Filmkritik Splice (2009)


Nachdem das Böse zu Beginn seiner Karriere eckig war (Cube, 1997), ist es im neuen Film des gebürtigen Detroiters Vincenzo Natali nun frauenförmig. Wobei, böse sind hier eher die Umstände…

Der Film beginnt mit einem der romantischsten Momente der letzten Kinojahre: Zwei seltsame Mischwesen, optisch einem mit Hackfleisch halb gefüllten Kuhmagen recht ähnlich, glitschen schüchtern aufeinander zu, beschnuppern sich. Ihre Zungen erinnern an den australische Fetzenfisch (Phycodorus eques), als sie sich anfangs noch lieblich ertasten, bald jedoch sehr innig küssen. Es ist Liebe auf den ersten Blick zweier durch Gen-Splicing künstlich erzeugter Lebewesen.
Clive Nicoli (Adrien Brody) und Elsa Kast (Sarah Polley), ein junges Wissenschaftler-Pärchen und die Popstars in der Szene, arbeiten für einen Pharma-Konzern an einem Projekt, das der Konzernleitung durch die Entwicklung solcher Mischwesen eine Vielzahl patentierbarer neuer Biostoffe zur Verfügung stellen soll. Der jugendliche Forscherdrang der beiden führte schnell zu interessanten Ergebnissen, doch als die Konzernleitung die von Clive und Elsa geforderte Verwendung menschlichen Erbguts verweigert, sieht vor allem Elsa den einzigen Ausweg darin, das Erbgut von Mensch und Tier eben heimlich zu mischen, auf eigene Faust und ohne Rücksicht auf die möglichen Folgen. Sie überredet Clive zu einem Versuch, aus welchem Dren hervorgeht. Anfangs noch eine hyperaktive Mischung aus Arschgesicht und Wüstenspringmaus, entwickelt sich Dren in wenigen Wochen oder Monaten (dies wird nicht genau klar) zu einer jungen Frau. Halb Mensch, ein Sechstel Amphibie, ein sechstel Falke und ein Sechstel Wüstenspringmaus.
Wo Frankensteins Monster nun mit seiner Hässlichkeit und der Gesellschaft zu kämpfen hat, zeigt Natali sehr gekonnt die Probleme eines reizenden Monsters in der Pupertät, gepaart mit egozentrischer Erziehung. Geschickt wird in den fein dosierten Horror ein schön schräges Familiendrama hineingelegt, in dem vor allem Delphine Chanéac in der Rolle der Dren zu überzeugen weiß. Mit ihrer kindlich-dramatischen Mimik, getragen von einem guten Sounddesign, verleiht die Französin ihrer Rolle eine charakterliche Tiefe, wie man sie bei Robert deNiro als Frankenstein (von Kenneth Branagh, 1994) vergeblich sucht. Überhaupt ist Dren als Wesen eine Augenweide; sowohl Chanéac selbst, als auch die an ihr vorgenommenen Veränderungen mittels CGI, überzeugen in einer glaubwürdigen Symbiose. Dren, das Mischwesen, funktioniert.
Auch das Skript weiß zu begeistern. Wenngleich das Ende typisch Hollywood daherkommt und auch einige Details den Sci-Fi-üblichen Mustern folgen, ist die Story weder blöde noch bieder. Vor allem der dramaturgische Aufbau ist erfrischend. Vor allem die gesamte Eskalation an einem Zwist zwischen herrschsüchtiger Mutter und pupertierender Tochter zu entwickeln gibt Natalis Splice einen wunderbare Ebene mit, ohne die wir es mit einem weitaus weniger erwähnenswerten Film zu tun gehabt hätten. Dabei sind die Leistungen der Darsteller besonders wichtig – und diese sind durchweg überzeugend. Nicht neu, nicht revolutionär, aber eine gute Mensch-erschafft-Monster-Geschichte mit allen wichtigen Zutaten.
Splice hat auch optisch einiges zu bieten. Dren, die Hackfleischbeutel, dunkle Wälder, starke Farben und ein Setting der besseren Art. Wer eher klassische Monsterfilme mag, der sollte Splice nicht verpassen. Und im Nachprogramm empfehle ich dann Frankensteins Braut (1935).

Yours
Darth Memmels

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5 Antworten zu Filmkritik Splice (2009)

  1. mfis schreibt:

    Für das eigene Kopfkino sein ebenfalls empfohlen: http://bleichboy.wordpress.com/

  2. der_emil schreibt:

    [x] Vorgemerkt – unbedingt mal ansehen.

    Danke für die ausgezeichnete Kritik!

  3. Pingback: Filmkritik – “Die Rache der Wanderhure” (2012) | mfis

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