Filmkritik – THE WOMAN (2011)


Auf die Gefahr hin, als kranker Lüstling hingestellt zu werden (von Leuten, die nach 20 Minuten The Woman den Saal verlassen und nicht wirklich etwas gesehen haben), möchte ich das neueste Werk des so unbekannten wie großartigen Lucky McKee empfehlen. Der subtile Hinweis www.capelight.de sei hier eingestellt (und Asche über mein dummes Haupt), denn laufen wird The Woman weder in Programmkinos, noch im bunten Cineplex, davon ist fest auszugehen.

Aber warum?

Was Spielberg mit der Omaha-Beach-Sequenz im Soldat James Ryan ein filmisches Intro lang recht konsequent durchzieht, traut sich Lucky McKee über die vollen 103 Minuten seines Werks. Ohne Wenn und Aber zeigt er mindestens ebenso ungeschminkt alles Relevante in der Familie Cleek, deren Familienvater sowie eiserner Patriarch Chris Cleek (Sean Bridgers, realistisch dass es einem übel wird) eine Fassade baute, perfekt, geleckt und inhaltslos wie die Filme eines Michael Bay, nur um im Inneren den Sohn (Tommy Nelson) zu einer Kopie seiner selbst zu erziehen, Frau Belle (Angela Bettis, mindestens auf Augenhöhe mit Susanne Lothar in Hanekes Funny Games) und Tochter Peg (Lauren Ashley Carter) aber schlägt, terrorisiert und – wahrscheinlich, die Indizien drängen es auf – vergewaltigt, wenn es über ihn kommt. Peg ist schwanger, zu anderen Jungs hat sie scheinbar keinen echten Kontakt. Nur die kleine „Darlin“ (Shyla Molhusen) ist noch viel zu jung, um vom Vater als potentielles Opfer erkannt zu werden. In dieser Familie regiert der Druck, zynische Freundlichkeit und ein fast Wahnsinniger, der Frau und Tochter mit den Jahren in den Selbstmord oder Amoklauf treiben wird – als logische Konsequenz. Das ist schon etwas härterer Stoff, zumal McKee sich trotz aller filmischer Eleganz weigert, den Zuschauer durch beschönigende Wendungen oder heilsbringende Nachbarn aufzufangen. Den Zuschauer wie seine Protagonisten. Doch ist das nur die eine Seite von The Woman.

Im Wald, nicht weit vom Haus der Creeks entfernt, lebt unentdeckt eine verwilderte Frau. Sie ist mehr Tier als Mensch, triebgesteuert, keiner verbalen Sprache mächtig, affektiv und mit Instinkten ausgestattet, die uns verkümmerten Städtern und Gesellschaftswesen längst verloren gegangen sind, als wir das Kleinkindalter hinter uns gelassen haben. In der Eröffnungssequenz von The Woman tötet der von Pollyana McIntosh (Sex And Death 101) eindringlich gespielte titelgebende Charakter einen Wolf, nur seiner Höhle wegen, einem größeren Loch unter dem ausgerissenen Wurzelwerk eines halb gestürzten Baums. Man kann sich fast in die Lage des Tiers versetzen, wie es plötzlich einem übermächtigen Gegner gegenüber steht, in der eigenen Höhle ermordet wird.

Zurück zu den Cleeks. Chris hat neben der psychischen wie körperlichen Gewalt, die er Frau und Tochter antut (stellvertretend für alle Frauen, das wird mit der Zeit schmerzhaft deutlich), ein weiteres ‚Hobby‘: die Jagd. Und so kommt es wie es kommen muss; Chris entdeckt die Wilde, fängt sie ein, spannt sie im Geräteschuppen auf und versucht sie – nach eigenen Worten – „…zu zivilisieren.“ Im Grunde eine Ausrede für das ungehinderte und ‚moralisch einwandfreie‘ Ausleben seiner perversen Art. Eine wehrlose Frau im Schuppen gefangen, da freut sich Chris, lässt gar seine Familie an seinen ‚Erziehungsversuchen‘ teilhaben.

Man könnte nun einen (tatsächlich fragwürdigen) Slasher a la Saw oder Hostel erwarten, einen Torture-Porn, der sein einziges Potential aus der Perversität des Gezeigten zieht. Doch wer das glaubt, der unterschätzt den Regisseur sowie Autor Jack Ketchum (Evil) um Meilen. McKee bleibt konsequent an der Psyche, hat seinen Fokus auf das Seelenleben vor allem der diversen Opfer (unterdrückte Frau, die das Leid ihrer Kinder sowie der Woman tatenlos mit ansieht | die stummen Schreie vergewaltigten Tochter, wenn der Vater ‚liebevoll‘ an ihrem Bett sitzt | der Sohn, dessen Seelenleben längst kaputt gegangen ist | die Wilde, gefangen, hilflos, malträtiert, doch voller Wut und Kampfeslust). Wo uns Clockwork Orange (Kubrick) das Gesehene durch Absurdität erträglich macht, Pycho (Hitchcock) durch eine dramaturgische Distanz, lässt uns Lucky McKee wie ein zur Untätigkeit gezwungener Geist durch die Szenen gehen, in jedem Moment möchte man rufen: „Tu doch dies!“ „Geh fort!“ „Hol Hilfe!“ „Warum gehst Du nicht zur Polizei!“ Trotzdem ist uns klar, warum sie eben alle nichts dagegen tun, nichts tun können… von der eigenen Angst vor jeglicher Veränderung gelähmt.

Doch was da mit Chris Cleek und der Wilden aufeinander prallt ist eine unerhörte Wucht! Ohne die Wilde wäre The Woman ein schmerzhafter Blick in die unschöne Welt häuslicher Gewalt. Doch die seltsame Frau aus den Wäldern, über die man wenig weiß, jedoch genug, um sie zu verstehen, ist die Brechstange, mit der die Türe aufgebrochen und der Hund erledigt wird, das kontrastierende Stilmittel, durch welches die Fassade schließlich in einem berauschenden wie pechpechschwarzen Finale zum Einsturz kommt. Und wer eine viertel Stunde vor Schluss den Film nicht mehr erträgt, sollte ihn tatsächlich bis zum Ende sehen. Denn das Ende fängt Dich wieder auf – irgendwie…

Dominic Memmel

(geht nächstes Mal auch auf den Soundtrack ein)

 

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4 Antworten zu Filmkritik – THE WOMAN (2011)

  1. der_emil schreibt:

    Klingt sehr interessant!

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