Ein Spießbratenbrödle flog übers Kuckucksnest


Prolog

Man sagt, man ruft es gar, ich hätte keinen Tropfen Schamgefühl. Das stimmt aber nicht, denn ich bin ein Meister darin, mich fremd zu schämen und tue dies im Bus, auf der Arbeit oder in der Disco ohne Unterlass. Allein wenn ich Euch so betrachte, also wirklich! Aber mit der folgenden Geschichte hat das nichts zu tun.

1. Akt: Die folgende Geschichte

Ich war in der Nervenheilanstalt. In der berühmten Psychiatrie in Würzburgs mehr berüchtigt als berühmter Füchsleinstrasse, in der Klapse, Klapsenhausen, Irren-Center oder aber – um’s ganz klassisch zu beschreiben – in der Anstalt. Station West, aus dem Fahrstuhl raus, vierter Stock, dann links in Richtung Sonnenuntergang.
Gut, zugegeben, es sind nicht meine Lorbeeren, mit denen ich mich schmücke, denn ich war nur zu Besuch. Ein Freund aus Kindheitstagen geht seit 1996 ein uns aus in diesem Haus und wenn ich Zeit hab und in Würzburg bin komm ich um „Hallo!“ zu sagen und um schlechte Witze über nicht viel bessere Medikamente und hässliche Pfleger zu machen. Gesagt getan, die Witze waren dermaßen schlecht, dass selbst die Zimmernachbarn meines Freundes guckten, als wäre ich der Blödste aller Blöden. Nein, das stimmt nicht ganz. Der eine Zimmernachbar guckte so, tatsächlich, schob sich währendbei die Brille zurecht und machte sich wohl nervenärztliche Notizen. Der andere war tot. Er lag in seinem Bett, schnarchte nicht, zuckte nicht und furzte nicht. Die Augen geschlossen, die Lefzen entspannt, so lag er da und gammelte.
Das Essen in der Psychiatrie ist wahrlich keine Nervennahrung. „Ich bin hier jetzt seit 14 Jahren Dauergast und es gibt immer das Selbe!“ fluchte mein Freund, ging Scheißen und kam wieder, während ich mir die drei Bilder an der Wand ansah. Eines war Schweden – alles Fotos – ein Winterfluss bei Östersund. Eines war Frühling, Irland voll saftigem Grün, dezente Felsspitzen im Wald im Hintergrund. Das Dritte war Sommer in Deutschland, und zwar ein guter Sommer, nicht der Sommer ’44. Aber, schoss es mir durch mein trainiertes Mathematikergehirn, da fehlt doch was. Wo war der Herbst, die Jahreszeit des Sterbens und der depressiven Kinderlosen? Der Herbst, die Laub- und Rentnerselbstmordjahreszeit? Ach, stimmt, der Herbst ist in der Anstalt ja zu jeder Jahreszeit allgegenwärtig, da braucht es ihn nicht noch auf Bildern. Wie intelligent ich bin, unfassbar, glasklar hatte ich es durchschaut. Manchmal hab ich Angst vor meinem eigenen Gehirn.

2. Akt: Ein Spießbratenbrödle flog übers Kuckucksnest

Mein alter Freund hatte nach zwei Wochen Geschlossener heute seinen ersten Tag in der Offenen. Nun gibt es in der fränkischen Psychiatrie eine wunderbare Einrichtung: die Umgewöhnungsphase. Diese dauert auf der Offenen einen Tag und macht die Offene zur Geschlossenen. Er durfte sich also im Flur von Glastür zu Glastür bewegen, nicht aber darüber hinweg bis zu den Aufenthaltsräumen. Nun haben Depressive zur Kompensation oft unnatürliche Wünsche. Er sagte: „Ey, Monsieur M, gehst Du zum Metzger und holst mir ein Spießbratenbrödle?“ Nach fünf Minuten Feilschen sagte ich „Na gut…“ und stiefelte los. Mission Spießbratenbrödle!
„Da, die Straße mit dem blauen Haus entlang,“ empfahl der Pförtner grienend, „dann die vierte Straße rechts.“ Nach der zweiten Straße war ich mir nicht mehr so sicher. Doch es schaltete sich mein unnachahmliches Gehirn wieder ein: In einer schier ausweglosen Situation – „Wo ist der Metzger?“ – errettete mich mein Verstand, indem er sprach: „Frag die Dicke da drüben, die weiß ganz sicher den Weg zum Metzger.“ Ich sah, ich tat, tatsächlich lächelten kleine Zähne hinter großen Schlabberwangen hervor und wiesen mir den Weg.
Klingeling machte das 70er-Jahre-E-Glöckchen, jedoch erst beim Zufallen der Tür. „Servus, ich nehm ’n Spießbratenbrödle.“ Scheiße, Fehler. In Franken sagt man nur ’servus‘, wenn man seine Ruhe haben will. Der vorher beinahe nicht unfreundliche Blick der Metzgersfrau rutschte in den Keller. Bäm! Im Keller fühlte er sich wohl, das sah man deutlich.
„Ä Warms oder ä Kalts?“
Hm, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich esse keine Spießbratenbrödle, woher sollte ich wissen, ob das gute Brödle warm oder kalt sein sollte? Sie würde lügen, vielleicht, ich konnte also auch nicht fragen und auf das Gegenteil setzen. „Hmm… kalt.“
Es drehte sich weg und schlachtete ein Brödle und ein Stücken Spießbraten mit der Zärtlichkeit einer Stalinorgel am Rande des Wahnsinns. Ich glaubte fast, die Schreie zu hören. Bagdad, Stalingrad, Verdun; ich bekam Angst. Ich drehte mich weg, zum Kühlschrank, nahm die vorderste Cola heraus. Sie war warm, gerade erst hineingestellt. Ich nahm die Zweite. Auch warm. Mist! Mehr Cola war nicht drin, der Hintergrund war leer. Alles Fassade. Dies war keine Metzgerei, es war ein Portal in die Hölle. Blutpumpe und Seelenmetzgerei.
Meine Fassung kam über den Ärger der warmen Cola zurück. Ich wandte mich wieder der Theke zu. „War’s des?“ fauchte mich das Ungeheuer an.
„Das Brödle und die Cola.“
„Des macht Zwee Fümpfeachtzich!“
Ich gab ihr drei Euro und sagte: „Stimmt so,“ bevor das Spießbratenbrödle fertig war. Die Hexe war käuflich, sie wurde netter und fragte nach, ob ich den Braten gewürzt haben mochte. Ich wiederum blieb unfreundlich und gegenfragte sie nach Senf.
„Sempf?“ Ihre Lippen sagten S-E-M-P-F. „Oder gewürzt? Also wasn jetzt?“ Beides schien unmöglich, ich entschied mich für den S-E-M-P-F und sie schmierte ihn mit einer Geste auf den Spießbraten und in das Brödle, für die das Wort schmieren erfunden worden war.

Epilog

An dieser Stelle bin ich dankbar für das Zonenmonster, ein ganz schreckliches und hässliches, voll blutenden Warzen im Gesicht und Borsten auf den Zähnen und den Augen. Es lebt in der buchstabenfreien Zone zwischen den Zeilen, frisst Worte und scheißt Schreibblockaden. Nun hat es eben wieder zugeschlagen und der Geschichte ist zu…
zu…
zu…

Ende

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