Der Junge und der Strudel – Kurzgeschichte!


Es ist kein düsterer Geselle, der uns packt und schüttelt, der uns neckt und rüttelt, unsre Seele wie ein Erdbebengebiet zerpflückt, zerhackt und schabernackt, wo er nur kann. Oh nein, er ist nicht düster, weder dunkelgrün, noch Anthrazit, auch nicht marineblau ist das, was uns die Haut der Gänse auf die Arme treibt. Es ist von farbloser Natur…

Da steht der Kleine mit den schwarzen Haaren neben einem Wagen, doch der Wagen steht zerbeult auf seinem Dach, sofern die Welt samt Jungen nicht den Kopfstand macht und nur der Wagen lacht und sagt: „Ich bin alt, zerbeult, und doch der einzige, der weiß wo Oben und wo Unten ist.“ Der Junge blickt aufs schäumend Meer hinaus, die Augen schmal, und angestrengt, beobachtet den Strudel, der dort draußen wütet wie in einer lecken Wanne; nur, ein wenig größer, etwas böser ist der Strudel, wie er um sich greift und gierig schlingt, sich freut, wenn wieder mal ein Schiff versinkt.

Der Junge blinzelt mit den Augen, mit den Wimpern, meine ich. Ihn freut das Schauspiel, das geboten von der Mischung Mensch-Natur, die gar nicht miteinander kann, als wären sie zu lang verheiratet, seine neugierige Seele füttert. Und doch ist etwas Mulmiges dabei, so weiß das Kind doch von dem Vater, der dort draußen auf dem wilden Wasser schwimmt, in einem kleinen Fischerboot. Ihn muss es ganz schön rütteln, denkt das Kind, und sieht den Vater förmlich mit der einen Hand das Boot und mit der andren Hand sich selbst beschützen – und der feine weiße Bart vibriert! Das macht den Jungen stolz, wie er dem Wasserwirbel trotzt.

Doch plötzlich geht ein Ruck durchs Boot, es muss ein Kriegsschiff aus Metall unter der Oberfläche – längst versunken, schwächer als des Vaters Boot – gegen den Rumpf gestoßen sein. Der Vater schwankt, die Hand, die Hand für sich, nicht die fürs Boot, verliert den Halt…

Das Kind steht an Land, nur einen Riesenschritt vom Meer entfernt, die Füße nackt im Schrott. Es saugt mit den blanken Sohlen jeden guten Geist, den es nur finden kann, in seine Gene. Diese reagieren prompt und Kiemen wachsen ihm und Schwimmhäute und am bloßen Rücken Mottenflügel, die kurz üben und ihn dann über den Strand, über die Grenze zwischen Meer und Land zum Boot des Vaters tragen.

Das Boot ist eine rote Blase, nein, ein rotes Ei. Es ist gekentert. Der Junge wirft die Mottenflügel ab und stürzt hinab, am Rand des Strudels, in dessen Bahn des Vaters Schiff gefangen ist. Dann peitscht ihm kühles Wasser ins Gesicht, er taucht hinab, die Zehen werden ihm zu kleinen Flossen wie beim Fetzenfisch, er schwimmt, er taucht hinab und atmet durch die Kiemen. Er sieht sehr gut, er hat ovale Augen.

Partikel sind im Meer, Plankton und Krebse, Bruchstücke vom Kriegsschiff und von der Besatzung. Die Haie tummeln sich darin.

Der Junge taucht und taucht, er spürt den Vater, er ist ganz in der Nähe. Da ist er!

Wie ein Geist, die Füße streben gen den Grund, die Arme sind nach oben ausgestreckt, sinkt der Vater ruhig hinab, von keinem Hai entdeckt. Er will den Vater packen, doch es ist zu spät. Er ist ertrunken.

Der feine weiße Bart streicht über die offenen Augen.

Advertisements

Über mfis

http://ohrengold.de http://twitter.com/#!/ohrengold https://www.facebook.com/innereschoenheit http://www.myspace.com/ohrengold
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s