Kleines, dramatisches Frühlingsmärchen


DIE SULTANSTOCHTER

Es lebte ein Sultan in der Wüste, in mitten einer großen Oase, um die mit der Zeit eine ganz ansehnliche Siedlung gewachsen war. Er hatte mehrere Söhne, aber nur eine einzige Tochter, deren Wohlergehen ihm ganz besonders am Herzen lag, denn sie war die schönste Tochter, wie sie sich ein jeder Mann nur wünschen konnte.
Der Sultan ging gerne in der Oase spazieren, allein mit sich und seinen Gedanken. Es war für seine Seele, wie ein ausgedehntes Bad in warmer Ziegenmilch für seinen Körper, und er hatte bei den abendlichen Spaziergängen schon manch guten Einfall gehabt. Und so schlenderte er auch an diesem Abend durch sein kleines Dschungelreich, liebkoste die ein oder anderen Pflanze mit zarter Hand und lauschte dem Treiben der Tiere und Insekten. Nach einiger Zeit hörte er das Geräusch von Raubtiertatzen, wenn sie sanft und elegant nach dem Sprung durch ein Gebüsch auf dem Wüstenboden landen. Rasch fuhr der Sultan herum, die Hand am Schwert und zum Kampfe bereit, doch was er sah, ließ ihn inne halten.
„Sultan. Oh mächtiger Beherrscher der Lebenden.“
Eine alte, runzelige Frau die ihr leben wohl ohne Schatten gelebt hatte, so braungebrannt war ihre Haut, trat aus dem Dickicht heraus. Auf einen wohl ebenso alten, morschen Stock gestützt wackelte sie dem Sultan entgegen.
„Hört mich an, Herr.“
Der Sultan war ein gütiger Mann und so bedeutete er der Alten mit einer Geste, sie solle frei und unbekümmert sprechen.
„Herr, ich bin eine arme alte Vettel, die vom Leben nicht mehr viel erwartet. Doch habe ich einen Sohn, einen stattlichen Jungen, hübsch und mit zarten dunklen Locken und dem Verstand des Wüstenfuchses gesegnet. Er hat kräftige Hände und ist flink wie der Wind, und ich denke, gibt man ihm ein Schwert in die Hand und ein wenig Übung damit, so wäre er in der Lage, viele fremde Länder zu erobern.“
„Und sein Herz,“ entgegnete der Sultan argwöhnisch. „Wie steht es damit?“
„Ach Herr, sein Herzen ist so rein und edel, dass ich mich schämen muss vor ihm,“ entgegnete die Alte und blickte auf den Boden. „Ich weiß, mein Herr, Ihr habt nur eine einzige Tochter, von der man sagt, sie sei schön wie die aufgehenden Sonne und verströme den edlen Dufte der Magnolie. So bitte ich Euch als arme alte Vettel die vom Leben nichts mehr zu erwarten hat, gebt Eurem Kind das meinige zum Mann.“
„Wahrlich edel gesprochen,“ lobte der Sultan die Alte. „Doch möchte ich nicht über den hübschen Kopf meiner einzigen Tochter hinweg über ihr Liebesglück entscheiden. Ich gebe Dir allerdings eine Chance, da Du so aufrichtig zu mir warst: Bringe Deinen Sohn, wenn er denn wirklich so ein stattlicher Knabe ist, morgen um die gleiche Zeit hierher. Meine Tochter und ich selbst werden auf euch warten. Soll sie es entscheiden, ob Dein Sohn gut genug ist.“
„Ja Herr, so soll es sein.“ Die alte Vettel war so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Der Sultan aber schlenderte noch bis nach Mitternacht durchs geliebte Unterholz und hie und da huschte ihm ein Lächeln über das Gesicht.

Er hatte am nächsten Tag durchaus seine Probleme, der starrsinnigen Tochter das Versprechen abzuringen, ihn am Abend auf seinem Spaziergang zu begleiten, doch als er den stattlichen Jungen erwähnte, war sie schließlich umgestimmt. Sie war mit ihren zarten sechzehn Jahren im besten Heiratsalter und auch am Willen dazu fehlte es ihr nicht.

Die Vettel kam pünktlich und dem ersten Anschein nach hatte sie durchaus die Wahrheit über ihren Jungen gesagt, doch war die Tochter anderer Meinung:
„Vater, Vater, du willst mich mit einem armen Halunken verheiraten? Schön sieht er ja aus und wenn er besser gepflegt wäre, so könnte er durchaus einen guten Bediensteten abgeben, aber Vater, du bist Sultan und ich bin deine Tochter. Mindestens einen Händlersohn möchte ich haben, noch lieber einen Prinz.“ Die Tochter hob den Kopf und blickte in die sternenklare Nacht hinein, als würde eben jener Prinz im nächsten Moment auf dem Rücken eines mächtigen Falken herangeflogen kommen. „Aber einen Bettler nehm‘ ich nicht.“
Der Bauernsohn blickte betrübt zu Boden und die Augen der Vettel begannen zu funkeln als wollten sie mit den Sternen am nächtlichen Himmelszelt wetteifern. Der Sultan jedoch reagierte mit Bedacht:
„Liebste Tochter, ich versprach der guten Frau einzig, dass du höchst selbst vorbeikommen und ihren Jungen betrachten wirst, und das hast du getan. Es liegt an dir, ihn abzulehnen, doch hast du alles, was du brachst, und es ist nicht nötig, dass du bei der Wahl deines Gatten auf die Stellung achtest.“
„Ich lehne ab.“ Die Tochter war ein starrsinniges Gör, egal ob morgens oder abends, und sie wollte sich gerade auf dem Absatz herumdrehen, als die alte Vettel wutentbrannt das Wort ergriff:
„Mein armer Junge liebt dich sehr !!!“
Die Tochter entgegnete der alten Frau mit jugendlichem Drang:
„Wenn er mich liebt und ich ihn nicht, was soll es dann? Empfänden wir gleich für einander, ich und dein Bauernsohn, dann wäre er ganz flugs an meiner Seite, doch so ist es nicht.“
Und mit einem Mal, als wäre dies ihr Stichwort gewesen, beschwörte die Vettel alle Dämonen am nächtlichen Himmel und ein kalter Hauch strich durch die Oase. Die Tierwelt verstummte, selbst die Käfer und Skorpione verkrochen sich in der Erde und im Wüstensand und die Pflanzen stellten ihr stetiges Wachstum ein. Es war eine eisige Furcht, die alles Leben ergriff. Der Jüngling und die Sultanstochter hingegen verloren jedes menschliche Gefühl in ihren Herzen und als der schreckliche Moment vorüber war und die Vettel dies dem Sultan erklärte da zog der Sultan sein Schwert und schlug ihr und ihrem Sohn mit einem Hieb die Köpfe ab.
„Sie empfinden doch nun gleich füreinander,“ protestierte der Kopf der alten Vettel, während er durch die Lüfte flog. Er landete neben dem Körper des Sohnes, blinzelte und starb.
Die Tochter fand ihre Gefühle nicht mehr wieder, und nach langem hin und her schickte der Sultan das arme Mädchen in die weite Welt hinaus. Und erst wenn sie die Liebe wiedergefunden hatte durfte sie zurück zu ihrem Vater, der sie jedoch niemals wieder sah, denn der Fluch der alten Vettel wäre nur durch die Hochzeit mit ihrem Sohn zu lösen gewesen, doch da der Sohn in jener Nacht gestorben war, blieb der Fluch bestehen.

So zieht sie noch heute ziellos durch die Welt und wenn sich Eiseskälte in unsere Herzen stiehlt, dann ist es der Atem der Sultanstochter, die an unserem Haus vorbei irrt. Denn trotz des Fluches, der auf ihr lastet, ist sie einem jeden Menschen sehr, sehr nahe.


(das Bild hat mit der Geschichte
herzlich wenig zu tun)

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