Filmkritik – „Defendor“ (2009) – Anonymous analog


„Es brauchte einen Typ mit einem IQ von 80, um uns zu zeigen, dass wir uns wehren können…“ So, oder so ähnlich, lässt sich die Erkenntnis der handelnden Figuren um den titelgebenden Defendor herum beschreiben. Ja, Defendor, und ob er selber glaubt, diese Schreibweise sei richtig, oder ob es sich um eine bewusste Abwandlung des eigentlichen Wortes handelt, bleibt dankenswerter Weise ungeklärt.

„FIGHT BACK!“ steht da in dicken Lettern auf der DVD-Hülle, und es ist als Aufruf zu verstehen, wie spätestens im Interview mit Woody Harrelson („Natural Born Killers“) sehr deutlich wird. Harrelson ist der Defendor, ein zurückgebliebener Straßenarbeiter, ein großes Kind, ein herzensguter Teddybär, immer an der Grenze zum betreuten Wohnen, der aus dem vorherigen Heim geflogen ist und sich nun in einer Werkstatt eingenistet hat. Diese ist seine Bat-Höhle, von der aus er als schwarz maskierter Rächer Nacht für Nacht durch die Straßen zieht, um die bösen Jungs zu bekämpfen. Seine Waffen sind Glasmurmeln, ein Baseballschläger und verdammt wütende Wespen im Glas, sein treuer Partner ist ein Wackeldackel hinter der Windschutzscheibe seines Abschleppwagens – der Defendog. Superkräfte hat Defendor keine, es sei denn, man zähle seinen beachtlichen Körperbau und seine noch beachtlichere Naivität dazu. Und so kommt es eines Tages, dass er gegen eine Dealergang, angeführt vom herrlich korrupten Sergeant Chuck Dooney (Elias Koteas, „Der schmale Grat“), den Kürzeren zieht und ordentlich vermöbelt auf der Straße liegen bleibt.
An dieser Stelle steigt der einzig echte Kritikpunkt dazu, die engelsgleiche Crackhure Katerina Debrofkowitz, von Kat Dennings („Thor“) zwar feinfühlig gespielt, als Charakter aber zu sehr darauf getrimmt, die Handlung voran zu treiben. Selbst der unendlich verwirrte Defendor ist als Charakter schlüssiger, zwar ironisch überspitzt, doch wer jemals mit Leuten seines geistigen Kalibers zu tun hatte, der weiß, Ironie und Realität sind oftmals eineiige Zwillinge.
Aber da sollen jetzt nicht die Murmeln mit mir durchgehen, schließlich wusste Regisseur und Drehbuchautor Peter Stebbings sehr genau, was er da tat. Die Crackhure, die den Defendor von der Straße kratzt und nach Hause bringt, wandelt sich in seinen Augen zur Lois Lane, zur Unantastbaren. Er nimmt sie bei sich auf, zahlt ihr 40 Dollar pro Tag für Informationen über die Bösen, die sie – eine von der Straße – sehr gut kennt. Die 40 Dollar fließen erst einmal in Crack, die sogenannten Informationen, die sie dem Defendor dafür gibt, werden aber bald sehr wichtig, denn sie sagt, sie kenne Captain Industry, den Oberbösen aller Bösen. Der Defendor sucht ihn schon sein Leben lang, und Katerina „Lois Lane“ Debrofkowiz weiß natürlich wo er wohnt…

Dies alles ist nur eine Seite der Geschichte, der Defendor aus Sicht des Defendors. Parallel dazu erzählt uns Peter Stebbings von einem großen Kind: unfähig zu sozialen Kontakten zieht es sich in sein scheinbares Superheldendasein zurück – worin es wahrlich aufblüht, was seinem Vorarbeiter und einzigen Freund manche Sorgen bereitet. Arthur Poppington, so Defendors bürgerlicher Name, ist eine traurige Figur, herzensgut, voller Energie, doch unfähig in einer leistungsbezogenen Welt voller Yuppies und Hipsters, voller Kriminalität und Schein und Lüge, auch nur ansatzweise überleben zu können. Bezeichnend ist die Szene, in der er weinend auf dem Boden eines Richterzimmers liegt, unfähig sich zu bewegen, unfähig von seinem Alter Ego Defendor loszulassen, vor die Wahl gestellt ’normal‘ zu sein, also angepasst, oder in den Knast zu gehen. Paul Carter, sein Vorarbeiter (und Vormund, großartig weil überzeugend gespielt von Michael Kelly, „Dawn of the Dead“) bringt es auf den Punkt, in dem er sagt, im Gefängnis würde Arthur Poppington/Defendor einfach sterben. Ja, das würde er, eingehen wie eine Pflanze ohne Licht und Wasser.

Das mag bisher recht spaßig klingen, zum Teil auch höchst melodramatisch, die Wahrheit liegt aber – wie so oft – ganz wo anders. „Defendor“ funktioniert als Tragikomödie astrein, auch die sanfte Ironie an den heutzutage gängigen, monströs mit EFX und 3D aufgebauschten Superheldenfilmen ist treffsicher in Szene gesetzt („Defendor“ hatte ein Budget von 3,5 Millionen Dollar), seine wahre Qualität liegt aber in der Menschlichkeit. Der Film hat eine reine Seele, wenn man so sagen möchte, und Woody Harrelson als deren Personifizierung ist eine Pracht. Wir lachen über ihn, haben Angst um ihn, trauern mit ihm – vor allem aber gibt uns diese Rolle wirklich Mut. Wie schon Jack Nicholson in „About Schmidt“ zeigt uns auch Arthut Poppington/Defendor mit einem großen Schauspieler in seiner Haut die Welt oder das Leben aus der Sicht eines einfach gestrickten Typs, handwerklich astrein umgesetzt, doch ohne große Mätzchen oder unnötige, wenngleich bombastisch immer wieder gern gesehene Massenszenen oder Großaufnahmen oder Plansequenzen oder sonstige Fassaden. Da können wir noch so viele Lars von Triers und Jean-Pierre Jeunets gesehen haben, ein kleiner Film über einen kleinen Mann lehrt uns dreimal soviel als so manche künstlerische Abstraktion. Man beachte nur den Grund – und da wird es politisch, Anonymous analog – warum Captain Industry der Oberböse aller Bösen ist…

Ach ja, der Soundtrack ist auch sehr beachtlich. Aber jetzt ist… aaarrghh, verdammte Wespen!

Advertisements

Über mfis

http://ohrengold.de http://twitter.com/#!/ohrengold https://www.facebook.com/innereschoenheit http://www.myspace.com/ohrengold
Dieser Beitrag wurde unter Filmkritiken abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Filmkritik – „Defendor“ (2009) – Anonymous analog

  1. Pingback: Filmkritik: “Defendor” (2009) | GnBKivi

  2. zuckerlundzynismen schreibt:

    Oh, der klingt ja wirklichmal hochgradig interessant, den muss ich unbedingt mal auf meine Liste aufnehmen. Superhelden-Filme sind ja meist schrecklich over the top und realitätsfremd, selbst die Batman, der bekanntlich auch keine Superkräfte hat. Selbst Kick Ass noch, obwohl es dort ebenfalls um einen Loser in einer Realitätsflucht-Identität geht.

  3. mfis schreibt:

    Hab Kick-Ass leider nicht gesehen, wird aber in einigen Defendor-Kritiken rangezogen. Umehrlich zu sein fand ich Iron-Man ganz schaubar (allerdings mit meinem 15-Jährigen Bruder zusammen, das hat ne eigene Qualität). Und die 2 Batmans von Tim Burton sind ja schon tendenziell großartig. Ang Lees Hulk, Hellboy… aber jetzt bitte kein Spiderman und so ne Kacke.

  4. zuckerlundzynismen schreibt:

    Oh, ich meinte auch nicht, dass Superhelden-Filme durchgängig schlecht und unschaubar sind. Da gibt es einige, die mir gut gefallen haben: Batman von Burton und auch die neuen, selbst der 60er-Jahre-Camp hat Unterhaltungswert, teilweise die X- und Spidermen sogar, Kick Ass, Watchmen, die Iron Men – Comic/Superhelden-Verfilmungen sind bereits eine Weile ganz in und viele davon gar nicht mal allzu übel. Nur per se nicht sonderlich in der Realität verankert. Das ist grundstäzlich nicht negativ gemeint, lässt aber eben Defendor sehr interessant klingen, einfach weil es mal was anderes ist.

  5. Pingback: Filmkritik – “Die Rache der Wanderhure” (2012) | mfis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s