In Memoriam Stanisław Lem


Der Text stammt aus dem Hause MfIS, in Huldigung an diesen LEM, von dem man hier und da schon mal gelesen hat.

Das All ist keine zärtliche Geliebte. Es kratzt und beißt und mordet hinterrücks die Kinder, die es einst geboren hat. Schwarze Löcher zum Beispiel, die sich bis heute jeder stichhaltigen Erklärung entziehen und so Myriaden Forscher in den Freitod trieben, saugen ganze Sterne auf, zerrissen und verschlungen von einer unfassbar großen Masse auf kleinstem Raum. Aber wer weiß, vielleicht ist das Weltall nicht mehr als ein Eimer kosmischer Sangria und die Schwarzen Löcher sind die Strohhalme, mit denen die Götter oder sonst welche Touristen sich an uns ergötzen. An uns, an den Planeten, an den Sonnen und den Galaxien – und letzten Endes auch an jedem Eimer Sangria, der von den Menschen hergestellt aber nicht ausgetrunken wurde. Doch diese Theorie gehört ins Reich der Religionen und soll uns hier nicht weiter auf die Nerven gehen.

Eine andere, eine wissenschaftliche Theorie zu den Schwarzen Löchern besagt, dass sie gar nicht existieren. Das mag zunächst etwas unlogisch klingen, da wir sie ja in gewisser Weise auch beobachten können. Doch genau dieser kleine Aspekt, diese gewisse Weise, bekommt eine besondere Bedeutung. Denn tatsächlich beobachten wir nicht die Schwarzen Löcher selbst, sondern nur ihre Wirkung: die Krümmung des Raums um sie herum, die Krümmung der Zeit, die Gravitation, was jedoch alles enger miteinander zusammenhängt, als es dem Laien lieb sein mag. Nun sollten wir nicht vergessen, dass die menschliche Sicht der Dinge eine sehr subjektive ist. Ist etwas schön oder hässlich, richtig oder falsch, darüber wurden schon die wildesten Kriege geführt, ohne dass es zu einer endgültigen Klärung kam. Der Mensch besitzt zwar die Eigenschaft, alles verstehen zu wollen, was ja diese peinliche Arroganz impliziert, zu glauben, auch alles verstehen zu können. Doch das ist ein Trugschluss, nehmen wir nur die Unendlichkeit her, die der Mensch zwar beschreiben, aber nie und nie und nie wirklich zu erfassen – also zu verstehen! – in der Lage ist. „Was bei der Unendlichkeit beginnt,“ so die Theorie der Ignoranz (Ausgabe 14/2234aD) der Sinne von Prof. Wilhelm D. Molf, „endet im Unendlichen.“ Diesen höchst vernünftigen Gedanken führt der Professor bis zu dem Punkt weiter, dass er behauptet, Schwarze Löcher wären keine Gebilde sondern Ereignisse, die für unseren kleinen Geist jedoch so unfassbar sind, dass er auf Alternativen ausweicht: Krümmung, Gravitation, Sie wissen schon. Es werden also gar keine Sonnen eingesaugt, auch kein Licht, keine Galaxien, sondern nur die menschliche Vernunft. (Und mit der Künstlichen Intelligenz deren Referenzprodukt.) „Die Beeinflussbarkeit dieser beiden ist nun mal so stark,“ so Professor Molf in seinem allbekannten Werk, „dass die Auswirkungen jener unfassbaren Ereignisse sehr weit in unsre Sicht der Dinge reichen.“ Sprich: eigentlich seien die Galaxien keine Spiralen, denn die Spiralform ist ja wiederum den Gravitationskräften gigantischer Schwarzer Löcher in ihrem Zentrum geschuldet, die eben keine Schwarzen Löcher sind und gar keine Gravitation besitzen, sondern nur so unfassbare Ereignisse, dass unser Verstand – um bildlich zu sprechen – einen riesengroßen Bogen um sie macht. Dieser Bogen, der aber von unserem minderwertigen Verstand ausgeht, suggeriert eben die Spiralform. Und so grenzt es doch an ein Wunder, dass die Raumfahrt unter solch widrigen Umständen tatsächlich halbwegs funktioniert.

[…]

Die teuflischen Momente, in denen die Raumfahrt scheitert wie ein einjähriges Baby beim seinem ersten Versuch mit Messer und Gabel zu essen, waren uns nun mehr als bewusst geworden. Hoffnungslos zur Untätigkeit verbannt blickten wir den kläglichen Resten des Raumhafens nach, den wir soeben mit aller Konsequenz vernichtet hatten. Nicht, dass es unser Wunsch gewesen war oder wir den Gang der Dinge hätten ahnen können – und doch fühlten wir uns verantwortlich. Mehr sogar, wir fühlten uns schuldig, und Schuld ohne Vorsatz nagt nun mal gewaltig an der Seele.

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