Über die Schwierigkeit eine Brücke zu bauen, wenn man die Nägel gegen Pfeffer eingetauscht hat


Es begab sich so, dass zwei Stämme an zwei Seiten einer tiefen Schlucht gesiedelt hatten. Der Stamm im Osten hatte lange Jahre mit dem fernen Osten Handel betrieben, der Stamm an der Westseite der Schlucht tat selbiges mit den Völkern aus dem fernen Westen. Beide Stämme waren so zu einer stattlichen Menge an Eisennägeln gekommen. Eines Tages jedoch war der Preis für Eisennägel in beiden Fernen in eine astronomische Höhe geschossen, weshalb von dort zu unseren Stämmen Handlungsreisende gesandt wurden, mit dem Auftrag, deren Eisennägel gegen Pfeffer einzutauschen. Die Völker im fernen Osten und fernen Westen waren windige Geschäftsleute und hatten vorsorglich in unseren Dörfern das Gerücht gestreut, Pfeffer wäre geradezu gigantisch wichtiger als solch profane Dinge wie zum Beispiel Eisennägel. Das Unterfangen klappte wie gewünscht, und so sahen sich die Dorfobersten potzblitz in der aus ihrer Sicht – eigentlich der Sicht der fernöst- und westlichen Agenten – idealen Position, all ihre Eisennägel gegen den für ihre kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung so wichtigen Pfeffer einzutauschen. So kam es dann auch. (Ob es sich dabei um weißen, roten, schwarzen, grünen oder bunten Pfeffer handelte, ist leider nicht überliefert; es tat wohl nichts zur Sache.)
Die Monate vergingen, Krieg überzog die Länder, und unsere beiden Dörfer fanden sich bald abgeschnitten von der Welt.
Eines Tages gingen dem Dorf im Osten die Ziegen aus, somit der Käse und die Milch. Im Dorf im Westen aber, da vermehrten sich die Ziegen wie die Fliegen. Eines weiteren Tages gingen dem Dorf im Westen die Zitronenbäume aus, sie erkrankten an der Fäulnis. Im Osten aber wuchsen die Zitronen zu Melonengröße heran. Und eines weiteren Tages, da wandte der Dorfoberste im Westen seinen Blick nach Osten und erblickte dort melonengroße Zitronen, und der Oberste im Osten wandte seinen Blick nach Westen und entdeckte Ziegen, wie er sie sein Leben nicht gesehen hatte. Und da die Schlucht zwar weit und tief, jedoch nicht so weit und nicht so tief war, dass man nicht hinüber rufen konnte, rief der Oberste des Ostens: „Oberster im Westen, was hast Du doch für viele schöne Ziegen!“
Und der Oberste im Westen rief zurück: „Ach, wenn ich sie doch nur gegen ein paar Deiner riesigen Zitronen tauschen könnte!“
Und der Oberste im Osten ging kurz in sich und rief, nachdem er aus sich zurückgekehrt war: „Oberster im Westen, lass uns eine Brücke bauen und Handel treiben!“
„Ja, das werden wir!“
Gesagt, getan. Getan? Nun ja, zumindest gaben die Obersten ihren Dörflern die Anweisung Holz zu schlagen und zur Schlucht zu bringen. Sie schlugen so viel Holz, dass sich bald auf beiden Seiten der Schlucht ein großer Haufen türmte. „Nun lass uns unser vieles Holz zu einer Brücke zusammenbauen!“
„Ja, das werden wir!“ wiederholte nun der Oberste im Osten, was zuvor der Oberste im Westen gerufen hatte. Doch so sehr sie sich bemühten, bekamen die Dörfler das Holz nicht aneinander und bei jedem Versuch stürzte ein wenig in die Schlucht, bis beide Berge Holz verschwunden waren, wie auch eine Handvoll Arbeiter. Eine Brücke aber war aus ihren Mühen nicht entstanden.
Beide Oberste zogen nun die weisen alten Frauen zu Rat. Diese warfen Buchenstäbe um sich und darin lasen sie: „Zuerst sollt ihr von neuem Holz schlagen, dann sollt ihr einen Bär finden und ihm folgen, bis ihr auf ein Bienennest stoßt. Den Bienen sollt ihr dann den Honig stehlen und zum Holze bringen. So könnt ihr das Holz mit dem Honig verleimen und eine Brücke bauen.“ Der Widerhall der Worte ihrer alten Frauen klang zwischen den Ohren der Dorfobersten vernünftig, und so wiesen sie ihr Volk zur Tat.
Bald schon türmten sich auf beiden Seiten der Schlucht von Neuem große Berge Holz, dazu jeweils ein Kübel voller frischem Honig. Die wenigen Opfer, die der Bär gefordert hatte, schienen mit der Wichtigkeit der Sache in Einklang zu stehen. Nichtsdestotrotz hatten auch die beiden Bären ihr Leben lassen müssen, denn Blutzoll bleibt Blutzoll und der Bär dem Menschen stets der Unterlegene. Es dauerte jedoch nicht lange, da waren Holz und Honig in der Schlucht verschwunden, denn leider reichte die Klebkraft des Honigs nicht aus, um die schweren Stämme aneinander zu halten, und auch ein paar Arbeiter landeten mitsamt ihrem Gerät in der tiefen, dunklen Schlucht.
Da trauten die Obersten den alten Frauen nicht mehr über deren verschlungenen Pfade und Wege, denn ihr Plan war viele Grade schief gegangen, schlugen ihnen zur Strafe die Köpfe ab und zogen anstatt ihrer nun den Himmel zu Rate. Der Himmel sagte ihnen: „Schlagt von neuem Holz und glaubt nur fest daran. Der Winter kommt und er wird mit dem Frost, den er Euch bringt, das Holz mit harter Hand zusammenhalten.“ Dies klang zwischen den Ohren der Dorfobersten noch viel vernünftiger, als der Rat der alten Frauen, und so sandten sie eine recht stattliche Zahl an Männern aus, von Neuem Holz zu schlagen.
Bald schon türmten sich auf beiden Seiten der Schlucht große Berge Holz, dass sie den Himmel schier verdunkelten. Und obwohl der Frost im Wald zweimal so viele Leben gekostet hatte, wie der Bär zuvor, schien ihnen der Preis hierfür gerecht. Es dauerte jedoch nicht lange, da war auch dieses Holz samt einer vierfachen Portion an Arbeitern in der Schlucht verschwunden. Der Frost hatte die Holzstücke porös gemacht, so dass sie leicht entzweibrachen und der Halt zwischen den Stücken, worin der Himmel nicht gelogen hatte, keinen Nutzen brachte.
Es ging noch lange so – ungezählte Stapel Holz – und auch wenn es den Obersten nicht möglich war, dem Himmel den Kopf abzuschlagen, so segneten neben den Bären und den Arbeitern auch Ochsen, Ameisen und bald die beiden Wälder selbst das Zeitliche. Am Ende aber, als nur noch der Oberste im Osten und der Oberste im Westen, die melonengroßen Zitronen und die ungezählten Ziegen übrig waren, da war die Schlucht so voll von Holz, dass es ein Leichtes wurde, einfach über sie hinweg zu wandern. Das taten beide dann und trafen sich in der Mitte.
„Es freut mich sehr,“ sagte der Dorfoberste aus dem Westen, „dass wir unser Ziel für unser Volk nun endlich erreicht haben,“ und überreichte seinem Gegenüber eine besonders schöne Ziege. Vom Volk jedoch war nichts mehr übrig.
„Ebenso, mein Freund,“ entgegnete der Oberste des Ostens, lächelnd, und vermachte seinem neuen Freund die zweitgrößte Zitrone. Auch von seinem Volk war nichts mehr übrig. Ebenso vom Wald und von den Ameisen und Bären und dem Honig und den Ochsen und der ururalten Schlucht. Nichts gab es mehr, außer dem Himmel, Ziegen und Zitronen, zwei Obersten und einer Unmenge an Pfeffer, den keiner mehr gebrauchen konnte. Doch so ist’s nun mal im Leben, die Obersten haben nur Ziegen, Pfeffer und Zitronen zwischen den Ohren, und dies und alles andere sollte uns weder verwundern noch bekümmern.
Jedoch aus Ziegen, Pfeffer und Zitronen – das lasst Euch eine Lehre sein, ihr dort unten in der Schlucht – lässt sich ein feiner Braten machen.

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3 Antworten zu Über die Schwierigkeit eine Brücke zu bauen, wenn man die Nägel gegen Pfeffer eingetauscht hat

  1. Pingback: Kurzgeschichte mit kulinarischer Komponente « Rund um den Küchentisch

  2. nextkabinett schreibt:

     
    Yummie! So märchenhaft, so lecker. Ich reblogge das in der next Kabinettsküche. Auf dem next Küchentisch liegt es ja schon. Und der Braten ist ja schon längstens gegessen …
     

  3. nextkabinett schreibt:

    Reblogged this on Germanys next Kabinettsküche und kommentierte:
    Yummie! So märchenhaft, so lecker. Ich reblogge das in der next Kabinettsküche. Auf dem next Küchentisch liegt es ja schon. Und der Braten ist ja schon längstens gegessen …

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