Anti-Filmkritik – „Die Rache der Wanderhure“ (2012)


Vorneweg muss ich gestehen, dass ich an jenem TV-Event-Abend zu nüchtern war, um mir „Die Rache der Wanderhure“ ernstahft anzutun. Damit aber, werter Leser, kommst Du mit dem folgenden Text in den Genuss, den Grundstein – ja, den Urquell! – einer neuen literarischen Gattung vor Dir zu haben: die Anti-Filmkritik. Let’s go!

Man sollte nicht wie der dämlichste Raubritter gleich instinktiv auf alles einkeulen, was wirtschaftlich erfolgreich ist. Denn zu allererst ist die Geschichte der „Wanderhure“ eine Geschichte des Erfolgs – und der sei ihr grundsätzlich mal gegönnt. Doch (genug geschleimt, jetzt wird gekeult) warum tut man sich das an, zwei Stunden lang einen Film zu ertragen, der auch unter dem Titel „GZSZ – Die frühen Jahre“ hätte verfilmt werden können? Hierzu drei Theorien:

1. Man ist so besoffen, dass man glaubt, das könnte dann ein lustiger Abend werden.

2. Purer, ausgeprägter Masochismus.

3. Dazu gleich mehr…

Sat.1, mein absoluter Lieblingssender, wenn es darum geht Fernsehsender von Herzen zu verachten, hat es mal wieder geschickt eingejutefädelt: Wir leben in der Krise, Griechenland wird grade von den Titanen aufgefressen, der kleine Gelbe von der gelben Partei ist noch immer unser Vizekanzler, alles wird teurer, die Wanderhuren sowieso, und am Ende eines langen, arbeitsamen Lebens steht die erbärmliche Aussicht, dass zuletzt die gute alte Holzkiste geräumiger sein wird als das Zimmer zuvor im Altenheim. Wolken, so finster wie das Mittelalt… Moment mal, bei der „Wanderhure“ samt „Rückkehr“ ist das Mittelalter ja bunt und sauber wie ein Werbespot von Ariel.

Genau das ist es, was die „Wanderhure“ so groß in ihrem Tümpel macht. Wir aufgeklärten Medienmenschen sollten nicht vergessen, was das Fernsehen noch heute für einen Großteil der Zuschauer darstellt – ein Abziehbild ihres eigenen Lebens, die Wunschtraumvariante davon, Gefahren, Abenteuer, Ehre, klar erkennbare Einstufung in Gut (hübsch) und Böse (hässlich), Wildheit, Ruhm, ein Happy End mit Kirsche… und dann auch wieder ruhig. Im Endeffekt ist der Zuschauer zufrieden, wenn seine ureigenen Ängste von den Protagonisten durchlebt werden, selbstverständlich abstrahiert, und er sich mit den Rollen so sehr identifizieren kann, dass sich der ruhmreiche Sieg im Film anfühlt, als wäre nicht der böse Inquisitor eben niedergemacht worden, sondern der Chef, der einen geißelt, die böse, böse Gesellschaft an sich, meinetwegen auch die Politik oder der Manager, dem man die plötzliche Arbeitslosigkeit verdankt. Und was ist da quotenträchtiger als ein Film, der die aktuellen Ängste anspielt, gewürzt mit dem faden Softcore-Chili aus Omas Gemüsegarten? Genau: ein solcher Film mit der Neldel in der Rolle einer ehrenhaften Hure! (Übrigens bin ich fest davon überzeugt, dass die Neldel die Wiedergeburt von Knut ist, dem knuffigen Eisbärbaby.)

Nun aber zum Film – oder dem, was ich dazu sagen kann, ohne ihn gesehen zu haben.

„Das Besondere an einem Film, der im Mittelalter spielt, ist die pure und unverfälschte Leidenschaft der Menschen. Wäre das nicht schlimm, wenn es so etwas nicht gäbe?“ sagt die Neldel. Stimmt, das schöne Mittelalter, die einzige Zeit, in der die Menschen zu echten Emotionen fähig waren. Damals gab’s noch keine Killerspiele, die unsere Jugend versauen, die gesellschaftliche Hierarchie war noch geordnet, so dass jeder wusste, wo er oder sie hingehört. Nur die Neldel nicht, die ist Hure und hat plötzlich ein feines Haus samt Mann und mindestens ein Kind, wobei man das bei einer Wanderhure ja nie so genau wissen kann. Doch der Mann ist nebenbei noch Ritter und muss leider in den Krieg ziehen, wo er kurzerhand darnieder gemeuchelt wird. Die Neldel kann das nicht glauben, sie fühlt die Liebe in ihrem großen Lebkuchenherzen, und dass er noch lebt, das fühlt sie auch. Siehste, da hat die Neldel also doch recht gehabt, denn wer hat in Zeiten des Internets noch solch enge Bande, kann wissen, wie es dem Liebsten geht, ohne flugs die Statusmeldung via Smartphone zu checken? Also wird aus der sesshaften Mutter flugs wieder einer der großartigsten Charaktere der letzten hundert Filmjahre: die Wanderhure! Losgewandert, immer wieder geschützt von den Vertrauten ihres ehrenhaften Berufs, gejagt vom geilen Inquisitor mit der eisernen … puh, zum Glück nur eine eiserne Maske. Und wieder begibt sich das Fernsehvolk in die schützenden Arme flacher, vorhersehbarer Dumpfbacken-Dramaturgie. Sicherlich professionell gemacht, aber IKEA macht das Bettenparadies auch recht professionell, trotzdem merkt der aufmerksame Beobachter beim durchlaufen: „Das ist doch kein echtes Schlafzimmer hier, da stimmt doch was nicht.“ Ja, mehr Schein als Sein, und auch die Neldel ist keine echte Wanderhure, wie wir wissen, sondern die Wiedergeburt eines süßen Eisbärbabys. Und doch…

Zu guter Letzt ist „Die Rache der Wanderhure“ perfekt auf ihr Zielpublikum abgestimmt, das Spaßpublikum außen vor, das sich wohl als dritten Teil „Die Wanderhure vs. Walker Texas Ranger“ wünscht. Großes ‚Kino‘, große ‚Gefühle‘, zumindest aber ein großes Budget und hektoliterweise Schmalz und ‚echtes‘, ‚romantisches‘ Mittelalter. Und das Beste daran: Mutti weiß nach dem Film, die böse Welt kriegt nicht mal eine Wanderhure unter, und wird zufrieden schlafen gehen. Denn – und so ist es, so war es und so wird es sein – das Gute siegt immer!


(Geht’s noch dämlicher? Ja, in Berlin-Mitte!)

PS: Ein kleiner Gedankengang, der sich bei der tiefsinnigen Diskussion mit einem fachfremden Kollegen entsponnen hat, beschäftigt sich mit den Schenkeln einer Wanderhure. Die müssen doch allein aus der Natur der Sache heraus stämmig sein und ordentlich muskulös. Die allgemeine Kritik wirft der „Wanderhure“ zwar haufenweise vor, das Mittelalter nicht korrekt darzustellen, hängt sich dabei aber ständig an der Ausstattung auf, vornehmlich der Garderobe. Hätten die Macher von Sat.1 die titelgebende Rolle nicht mit der Neldel besetzt sondern mit Birgit Prinz, dann hätten sie zumindest kontern können: „Die hat doch Schenkel wie ’ne echte Wanderhure!“ Ob die Prinz – wie eine echte Wanderhure – auch die Syphilis hat, das konnte ich bisher nicht raus finden.

PPS: Unbestätigten Gerüchten zufolge ist eine Hollywood-Umsetzung des Stoffes mit Rooney Mara als Wanderhure in Vorbereitung. Geplant ist eine Trilogie mit den Titeln „Hitch-Bitch“, „The Revenge Of Hitch-Bitch“ und „The Legacy Of Hitch-Bitch“, die Regie übernimmt kein Geringerer als Alan Smithee. Wir werden sehen… oder besser nicht.

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13 Antworten zu Anti-Filmkritik – „Die Rache der Wanderhure“ (2012)

  1. Mieze schreibt:

    Ja. Danke, nun muss ich den Film nicht lesen und das Buch sehen äh, anders herum. Ich bin sehr froh, dass ich keinen Fernseher habe. Wozu auch? Ich kann ja hier alles lesen, was ich so verpasst habe. Großes Kino, auch ohne Flimmerkiste.
    Ich möchte bitte so etwas jetzt immer hier lesen! Danke!

  2. mfis schreibt:

    Oh mein Gott, jetzt hat es mir gänzlich den Boden unter den Füßen weggezogen: Der Regisseur und ich haben am selben Tag Geburtstag…

  3. nextkabinett schreibt:

    Irgendwie … erscheint mir das als ein fader Aufguss der Angelique-Romane, die auch damals schon reichlich seicht und klischiert waren, in Zeiten des web.2.0. Oder umgekehrt, das ‚Wanderhuren‘-Motiv hat sich im Mittelalter etabliert, klingt ein bischen nach Kreuzzügen, bei denen die Huren mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen waren, und ist dann in den Barock und das Rokoko transmutiert.

    Dort war Angelique ein armes, hochsinnliches Bauernmädchen, das auch einen Adeligen freite, der ihr abhanden kam, den sie dann rund um den Globus suchte. Währenddessen traf sie virile, leidenschaftliche und gewaltbereite Piraten, Sultane, Potentaten usw., die die Angelique begehrten und unbedingt besitzen wollten. Mit denen hatte sie dann stets heftigen Sex, aber in ihrem Herzen blieb sie ihrem Adeligen treu und deshalb blieb sie letztlich unbefleckt und rein, wie mit Ariel gewaschen. Wie die Dekalogie letztlich ausgegangen ist, weiß ich leider nicht …

    Uhuhuh … Unbezähmbare Angelique …

    Und ja … Angelique und der König …

    Obszön – dies scheint eines der bevorzugten Worte in diesen Machwerken gewesen zu sein – und natürlich: „Du bist schön.“ … Angeliqe und der Sultan …

    • mfis schreibt:

      SoSe, Dein unglaubliches Fachwissen erfreut mich immer wieder. Chapeau!

      • nextkabinett schreibt:

        Merci. Ich weiß auch nicht, irgendwie bin ich in meiner Kindheit von Verwandtschaftsseite mit

        Angelique traktiert worden. So eine wanderhurige Vorzeigebarbie … und immer dieser Satz: „Sie sind schön.“ Grauenvoll … In diesem Mantel- und Degen-Genre ist diese schöne Heldin ja ein durchgängiger Topos bis hin zu Pirates of the Carebbean. Wir findendas ja auch bei King Kong

      • mfis schreibt:

        Verwandtschaft kann ganz schön brutal sein..

  4. nextkabinett schreibt:

    PS.: Das mit den strmmen Schenkeln leuchtet mir ein … aber bitte nicht Birgit Prinz … ich würde diese unsägliche Torfrau vorschlagen, wie heißt sie noch gleich?

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