Bei der Korrektur entdeckt:


(anno 2006)

Ich schlenderte so vor mich hin, bemerkte bald, dass mir die Beine schmerzten und suchte mir eine Bank.
„Darf ich mich dazusetzen?“ fragte ich voll falscher Freundlichkeit den Pralinen futternden jungen Mann, der die von mir aus gesehen rechte Hälfte der Bank besetzte.
„Ja, ja,“ erwiderte dieser, hielt mir die Pralinenschachtel entgegen und begann von Vietnam zu erzählen. Ich ließ mich nicht lange bitten, denn für eine Praline zwischendurch bin ich immer gern zu haben. Einzig das Gerede wurde mit der Zeit etwas anstrengend.
„…und dann hatten sie uns, Jack, Mike, Coleman, Ash und mich, und sie sperrten uns ein, so wie man die Schweine einsperrt. Anfangs gaben sie uns zu essen, viel davon und richtig gutes, und wir wurden dicker und dicker. Aber nach ein paar Wochen haben sie Coleman geholt und nicht mehr wieder gebracht, dann Jack, dann Ash. Mike und mir wurde immer banger zu Mute, denn wir wussten gar nicht, wohin sie unsere Kameraden gebracht haben…“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht und ich fühlte mich an die Geschichte des Totenkopfs erinnert. „Möchten sie noch eine Praline?“
„Danke, nein.“ Eine reichte.
„Auch gut.“ Er verschwand wieder hinter seinen eigenen Gedanken.
Mir wurde die Stille zur Last. „Und wie ging es mit Vietnam weiter? “ fragte ich und er reagierte prompt wie eine Hitlersäge1: „Also, die haben dann Mike und mich zusammen rausgeholt und in eine Küche gebracht. Ich dachte erst, die wollten uns selber was kochen lassen, aber die wollten ja uns kochen – glauben Sie mir – obwohl ich gar nicht gewusst habe, dass man in Vietnam auch Menschen ißt. Na ja, andere Länder andere Sitten, hat meine Mutter immer gesagt.“
„Aha.“
„Hat damit die Neger gemeint, weil die immer so viele Kinder haben. Wo ich herkomme, da gibt es nämlich viele Neger. Fast jeder Haushalt hatte früher einen.“
„Klingt sympathisch, Ihr Mütterlein.“ Ich musste würgen.
„Ja. Aber das war gar keine richtige Küche, sondern eher so eine Art Kochwerkstatt oder Schlachthaus. Also bei meiner Mutter schon aber nicht in Vietnam, und da waren ja auch keine Neger, sondern Charlie, und Mike hat plötzlich den einen Charlie so richtig getreten und dann geschrieen ‚Nimm den Hammer, Forrest! Nimm den Hammer!‘ Und da war ein Vorschlaghammer gelegen zwischen Gemüse und Lauch und Salat und den hab ich dann auch genommen…“ Der komische Kauz fing plötzlich an wie verrückt auf seine Pralinenschachtel einzuschlagen. „‚Hau, Forrest, hau!‘ hat Mike geschrieen und ich hab auf Charlie eingehauen mit dem Vorschlaghammer, so dass Blut und Haut und Fleisch und Gemüse nur so herumgeflogen sind…“
„Wirklich?“
„Ja, ja, ja! Der Hammer, der Hammer!“ Wieder kam der Schatten, doch diesmal aus der anderen Richtung. „Bin nie dahintergekommen, warum in Vietnam alle Charlie heißen…“
Das reichte nun wirklich und ich stand wortlos auf und schlenderte weiter, während hinter mir der Irre auf der Bank seine Pralinenschachtel verprügelte.
„Hau, Forrest, hau!“ hallte es die Straße entlang und bald schon war die Polizei zu hören.

(c) by mir

(bcc) by R. Zemeckis

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