(Versuch einer) Filmkritik – Persepolis (2007)


„Guten Tag, Frau Dingens, alte Floskel,“ scherzte ich die Dame an, als sie mir im Supermarkt entgegen kam.
„Was soll denn das jetzt heißen, junger Mann? Wollen Sie mich beleidigen?“
„Entschuldigen Sie, Frau Dingens, mein Mundwerk ist mit mir durchgegangen.“
„Das kann man wohl sagen!“ Der Rabe des Schweigens flog durch den Supermarkt und warf seinen unheilvollen Schatten über uns. Einen Moment standen wir da, beide mit geröteten Gesicht, sie der Wahrheit wegen, ich, weil ich sie ausgesprochen hatte – Frau Dingens ist und bleibt eine alte Floskel. Doch Frau Dingens ist nicht irgend eine Floskel. Abgesehen davon, dass sie alt ist, zeichnet sie sich durch eine gutmütige Charakterstärke aus, wie man sie nicht bei jeder sieht, und so nahm sie den Faden an ganz anderer Stelle wieder auf: „Wissen Sie, ich bin mit meinem kleinen Einkaufszettel schon über eine halbe Stunde unterwegs.“
„Unterwegs?“
„Ja. Zwischen den Regalen.“
„Hä… wie?“
„Hier im Supermarkt.“
„Aha.“
„Ich bin einfach nicht bei der Sache.“ Sie ließ einen verlegenen Blick über die Würste neben uns im Kühlregal schweifen. „Wissen Sie, wo ich Mortadella finde?“
„Mortadella?“ Ich überlegte kurz, was das eigentlich ist. Die aufgedunsene Schwester von Cinderella? „Nein, tut mir leid.“
„Ach…“ Ihr Blick war an einer Packung Gesichtswurstscheiben hängen geblieben. „Macht nichts.“
Tatsächlich wirkte Frau Dingens etwas abwesend. „Was ist los mit Ihnen?“ erkundigte ich mich und hatte mich somit endgültig aus dem anfänglichen Fettnäpfchen befreit. „Geht es Ihnen nicht gut?“
„Ach, doch. Doch, doch,“ antwortete sie hastig und löste mühsam ihren Blick von den Gesichtswurstscheiben. „Es ist nur so, ich habe gestern einen Film gesehen, der lässt mich nicht mehr los.“
„Aha.“
„Hat mich ganz schön mitgenommen.“
„Was war es denn?“
Persepolis. Kennen Sie den?“
„Na, ich hab ihn leider nicht gesehen. Aber ein paar Bilder, und worum es geht weiß ich auch.“
„Ach so.“
„Ja ja,“ fügte ich hinzu als gäbe es kein Morgen, keine Mortadella und auch sonst nichts. „Ich hab mal eine Art Live-Hörspiel zu dem Thema inszeniert. Von Herrschern und Datteln, das finden Sie auf meiner Homepage.“
„Geschrieben haben Sie es auch, wie ich Sie kenne,“ sagte sie und lächelte ein wenig. Hier spar ich mir das Fragezeichen, denn die Frage von Frau Dingens war – sozusagen – mega-rhetorisch.
„Klar. Fraglos. Aber jetzt muss ich weiter,“ murmelte ich in einen imaginären Karl-Marx- oder Gott-Bart, den ich nicht besitze, und machte mich eilig auf den Weg in Richtung Kasse.
„Schauen Sie sich den Film an!“ hörte ich Frau Dingens noch rufen. Dann ein Scheppern, scheinbar war sie gegen ein Regal gelaufen.

Persepolis ist eine Schande! Keine Schande für Marjane Satrapi, die hier ihre Geschichte erzählt, auch keine Schande für die Zeichner oder die Musik oder sonst wen aus der Produktion – oder gar den fertigen Film. Es ist eine Schande, dass ein solcher Film die Wahrheit erzählt. Eine Schande für die Welt an sich.

„Junger Mann!“ rief Frau Dingens mit viel Sorge in der Stimme, als wir uns zufällig beim Bäcker trafen.
„Ähm… ja?“
„Sie sehen aber gar nicht gut aus!“
„Ähm… nein?“
„Nein!“ Sie war sich ihrer Sache sicher. „Wirklich nicht.“
„Öühm…“ gab ich, ihre These unterstützend, laut.
„Was haben Sie gemacht?“
„Ääähh… gemacht?“
„Na ja, irgendwas müssen Sie ja gemacht haben. In so einem Zustand habe ich Sie zuletzt vor Weihnachten gesehen.“
Ich grübelte. Grübelte und Grübelte. Das kleine Männchen mit dem Spaten wirbelte durch mein Erinnerungsvermögen. Dann stieß sein Spaten auf eine Truhe. Es öffnete sie. Und neben einem Schwan aus Brot fand es eine Antwort: „Ich hab Persepolis geguckt.“

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