Thistel Man – Folge 001 – Szene 01


So ihr lieben Freunde hanebüchener Science-Fiction-Storys, Mischwesen und Nuklearunfälle, es ist so weit, Thistle Man geht in die heiße Phase. Die erste Folge wird gerade geschrieben, die erste Szene daraus sei vorab veröffentlicht. Und auch das Plakat ist mittlerweile koloriert:

Thistle Man - halb Mensch halb Distel

SZENE 01 – Thistle Man greift an

Sprecher (heiliger Ernst)
Dr. Scott Nelson (Genphysiker)
Assistentin
Thistle Man (halb Mensch halb Distel)

Sprecher
Wir schreiben das Jahr 2011 anno domini. Christus ist seit 1981 Jahren tot und wir sehen uns einer Welt voll Neid und Missgunst gegenüber. Einer Welt voller Menschen, deren Platz nicht mehr lange reichen wird.
Um dieses Problem zu lösen haben die Regierungen der USA, Frankreichs, Deutschlands und Italiens eine neue Strategie gewählt: die Genphysik! Sie ist ein neuer, ein revolutionärer Zweig der Wissenschaft, und in all diesen Ländern existieren unabhängige Labore, in denen fieberhaft geforscht wird, nur um ein Problem zu lösen: das Platzproblem…

Assistentin
Ich verstehe das nicht, Dr. Nelson, ich verstehe es einfach nicht.
Dieser Stift ist doch nur aus Holz, wie soll er die Titanlegierung durchdringen?

Dr. Nelson
Jenny, es liegt nicht am Material an sich. Hier durchdringt nicht das stärkere Material das schwächere, so wie es in physikalischen Prozessen gemeinhin der Fall ist. Siehst Du?
Ich kann diesen Stift nehmen und durch diesen Titanblock hindurch schieben. Wie ein Messer durch kalte Margarine.

Assistentin
Aber eben das verstehe ich nicht, Dr. Nelson. Ein Messer ist aus Metall und hart, Margarine ist weiches Pflanzenfett. Aber das hier ist ja ein… ein… Titan. Massives Titan, schier undurchdringbar!

Dr. Nelson
Du hast Recht, Jenny, dieser Block ist aus masivstem Titan gefertigt. Und der Stift ist nichts weiter als ein Bleistift. Ein Kern aus einem spröden Graphit-Ton-Gemsich in einem Mantel aus Zedernholz. Bis ins späte 18. Jahrhundert wurde für die Bleistiftmiene tatsächlich noch Blei verwendet, doch das ist lange vorbei. Nur im Namen hat das Blei seinen Ehrenplatz behalten.
Und du hast noch einmal Recht, Jenny: Wie kann das sein?

Assistentin
Ja, Dr. Nelson, wie kann das sein?

Dr. Nelson
Genphysik, Jenny, der Schlüssel ist die Genphysik.

Assistentin
Dr. Nelson, ich helfe Ihnen seit… [zögert]

Dr. Nelson
Vier Jahren? Drei?

Assistentin
Ja, seit fast vier Jahren helfe ich Ihnen bei Ihrer Forschung.

Dr. Nelson
Du bist mir ein Engel, Jenny. Ohne deine Beharrlichkeit im Auswerten der Daten, ohne dein immenses Zahlenverständnis stünde ich heute noch am Anfang meiner Forschung. Ich weiß, du hast nie hinter diese Mauer aus Zahlen, Daten und Fakten, Fakten, Fakten blicken mögen. Für dich ist es immer nur ein Job gewesen, wie im Sekretariat einer gewöhnlichen Firma. Doch, Jenny, unser kleines Labor hier ist keine normale Firma. Diese Labor arbeitet an nichts weniger als an der Zukunft.

Assistentin
An der Zukunft, Dr. Nelson?

Dr. Nelson
Ja, Jennifer, an der Zukunft.
Im Jahre 2050, das wir alle noch erleben werden, wird die Weltbevölkerung auf etwa 9,2 Milliarden Menschen angewachsen sein. Es wird zwar angenommen, dass sich die Fertilitätsrate bei 1,85 einpendelt – das heißt: eine Frau gebiert in ihrem Leben durchschnittlich 1,85 Kinder – und die Weltbevölkerung nach dem Jahr 2050 somit wieder abnimmt, doch sicher ist das keineswegs. Hinzu kommt der Klimawandel, der Meeresspiegel wird steigen, die Landmasse wird abnehmen. Dies wirft mit zwingender logischer Konsequenz die Frage nach Lebensraum auf. Lebensraum für 9,2 Milliarden Menschen auf einer kleiner gewordenen Welt.

Assistentin
Dr. Nelson, das ist ja schrecklich!

Dr. Nelson
Deshalb habe ich dir nie davon erzählt. Denn dieses schreckliche Szenario ist der Grund für unsere Forschungen. Einzig dieses Szenario…
[verschwörerisch] Jenny…

Assistentin
Dr. Nelson…

Dr. Nelson
Unsere Regierung – und noch ein paar andere Regierungen – arbeiten fieberhaft an der Lösung dieses Problems. Und gerade die Genphysik vermag zu helfen. Genphysik hat nichts mit Genen zu tun, wo kein lebendiges Material, da auch keine Gene, Jenny. Aber die Genphysik ist von ihrer Herangehensweise revolutionär. Sie blickt auf die Dinge, auf physikalische Prozesse, Eigenschaften und so weiter mit dem Auge des Genetikers. Sie will nachhaltig verändern, Stoffe ihrer typischen Eigenschaften berauben, beziehungsweise neue, nie dagewesene Eigenschaften hinzufügen. So wie sie diesem undurchdringbar harten Stück Titan hier die Eigenschaft der irreduziblen Durchdringbarkeit zugefügt hat. Der Bleistift hat nichts zu bedeuten. Ich könnte genauso gut meinen Finger nehmen…

Assistentin
Nein, Dr. Nelson, aahh! Bitte, führen Sie Ihren Finger nicht ein! Bitte!

Dr. Nelson
Aber, Jenny, es tut nicht einmal weh!
Nun gut. Es wäre sowieso ein billiger Beweis gewesen. Effekthascherei. Unter der Würde ernsthafter Forschung. Ich danke dir, Jenny.

Assistentin
Dr. Nelson. Ich verstehe den Zusammenhang nicht.

Dr. Nelson
Zusammenhang? Welchen Zusammenhang meinst du?

Assistentin
Den Zusammenhang zwischen Ihrer Forschung, diesem Titanblock also, und der Weltbevölkerung. Sicherlich ist es sehr einfach zu begreifen und bestimmt sehr offensichtlich. Aber, Dr. Nelson, ich bin eben nur eine einfache Assistentin. Wie soll ich nur die richtigen Schlüsse ziehen?

Dr. Nelson
Jennifer, Jennifer… du bist nicht nur eine einfache Assistentin. Du bist.. ach, lassen wir das. Ich werde es dir erklären. Aber hole mir doch bitte zuvor eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Ich bin sehr durstig.

Assistentin
Gerne, Dr. Nelson.

[SOUND
Jenny holt Bier
Jenny stellt ein Glas auf den Tisch
Jenny öffnet das Bier und schenkt Dr. Nelson ein]

Dr. Nelson
Ich danke dir. [trinkt]
Stell dir vor, ein Mensch braucht im Schnitt zum Leben 125 Kubikmeter Raum. Fünf mal fünf mal fünf Meter Aura in jede Richtung. Beim Liebesspiel ist es natürlich weniger, etwa die Hälfte, da sich zwei Menschen ihre Aura teilen. Beim Wandern ist es ungemein mehr Platz. Aber einigen wir uns auf 125 Kubikmeter im Schnitt pro Mensch. Diese 125 Kubikmeter braucht er jeden Tag, jede Stunde und jede Minute. Siehst du, wir brauchen selbst zum Schlafen ein eigenes Zimmer – das sogenannte Schlafzimmer.
Kraft der Gesetze der Biologie müssen wir in etwa ein Drittel unseres Lebens im Schlaf verbringen. Rechnen wir also erst einmal ohne den Schlaf. 9,2 Milliarden Menschen mal 125 Kubikmeter Raum machen insgesamt?

Assistentin
[überlegt laut] Eintausend Einhundert und Fünfzig Milliarden Kubikmeter!

Dr. Nelson
Oder aber eine Millionen, Einhundertfünfzig Tausend mal Zehn hoch Neun Liter! Würde sich die Aura des Menschen in Milch wiederspiegeln, wir bräuchten im Jahre 2050 einen ganzen Planeten voller Kühe, um diese Menge an Milch zu erzeugen.

Assistentin
Phantastisch…

Dr. Nelson
Ich würde eher sagen: beängstigend.
Kommen wir zu unseren Stück Titan. Alle 9,2 Milliarden Menschen sind im Jahre 2050 gleichzeitig auf der Erde. Doch da wir ein Drittel unseres Lebens mit Schlaf verbringen werden von diesen 9,2 Milliarden Menschen cirka 3 Milliarden gleichzeitig Schlafen. Und hier kommt unser Titanblock ins Spiel!

Assistentin
Aber wie?

Dr. Nelson
Ganz einfach Jenny. Stell Dir nur einmal vor, die Beschaffenheit von Beton ist so verändert, dass sich ein Mensch in den Beton hinein begeben kann. Stell dir nun vor, wir schaffen die Institution des Schlafzimmers ab und sorgen dafür, dass die Menschen in den Wänden ihrer Häuser und Wohnungen schlafen. Wir nehmen die Schlafenden somit aus der Gleichung. Und wenn die Schlafenden dort sind, wo bisher kein Platz war, dann reduziert sich die Weltbevölkerung natürlich auf die Wachen. Auf die nicht mehr als 6,2 Milliarden gleichzeitig wachen Menschen. Das ist ein Wert unter dem heutigen Stand von knapp 6,9 Milliarden Menschen. Stell dir das nur einmal vor!

Assistentin
Gigantisch, Dr. Nelson! Das ist ja… ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll…

Dr. Nelson
Sage nichts, Jennifer. Akzeptiere es. Akzeptiere unsere Zusammenarbeit als dein Glück, von Anfang an mit dabei zu sein.

[erhabene Stille
SOUND
ein plötzliches Klappern, ein paar Meter entfernt]

Dr. Nelson
Was war das?

Assistentin
Was denn, Dr. Nelson?

Dr. Nelson
Schschscht… hör nur. Im Flur.

[SOUND
neuerliches Klappern]

Dr. Nelson
[besorgt] Was ist das? [laut] Hallo? Ist da wer?

Assistentin
Warten Sie, ich sehe nach. Bestimmt nur ein Freund.

Dr. Nelson
Um diese Uhrzeit?

[SOUND
Jenny steht auf]

Dr. Nelson
Sei vorsichtig, Jenny.

Assistentin
Sicherlich. Warten Sie hier. [angewandt] Hallo?

[SOUND
Jenny geht zum Flur
plötzliche Schreie, Kampfesgeräusche, alles sehr drastisch]

Dr. Nelson
Jenny! Jenny! Oh mein Gott!

Assistentin
Hilfe! Aaaah! Hiiiiiilfe!

[SOUND
Dr. Nelson begibt sich in den Flur
Schreie, etc. von beiden
Kampfesgeräusche, drastisch
teilw. kommentieren Dr. Nelson und Jenny die ihnen zugefügten Verletzungen (vornehml. Stiche)
Dr. Nelson und Jenny verlieren, sterben grausam]

[MUSIK
Zwischenmusik dramatisch]

__________________________________________________________

Wer es nun bis hier geschafft hat wird um einen kritischen Kommentar gebeten. Drehbuch-Babys brauchen Pflege…

Advertisements

Über mfis

http://ohrengold.de http://twitter.com/#!/ohrengold https://www.facebook.com/innereschoenheit http://www.myspace.com/ohrengold
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Thistel Man – Folge 001 – Szene 01

  1. Kifthi Graßner schreibt:

    Thistle Man, eine genetische Laune der Natur, durchschwamm am gestrigen Nachmittag den altlantischen Ozean in nicht weniger als einer Stunde und versicherte kurz danach noch vollkommen betröppelt dem immens staunenden Publikum, sowie der gesammten Weltpresse in einem hierfür extra anberaumten Interview, dass sein doch recht radikales Umrüsten auf Schwimmhäute und Kiemen der revolutionäre Neuanfang und Aufbruch in ein fast neues und weitestgehend unerforschtes, uns jedoch altesbekanntes Element (deep-water) darstellt, welches durch seine Größe und Artenvielfalt, auf einen Schlag den globalen Mangel an Wohnraum zu lösen im Stande ist und forderte im gleichen Atemzug von den großen Regierungen unserer Erde, mit seiner genetisch veränderten Art gleichzuziehen und den Umbau auf Fisch, an den Bürgern ihrer Länder umzusetzen. Wenn dieser nicht erwünscht, dann mit Zwang. Zitat: „…er fühle sich sonst auf Dauer sehr einsam…“

  2. Kifthi Graßner schreibt:

    Wenn es notwendiger Weise etwas geben sollte, was ich essbar, wie die Pelle zur Wurst geschichtlich dazu beitragen kann, z.Bsp. …wie Disteln durch den konzentrierten Blick eines Orang Uthan Weibchens ihr Stachelkleid im Labor verlieren (und was ausgerechnet Filmkommissar Schimanski damit zu tun hat…), dann helfe ich gerne als Co Autor der Geschichte aus;-) aber Vorsicht, wenn ich den nötigen Druck verspühre, dann reifen die Letter bei Wind und bei Wetter, dann wird die morgige Nacht zum gestrigen Tag und die Geschichte das ultimativ monstermäßig hanebüchene Storyboard, welches im Abseits verwinkelter Nebengassen, seinen Stifte schwingenden Tinten-Killer sucht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s