Des Säufers kleines Wörterbuch – I


Idiot:
Unehrenhafte Bezeichnung eines Menschen, dessen Gehirnzellen in >Schnaps eingelegt sind. Andere Quellen behaupten jedoch, bei einem Idioten würde es sich um den typischen >Antialkoholiker handeln.

Infusion:
Zweckmäßige Alternative zum >Saufen, allerdings nicht ganz so einfach in der Handhabung.

Insel:
Neben >Finnland weltweit größte Ansammlung gestandener >Alkoholiker. Heimat von >Guinness und der ältesten, in >Alkohol eingelegten Königin.

Irish Pub:
Überdachte Räumlichkeit, in der sowohl starker >Alkohol wie auch starke Prügel ausgeschenkt werden. Das >Handeln ist im Irish Pub gern gesehener Gast, das >Denken hat Hausverbot.

Irland:
Abtrünniger Teil der >Insel, besonders berühmt für den >Irish Pub.

Inzucht:
Passiert aus Versehen, Schuld war dann der >Alkohol.


_______________________

go to A

go to B

go to C

go to D

go to E

go to F

go to G

go to H

go to I

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 7 Kommentare

Würzburg… was ist das?


13. Mai 2012
20:00 Uhr
in der
KellerPerle
Eintritt 3€

Essays über Würzburg – von grantelnden Busfahrern, wirbelnden Riesenrädern, verwirrten Außerirdischen und einem Spießbratenbrödle aus der Metzgerei der Hölle. Geschrieben und gelesen von einem gebürtigen Würzburger, der auszog, das Ministerium für Innere Schönheit zu gründen.

“Ä Warms oder ä Kalts?”
Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich esse keine Spießbratenbrödle, woher sollte ich wissen, ob das gute Brödle warm oder kalt sein sollte? Sie würde lügen, vielleicht, ich konnte also auch nicht um Rat fragen und auf das Gegenteil setzen. “Hmm… kalt.”
Sie drehte sich weg und schlachtete ein Brödle und ein Stücken Spießbraten…

Tausende Studenten zieren das fränkische Idyll – leben, lieben, lernen im Schatten der Marienburg. Das Bier ist von der regionalen Brauerei, getrunken wird es trotzdem. Ich würd’s mir lieber spritzen, doch dann – so der Wirt – verliert es seine Wirkung.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ein Spießbratenbrödle flog übers Kuckucksnest


Prolog

Man sagt, man ruft es gar, ich hätte keinen Tropfen Schamgefühl. Das stimmt aber nicht, denn ich bin ein Meister darin, mich fremd zu schämen und tue dies im Bus, auf der Arbeit oder in der Disco ohne Unterlass. Allein wenn ich Euch so betrachte, also wirklich! Aber mit der folgenden Geschichte hat das nichts zu tun.

1. Akt: Die folgende Geschichte

Ich war in der Nervenheilanstalt. In der berühmten Psychiatrie in Würzburgs mehr berüchtigt als berühmter Füchsleinstrasse, in der Klapse, Klapsenhausen, Irren-Center oder aber – um’s ganz klassisch zu beschreiben – in der Anstalt. Station West, aus dem Fahrstuhl raus, vierter Stock, dann links in Richtung Sonnenuntergang.
Gut, zugegeben, es sind nicht meine Lorbeeren, mit denen ich mich schmücke, denn ich war nur zu Besuch. Ein Freund aus Kindheitstagen geht seit 1996 ein uns aus in diesem Haus und wenn ich Zeit hab und in Würzburg bin komm ich um “Hallo!” zu sagen und um schlechte Witze über nicht viel bessere Medikamente und hässliche Pfleger zu machen. Gesagt getan, die Witze waren dermaßen schlecht, dass selbst die Zimmernachbarn meines Freundes guckten, als wäre ich der Blödste aller Blöden. Nein, das stimmt nicht ganz. Der eine Zimmernachbar guckte so, tatsächlich, schob sich währendbei die Brille zurecht und machte sich wohl nervenärztliche Notizen. Der andere war tot. Er lag in seinem Bett, schnarchte nicht, zuckte nicht und furzte nicht. Die Augen geschlossen, die Lefzen entspannt, so lag er da und gammelte.
Das Essen in der Psychiatrie ist wahrlich keine Nervennahrung. “Ich bin hier jetzt seit 14 Jahren Dauergast und es gibt immer das Selbe!” fluchte mein Freund, ging Scheißen und kam wieder, während ich mir die drei Bilder an der Wand ansah. Eines war Schweden – alles Fotos – ein Winterfluss bei Östersund. Eines war Frühling, Irland voll saftigem Grün, dezente Felsspitzen im Wald im Hintergrund. Das Dritte war Sommer in Deutschland, und zwar ein guter Sommer, nicht der Sommer ’44. Aber, schoss es mir durch mein trainiertes Mathematikergehirn, da fehlt doch was. Wo war der Herbst, die Jahreszeit des Sterbens und der depressiven Kinderlosen? Der Herbst, die Laub- und Rentnerselbstmordjahreszeit? Ach, stimmt, der Herbst ist in der Anstalt ja zu jeder Jahreszeit allgegenwärtig, da braucht es ihn nicht noch auf Bildern. Wie intelligent ich bin, unfassbar, glasklar hatte ich es durchschaut. Manchmal hab ich Angst vor meinem eigenen Gehirn.

2. Akt: Ein Spießbratenbrödle flog übers Kuckucksnest

Mein alter Freund hatte nach zwei Wochen Geschlossener heute seinen ersten Tag in der Offenen. Nun gibt es in der fränkischen Psychiatrie eine wunderbare Einrichtung: die Umgewöhnungsphase. Diese dauert auf der Offenen einen Tag und macht die Offene zur Geschlossenen. Er durfte sich also im Flur von Glastür zu Glastür bewegen, nicht aber darüber hinweg bis zu den Aufenthaltsräumen. Nun haben Depressive zur Kompensation oft unnatürliche Wünsche. Er sagte: “Ey, Monsieur M, gehst Du zum Metzger und holst mir ein Spießbratenbrödle?” Nach fünf Minuten Feilschen sagte ich “Na gut…” und stiefelte los. Mission Spießbratenbrödle!
“Da, die Straße mit dem blauen Haus entlang,” empfahl der Pförtner grienend, “dann die vierte Straße rechts.” Nach der zweiten Straße war ich mir nicht mehr so sicher. Doch es schaltete sich mein unnachahmliches Gehirn wieder ein: In einer schier ausweglosen Situation – “Wo ist der Metzger?” – errettete mich mein Verstand, indem er sprach: “Frag die Dicke da drüben, die weiß ganz sicher den Weg zum Metzger.” Ich sah, ich tat, tatsächlich lächelten kleine Zähne hinter großen Schlabberwangen hervor und wiesen mir den Weg.
Klingeling machte das 70er-Jahre-E-Glöckchen, jedoch erst beim Zufallen der Tür. “Servus, ich nehm ‘n Spießbratenbrödle.” Scheiße, Fehler. In Franken sagt man nur ‘servus’, wenn man seine Ruhe haben will. Der vorher beinahe nicht unfreundliche Blick der Metzgersfrau rutschte in den Keller. Bäm! Im Keller fühlte er sich wohl, das sah man deutlich.
“Ä Warms oder ä Kalts?”
Hm, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich esse keine Spießbratenbrödle, woher sollte ich wissen, ob das gute Brödle warm oder kalt sein sollte? Sie würde lügen, vielleicht, ich konnte also auch nicht fragen und auf das Gegenteil setzen. “Hmm… kalt.”
Es drehte sich weg und schlachtete ein Brödle und ein Stücken Spießbraten mit der Zärtlichkeit einer Stalinorgel am Rande des Wahnsinns. Ich glaubte fast, die Schreie zu hören. Bagdad, Stalingrad, Verdun; ich bekam Angst. Ich drehte mich weg, zum Kühlschrank, nahm die vorderste Cola heraus. Sie war warm, gerade erst hineingestellt. Ich nahm die Zweite. Auch warm. Mist! Mehr Cola war nicht drin, der Hintergrund war leer. Alles Fassade. Dies war keine Metzgerei, es war ein Portal in die Hölle. Blutpumpe und Seelenmetzgerei.
Meine Fassung kam über den Ärger der warmen Cola zurück. Ich wandte mich wieder der Theke zu. “War’s des?” fauchte mich das Ungeheuer an.
“Das Brödle und die Cola.”
“Des macht Zwee Fümpfeachtzich!”
Ich gab ihr drei Euro und sagte: “Stimmt so,” bevor das Spießbratenbrödle fertig war. Die Hexe war käuflich, sie wurde netter und fragte nach, ob ich den Braten gewürzt haben mochte. Ich wiederum blieb unfreundlich und gegenfragte sie nach Senf.
“Sempf?” Ihre Lippen sagten S-E-M-P-F. “Oder gewürzt? Also wasn jetzt?” Beides schien unmöglich, ich entschied mich für den S-E-M-P-F und sie schmierte ihn mit einer Geste auf den Spießbraten und in das Brödle, für die das Wort schmieren erfunden worden war.

Epilog

An dieser Stelle bin ich dankbar für das Zonenmonster, ein ganz schreckliches und hässliches, voll blutenden Warzen im Gesicht und Borsten auf den Zähnen und den Augen. Es lebt in der buchstabenfreien Zone zwischen den Zeilen, frisst Worte und scheißt Schreibblockaden. Nun hat es eben wieder zugeschlagen und der Geschichte ist zu…
zu…
zu…

Ende

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Des Säufers kleines Wörterbuch – H


Der Sommer kommt und mit ihm gerät das Blut in Wallung. Gerade jetzt ist deshalb die perfekte Zeit, das wallende Blut mit nützlichem Alkohol zu vermengen, was nicht nur entspannend wirkt, sondern auch die Chancen bei der Partnersuche eminent erhöht. Damit aber auch nichts schief geht, liebe Möchtegern- und Laien-Alkoholiker, hier nun ein weiterer Buchstabe aus Des Säufers kleines Wörterbuch. Ich glaube, es ist der Buchstabe H, kann es aber leider nicht genau erkennen. Prost!

Handeln:
Woran man sich am nächsten Morgen nicht erinnert. Gegenteil von >Denken.

Hanf:
Undestilliertes >Hasch.

Hartmann, Waldemar:
Der bayrische Weißbier-König. Waldemar Hartmann ist, wie der Vorname schon sagt, eng mit dem Brunftschrei der Baikalrobbe verwandt.

Hasch:
Mit >Alkohol unverträgliche Substanz. In fortschrittlichen Ländern ist Hasch verboten, da es dem kulturell weit höher stehendem >Konsum von >Alkohol nicht im Wege stehen soll.

Havana Club:
Kubanischer >Rum. Feind von >Bacardi, in manchen Ländern deshalb verboten.

Hefe:
Eines der vier Grundelemente, aus denen die Welt erschaffen wurde (Hefe, >Hopfen, >Malz und >Zuckerrohr).

Hefeweizen:
Siehe >Weißbier.

hochprozentig:
Effektives Verhältnis von Flüssigkeit und Wirkung. Ziel eines gesunden >Alkoholismus sollte es sein, mindestens 0,1 >Liter Hochprozentiges pro Tag zu sich zu nehmen. Der Profi trinkt das erste >Hütchen direkt nach dem Aufstehen und spart so an der >Zahnpasta.

Hopfen:
Siehe >Hefe. Achtung: nicht zu verwechseln mit der Trendsportart >Hüpfen.

hübsch:
Barbara Streisand nach zehn >Bier.

Hund:
Zweitbester Freund des Menschen, kommt direkt nach dem >Wirt. Der Hund bleibt ein treuer Kamerad, auch wenn der Mensch >besoffen ist.

Hüpfen:
Vor allem auf Festivitäten oder in gewissen öffentlichen Räumen mit lauter Musik gern ausgeübte Trendsportart. Meist wird in unterschiedlich großen Gruppen eher laienhaft gehüpft, beim professionellen Hüpfen ist es aber das Ziel, solange mit dem Kopf an die Discokugel zu stoßen, bis eines von beiden zu Bruch geht.

Hütchen:
Maßeinheit für >Schnaps. Das Hütchen ist sehr klein geraten, es empfiehlt sich deshalb, mehrere Hütchen hintereinander zu >trinken.


(Berühmter Fernsehauftritt von Waldemar Hartmann. Das Video ist in HD, wer Gegenteiliges behauptet ist wohl noch nüchtern.)
_______________________

go to A

go to B

go to C

go to D

go to E

go to F

go to G

go to H

go to I

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | 9 Kommentare

(Versuch einer) Filmkritik – Sunshine (2007)


Da kam Frau Dingens, die alte Floskel, des Weges und grüßte mich höflich. “Guten Tag, der Herr,” florierte sie und wedelte mit den Armen. Sie wedelt immer mit den Armen, wenn sie etwas zu sagen hat. Sie sagte also: „Denken Sie, gestern Abend hab ich mir mal wieder einen Film angesehen. Wow!“
„Aha.“
Sunshine!“
„Aha.“
„Von Danny Boyle!“
„Danny…“ Ich überlegte. Ich kam nicht ganz drauf, aber das Lied musste ungefähr so gehen „Ooh-Ooouu Dääääääännyyyyy Booooiiiiiii…“ wie ich es Frau Dingens nun vorsang. Sie versteinerte. Anscheinend hatte sie das Lied noch nie gehört.
„Was war denn das!?“
„Das ist von Air. Ich glaube es heißt Danny Boy.“ Worin ich mich täuschte.
„Wer?“ Ihre Versteinerung machte einen Satz. „Kenn’ ich nicht.“
„Na, überlegen Sie doch mal…“ und während sie überlegte „…ooouu Dääääääännyyyyy Booooiiiiiii, tamtamtamtamtamtam… ne, das ist jetzt Also sprach Kamasutra, oder so.“ Dann erzählte mir Frau Dingens, dass sie gestern Abend diesen Film gesehen hätte und dass ich mir den auch ansehen sollte und sie eilig weiter müsse. Hurtig! Sie sei ja nur eine Floskel. Und so ergab ich mich des Abends meinem Schicksal.

Sunshine beginnt mit der Sonne, was vom Titel her durchaus Sinn macht. Sphärische Musik steigt auf, glaube ich mich zu erinnern, und dann sitzt ein Typ in einem Raumschiff, der Ikarus II, und nimmt ein Sonnenbad. Die Ikarus ist gut gemacht, wenn auch für meinen erdolchten Geschmack zu sehr aus dem Computer generiert. Das mag ich nicht, das macht aber auch nichts. Vor allem ist die Raumschiff-Konstruktion was wert, denn die Ikarus ist kein normales Raumschiff. Warum, das ist hier wie auch im Film schnell erklärt: Unsere Sonne stirbt, die Welt vergeht. Der Plan ist es, eine gigantismé Sprengladung in die Sonne zu befördern, um sie wieder zum lodern zu bringen. Keiner weiß so genau, wie das funktioniert, das ist bei den halbdimensionalen Charakteren aber nicht wirklich verwunderlich (von Freddy Krueger 2.0 ganz zu schweigen, der später auch noch auftaucht.) Das Raumschiff hängt hinter einem pilzförmigen Hitzeschild, was soweit logisch ist. Auf die Dialoge möchte ich nicht eingehen, da sie, wie die gesamte Akustik, zwar toll gemacht aber furchtbar nervtötend und farblos und ideenlos und flach sind. Selten macht eine Doku zum 11. September oder meinetwegen Schlag den Raab soviel dumpfes Getöse wie das Weltall in Sunshine, wenn ein Stahlträger das Schiff umkreist. Aha, Getöse im Weltraum. Mit sphärischen Klängen unterlegt, die allesamt nicht wirklich gut sind. Oho. Zum Glück gibt’s noch die goldenen Raumanzüge…

„…jaja, Frau Dingens, das mit den goldenen Raumanzügen fand ich gut, das hatte was.“
„Oh, ja, die sahen klasse aus!”
„Mhm, ja, die hätten zum Wüstenplaneten gepasst. Und ziemlich vernünftig, denke ich. Gold gegen extrem starke Hitze. Es schmilzt ja nicht so schnell, ich weiß nicht ob es die Hitze durchlässt oder mildert.“
„Abmildert, der Herr, abmildert.“
„Man kann auch mildert sagen.“
„Nein.“
„Doch. … Kann man.“

Und am Ende leuchtet die olle Glühlampe auch wieder. Ganz übler Ausreißer nach unten, werter Danny Boyle.

Veröffentlicht unter Filmkritiken | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Über die Schwierigkeit eine Brücke zu bauen, wenn man die Nägel gegen Pfeffer eingetauscht hat


Es begab sich so, dass zwei Stämme an zwei Seiten einer tiefen Schlucht gesiedelt hatten. Der Stamm im Osten hatte lange Jahre mit dem fernen Osten Handel betrieben, der Stamm an der Westseite der Schlucht tat selbiges mit den Völkern aus dem fernen Westen. Beide Stämme waren so zu einer stattlichen Menge an Eisennägeln gekommen. Eines Tages jedoch war der Preis für Eisennägel in beiden Fernen in eine astronomische Höhe geschossen, weshalb von dort zu unseren Stämmen Handlungsreisende gesandt wurden, mit dem Auftrag, deren Eisennägel gegen Pfeffer einzutauschen. Die Völker im fernen Osten und fernen Westen waren windige Geschäftsleute und hatten vorsorglich in unseren Dörfern das Gerücht gestreut, Pfeffer wäre geradezu gigantisch wichtiger als solch profane Dinge wie zum Beispiel Eisennägel. Das Unterfangen klappte wie gewünscht, und so sahen sich die Dorfobersten potzblitz in der aus ihrer Sicht – eigentlich der Sicht der fernöst- und westlichen Agenten – idealen Position, all ihre Eisennägel gegen den für ihre kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung so wichtigen Pfeffer einzutauschen. So kam es dann auch. (Ob es sich dabei um weißen, roten, schwarzen, grünen oder bunten Pfeffer handelte, ist leider nicht überliefert; es tat wohl nichts zur Sache.)
Die Monate vergingen, Krieg überzog die Länder, und unsere beiden Dörfer fanden sich bald abgeschnitten von der Welt.
Eines Tages gingen dem Dorf im Osten die Ziegen aus, somit der Käse und die Milch. Im Dorf im Westen aber, da vermehrten sich die Ziegen wie die Fliegen. Eines weiteren Tages gingen dem Dorf im Westen die Zitronenbäume aus, sie erkrankten an der Fäulnis. Im Osten aber wuchsen die Zitronen zu Melonengröße heran. Und eines weiteren Tages, da wandte der Dorfoberste im Westen seinen Blick nach Osten und erblickte dort melonengroße Zitronen, und der Oberste im Osten wandte seinen Blick nach Westen und entdeckte Ziegen, wie er sie sein Leben nicht gesehen hatte. Und da die Schlucht zwar weit und tief, jedoch nicht so weit und nicht so tief war, dass man nicht hinüber rufen konnte, rief der Oberste des Ostens: „Oberster im Westen, was hast Du doch für viele schöne Ziegen!“
Und der Oberste im Westen rief zurück: „Ach, wenn ich sie doch nur gegen ein paar Deiner riesigen Zitronen tauschen könnte!“
Und der Oberste im Osten ging kurz in sich und rief, nachdem er aus sich zurückgekehrt war: „Oberster im Westen, lass uns eine Brücke bauen und Handel treiben!“
„Ja, das werden wir!“
Gesagt, getan. Getan? Nun ja, zumindest gaben die Obersten ihren Dörflern die Anweisung Holz zu schlagen und zur Schlucht zu bringen. Sie schlugen so viel Holz, dass sich bald auf beiden Seiten der Schlucht ein großer Haufen türmte. „Nun lass uns unser vieles Holz zu einer Brücke zusammenbauen!“
„Ja, das werden wir!“ wiederholte nun der Oberste im Osten, was zuvor der Oberste im Westen gerufen hatte. Doch so sehr sie sich bemühten, bekamen die Dörfler das Holz nicht aneinander und bei jedem Versuch stürzte ein wenig in die Schlucht, bis beide Berge Holz verschwunden waren, wie auch eine Handvoll Arbeiter. Eine Brücke aber war aus ihren Mühen nicht entstanden.
Beide Oberste zogen nun die weisen alten Frauen zu Rat. Diese warfen Buchenstäbe um sich und darin lasen sie: „Zuerst sollt ihr von neuem Holz schlagen, dann sollt ihr einen Bär finden und ihm folgen, bis ihr auf ein Bienennest stoßt. Den Bienen sollt ihr dann den Honig stehlen und zum Holze bringen. So könnt ihr das Holz mit dem Honig verleimen und eine Brücke bauen.“ Der Widerhall der Worte ihrer alten Frauen klang zwischen den Ohren der Dorfobersten vernünftig, und so wiesen sie ihr Volk zur Tat.
Bald schon türmten sich auf beiden Seiten der Schlucht von Neuem große Berge Holz, dazu jeweils ein Kübel voller frischem Honig. Die wenigen Opfer, die der Bär gefordert hatte, schienen mit der Wichtigkeit der Sache in Einklang zu stehen. Nichtsdestotrotz hatten auch die beiden Bären ihr Leben lassen müssen, denn Blutzoll bleibt Blutzoll und der Bär dem Menschen stets der Unterlegene. Es dauerte jedoch nicht lange, da waren Holz und Honig in der Schlucht verschwunden, denn leider reichte die Klebkraft des Honigs nicht aus, um die schweren Stämme aneinander zu halten, und auch ein paar Arbeiter landeten mitsamt ihrem Gerät in der tiefen, dunklen Schlucht.
Da trauten die Obersten den alten Frauen nicht mehr über deren verschlungenen Pfade und Wege, denn ihr Plan war viele Grade schief gegangen, schlugen ihnen zur Strafe die Köpfe ab und zogen anstatt ihrer nun den Himmel zu Rate. Der Himmel sagte ihnen: „Schlagt von neuem Holz und glaubt nur fest daran. Der Winter kommt und er wird mit dem Frost, den er Euch bringt, das Holz mit harter Hand zusammenhalten.“ Dies klang zwischen den Ohren der Dorfobersten noch viel vernünftiger, als der Rat der alten Frauen, und so sandten sie eine recht stattliche Zahl an Männern aus, von Neuem Holz zu schlagen.
Bald schon türmten sich auf beiden Seiten der Schlucht große Berge Holz, dass sie den Himmel schier verdunkelten. Und obwohl der Frost im Wald zweimal so viele Leben gekostet hatte, wie der Bär zuvor, schien ihnen der Preis hierfür gerecht. Es dauerte jedoch nicht lange, da war auch dieses Holz samt einer vierfachen Portion an Arbeitern in der Schlucht verschwunden. Der Frost hatte die Holzstücke porös gemacht, so dass sie leicht entzweibrachen und der Halt zwischen den Stücken, worin der Himmel nicht gelogen hatte, keinen Nutzen brachte.
Es ging noch lange so – ungezählte Stapel Holz – und auch wenn es den Obersten nicht möglich war, dem Himmel den Kopf abzuschlagen, so segneten neben den Bären und den Arbeitern auch Ochsen, Ameisen und bald die beiden Wälder selbst das Zeitliche. Am Ende aber, als nur noch der Oberste im Osten und der Oberste im Westen, die melonengroßen Zitronen und die ungezählten Ziegen übrig waren, da war die Schlucht so voll von Holz, dass es ein Leichtes wurde, einfach über sie hinweg zu wandern. Das taten beide dann und trafen sich in der Mitte.
„Es freut mich sehr,“ sagte der Dorfoberste aus dem Westen, „dass wir unser Ziel für unser Volk nun endlich erreicht haben,“ und überreichte seinem Gegenüber eine besonders schöne Ziege. Vom Volk jedoch war nichts mehr übrig.
„Ebenso, mein Freund,“ entgegnete der Oberste des Ostens, lächelnd, und vermachte seinem neuen Freund die zweitgrößte Zitrone. Auch von seinem Volk war nichts mehr übrig. Ebenso vom Wald und von den Ameisen und Bären und dem Honig und den Ochsen und der ururalten Schlucht. Nichts gab es mehr, außer dem Himmel, Ziegen und Zitronen, zwei Obersten und einer Unmenge an Pfeffer, den keiner mehr gebrauchen konnte. Doch so ist’s nun mal im Leben, die Obersten haben nur Ziegen, Pfeffer und Zitronen zwischen den Ohren, und dies und alles andere sollte uns weder verwundern noch bekümmern.
Jedoch aus Ziegen, Pfeffer und Zitronen – das lasst Euch eine Lehre sein, ihr dort unten in der Schlucht – lässt sich ein feiner Braten machen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | 3 Kommentare

(Versuch einer) Filmkritik – Persepolis (2007)


“Guten Tag, Frau Dingens, alte Floskel,” scherzte ich die Dame an, als sie mir im Supermarkt entgegen kam.
“Was soll denn das jetzt heißen, junger Mann? Wollen Sie mich beleidigen?”
“Entschuldigen Sie, Frau Dingens, mein Mundwerk ist mit mir durchgegangen.”
“Das kann man wohl sagen!” Der Rabe des Schweigens flog durch den Supermarkt und warf seinen unheilvollen Schatten über uns. Einen Moment standen wir da, beide mit geröteten Gesicht, sie der Wahrheit wegen, ich, weil ich sie ausgesprochen hatte – Frau Dingens ist und bleibt eine alte Floskel. Doch Frau Dingens ist nicht irgend eine Floskel. Abgesehen davon, dass sie alt ist, zeichnet sie sich durch eine gutmütige Charakterstärke aus, wie man sie nicht bei jeder sieht, und so nahm sie den Faden an ganz anderer Stelle wieder auf: “Wissen Sie, ich bin mit meinem kleinen Einkaufszettel schon über eine halbe Stunde unterwegs.”
“Unterwegs?”
“Ja. Zwischen den Regalen.”
“Hä… wie?”
“Hier im Supermarkt.”
“Aha.”
“Ich bin einfach nicht bei der Sache.” Sie ließ einen verlegenen Blick über die Würste neben uns im Kühlregal schweifen. “Wissen Sie, wo ich Mortadella finde?”
“Mortadella?” Ich überlegte kurz, was das eigentlich ist. Die aufgedunsene Schwester von Cinderella? “Nein, tut mir leid.”
“Ach…” Ihr Blick war an einer Packung Gesichtswurstscheiben hängen geblieben. “Macht nichts.”
Tatsächlich wirkte Frau Dingens etwas abwesend. “Was ist los mit Ihnen?” erkundigte ich mich und hatte mich somit endgültig aus dem anfänglichen Fettnäpfchen befreit. “Geht es Ihnen nicht gut?”
“Ach, doch. Doch, doch,” antwortete sie hastig und löste mühsam ihren Blick von den Gesichtswurstscheiben. “Es ist nur so, ich habe gestern einen Film gesehen, der lässt mich nicht mehr los.”
“Aha.”
“Hat mich ganz schön mitgenommen.”
“Was war es denn?”
Persepolis. Kennen Sie den?”
“Na, ich hab ihn leider nicht gesehen. Aber ein paar Bilder, und worum es geht weiß ich auch.”
“Ach so.”
“Ja ja,” fügte ich hinzu als gäbe es kein Morgen, keine Mortadella und auch sonst nichts. “Ich hab mal eine Art Live-Hörspiel zu dem Thema inszeniert. Von Herrschern und Datteln, das finden Sie auf meiner Homepage.”
“Geschrieben haben Sie es auch, wie ich Sie kenne,” sagte sie und lächelte ein wenig. Hier spar ich mir das Fragezeichen, denn die Frage von Frau Dingens war – sozusagen – mega-rhetorisch.
“Klar. Fraglos. Aber jetzt muss ich weiter,” murmelte ich in einen imaginären Karl-Marx- oder Gott-Bart, den ich nicht besitze, und machte mich eilig auf den Weg in Richtung Kasse.
“Schauen Sie sich den Film an!” hörte ich Frau Dingens noch rufen. Dann ein Scheppern, scheinbar war sie gegen ein Regal gelaufen.

Persepolis ist eine Schande! Keine Schande für Marjane Satrapi, die hier ihre Geschichte erzählt, auch keine Schande für die Zeichner oder die Musik oder sonst wen aus der Produktion – oder gar den fertigen Film. Es ist eine Schande, dass ein solcher Film die Wahrheit erzählt. Eine Schande für die Welt an sich.

“Junger Mann!” rief Frau Dingens mit viel Sorge in der Stimme, als wir uns zufällig beim Bäcker trafen.
“Ähm… ja?”
“Sie sehen aber gar nicht gut aus!”
“Ähm… nein?”
“Nein!” Sie war sich ihrer Sache sicher. “Wirklich nicht.”
“Öühm…” gab ich, ihre These unterstützend, laut.
“Was haben Sie gemacht?”
“Ääähh… gemacht?”
“Na ja, irgendwas müssen Sie ja gemacht haben. In so einem Zustand habe ich Sie zuletzt vor Weihnachten gesehen.”
Ich grübelte. Grübelte und Grübelte. Das kleine Männchen mit dem Spaten wirbelte durch mein Erinnerungsvermögen. Dann stieß sein Spaten auf eine Truhe. Es öffnete sie. Und neben einem Schwan aus Brot fand es eine Antwort: “Ich hab Persepolis geguckt.”

Veröffentlicht unter Filmkritiken | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar