Welchen Film hat er wohl gesehen?


… bevor er folgenden Text geschrieben hat. Wer es weiß, der darf sich freuen und in Selbstbeweihräucherung schwelgen.

 

Der Dritte in Frachtraum 3, von unbedingter Bedeutsamkeit

 

Zwei Charaktere, austauschbar und unbedeutend, befehligten das Frachtschiff UVS Leland Ferguson auf seiner Fahrt von (136108) Haumea zurück nach Hause. Es hatte sich im Jahre 2209 längst eingebürgert, bei der Weltraumfahrt von Fahrten zu sprechen, von Frachtfahrt, Feindfahrt und Vergnügungsfahrt, und dass der Flug den Atmosphären vorbehalten war. Die Frachtfahrt wurde in drei Klassen unterteilt: die tote Fahrt, ein klassischer Materialtransport, die fröhliche Fahrt, Menschentransport, sowie die selten vorkommende Mischfahrt, die ungünstigen Umständen vorbehalten war. Beispielsweise der überhasteten Evakuierung einer planetaren Siedlung nach einem Zwist mit den Nachbarn. Bei der Fahrt Leland Ferguson 2209-C handelte es sich um eine fröhliche Fahrt. Doch auch dies ist unbedeutend.

Nennen wir der Einfachheit halber unsere zwei Charaktere bei ihrer Funktion. Nicht, dass sie so wichtig wären, dass ihnen ihre Mütter einen Namen gegeben hätten, weder James noch Ridley, nicht Bolaji noch Veronica, überhaupt bin ich nicht sicher, ob sie Mütter hatten oder aus der literarischen Retorte kamen. Wahrscheinlich letzteres, denn sie waren unbedeutend.

Der Kommandant blickte skeptisch in die Dunkelheit von Frachtraum 3. Sein Finger spielte mit dem rustikalen Schalter – kleck, klack, kleck, klack, kleck – die Dunkelheit jedoch wich keinen Millimeter.

„Techniker, was ist hier los?“

„Defekt,“ gab der Techniker zurück, mit leicht hängenden Schultern.

Der Kommandant schniefte, sog Schleim und Ärger, die aus ihm heraus brechen wollten, energisch in sich zurück. „Defekt.“

„Kommandant, das Schiff ist groß,“ entschuldigte der Techniker den Lichtschalterdefekt. „Allein dieser Frachtraum hier besitzt vierunddreißig Zugänge. Je Zugang ein Lichtschalter. Die Schalter sind alt, die Kabel sind alt, der verdammte ganze Kahn ist alt, der braucht ’ne Generalüberholung.“

Sie zögerten. Der Kommandant öffnete eine Klappe in der Seitenwand des engen, röhrenförmigen Korridors, an dessen einem Ende sich weitere, zum Teil größere Korridore abzweigten, nahm eine Taschenlampe aus der Öffnung und betrat, den Korridor am anderen Ende verlassend, Frachtraum 3. „Kommen Sie. Wir suchen uns einen anderen Schalter.“

Die Leland Ferguson war kein kleines Schiff, wahrlich nicht. Sie besaß fünf Frachträume pro Atmosphäre, was bei vier Atmosphären – sternförmig um die antreibende Rakete angeordnete, voneinander unabhängige Konstruktionen, die nur an ihren Enden in Brücke, Unterkunft und technischer Zentrale mündeten – eine Anzahl von zwanzig Frachträumen ergab. Das Schiff, von Antrieb bis Raketenspitze, besaß bei einer Länge von eineinhalb Kilometern einen Durchmesser von beinahe achthundert Metern. Die Frachträume 1 bis 4, 6 bis 9, 11 bis 14 und 16 bis 20 waren gewaltige Hallen, so auch Frachtraum 3, der bei dieser Fahrt nur wenig Fracht enthielt. Die Finsternis schluckte das Licht der Taschenlampe, die Metallgitter des Bodens unter ihren Füßen warfen die Schritte der zwei Männer in kaltem, einsamen Echo zurück zu ihren Erzeugern.

„Es ist so dunkel hier,“ sagte eine Stimme, auf die niemand antwortete. Der Kommandant schrieb sie dem Techniker zu und antwortete nicht. Verschwendung! Ein unnötiger Kommentar. Der Techniker dagegen wunderte sich sehr über den seltsam anmutenden Ausspruch, den er glaubte, vom Kommandant gehört zu haben. Er hütete sich, darauf zu antworten. Er war zu lange in seinem Beruf, um nicht zu wissen, dass man einen Kommandant mit seltsamer Gemütslage sich selbst überlassen sollte. Sich selbst und, nach gewisser Zeit und gäbe es an Bord die Möglichkeit, einem Psychologen. So wanderten sie langsam weiter, schwammen durch das Echo ihrer Schritte, während die Taschenlampe schwach und hoffnungslos gegen die Finsternis stritt.

Sie wussten, sie befanden sich zwischen mehr als hundert Menschen. Menschen in Stasis, Menschen, die sie hören und die Vibrationen ihrer Schritte spüren konnten. Eine Stasis, die die Zeit anhielt, nicht aber das Bewusstsein. Über zweihundert Ohren, ungezählte Sinne, Myriaden seltsamer Gedanken, wie ein mehrdimensionales Gitternetz über Frachtraum 3 verteilt. Diese Menschenfracht war alles andere als freiwillig auf dieser Fahrt. Sie würde sich wehren, wenn sie könnte.

„Wir sollten uns links halten,“ sagte der Techniker.

„Ja.“ Sie hielten sich links, in dem Bewusstsein, dort bald auf eine weitere Tür zu einem weiteren der schmalen Röhrenkorridore zu stoßen. Im Scherz sprach eine jede Besatzung bauähnlicher Schiffe von „…den Venen und Arterien für uns kleine Körperchen.“ Dort wollten sie einen intakten Schalter finden.

Mit einem Donnern aus Metall schlug die Türe zu, durch welche sie den Frachtraum 3 betreten hatten. Kommandant und Techniker erstarrten, das Echo ihrer Schritte stolperte davon, kurz darauf war Ruhe eingekehrt. Nie, das wussten beide, nie und nimmer schlugen solche Türen von alleine zu.

Sie lauschten. Es lag keine Berechnung oder Sinnesschärfe in ihrem Lauschen, das Blut rauschte ihnen in den Ohren, so dass es überflüssig war. Mit unendlicher Vorsicht löste der Kommandant den Lichtkegel vom Boden, hob ihn langsam, viel zu langsam auf Augenhöhe und strahlte in die Schwärze rechter Hand. Dort, ihre Fracht! Mehr als hundert Blasen trüber Flüssigkeit in elektromagnetischer Schwerelosigkeit gehalten befanden sich irgendwo hinter der Undurchdringlichkeit des lichtlosen Raums. In jeder Blase schwamm ein wacher Mensch, hörte und spürte und dachte und atmete die Flüssigkeit, die ihn ernährte und in Stasis hielt. Nackte Körper und offene Augen.

„Es ist so dunkel hier,“ sprach eine Stimme sanft die Wahrheit.

„Schscht!“ zischten Kommandant und Techniker, sich gegenseitig meinend. Wen meinend? Sie verstanden sofort, Die anschließende Stille war fast greifbar, ein schweres Blei von solch boshafter Natur, wie es kalten Schweiß und Welle über Welle Gänsehäute produziert. Kommandant und Techniker hatten eben diese Kante erblickt, den Rand, der den Verstand vom Wahnsinn trennt. Sie hielten diesen Rand fixiert, Angst, wegzusehen, denn es könnte unbemerkt etwas hervorkriechen, Furcht, hinzusehen, die Schlucht dahinter zu erspähen. Aus dieser Schlucht war jener sanfte Klang gekommen.

Als wäre seine Stimme Licht, als wäre Licht die Rettung, fasste sich der Kommandant ein Herz und rief, freundschaftlich und doch bestimmt: „Ist … da … wer?“ Das Echo kam mit solcher Kraft, dass wer sich auch immer bei ihnen befand, laut polternd hätte laufen können, ohne dass sie ihn vernommen hätten. Wer weiß also, was in jenen bangen Sekunden in der Dunkelheit geschah?

Wer weiß, was nach danach geschah?

Wer hat jemals wieder über hundert arme Seelen von Versuchsmenschen in kalter Stasis miteinander flüstern hören?

Nur der Kommandant, ein unbedeutender Charakter, und sein notwendiger Techniker, die sich Minuten noch wie kleine Kinder weinend an den Händen hielten, sahen, wie ein Schatten ihre Taschenlampe ausgeblasen hat, als wär ihr Licht ein Kerzenlicht, und spürten, wahrlich spürten, dass ein Dritter nahe war.

Dann war ihnen die Finsternis in ihr Gedärm gekrochen, eine Hand trennte die ihren voneinander, zärtlich und bestimmt, und eine andere imaginäre Hand zog sie weit über den Rand, der den Verstand vom Wahnsinn trennt. Des Kommandanten Finger krümmten sich, dem Techniker wurden die Zähne spitz und irgend etwas riss mit dem Geräusch von Segeltuch.

 

 

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11 Antworten zu Welchen Film hat er wohl gesehen?

  1. der_emil schreibt:

    Klasse geschrieben. Film kenn ich nicht. Das Buch dazu würd mich interessieren 😉

    • mfis schreibt:

      Vielen Dank für die Weltraumblumen, Emil! Ein Buch dazu gibt’s nicht, nur mehrere Filme, mit denen ich mich gestern mal wieder ausführlich beschäftigt habe… Aber welche?

  2. twixraider schreibt:

    Meuterei auf der Mars?

  3. der_emil schreibt:

    Hey … *hibbelig* Wann gibt’s ’n die Auflösung von dem Rätsel? Oder zumindest noch ’n Hinweis?

  4. nextkabinett schreibt:

    Angriff der Killertomaten oder Citizen Kane???

  5. Mieze schreibt:

    Alien.
    Das Boot.
    Irgendein Schnarchfilm.
    Und irgendwas mit echtem Schrot und Korn.

  6. mfis schreibt:

    Wahrscheinlich bist du beim 4. Teil eingeschlafen, der ist nämlich mit Abstand der schwächste Teil der Reihe (unausgegorenes Schauspiel, Logiklöcher ohne Ende).

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