinn treibt. Er ist eigentlich eine Kleinigkeit, an der aber die großen Dinge scheitern. In der recht lang geratenen Kurzgeschichte des 1978 verstorbenen Autors ist der Störfaktor nichts weniger als der Mensch, seine Phantasie, sein offensichtlicher Irrsinn.

Die Geschichte: Ein klappriges Raumschiff schmiert auf einem Planeten im Herrschaftsbereich der Kastaner ab, einer humanoiden Spezies, die sich vor allem durch körperliche Größe, geistige Stumpfheit und erschreckend routiniertes Beamtentum auszeichnet. Von den ‚Terranern‘ ist ihnen nicht sehr viel bekannt, sie werden befragt und als Gefangene auf den Gefängnisplaneten Gathin verschleppt. Dort angekommen lernen die sieben Astronauten, die sich schon jetzt als wenig kooperative Irre zeigen, eine besondere Eigenheit des Weltalls kennen: Ist ein Gefangener einmal gefangen, so verliert er seine Ehre, seinen Wunsch nach Freiheit; in vielen Jahrtausenden darauf konditioniert empfindet er sich als tot und fügt sich in sein Schicksal. Ausbrüche und Aufstände gab es noch nie, dies bewegt sich außerhalb der Vorstellungskraft der klumpköpfigen Gefängniswärter. Aber auch die Mitgefangenen, nachtaktive Aluesianer und dauerdepressive Stamen, vegetieren ohne Hoffnung hinter den Gefängnismauern (die übrigens nur dazu da sind, um Angriffe von außen abzuwehren.) Bald zeigt sich, dass die sieben Zwerge, denn Menschen sind für die anderen Völker Zwerge, nicht weniger wollen, als eben der Kieselstein zu sein, über den die Elefantenherde stolpert, dem ganzen System einen zu Twist geben, so dass es sich selbst erhängt. Ein Störfaktor.

Es würde nicht verwundern, wenn auch Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) diese feingeistige Geschichte aus den 50ern verschlungen, zumindest aber gelesen hat. Zu deutlich sind die Ähnlichkeiten zwischen Kastanern und Vogonen, im Aussehen als auch im Verhalten und der sie umgebenden grobschlächtigen Architektur. Nicht zuletzt ist es ein offenes Geheimnis, dass sich Adams auch von anderen sehr stark inspirieren ließ (z.B. Lem Sterntagebücher). Störfaktor ist eine durchaus ernst zu nehmende Geschichte, wenngleich sie vor Unsinn und Albernheiten schier auseinander fällt. Eine besonders schöne Albernheit ist, dass die von den Kastanern als „sieben Zwerge“ bezeichneten Menschenwesen instinktiv in der Befragung von einem achten Menschenwesen, einem weiblichen, berichten. Diese sei wohl nicht gefangen worden sondern „in den Wald gelaufen“, ihr Name ist Schneewittchen. Und tatsächlich starten die Kastaner eine große Suchaktion, denn vielleicht ist Schneewittchen die Frau oder Tochter eines hochgestellten ‚Terraner‘-Generals und damit eine wertvolle Geisel. Im Kern huldigt Eric Frank Russell mit seiner Geschichte der Fähigkeit des Menschen, schräg zu denken und mit einer Ausweitung des Intellekts auf das Irrationale mehr Lösungsmöglichkeiten zur Hand zu haben, als sie uns die nackte Logik bieten würde. Schließlich ist auch manche Schwierigkeit eher irrational.

Trotz eines Gefängnisplaneten als Spielort geht es in Störfaktor nicht allzu grausam zu. Es ist eine verspielte Geschichte, deren Welt und Protagonisten eher Mittel zum Zweck sind, als reale Charaktere, streng genommen könnte sie auch auf Französisch-Guayana angesiedelt sein. Eine literarische Metapher also, die als Pflichtlektüre für die Kinder enghirniger Beamter für viel Gutes sorgen könnte. Ein Loblied auf Witz und Phantasie!

Störfaktor ist unter anderem erschienen in der Reihe Unterwegs in die Welt von morgen des Verlags DAS BESTE. Hier zusammen mit dem ebenfalls lesenswerten dystopischen Roman Leben ohne Ende von George R. Stewart.

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